Dem Populismus Kontra geben

Was soll ich denn jetzt dazu sagen?

Von Julia Schaaf
 - 12:03

Beispiel Bushaltestelle. Auf der rechten Seite wartet eine Frau mit Kopftuch, die sichtbar schwanger ist. Links unterhalten sich zwei Herren in beachtlicher Lautstärke. „Guck dir mal die an“, sagt der eine. „Die hat bestimmt fünf Kinder zu Hause.“ Der andere sagt: „Die kommen alle her, um die Sozialsysteme auszuplündern.“ Was tun?

Die Septembersonne steht schon tief, im ersten Stock eines Hotels an der Spree sind die Deckenstrahler eingeschaltet. Es gibt keine Bushaltestelle. Stattdessen Teppichboden und einen Stuhlkreis in hellem Konferenzgrau, an der Wand steht ein Tisch mit Getränken. Wiebke Eltze verteilt drei Zettel auf dem Fußboden, die sie mit roten Druckbuchstaben beschriftet hat. „Ich will diskutieren“, steht auf dem einen. „Ich will mich positionieren“, auf einem zweiten. Zettel Nummer drei lautet: „Ich ignoriere das.“

Es ist ein Donnerstagnachmittag in Berlin. Die Fachtagung der bildungspolitischen Inititiave „Gesicht zeigen!“ und der Nemetschek-Stiftung ist schon seit langem geplant; ihr Titel „It’s democracy, stupid!“ – „Es ist Demokratie, Dummkopf!“ – ist eine Anspielung auf Bill Clintons erfolgreichen Wahlkampf-Slogan von 1992. Aber nur vier Tage nachdem klar ist, dass die AfD als drittstärkste Fraktion mit mehr als neunzig Abgeordneten in den Bundestag einziehen wird, dreht sich zwei Tage lang alles um die frisch manifestierte Stärke der Rechtspopulisten in Deutschland. Eben noch hat bei einer Podiumsdiskussion eine Grünen-Politikerin dafür plädiert, dass man nicht auf jede Provokation der Bundestagsneulinge einsteigen dürfe, sondern eigene Visionen in den Vordergrund stellen müsse: Sich an der AfD-Agenda abzuarbeiten sei eine Falle. Nach der Kaffeepause nun haben sich die Konferenzteilnehmer auf verschiedene Workshops verteilt.

Schlagfertig sein zum richtigen Zeitpunkt

In dem Stuhlkreis mit Wiebke Eltze sitzen elf Frauen und drei Männer. Pädagogen und Coaches, Profis aus der Jugend- und Flüchtlingsarbeit, Lehrer, ein Bufdi; Teilnehmer aus dem Schwarzwald, aus Köln, aus Ostdeutschland, die jüngsten sind Anfang zwanzig, die ältesten über sechzig. Thema des Workshops: „Argumentieren gegen rassistische, (extrem) rechte und rechtspopulistische Positionen“.

Eine Deutschtürkin erzählt, wie sie von einem sächselnden Zahnarzt auf ihren objektiv nicht vorhandenen Akzent hingewiesen worden sei. „Oft ärgert man sich im Nachhinein, dass man nicht schlagfertig genug war“, sagt die junge Frau. Eine andere berichtet aus dem Kollegium einer Schule von abfälligen Bemerkungen über Schüler aus Zuwandererfamilien. Eine taffe Blonde fühlt sich ohnmächtig, wenn der angeheiratete Polizist in der erweiterten Familie über Flüchtlinge herzieht. Eine erfahrene Sozialarbeiterin ist ratlos, wenn jugendliche Geflüchtete, weil sie das so gehört haben, übereinander sagen: „Ich darf nicht mit dir spielen, weil du stinkst.“

