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Willkommen in Nordkorea

Von MARTIN BENNINGHOFF
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2. Mai 2017 · Der Atomstreit zwischen Nordkorea und Amerika ist mal wieder auf einem Höhepunkt angelangt. Trotzdem reisen Touristen weiterhin in das abgeschottete Reich. Sind das Lebensmüde? Oder sind Reisen möglich - wenn man sich an ein paar Regeln hält?


Nach Nordkorea reisen? Wie bitte? In ein Land, das derzeit fast täglich für Schlagzeilen sorgt, weil ein vermeintlich verrückt gewordener Diktator, Kim Jong-un, Raketen testen lässt und unverhohlen droht, Amerika zu zermalmen, und ein unberechenbarer amerikanischer Präsident locker vor einem „großen, großen Konflikt“ warnt und deshalb gleich eine Marineflotte mit Flugzeugträger gen koreanischer Halbinsel schickt? Wieder einmal, wie schon vor mehr als 60 Jahren? Wer will da schon hin, in ein Land, das zum Schauplatz eines großes Krieges werden könnte?

Militärmanöver der nordkoreanischen Armee: Wer möchte in so einem Umfeld Urlaub machen? Foto: DPA


Die Antwort dürfte Mallorca-Stammgäste und Touristen, die es eher in Richtung typischer Reiseziele wie Spanien, Griechenland oder Österreich zieht, überraschen: Auch wenn das Land sicherlich alles andere als ein Massenreiseziel für Pauschalurlauber ist, so reisen im Jahr immerhin rund 4500 westliche Touristen ins Land, darunter einige Hundert Deutsche, dazu kommen Tausende Chinesen, die für einen schnellen Kasino-Trip oder zum Skifahren in eines der neu eröffneten Ski-Resorts ins von vielen Chinesen belächelte Nachbarland fahren.

Einige kleinere Reiseagenturen haben sich auf den ungewöhnlichen Trip spezialisiert – wie zum Beispiel der Marktführer „Koryo Tours“ mit Sitz in Peking. Ebenfalls in der chinesischen Hauptstadt Peking sitzt die Agentur „Young Pioneer Tours“, die gezielt ein junges Publikum anspricht; eines, das Abenteuer sucht und verrückt nach außergewöhnlichen Einblicken in ein Land ist, das viele für komplett abgeschlossen halten. Dabei sind Reisen nach Nordkorea möglich.

Junge Ski-Fahrerin am Ski-Resort am Masik-Pass nahe der nordkoreanischen Großstadt Wonsan Foto: AFP


Möglich, allerdings nicht frei von Risiken. Einer dieser Touristen von „Young Pioneer Tours“ sitzt seit 2016 in einem nordkoreanischen Arbeitslager. Otto Warmbier, ein 22-jähriger Student an der University of Virginia in Amerika, war mit einer pauschal gebuchten Gruppe nach Pjöngjang gereist. Als er das Land wieder verlassen wollte, wurde er am Flughafen festgesetzt. Der Rest der Geschichte ist ein Drama, das durch die Weltpresse ging: In einem Schauprozess vor laufenden Kameras, bei dem er ein tränenreiches „Geständnis“ abgab, wurde er zu langjährigem Arbeitslager verurteilt. Wie es ihm derzeit geht, und wo er sich befindet, ist nicht bekannt. Ein Umstand, der natürlich vor allem seine Eltern stark belastet: „Wir wissen nicht einmal, ob Otto überhaupt noch lebt“, sagte sein Vater Fred Warmbier in dieser Woche der „Washington Post“. „Wir werden ihn da rausholen. Wir vermissen ihn so sehr.“

Der amerikanische Student Otto Warmbier hat ein Propagandabanner gestohlen - und verbüßt dafür eine drakonische Strafe. Foto: Reuters

Was war passiert? Verwackelte Kameraaufnahmen aus dem großen Touristenhotel „Yanggakdo“, das inmitten in Pjöngjang auf einer Insel im Fluss Taedong thront und wo die Touristengruppen isoliert und überwacht werden können, zeigen wohl, wie Warmbier im Keller des Hotels ein Propagandabanner mit einer Huldigung des verstorbenen Diktators Kim Jong-il stiehlt. Angeblich als Trophäe für die Mutter eines Freundes im Auftrag einer amerikanischen Kirche. Es ist gut möglich, dass dieser angebliche Auftrag einer christlichen Kirche nur der Propagandakniff ist, um einen an sich lapidaren Dummer-Junge-Streich zum staatsfeindlichen Akt aufzublasen. Was aber bleibt: Warmbier hat gegen die Regeln verstoßen, und vermutlich weil er Amerikaner ist, wollte die nordkoreanische Führung ein öffentlichkeitswirksames Exempel statuieren.

