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Schauspieler Charlie Sheen

Applaus für jeden Absturz

Von Christiane Heil
 - 08:00

Als Charlie Sheen vor einigen Tagen auf den Parkplatz der Warner Brothers Studios im kalifornischen Burbank einbog, wurde er schon ungeduldig erwartet: nicht von dem aufgebrachten Callgirl Christina Walsh, das der Schauspieler im Kokainrausch in ein Hotelbadezimmer gejagt hatte, nicht von seiner Noch-Ehefrau Brooke Mueller, die am Vortag mit den Scheidungspapieren überrascht wurde, und auch nicht von den nervösen Produzenten der Erfolgsshow „Two and a Half Men“, die nach den jüngsten Eskapaden ihres Hauptdarstellers um die Einschaltquoten fürchteten.

Sheen, die Augen hinter einer dunklen Sonnenbrille verborgen und entspannt lächelnd, wurde vielmehr von einer Horde Fans und Paparazzi begrüßt, die dem Fünfundvierzigjährigen nach seinem jüngsten Drogenabsturz im noblen New Yorker Plaza-Hotel einen Heldenempfang bereiteten, der an das antike Rom oder zumindest an eine Fußball-Weltmeisterschaft erinnerte. „Charlie, du hast es drauf“, jubelten die versammelten Fotografen und Anhänger des Golden-Globe-Preisträgers, bevor Sheens Kollegen ihn im Studio vor Beginn der Dreharbeiten mit aufmunternden Kopfhoch-Gesten und innigen Umarmungen willkommen hießen. „Ich finde es schockierend, dass sein Verhalten akzeptiert wird“, sagte ein Mitarbeiter des Filmteams kleinlaut, ohne aber weiter auf den Lebensstil von „Hollywoods leistungsfähigstem Süchtigen“ eingehen zu wollen.

Splitternackt im luxuriösen Quartier

Die Psychologin Pamela Varady dagegen macht aus ihrem Unbehagen keinen Hehl. „Es ist erschreckend, wie Charlie Sheen sich selbst schadet und andere missbraucht, um dann einfach wieder am Set aufzutauchen, als würde er nach einem verdorbenen Sandwich unter Verdauungsproblemen leiden“, schimpft Varady, die in ihrer Praxis in Santa Monica bei Los Angeles täglich mit Celebrities zu tun hat. „Solange Charlie sein Verhalten nur als oberflächliches Ärgernis begreift und nicht als widerwärtige Entgleisung, besteht keine Hoffnung auf Besserung. Eine Lappalie – oder die von Herrn Sheen zitierte Allergie – hat noch nie jemanden dazu bewogen, eine Entziehungskur zu absolvieren oder sich in psychotherapeutische Behandlung zu begeben.“

Die Mär von der allergischen Reaktion auf ein Medikament, die Sheens Sprecher Stan Rosenfield nach dem Wutausbruch seines berühmten Klienten im Plaza umgehend verbreitete, scheint sich auch mit dem Szenario im Hotel nicht ganz zu decken. Als die Beamten des New York Police Department dort in der vergangenen Woche nach einem Notruf in der Suite 1832 vorstellig wurden, bot sich ihnen ein fast surreales Bild. Der Schauspieler war gerade dabei, splitternackt das barocke Mobiliar des luxuriösen Quartiers zu zertrümmern, während sich seine Begleitung, die 22 Jahre alte Porno-Darstellerin Walsh, bekannt unter ihrem Künstlernamen Capri Anderson, weinend im Bad verschanzt hielt. Wie der laut Polizeibericht „emotional verwirrte“ Sheen den Beamten sagte, habe Walsh ihm nach einer alkohol- und kokainunterfütterten Nacht eine teure Uhr gestohlen und ihn dadurch in Rage gebracht.

Die Wende beim Weihnachtsfrühstück

Der Chronometer, auch wenn er einen Wert von fast 150.000 Dollar haben soll, scheint dieser Tage jedoch Sheens geringste Sorge. „Er zeigt alle Anzeichen einer ausgeprägten narzisstischen Persönlichkeitsstörung, die durch eine Tendenz, andere Menschen systematisch zu verletzen, noch verschlimmert wird“, meint die in Beverly Hills und Santa Monica praktizierende Psychiaterin Linda Moghtader. „Gerade in der Kombination mit Drogen kann das schnell zu Szenerien wie bei O. J. Simpson führen.“ Während der gefallene amerikanische Football-Star, der nach der Ermordung seiner Frau Nicole Brown Simpson und ihres Freundes Ronald Goldman im Jahr 1995 in einem spektakulären Strafprozess einen Freispruch erzielte und zwei Jahre später in einem Zivilverfahren wegen „widerrechtlicher Tötung“ zur Zahlung von 33, 5 Millionen Dollar verurteilt wurde, heute wegen eines bewaffneten Raubüberfalls in einem Gefängnis in Nevada sitzt, sind Sheens Übergriffe bislang nahezu ohne juristische Folgen geblieben.

Einen Pistolenschuss in den Oberarm seiner damaligen Verlobten Kelly Preston deklarierten die auf Publicity bedachten Beteiligten 1990 unisono als „Unfall“, und eventuelle Enthüllungen über Handgreiflichkeiten in der Ehe mit dem früheren „Bond Girl“ Denise Richards wurden 2006 in bewährter Hollywood-Manier durch eine großzügige Scheidungsvereinbarung aufgefangen.

