Lehrer verzweifelt gesucht

Was macht der Tierarzt im Klassenzimmer?

Von Julia Schaaf
 - 15:12

Frau Pflüger, Sie bilden in Berlin Quereinsteiger aus. Welche Berufe sind Ihnen bisher untergekommen?

Neben Musikern, Sportlern und Germanisten sitzen bei mir im Allgemeinen Seminar auch die Tiermedizinerin, die Landwirtin, die Bibliothekarin. Aber natürlich stehen auch hinter diesen Berufen Berliner Schulfächer, die studiert wurden, etwa Biologie.

Und der Musiker und die Tierärztin treten dann gleich an ihrem ersten Arbeitstag vor 30 Viertklässler?

Fast. Sie besuchen parallel zum Unterricht mindestens vier Monate lang einmal die Woche ein Fachseminar, wo sie in dem von ihnen studierten Schulfach didaktische Fertigkeiten vermittelt bekommen. Ein Teil muss berufsbegleitend nachstudieren, etwa Deutsch und Mathematik. Erst danach kommen sie in das sogenannte Referendariat. Bis sie fertig sind, braucht es in Berlin viereinhalb Jahre für Grundschullehrkräfte.

Dieser Sprung ins kalte Wasser geht gut?

Unterschiedlich. Aber deshalb gibt es Mentoren an den Schulen, die Quereinsteigern zur Seite gestellt werden. Ich habe gerade einen Kurs von Anwärtern, die seit August dabei sind und jetzt von den ersten Erfolgserlebnissen berichten: Was sie machen, funktioniert; Tipps, die sie bekommen, setzen sie um. Vielleicht klappt nicht alles am ersten Tag. Aber langsam greift es. Das ist eine steile Progression.

Erste Erfolge nach einem halben Jahr? Und die Kinder?

Es findet ja die ganze Zeit Unterricht statt. Und einen Prozess, in dem man sich zunächst orientieren muss, machen alle durch. Wichtig ist, dass wir Unterstützung anbieten. Dafür hat es Angebote in den Herbstferien gegeben, in denen besondere Herausforderungen didaktisch und pädagogisch besprochen werden konnten.

Was berichten Ihnen die Quereinsteiger aus den Schulen?

Die meisten sind begeistert von der Arbeit mit den Kindern.

Lehrermangel
Back to School again
© dpa, Deutsche Welle

Was verursacht Überforderung?

Gerade in Klassen, in denen bei vielen Kindern die soziale Kompetenz nicht so ausgeprägt ist, muss man sich eine Reihe von Handlungsmustern erarbeiten: Was mache ich, wenn ein Kind ständig aufsteht, diese berühmten Papierkügelchen wirft oder auch mehr passiert? Solche Disziplinfragen sind typisch. Dann geht es darum, den Quereinsteigern Hilfen an die Hand zu geben, wie man durch Belohnungssysteme oder optische Rückmeldungen an die Kinder – kleine Klebezettel auf dem Tisch zum Beispiel, woran die Kinder denken sollen – ein vernünftiges Sozialverhalten hinbekommt. Aber es beginnt schon bei der Wahrnehmung, was in der Klasse passiert, es gilt, schnell zu reagieren. Wichtig ist auch, gar nicht erst eine Situation entstehen zu lassen, in der Kinder sich langweilen.

Klingt anspruchsvoll.

Die größte Schwierigkeit ist tatsächlich, dass der Lehrerberuf hochkomplex ist. Sie müssen Ihr Fach unterrichten, da ist die Gruppendynamik, Sie sollen erzieherisch tätig sein und auf Inklusionskinder eingehen. Gleichzeitig haben Sie es mit Schulentwicklung zu tun, mit Klassenmanagement, Sie müssen Aufsicht führen, Sie werden in der Pause angesprochen von einer Kollegin, die übermorgen einen Ausflug machen möchte. Worauf reagieren Sie sofort, was kann warten? Diese Fülle an Anforderungen, der Handlungsdruck – es braucht ein bisschen Zeit, bis man das bewältigt.

Und das lernt man im Studium?

Wenn man sich theoretisch und in Praktika mit diesen Themen auseinandergesetzt hat, ist das eine Grundlage, die eine gewisse Sicherheit gibt. Natürlich wäre es schöner, wenn alle Lehrkräfte ein klassisches Studium hätten und den herkömmlichen Weg gehen könnten. Aber die Situation ist jetzt bundesweit anders.

