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Schauspieler Martin Brambach

Wer is’ denn det?

Von Anke Schipp
 - 20:29
Große Städte reizen ihn schon lange nicht mehr: Martin Brambach beim Gespräch in einem Lokal in Recklinghausen. Bild: Edgar Schoepal, F.A.S.

Wen triffst du?“
„Martin Brambach.“
„Wen?“
„Na, den Schauspieler.“
„Kenne ich nicht.“
„Doch, den kennst du, garantiert.“
„Nee, noch nie gehört.“

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Fotoprobe auf dem Smartphone: Martin Brambach in Anzug und Krawatte, im Trenchcoat, in Wehrmachtsuniform, Brambach mit wenig Haaren, mit langen Haaren, mit Lockenperücke. Brambach spöttisch lächelnd, wütend, weinend. Brambach nackt. Brambach, der Spießer, der Soldat, der Kommissar, der FKKler, der Richter, der Vater.

„Ach der, ja klar kenne ich den!“

Recklinghausen, ein verregneter Vormittag. Martin Brambach erscheint mit leicht zerknittertem Baumwollhemd im Café in der Innenstadt. Der Schauspieler wohnt mit seiner Patchworkfamilie in der Arbeiterstadt mitten im Pott. Schon das unterscheidet ihn von vielen Kollegen, die in Berlin leben, in Berliner Szenekneipen rumhängen, auf Berliner Partys gehen, mit ihren Kindern in Berliner Parks spielen, ihren Kaffee in Berliner Szenecafés trinken und Interviews in Berliner Hotelsuiten geben. Brambach reichen 111 000 Einwohner, ein schmuckes Rathaus, eine Altstadt und kleine Geschäfte, um glücklich zu sein. „Ick merke, dass es mich nicht mehr in Großstädte zieht“, sagt er fröhlich. Er weiß, wovon er spricht, denn er lebte schon in Berlin, als viele der Berliner Schauspieler von heute noch nicht mal geboren waren.

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Der heimliche Star des deutschen Fernsehens

Brambach, der Mann aus der zweiten Reihe. Zu seiner Filmographie der vergangenen 15 Jahre gehören sechs „Tatorte“, drei „Polizeirufe“, vier „Alarm für Cobra 11“, dazu zahlreiche Auftritte in Vorabendserien wie „SK Kölsch“, „Soko Wismar“ oder „Notruf Hafenkante“. Brambach weiß, wie es ist, in einer Woche an drei verschiedenen Drehorten zu sein, im Hotel abends noch schnell die Rolle durchzugehen, den Anschluss zu üben, um am nächsten Tag ans andere Ende von Deutschland zu reisen und sich in die nächste Figur reinzudenken. Er kennt die Maloche am Set, und dass er jetzt, mit 49 Jahren, so etwas wie ein heimlicher Star des deutschen Fernsehens ist, hat er vor allem dem Umstand zu verdanken, dass er jeder noch so kleinen Rolle ein unverwechselbares, geniales, komisches, mitunter teuflisches Gesicht gibt.

Das Interview absolviert er mit ähnlicher Intensität. Kein Warm-up, erste Frage, ausführliche Antwort, er ist sofort drin, redet laut, gestikuliert, parodiert, sinniert. Ab und an, wenn er selbst oder sein Gegenüber einen Witz macht, zieht sich sein Gesicht zusammen, die Augen werden schmal, die Brauen wölben sich nach oben, und es bricht ein tiefes, schallendes Lachen aus ihm heraus, so dass die Leute an den Nachbartischen sich umdrehen. Ein Lachen, das ansteckt.

Vom Sachsen zum Berliner

Brambach kommt aus einer künstlerischen Familie, seine Mutter war Bühnenbildnerin in der DDR, sein Vater Regisseur. Die Familie lebte zunächst in Dresden. Er spricht von einer „tollen Kindheit“. Aufgewachsen ist er in einem Stadtteil, der eher ländlich ist, worauf er seine Abneigung gegen große Städte zurückführt. Auch als die Familie, Martin ist sechs Jahre alt, nach Berlin zieht, nach Prenzlauer Berg, hält die Idylle. Er spricht Sächsisch, und weil ihn die Kinder hänseln, bimst er sich Berlinerisch in kürzester Zeit ein, das mit vielen „oochs“ und „jut“ seine Sprache bis heute prägt und ein Baustein für manch komödiantischen Fernsehauftritt ist.