Gareth Johnson, dem britischen Gründer der chinesischen Reiseagentur „Young Pioneer Tours“, treibt die illegale Aktion seines Kunden noch immer die Wut ins Gesicht. Er will nicht zitiert werden. Ähnlich wie bis vor wenigen Tagen die Familie des jungen Amerikaners, hüllt er sich in Schweigen, auch um die Verhandlungen hinter den Kulissen um die Freilassung Warmbiers nicht zu gefährden. Er macht aber zwischen den Zeilen deutlich: Hätte sich der junge Amerikaner nach den Regeln gerichtet, die die Reiseführer jedem zahlenden Gast ausführlich erläutern, wäre dieses Fiasko für Warmbier und auch sein Unternehmen möglicherweise nicht passiert.

Die nordkoreanische Gesellschaft ist konservativ, Kleidung und Geschlechterrollen eher traditionell, wie hier bei einer Tanzveranstaltung. Foto: AP
Ungewohnt für europäische Reisende: Militär und Uniformen sind an fast jeder Ecke zu sehen. Foto: AP
Kritik am Personenkult sollte man sich verkneifen: Die Familie um den amtierenden Machthaber Kim Jong-un kennt alles, weiß alles, kann alles. Foto: AFP
Pathos ist Normalität: Die Jubel-Vorstellungen an nationalen Feiertagen wirken oftmals befremdlich. Foto: AFP


Sicher kann aber auch der erfahrene Reiseorganisator Johnson da nicht sein: Nordkorea-Reisende sind nicht immer das, was sie vorgeben zu sein: Touristen. Weil Journalisten nur selten und schwierig Visa bekommen, tarnen sich manche als Urlauber. Eine Amerikanerin aus New York filmte vor einigen Jahren im Bus und an sämtlichen Orten ihrer pauschal gebuchten Tour mit ihrer Kamera – obwohl das mancherorts streng verboten war.

Der koreastämmige Amerikaner Kim Dong-chul während seines Prozesses im April 2016 in Pjöngjang Foto: AP

Durch ihre naiv anmutenden Fragen erweckte sie den Eindruck, eine relativ unvorbereitete Pauschalurlauberin zu sein. Offenbar eine geplante Scharade. Später stellte sich heraus: Sie ist eine Dokumentarfilmerin, und ihr Film „Playing Frisbee in North Korea“ soll in diesem Jahr erscheinen. Das hätte durchaus schief gehen können – weil sie Amerikanerin ist. Besonders gefährdet sind auch koreastämmige Amerikaner, wie das Beispiel des 62-jährigen Kim Dong-chul zeigt, der im Oktober 2015 festgenommen und wegen angeblicher Spionage zu zehn Jahren Arbeitslager verurteilt wurde. Kürzlich traf es den amerikanisch-koreanischen Wissenschaftler Kim Sang-Duk, der, wie Warmbier, kurz vor der Ausreise am Flughafen Pjöngjang festgesetzt wurde.

Andere Nationalitäten sind wohl etwas weniger gefährdet als Amerikaner, aber auch dafür gibt es keine Gewähr. Immerhin: Den britischen BBC-Reportern, die im vergangenen Jahr in Nordkorea festgenommen wurden, blieb das Arbeitslager erspart, sie wurden – wie die meisten Fälle dieser Art – ausgewiesen. Dennoch: Das Auswärtige Amt in Berlin rät „von nicht erforderlichen Reisen nach Nordkorea dringend ab“.

Tanz in Pjöngjang: „An Feiertagen tanzen die Nordkoreaner in klassischer Kleidung auf öffentlichen Plätzen – in der Provinz oder, wie hier, in der Hauptstadt Pjöngjang. Foto: AFP


Wer sich trotz der Reisewarnung nach Nordkorea wagt, sollte sich unbedingt an die Regeln halten: Fotografieren nur dann, wenn es der Reiseführer erlaubt, Witze und Gehässigkeiten über die Kim-Dynastie – Staatsgründer Kim Il-sung, sein Sohn Kim Jong-il und dessen Sohn Kim Jong-un, der amtierende Herrscher – sind absolute Tabus. Touristen kommen zwangsläufig in die Zwickmühle, an einem der vielen Kim-Denkmäler ihren Respekt zu zeigen, indem sie – in einer Reihe stehend – auf Kommando mit dem Kopf nicken oder Blumen niederlegen.