Sprachlosigkeit, Unsicherheit, fehlende Argumente und das doofe Gefühl, nicht den Mund aufgemacht zu haben, aber auch die Enttäuschung und Hilflosigkeit angesichts von Kollegen und Verwandten mit Einstellungen, die einem zutiefst zuwider sind – der Aufstieg der AfD und die wachsende Verbreitung ihrer Positionen kann aus jeder Familienfeier eine Herausforderung machen, aus dem Gang zum Bäcker, dem Plausch mit der Nachbarin oder einem Gespräch in der Kantine. Deshalb hat Wiebke Eltze, Politikwissenschaftlerin und freiberufliche Trainerin bei dem Netzwerk „Gegenargument“, im vergangenen Jahr grüne Bundestagsabgeordnete im Auftrag der Heinrich-Böll-Stiftung auf den Straßenwahlkampf vorbereitet. Gerade ist bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung eine Broschüre erschienen, an der sie maßgeblich mitgearbeitet hat: „Haltung zeigen! Gesprächsstrategien gegen rechts“.

Jetzt verordnet sie den Seminarteilnehmern zum Einstieg die Übung „Kugellager“. Jeweils zwei Personen stehen einander gegenüber. Die eine muss sich aus einer Vorlage eine rechtspopulistische These aussuchen, die sie mit maximaler Verve vorzutragen und zu verteidigen hat. Die andere hält dagegen. 60 Sekunden Zeit. „Die muslimischen Männer sind alle sexuell frustriert und von Natur aus aggressiv.“ – „Ich habe ja nichts gegen Flüchtlinge, aber wenn sie unsere Werte bedrohen, ist die Grenze der Toleranz erreicht!“ Es wird laut im Raum, alle reden durcheinander. Einer Frau gehen die Argumente aus, sie verzieht verzweifelt das Gesicht: „Was soll ich denn jetzt dazu sagen?“, fragt sie. Eine andere muss nach der Übung sarkastisch lachen: „Ich sollte zur AfD wechseln als Propagandaministerin“, sagt sie. Das Staunen über die Vorzüge der rechtspopulistischen Rolle ist groß. „Austeilen geht total leicht“, sagt die taffe Blonde. Selbst wenn man nach der Quelle für seine Behauptungen gefragt werde – als Antwort reiche immer der Satz, das lese man doch überall. „Zack-Bumm“, sagt die Frau. „Das ist viel einfacher als sachliches Argumentieren.“

Gegen Stammtischparolen üben

Die Gründe dafür hat Wiebke Eltze an ihr Flipchart geschrieben. Sie ruft in Erinnerung, dass rechtspopulistische Parolen typischerweise hochkomplexe soziale Missstände aufgriffen, rassistisch auflüden und vermeintlich einfache Lösungen anböten. Und weil solche Thesen zumeist mit einem Absolutheitsanspruch transportiert würden, der sich partout nicht erschüttern lassen wolle, versetzten sie das Gegenüber mitunter in eine Art Schockstarre. „Das macht es so schwierig“, sagt Eltze. Die knappe Zeitvorgabe – 60 Sekunden scheinen vielen Teilnehmern zu kurz – komme erschwerend hinzu, sei aber realistisch: Zwischen Tür und Angel oder eben an der Bushaltestelle bleibe einem oft nicht mehr Zeit.

Außerdem gibt es der Trainerin zufolge bewährte Argumentationsmuster der Populisten, die ihren Gegenpart systematisch in die Defensive bringen. Beispiel 1: Themenhopping. Wenn jemand innerhalb von einer Minute nacheinander die Themen Kriminalität, Gleichberechtigung der Frau, die schwierige Lage an den Schulen und noch den Umweltschutz anschneide, habe man verloren, wenn man auf allen Feldern nach Erwiderungen suche. „Wenn ich das erkenne, kann ich das zu der Person sagen“, sagt Eltze: „Du sprichst über zehn Themen gleichzeitig. Das geht nicht.“ Wer diese Gesprächstechnik transparent mache und stattdessen ein Streitthema festlege, gewinne die Kontrolle über die Diskussion zurück.

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Beispiel 2: Der Opferdiskurs mit der Einleitung, „das wird man ja wohl noch sagen dürfen“, als gäbe es systematische Sprach- und Denkverbote, die den Redner als Tabubrecher legitimieren. Beispiel 3: Die Political-Correctness-Keule, „und dann ist man gleich Rassist“. Beispiel 4: Die vermeintlich differenzierte Position „Ich habe nichts gegen Flüchtlinge, aber ...“ Beispiel 5: Rhetorische Untergangsszenarien, das Naturkatastrophengerede von Flut und Wellen, wo es doch eigentlich um Menschen geht.