„Der Prenzlauer Berg war ja ein Arbeiterviertel. Damals redete jeder Dialekt, richtig starken Dialekt, das war nicht nur ein bisschen Lokalkolorit“, erklärt er. Als Sechsjähriger wollte er Sowjetsoldat werden. „Natürlich wurden die Kinder ideologisch beeinflusst. Meine Mutter erzählt mir heute noch davon, wie sie mich mal aus dem Kindergarten abholte und die Erzieherin sagte: ,Der Martin war heute brav, der durfte mit den Panzern spielen.‘“

Mit zwölf wurde das ersten Familiengeheimnis gelüftet

Zur ersten Erschütterung in seiner kleinen heilen Kiez-Welt, in der beide Eltern am Theater arbeiteten und man abends mit den Nachbarn beim Bier zusammensaß, kam es, als er mit zwölf Jahren entdeckte, dass sein Vater nicht sein leiblicher Vater ist; die Eltern hatten es ihm verheimlicht. Der Mann, bei dem er aufwuchs, hatte einen leiblichen Sohn aus erster Ehe, den Brambach erst später kennenlernen sollte – Jan Josef Liefers, heute Schauspieler wie er. Liefers lebte mit seiner Mutter in Dresden und besuchte seinen Vater in Berlin, ohne von der neuen Familie zu wissen. „Wenn ich in Berlin mit meiner Mutter zum Zeltplatz rauskam, wurde Jan wieder in den Zug nach Dresden gesetzt“, erzählt Brambach.

Aus der Bahn warf ihn das gelüftete Familiengeheimnis nicht. Er hat Verständnis für die Entscheidung seiner Eltern und betont, dass sein erziehender Vater ihn bis heute geprägt habe. Auch die nächste Zäsur in seinem Leben überstand er wacker, als seine Mutter, die als Bühnenbildnerin an der Volksbühne gelegentlich zu Gastspielen in den Westen reiste, ankündigte, beim nächsten Westbesuch nicht mehr zurückkommen zu wollen. Nicht aus politischen Gründen – sie hatte einen anderen Mann kennengelernt. Brambach folgte ihr ein Jahr später, da war er 17 Jahre alt. Und sein zweites Leben begann.

Mit der S-Bahn in den Westen

Zigarettenpause. Selbst einen leidenschaftlichen Menschen wie Brambach scheint die Tour de Force durch sein Leben zu schlauchen. Er steht vor dem Café, es regnet dünne Fäden, zwischen zwei Zügen erzählt er, wie Berlin sich in den letzten Jahren verändert habe. Früher hätten die Busfahrer bissige Witze gemacht, heute seien sie nur noch aggressiv. Sein Gesicht bekommt kurzzeitig die Züge eines Terriers, während er einen Fahrer imitiert, der seine Fahrgäste anschnauzt.

Brambach verließ sein Berlin 1984. Er stieg am Tränenpalast in die S-Bahn und am Bahnhof Zoo wieder aus. Das, was er vom Westen kannte, war vor allem das Werbefernsehen. „Ich dachte ganz lange, das sei so im Westen: Da gibt es ständig Fanta, alle kauen coole Kaugummis und rauchen Zigaretten.“ Ein wirklicher Schock waren die riesigen Leuchtreklamen und die fünfzig Mercedes-Taxis vor dem Eingang vom Bahnhof Zoo. „Da bin ich fast umgekippt.“

In Hamburg fand er keinen Anschluss

Schnell kamen aber auch die Ängste. Am zweiten Tag ging Brambach mit Freunden im Europacenter amerikanisches Eis essen. „Dort habe ich mich nicht auf die Toilette getraut, weil ich dachte, da steht jemand mit einer Heroin-Spritze und will mich fertigmachen. Einerseits haben wir die DDR-Propaganda nicht ernst genommen, aber trotzdem hatte man dadurch immer das Gefühl, es müsste im Westen etwas Babylonisches geben. Danach habe ich jahrelang gesucht.“ Gefunden hat er es nie. Auch nicht bei seinem Zwischenstopp in Hamburg, wo er mit seiner Mutter hinzog und noch einmal aufs Gymnasium ging, aber die Integration nicht recht funktionierte.

„Da ich in der DDR auf einer Eliteschule war, bin ich im Stoff fast drei Jahre weiter gewesen und habe mich gelangweilt“, erzählt er 33 Jahre später. „Zudem hatte ich ,unbefriedigende Sozialkontakte‘.“ Es war die Zeit der Popper. Die Mitschüler redeten nicht über Politik, sondern über Mode und Autos, „da konnte ich wiederum nicht mitreden“. Er war irritiert. Auf seiner Schultasche hatte er einen großen DDR-Aufkleber, aber keiner wollte wissen, wie es da so war, in der DDR. „Nur ein einziges Mal stellte einer mal eine Frage: ,Ey, sach mal, hattet ihr eigentlich Rolltreppen?‘“ Brambachs Augenbrauen gehen hoch, sein Gesicht verzieht sich – schallendes Gelächter.

Der Durchbruch auf der Bühne kam mit 18

Damals schmiss er die Schule. Schon zu DDR-Zeiten hatte er Jugendtheater gespielt und ein erfolgreiches Vorsprechen an der Schauspielschule Ernst Busch hinter sich. Ein befreundeter Regisseur der Mutter rief ihn an: „Ich habe in 14 Tagen Premiere und einen Schauspieler rausgeschmissen, haste Lust einzuspringen? Morgen 10 Uhr Probe.“ Brambachs Antwort: „Na klar, ick komme.“

Mit 18 Jahren startete er auf der Bühne voll durch. „Ich glaube, ich hätte getötet, wenn es der Regisseur gewollt hätte. Ich war immer drei Stunden vor der Vorstellung da und spielte das Stück zweimal durch, mit meinen Texten und denen von den anderen. Ich war immer gut vorbereitet, aus Angst, es könnte was schiefgehen.“ Ein Engagement folgte auf das andere. Mit 21 Jahren hatte er gleich drei Angebote – vom Hamburger Thalia Theater, der Berliner Schaubühne und der Wiener Burg. Er ging nach Wien, danach an die Schaubühne.