Während eines Weihnachtsfrühstücks im vergangenen Dezember schien sich das Blatt für den Schauspieler schließlich zu wenden. Nach emotionalen Beteuerungen in einer Reihe von amerikanischen Talkshows, mit seiner dritten Ehefrau Brooke Mueller endlich eine „Seelenverwandte“ gefunden zu haben und einem beschaulichen Familienleben zu frönen, erreichte die Polizei im Nobel-Skiort Aspen ein wenig weihnachtlicher Alarmruf. „Charlie hat ein Messer und droht, mich umzubringen“, rief die leicht angetrunkene Zweiunddreißigjährige in den Hörer.

30 Tage in Sheens bevorzugter Edelentzugsklinik

Nach der Festnahme des ebenfalls nicht ganz nüchternen Sheen setzten in Hollywood prompt die Spekulationen um die Zukunft des höchstbezahlten Seriendarstellers der Vereinigten Staaten und die Fortsetzung von „Two and a Half Men“ ein. Da eine Anklage wegen häuslicher Gewalt nicht zu der gelegentlich als „Postmoderne für Idioten“ gescholtenen Familiensendung passen mochte, befürchteten die Produzenten schon das Ende der Dreharbeiten. Seit den körperlichen Übergriffen von Sheens Jugendfreund Sean Penn auf Madonna, den Fausthieben von Chris Brown gegen Rihanna und Vorwürfe an Mel Gibson, seine Ex-Freundin Oksana Grigorieva verprügelt zu haben, gilt häusliche Gewalt auch in Hollywood mit seinen eher toleranten Normen als Tabu, das eine Karriere beenden kann.

„Narzissten wie Sheen haben aber nicht nur ein aufgeblähtes Ego, sondern sind in der Regel auch sehr charmant“, erklärt Psychiaterin Moghtader die weiche Landung des Schauspielers nach seinem gewalttätigen Intermezzo in Aspen. „Mit ihrem Charme wickeln sie die Menschen in ihrer Nähe um den Finger, fast wie Hochstapler.“ Das Gericht des Skiortes verurteilte den Sohn des Charakterdarstellers Martin Sheen nach der Messerattacke auf Mueller zu vergleichsweise milden 30 Tagen in seiner bevorzugten Edelentzugsklinik „Promises“ im malerischen Malibu, in der er sich im vergangenen Sommer von diversen Süchten befreien lassen sollte.

„Aber er ist auch ein schlauer Kerl“

Fans und Kollegen des bekennenden „Bad Boy“ gaben sich derweil noch nachsichtiger. „Two and a Half Men“-Produzent Chuck Lorre soll Sheens Gage von etwa 800.000 auf fast zwei Millionen Dollar je Folge angehoben haben, zumal jede Woche weiterhin mehr als 15 Millionen Amerikaner vor dem Fernseher sitzen, um Charlie Sheen als Charlie Harper bei seinen kurzlebigen Eroberungen zu bewundern. „Genau hier liegt Sheens Problem, da seine Exzesse für ihn als Schauspieler nie negative Konsequenzen gehabt haben“, befürchtet Psychologin Varady.

Das hochdotierte Spiel ohne Grenzen, das die Filmmetropole seit Jahrzehnten perfektioniert, scheint dem ichbezogenen Naturell des Schauspielers schon wegen der Anreizstruktur entgegenzukommen. Neben Geld und Ruhm verspricht Hollywood weibliche Bewunderung, für die Sheen in der Vergangenheit auch immer wieder bezahlt hat. Als in Los Angeles Mitte der neunziger Jahre der exklusive Callgirl-Ring der ehemaligen Prostituierten Heidi Fleiss aufflog, wunderte es niemanden, dass Sheens Name gleich ein paar Dutzend Mal in dem Terminkalender der „Hollywood Madam“ auftauchte. „Der Typ ist eine Ratte“, tönte Fleiss jetzt nach dem Plaza-Ausraster ihres früheren Kunden. „Aber er ist auch ein schlauer Kerl, der weiß, wie man sich über Wasser hält.“

Die Töchter schliefen im Nachbarzimmer

Moghtader und Varady dagegen sehen Sheens Zukunft nicht ganz so rosig wie Fleiss, die nach fast zwei Jahren Gefängnis im kalifornischen Dublin heute im Internet eine Pornoseite und in Nevada einen Waschsalon betreibt. „Hollywoods Anreizsystem, das erfolgreichen Stars praktisch alles durchgehen lässt, wird weiter verhindern, dass Sheen Hilfe bekommt“, prophezeit die Psychologin Varady. In den Augen ihrer Kollegin Moghtader hat der Fünfundvierzigjährige seinen Zenit zudem längst überschritten. „In Hollywood gehen die Uhren schneller“, weiß die Psychiaterin. „Sheen hat den Höhepunkt seiner Karriere durch das selbstzerstörerische Verhalten noch flotter erreicht als die meisten anderen.“

Das Leben des Schauspielers erinnert unterdessen an die Rolle des abgehalfterten Drogensüchtigen, den Sheen schon vor 24 Jahren in dem amerikanischen Jugendklassiker „Ferris macht blau“ spielte. Sheens Rat „Das Problem bist du“, den er seiner Schauspielerkollegin Jennifer Grey damals mit auf den Weg gab, scheint für ihn spätestens seit dem unrühmlichen Auftritt im New Yorker Hotel, bei dem seine Töchter Sam und Lola im Nachbarzimmer schliefen, wieder aktuell geworden zu sein.

Quelle: F.A.Z.
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