Womit das Berliner Seminar an der imaginären Bushaltestelle angekommen wäre. „Wann sollte man überhaupt anfangen zu argumentieren?“, fragt eine hübsche Schwarze mit gelber Bluse. „Warum sage ich nicht: So was will ich gar nicht hören – und fertig?“

„Das genau ist die Frage“, sagt Wiebke Eltze. „Da gibt es kein Patentrezept.“ So banal es klinge – jeder Mensch und jede Situation sei anders. In Bruchteilen von Sekunden müsse man ein paar strategische Entscheidungen treffen: Wer ist mein Gegenüber? In welcher Verfassung bin ich gerade? Wie sind die Rahmenbedingungen? Und was ist mein Ziel?

In der Mitte des Stuhlkreises haben sich zwei kleine Menschentrauben gebildet. Die eine Hälfte hat sich um den Zettel geschart, der besagt, dass man sich gegenüber den beiden an der Bushaltestelle wartenden Herren und ihrer pauschalen Vorverurteilung der Kopftuch tragenden Schwangeren positionieren will. „Das möchte ich nicht stehenlassen“, sagt eine Frau. Auch an der Supermarktkasse rutsche ihr in ähnlichen Momenten oft wenigstens ein „So geht’s aber nicht!“ heraus. Eine andere Teilnehmerin pflichtet ihr bei: „Meine Äußerung, und sei sie noch so klein, macht einen Unterschied.“

Wie Solidarität mit den Opfern zeigen?

Das Grüppchen, das die beiden Männer ignorieren will, denkt derweil über Wege nach, um sich mit der Schwangeren zu solidarisieren. Jemand schlägt vor, sie anzuquatschen mit den Worten: „Gott, ist das peinlich. Es sind nicht alle so.“ Jemand anders will sich lieber in ihre Nähe stellen und ihr verbindlich zulächeln. Eine Dritte hat Angst, sich selbst in Gefahr zu bringen, wenn sie Stellung bezieht. Ein Mann steht abseits, allein neben dem allerersten Zettel: Er ist der Einzige, der sich vorstellen kann, in eine richtige Argumentation einzusteigen, selbst auf die Gefahr hin, dass der Bus in wenigen Minuten kommt.

Wiebke Eltze stellt klar: Es gibt in solchen Momenten kein Richtig oder Falsch. Zu bedenken ist ihrer Erfahrung nach außerdem: Wenn an der Bushaltestelle ein paar Jugendliche herumstehen, deren Weltbild vermutlich noch ungefestigt ist, kann es sinnvoll sein, ein Vorbild abzugeben. Für eine Positionierung spricht immer, wenn man ein Zeichen gegen Diskriminierung setzen will, die eigene Ohnmacht bekämpfen oder einer schleichenden Entwicklung entgegentreten, durch die Unsägliches sagbar wird. Stellt man aber fest, dass man ein Gegenüber mit geschlossenem Weltbild vor sich hat, warnt auch Eltze: „Mit jemandem, der Verschwörungstheorien vertritt, brauche ich gar nicht anfangen zu diskutieren.“

Für alle anderen Fälle hat sie praktische Tipps parat. Strategien, um sich Luft zu verschaffen und eine Auseinandersetzung nicht eskalieren zu lassen. Satzanfänge, die helfen können, das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken, dem Gegenüber den Wind aus den Segeln zu nehmen oder den Ton zu versachlichen. Nach und nach pinnt die Trainerin rot umrandete Papierwölkchen an ihr Flipchart. „Nachfragen“, steht auf einem: „Wie meinst du das?“ und „Habe ich richtig verstanden, dass du ...?“ Andere Wölkchen empfehlen die obligatorischen Ich-Botschaften, humorvolle Konter oder die Einforderung von Empathie: „Wie würde es dir gehen, wenn ...?“ Sinnvoll kann sein, Pauschalisierungen zurückzuweisen („Hier geht es um eine Person/ein Ereignis – gilt das dann für alle?“), dann wieder kann es helfen, konkrete Beispiel einzufordern („Wo hast du das gesehen?“).

