FAZ plus ArtikelSeit 30 Jahren gegen Rechts

„Die deutsche Oma, die gegen Nazis anputzt“

Von Lea Hampel
 - 07:18
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Die weißen Haare sind schulterlang, um die schmalen Lippen reihen sich Falten, die blauen Augen sind klein vor Müdigkeit. Ihre schwarzen Schuhe mit den orthopädisch dicken Sohlen schleift die alte Frau über den Asphalt. Neben ihr rasen Autos über die mehrspurige Straße durch Zehlendorf. Auf dem Baumwollbeutel über ihrer Schulter steht: „Wer von Asylflut redet, hat Ebbe im Gehirn.“ Sie zieht ein Federmäppchen hervor, der Reißverschluss ist locker, das Leder abgewetzt. Heraus holt sie einen Zerankochfeldschaber, damit kratzt sie auf dem Namensschild einer Arztpraxis herum. „Ich bin Wiederholungstäterin“, sagt sie und drückt den Schaber fester auf einen Aufkleber auf dem Schild. Das Wort „Dexit“ ist noch halb zu erkennen; wer diesen Aufkleber hier angebracht hat, möchte, dass Deutschland die EU verlässt.

Irmela Mensah-Schramm ist wieder einmal auf Tour. Die Rentnerin ist eine der bekanntesten deutschen Aktivistinnen gegen rechts, erst Ende Mai wurde sie am Rande einer Großdemo gegen die AfD in Berlin schlagzeilenträchtig in Handschellen abgeführt. Berühmt ist sie aber vor allem für ihre Putzarbeit. Seit mehr als 30 Jahren fährt die 72-Jährige durch Deutschland und entfernt Parolen: Graffiti, Aufkleber, Edding-Gekritzel; in Zehlendorf, Rothenburg, Bautzen. Ihre Ausrüstung, Aceton, Taschentücher und eine Spraydose, hatte sie auch dabei, als sie im Februar 2016, fünf Monate nach Merkels berühmtem „Wir schaffen das“, ein Graffito entdeckte: „Merkel muss weg“ stand in einer Unterführung am Autobahnkreuz Dreilinden. Anfang März meldete Mensah-Schramm das der Polizei. Einige Wochen später war der Text noch da. Mensah-Schramm holte eine ihrer Spraydosen heraus. Und machte aus „Merkel muss weg“ ein „Merke! Hass weg“. Anschließend, sagt sie, geht es ihr immer gut. „Ich könnte manchmal in die Luft hopsen.“ Und fragt, ohne eine Antwort abzuwarten: „Wer macht das, wenn ich es nicht mache?“

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Quelle: F.A.S.
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