Schönheitsideale

Das ist das Los der Schönen auf der Erde

Von Alfons Kaiser
 - 16:32

Schön ist nicht gleich schön. Für die meisten von uns ist das beruhigend. Für die Schönsten ist es deprimierend. Die Stars beklagen sich immer öfter über ihr Aussehen: Keira Knightley, Nicole Kidman, Gwyneth Paltrow - alle haben etwas an sich auszusetzen. Wie? Die auch? Haben wir da bisher nicht genau hingeschaut? Oder haben die Damen selbst einen Knick in der Optik?

Wir können es ja nicht beurteilen, aber wahrscheinlich ist es so: Je schöner man ist, desto mehr Hässliches findet man an sich. Je öfter man abgelichtet wird, desto öfter sieht man auf den Fotos auch die menschlichen Makel. Je größer der Druck wird, fit, jung, schön und sexy zu sein, desto mehr möchte man zumindest so scheinen. Die geringste Abweichung stürzt einen dann in die Depression.

Schreckliche Beine, seltsamer Mund

Und die klingt grauenerregend. Jamie Lee Curtis meint: „Ich altere nicht schön.“ Kollegin Keira Knightley glaubt, „schreckliche Beine“ und einen „seltsamen Mund“ zu haben. Uma Thurman war als Kind „ein richtig hässliches Entlein“: „Meine Nase war zu groß, mein Gesicht zu rund.“ Jennifer Aniston sieht sich zurückversetzt: „Ich fühle mich oft wie ein hässlicher Teenager.“ Zu dünn, so finden gerade Frauen, geht gar nicht - was bei Nicole Kidman oder Nicole Ritchie schon zur Sorge Anlass gibt. Selbst Eisschnellläuferin Anni Friesinger, die sich in ihrem Körper wohlzufühlen scheint, bekennt: „So lange, schlanke Beine, die zu einem Minirock gut passen, hätte ich manchmal gern.“ Männer sind auch nicht ausgenommen: Hugh Grant fürchtet den Blick in den Spiegel. Nur Shirley MacLaine hat im Alter eine gute Methode im Kampf mit dem eigenen Spiegelbild gefunden: „Ich bin kurzsichtig. Das erleichtert mir vieles.“

Die meisten sehen jedoch gut - haben aber nicht den Durchblick. Sonst wüssten sie, dass der Schönheitsdruck allein durch die Technik gewachsen ist. Die Damen und Herren vom roten Teppich kämpfen nämlich nicht nur mit sich selbst. Seitdem jedes Magazin an Bildern herumdoktert, seitdem geglättet, koloriert und manipuliert wird, dass sich die Falten biegen, sieht man auf den Titelseiten nur noch zurechtgezupfte Gesichter. Das Schönheitsideal ist fiktiv, der Perfektionsdruck dadurch ins Unermessliche gesteigert. Und da ist es für die Stars natürlich besonders bitter, jeden Morgen der Wahrheit ins Auge blicken zu müssen.

Jammer ist supersympathisch

Andererseits ist Jammern die beste PR. Viele Fans finden es supersympathisch, dass sich Keira so schrecklich fühlt wie Kerstin, Uma so hässlich wie Ulla. Und manchmal ist es womöglich nur Taktik. Wenn Heidi Klum über eine winzige Zahnlücke lamentiert, will sie vielleicht nur davon ablenken, dass sie wegen weiblicher Formen nie richtig auf dem Laufsteg angekommen ist. Für diesen sieht Heidi übrigens viel zu gut aus: Man denke nur an die große Nase von Erin O'Connor oder das traurige Babyface von Devon Aoki!

Aus Schwächen sollte man eben Stärken machen. Das könnten all die Stars vom deutschen Model Julia Stegner lernen. In der Pubertät nannte man sie „Stegosaurus“, weil sie größer war als die Jungs, und „Bohnenstange“, weil sie dünner war als die Mädchen. Noch jetzt entdeckt sie Merkwürdigkeiten. Ihr Mund zum Beispiel ist ein bisschen schief: „Ich sehe diesen kleinen Makel auf jedem Foto, merke es sogar, wenn ich rede.“ Aber gerade das macht die Zweiundzwanzigjährige interessant. Der Laufsteg verlangt nämlich, dass man nicht so glatt aussieht: „Und da ich als klassische Schönheit gelte, hilft mir der schiefe Mund.“ So ist sie nicht perfekt. Und das ist erst richtig schön.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 11.03.2007, Nr. 10 / Seite 16
Alfons Kaiser- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Alfons Kaiser
Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.
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