Nach neuen Berechnungen der Bertelsmann-Stiftung fehlen bis 2025 35 000 Grundschullehrer.

Das ist eine beeindruckende Zahl. Man könnte jetzt lamentieren, was alles falsch gelaufen ist. Aber ich sehe die Lage, wie sie ist. Wir müssen nachqualifizieren.

In Berlin und Sachsen sind schon jetzt zwei von fünf neuen Lehrern Quereinsteiger. Kritiker warnen vor einer Entprofessionalisierung des Berufs und schlechterem Unterricht.

Ich bin auch Mutter, ich möchte auch, dass mein Kind kompetent unterrichtet wird. Aber ich bin manchmal auch bei gestandenen Kollegen nicht mit der Leistung zufrieden. Und in Relation zur gesamten Lehrerschaft liegt der Anteil der Quereinsteiger in Berlin bei 4,2 Prozent. Ich finde wichtig, dass wir den fachlichen Anspruch hochhalten, der ist notwendig. Aber ich sehe auch die Quereinsteiger, die sich mit ganzem Herzen in diese neue Aufgabe schmeißen und wirklich alles geben. Ich glaube an das lebenslange Lernen und dass Menschen sich entwickeln können. Es ist unsere Aufgabe, ihnen all das an die Hand zu geben, was sie brauchen, um ihren neuen Beruf gut auszuüben.

Was ist denn das Wichtigste, das Sie Ihren Quereinsteigern vermitteln?

Dass es ein phantastischer Beruf ist. Man muss sich immer neu einstellen, und wenn man das gut findet, wird man in diesem Beruf glücklich.

Muss ein guter Lehrer vor allem fundierte Fachkenntnisse haben? Oder liegt es an der Persönlichkeit, ob eine Tierärztin eine gute Lehrerin wird?

Das wird immer wieder diskutiert, und ich denke nicht, dass es auf diese Frage eine eindeutige Antwort gibt. Man muss mit Kindern arbeiten wollen, sonst hilft alles nichts. Aber guter Unterricht passiert nicht aus dem Bauch heraus, sondern auf einer wissenschaftlichen Grundlage. Auf der Basis des Fachwissens ist es dann notwendig, die Themen zu reduzieren und so aufzubereiten, dass man dem Alter entsprechend schaut, mit welchen sinnvollen Aufgaben Kinder eine Kompetenz erwerben können – das ist das erste Handwerkszeug, das Quereinsteiger brauchen.

Was haben Quereinsteiger Lehramtsabsolventen voraus?

Viele bringen dieses Auftreten von Menschen mit Lebenserfahrung mit. Das beeindruckt die Kinder und verschafft ein Standing in der Klasse.

Kürzlich hat ein Berliner Fachseminarleiter über „Totalausfälle“ geklagt. Trotzdem falle am Ende kein Quereinsteiger durch die Prüfung.

Das kann ich nicht bestätigen. Es gibt natürlich einige, die kündigen, weil sie für sich feststellen, dass das nicht ihr Beruf ist. Und es gibt Menschen, die das von uns gesagt bekommen, indem sie ihre Prüfungen nicht bestehen.

Warum werfen viele das Handtuch?

Viele sind es gar nicht. Aber wenn man einen neuen Beruf ausprobiert, ist es doch legitim zu sagen: Das ist nicht das, was ich mir vorgestellt hatte, ich kann nicht leisten, was von mir erwartet wird. Und es gibt so viele andere, die machen so gute Arbeit, die werden an ihren Schulen so sehr geschätzt! Gerade erst habe ich eine Reihe von Quereinsteigern im Examen geprüft, die machen richtig guten Unterricht – inzwischen.

Selbst wenn, wie die Bertelsmannstiftung vorschlägt, Pensionäre länger arbeiten und Teilzeitlehrer aufstocken, wird es mittelfristig nicht ohne Quereinsteiger gehen. Wie lässt sich die Unterrichtsqualität sichern?

Eine Möglichkeit, die hier in Berlin gerade entwickelt wird, sind spezielle Kurzstudiengänge für Quereinsteiger an den Grundschulen. Das ist sehr sinnvoll. Alles, was die Anwärter im Vorfeld qualifiziert, ist zu begrüßen.

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Zur Person

Silke Pflüger bildet in Berlin Quereinsteiger aus.

Quelle: F.A.S.
Julia Schaaf
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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