Mit vielen kleinen Rollen gegen die Schulden

Vermutlich wäre er noch immer auf deutschen Bühnen unterwegs, hätte er nicht über seine Verhältnisse gelebt. In Wien gab man den Burgschauspielern großzügig Kredite. Er verlor den Überblick, kaufte, lebte, verdrängte. Mit 33 Jahren kam das Erwachen: Er hatte eine Frau, ein kleines Kind, ein leidlich lukratives Engagement an der Berliner Schaubühne, jede Menge Schulden – und konnte nicht mehr schlafen.

Er brauchte Geld und begann zu drehen. „Ich habe alles gemacht, Fernsehen, Kino. Da mal durchs Bild gehen, und schon haste das in der Vita.“ Wie bei dem Erfolgsfilm „Good Bye, Lenin!“, wo er einen Stasi-Offizier spielt, der ganz am Anfang in die Wohnung kommt. „Kaum ist der Vorspann weg, bin ich schon aus dem Film raus.“ Aber die Breitenwirkung nutzte ihm, die Maschinerie lief an. Er drehte 18 bis 20 Filme im Jahr, oft nur kleine Rollen, viele parallel. Wie schafft man das? „Man muss sich jut vorbereiten, janz einfach.“

Auch in Nebenrollen auffallen

Brambach erkannte schnell, wie der Markt funktioniert. „Man muss für irgendwas stehen, damit die Leute wissen, wer man ist. Wichtig ist, dass man aus kleinen Sachen etwas macht, so dass es auffällt. Da reicht manchmal ein kleiner Dialog, und die Leute denken am Ende des Films: ,Wer war denn det?‘“ Dazu gehörte, dass er sich akribisch vorbereitete, die Sätze hundertmal übte, um dann festzustellen, dass sie so immer noch nicht stimmten, den Regisseuren bot er am Set stets verschiedene Varianten an. Und ärgerte sich oft doch. „Es gibt Regisseure, die eine Idee haben, andere verwalten eher die Zeit.“ Manchmal sah er noch zwei Jahre später einen Film und dachte: „Warum haben die ausgerechnet den Take genommen? Da gab es doch einen viel besseren.“

Dennoch ist er vor allem dankbar, dass es die vergangenen 15 Jahre gut lief – und es stets aufwärts ging. 2011 erhielt er den Grimme-Preis für „seine stetige schauspielerische Leistung in unterstützenden Rollen“. Seit 2016 ist er einer der drei Kommissare im Dresdner „Tatort“. Gleichzeitig ist er auf kein Genre festgelegt. „Auf der Straße sprechen mich Leute an: Sie spielen ja immer die Bösewichte. Andere sagen: Der spielt ja immer nur lustige Rollen.“

Brambach möchte möglichst perfekt arbeiten

Im Ersten sind in den kommenden Wochen gleich zwei Filme mit ihm zu sehen. In „Das Leben danach“ (27. September, 20.15 Uhr) spielt er den Vater eines Mädchens, das nach dem Love-Parade-Unglück den Boden unter den Füßen verliert. Brambach hat nicht viele Szenen, aber er spielt wie so oft überaus authentisch einen lässigen Vater, der in Unterhose zum Frühstück kommt und irgendwann doch ausflippt, weil er mit der Sache nicht klarkommt. In „Willkommen bei den Honeckers“ (3. Oktober, 20.15 Uhr) spielt er den ehemaligen Staatsratsvorsitzenden der DDR. Die Rolle bekam er erst kurz vor Drehbeginn angeboten. „Ich hatte deshalb wenig Zeit für die Vorbereitung, den ganz eigenen Duktus von Honecker, diese Mischung aus Saarländisch und Sächsisch hinzubekommen, das ist schwierig.“ Er hadert damit.

Den Perfektionismus hat er vom Theater mitgebracht, wo man sich acht Wochen auf eine Rolle vorbereiten kann, das Timing auch. Brambach kann schnoddrig wie getragen reden, er beherrscht den Klamauk wie das Drama. Und hat mit 49 Jahren ein Leben gelebt, aus dem er für die Rollen schöpfen kann. Brambach, der Mann aus Berlin, der jetzt in Recklinghausen wohnt, könnte sich zurücklehnen. Aber er bleibt vorsichtig. Auch jetzt, als „Tatort“-Kommissar und mit Grimme-Preis in der Tasche, sei es nicht so, dass er 30 Bücher auf dem Tisch habe, „das denkt man immer so“. Sein ältester Sohn studiert seit kurzem Jura in Bochum. Man merkt Brambach an, dass er erleichtert darüber ist.

Quelle: F.A.S.
Anke Schipp
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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