Das Wölkchen „Sach- und Beziehungsebene“ scheint übervoll. Ganz offensichtlich ist dieser Ansatz für eine Handvoll Stichworte zu komplex. Eltze erläutert: Wenn jemand Existenzängste äußere, sei es aussichtslos, ihn mit Fakten und Zahlen zum Thema Flucht zu bekehren. Dann könne es vielversprechender sein, nach seinen Empfindungen und Sorgen zu fragen, um anschießend zu differenzieren nach dem Motto: Kriminalität ist ein wichtiges Thema. Es hat aber nicht per se mit der Herkunft von Menschen zu tun. Überhaupt, sagt Eltze, sei Faktenwissen in Zeiten von Fake News und der verwirrenden Quellenlage im Internet kein Allheilmittel. Ebenso stoße man schnell an Grenzen, wenn man sich auf eine einzige Strategie spezialisiere. „Das ist alles ein Angebot, wie so ein Handwerkskoffer“, sagt die Trainerin. Wobei sie grundsätzlich empfehle, zwischen einer Person und ihrer Äußerung zu trennen. Die Replik „Du bist mein Lieblingsonkel. Aber was du gerade gesagt hast, das lehne ich ab“ sei für die Kommunikation förderlicher als die moralisierende Abgrenzung: „Du bist ein Rassist“.

Für die abschließende Übungsdiskussion werden die Workshopteilnehmer gleich drei Minuten Zeit bekommen. Dafür sollen sie sich vorstellen, im Sportverein oder am Esstisch der Familie mit rechtspopulistischen Thesen konfrontiert zu werden. Es wird darum gehen, den anderen ernst zu nehmen, ohne sich aus der Fassung bringen zu lassen.

Vorher jedoch meldet sich die Schwarze mit der gelben Bluse noch einmal zu Wort. „Ich will nicht allen die Stimmung verderben“, sagt sie. „Aber ich frage mich wirklich die ganze Zeit: Bringt das was?“ Gerade nach dieser Wahl, da die AfD nun im Bundestag sitze, obwohl in der politischen Bildungsarbeit seit Jahren gegen rechtsextreme und populistische Tendenzen angekämpft werde. „Ich habe das Gefühl, dass die Gesellschaft wirklich ein Stück kaputtgegangen ist“, sagt die Frau.

Gerade jedoch in Anbetracht der sich vertiefenden gesellschaftlichen Gräben ist Wiebke Eltze überzeugt, dass Diskutieren hilft. Ende der Nullerjahre, erzählt sie, als vergleichbare Argumentationsempfehlungen aus der mobilen Beratungsarbeit zum Umgang mit Neonazis entstanden seien, sei es vor allem darum gegangen, sich mit den nötigen Fakten und Zahlen für einen Schlagabtausch zu wappnen. Heute, sagt die Trainerin, gehe es ihren Seminarteilnehmern viel stärker darum, im Gespräch zu bleiben und den Kontakt nicht abreißen zu lassen. Das Verstörende an AfD-Positionen sei ja gerade, dass immer mehr Menschen in ihrem sozialen Umfeld damit konfrontiert würden. Diskussionen könnten dazu beitragen, Polarisierungen aufzulösen und sich nicht noch weiter voneinander zu entfernen. Und gerade Menschen, die vor allem Frust ablassen wollten oder wirkliche Ängste hätten, seien für Sachargumente wieder empfänglich, wenn man ihre Sorgen ernst nähme. „Ich glaube wirklich, dass es diese Chance gibt“, sagt Eltze. Für die Not- oder Zweifelsfälle indessen findet sich im Handwerkskoffer der Trainerin auch noch ein allerletztes Mittel: der begründete Gesprächsabbruch.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Schaaf, Julia
Julia Schaaf
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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