Kim Jong-un beobachtet einen Raketenstart. Foto: AP

Das wird von vielen Reisenden als Zumutung empfunden, was die staatlichen Aufpasser durchaus wissen. Es gibt deswegen eine informelle Regelung, die die nordkoreanischen Reiseleiter offenbar bei ihrer Ausbildung mit an die Hand bekommen: Wer es nicht schafft, ein Mindestmaß an Respekt zu zeigen – Nicken mit dem Kopf reicht –, könne im Bus bleiben, so die Ansage. Auf die Art beugen Reisebegleiter unschönen Szenen vor, die vor allem für sie selbst unangenehm werden könnten.
Jede dieser Reisen ist nur als Pauschal-Tour buchbar und kostet mindestens 1000 Euro für vier, fünf Tage – dazu kommen noch Kosten für den Flug nach China, Direktverbindungen von Europa nach Pjöngjang gibt es derzeit nicht. Die Hotels und Ausflüge werden vorher festgelegt. Wenn man eine Einzeltour bucht, die freilich teurer ist, kann man Wünsche äußern. Der unverfängliche Wunsch eines deutschen Nordkorea-Reisenden, das Grab des Mao-Sohnes Mao Anying besuchen zu wollen, wird auch mal erfüllt.

Seit einigen Jahren sind Reisen selbst in den entlegenen Nordosten möglich, allerdings gilt auch hier: Die Armut und die katastrophale Infrastruktur der ländlichen Straßen zum Beispiel bekommt man nur auf der Durchreise zu sehen, bei Zigarettenpausen auf der Straße ist deshalb das Fotografieren meist verboten. Wer nicht nur an der sehenswerten Natur interessiert ist, sondern Einblicke in das harte Alltagsleben der Nordkoreaner erhaschen möchte, muss die kleinen Lücken nutzen, die sich entlang der Wege bieten: Pinkelpausen an Bahnhöfen, Busfahrten übers Land, unfreiwillige Stopps wegen eines Motorschadens.

Vorstellung im „Schülerpalast Mangyongdae“ in Pjöngjang. Solche Veranstaltungen sind häufig Teil des Touristenprogrammes. Foto: AP


Aber ist es aus ethischen Motiven vertretbar, in ein Land zu reisen, das Teile seiner Bevölkerung drangsaliert und die Devisen der Touristen dazu nutzt, das System aufrechtzuerhalten? „Das individuelle Motiv für die Reise ist entscheidend“, sagt Eric Ballbach vom Institut für Koreawissenschaften an der Freien Universität Berlin. „Nur für den Stempel im Reisepass oder eine lustige Geschichte sollte man nicht nach Nordkorea reisen.“ Zumal die Visa ohnehin häufig entfernbar als Inlay in den Reisepass gelegt werden: Die Nordkoreaner wissen sehr genau, dass ihre Stempel bei der Einreise nach Amerika nicht gerade hilfreich sind.

Eine „lustige Geschichte“ dürfte es für die beiden Briten gewesen sein, sich in der Schneiderei des Pjöngjanger Yanggakdo-Hotel Uniformen in der Art der Parteikluft schneidern zu lassen, um damit unter großem Gejohle durch die dunklen Gänge des Hotels zu marschieren – für Videos und Fotos für daheim. Für den Studenten Otto Warmbier ist ein solcher Scherz übel ausgegangen, andere haben ihren Spaß und fahren wieder, als sei nichts gewesen. Für alle gilt: Nordkorea ist ein sichereres Reiseland als so mancher andere Krisenherd, wenn man sich an die Regeln hält – und ein ernsthaftes Interesse an den Menschen mit bringt. Witze und Kim-Parodien sollte man sich dringend für zuhause aufheben.

Ein Soldat steht stramm – zu Ehren des Staatsgründers Kim Il-sung, des Großvaters Kim Jong-uns. Foto: AP

Nordkorea: Schrecklich! Faszinierend!


Kim Jong-uns Diktatur wirkt noch bizarrer, wenn man im Land unterwegs ist. Fünf Motive der Faszination für Nordkorea – und ein Erklärungsversuch.

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Quelle: F.A.Z., Martin Benninghoff, Bernd Helfert