Erdogan-Wähler in Deutschland

„Ein Diktator würde ganz anders reagieren“

Von Daniela Gassmann und Michaela Schwinn
 - 14:09
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Ich kenne Deniz Yücel

Bülent Güven, 45 Jahre, studierter Politikwissenschaftler, Unternehmensberater in Hamburg, seit 40 Jahren in Deutschland, doppelte Staatsbürgerschaft.

„Ich habe lange hin und her überlegt, aber ich werde beim Referendum wahrscheinlich für das Präsidialsystem stimmen. Das bedeutet aber nicht gleichzeitig ein „Ja“ für Erdogan. Ich wünsche mir politische und wirtschaftliche Stabilität in der Türkei, und das präsidiale System könnte dazu beitragen. Ich kenne auch Leute, die Erdogan gut finden, aber trotzdem dagegen stimmen, weil sie nicht wissen, wer sein Nachfolger wird.

Erdogan hat vieles gut gemacht, die Löhne sind gestiegen, er hat die Infrastruktur ausgebaut und das Sozialsystem. Aber es gibt auch Dinge, die ich nicht gut finde. Er hat den EU-Beitritt der Türkei in den letzten Jahren nicht vorangetrieben. Natürlich hat ihm die EU eine Absage erteilt, trotzdem sollte er die Bemühungen fortsetzen.

Auch dass der Journalist Deniz Yücel in der Türkei in Haft sitzt, kann ich nicht akzeptieren. Ich habe ihn vor einigen Monaten in Istanbul kennengelernt, als er an einer Veranstaltung teilnehmen wollte und Probleme mit seiner Akkreditierung hatte. Ich habe ihm geholfen. Danach haben wir noch ein paar Mal telefoniert. Ich hoffe, dass er so schnell wie möglich wieder freikommt.

Ich glaube, wir haben in Deutschland große Probleme, die Situation in der Türkei zu verstehen. Auch weil sie sich momentan in einem Übergangsprozess befindet, ähnlich wie damals die Ostblockstaaten vom Kommunismus zum Kapitalismus.

Auf Facebook werde ich fast täglich von Deutschen angemacht, warum ich Erdogan unterstütze. Ich leide sehr unter den Zerwürfnissen zwischen Deutschland und der Türkei. Für mich ist es, als würden sich Vater und Mutter streiten und ich als Kind könnte nur dabei zusehen. Das macht mich sehr traurig.“

„Ein Diktator würde ganz anders reagieren“

Hadice Altunova, 44 Jahre, Krankenschwester und Krankenhausseelsorgerin, in Hamburg geboren, doppelte Staatsbürgerschaft.

„In meinem Freundeskreis haben viele Angst, dass Erdogan die Türkei zu Iran macht, dass die Kopftuchpflicht und das Minirock-Verbot kommen. „Der ist doch seit 15 Jahren an der Regierung, warum hat er das bis heute nicht gemacht?“, sage ich dann. So viele Frauen wie Erdogan hat keine andere Regierung ins Parlament geholt. Das ist ja so makaber: Früher durften Frauen mit Kopftuch in einem muslimischen Land nicht in die Uni, haben aber in Deutschland, einem christlichen Land, dank der Demokratie studieren dürfen. Jetzt hat dieser angebliche Diktator Erdogan die Freiheit in die Türkei gebracht, dass Schüler mit Kopftuch und Minirock nebeneinander studieren dürfen. Die Frauen in der Türkei sind heute viel freier.

Beim Referendum werde ich selbstverständlich für „Ja“ stimmen. Aber nicht, weil Erdogan ein Diktator ist oder ich einen möchte. Diese ganzen Festnahmen beruhen nicht darauf, dass Leute Journalisten oder Juristen sind. Es wurden Verbindungen zu terroristischen Organisationen nachgewiesen. Die Türkei kämpft seit Jahrzehnten mit der Terrororganisation PKK, vergangenen Juli gab es den Putschversuch – und die Reaktion der restlichen Welt war in etwa: „Oh wie schade, dass das nicht gelungen ist.“ Ich möchte nicht, dass so etwas noch einmal vorkommt, deshalb finde ich die Verhaftungen richtig. Ein Diktator würde ganz anders reagieren. Es gibt ja so viele, die gegen Erdogan sprechen, und die laufen immer noch frei rum.

Abgesehen von Straßen- und Bauverhältnissen, war die Türkei früher wie ein Dritte-Welt-Staat, wie Afrika fast. Wenn früher jemand aus der Türkei in den Urlaub gefahren ist, haben ihm Verwandte Listen mit Süßigkeiten und Medikamenten mitgegeben, die dort nicht zu bekommen waren. Auf den Straßen lagen Müllberge, Leute mussten Wasser von Brunnen holen. Warum haben so viele Türken, die vor 1950 geboren sind, Hepatitis? Weil das Grundwasser mit Fäkalien verseucht war. Heute ist das anders. Unsere Angehörigen geben uns auch keine Listen mehr. Sie sagen: „Kommt bitte mit leeren Koffern in die Türkei, wir füllen sie hier.“

Ob ich gar nichts an Erdogan auszusetzen habe? Er ist manchmal sehr direkt. Ich bin keine Politikerin, da weiß ich nicht, ob man so redet oder nicht. Aber ich bin für ein friedliches Miteinander, sonst könnte ich ja auch nicht meinen Beruf ausüben. Von Erdogans Nazivergleich möchte ich mich distanzieren, weil das schlimme Zeiten waren. Ich glaube, da müsste man Erdogan selbst fragen, was er damit bezwecken wollte.“

„Erdogan und Merkel sind richtige Freunde“

Yusuf Kilicaslan, 35 Jahre, Frisör, seit fünf Jahren in Frankfurt am Main, türkische Staatsbürgerschaft.

„Ich werde für das Präsidialsystem stimmen, weil Erdogan dann sein Ding machen kann. Er ist sehr sozial. Er hat Brücken gebaut. Er hält Ordnung. Ich möchte, dass er Entscheidungen und Gesetze schneller durchsetzen kann und nur eine Woche statt vier Monate braucht.

Ein bisschen Angst habe ich aber schon. Erdogan ist kein Diktator, aber so etwas in die Richtung. Wenn ich hier im Frisörladen etwas nicht so gut finde, kann ich das meinem Chef Mustafa sagen. Hier arbeiten 15 Personen, wir alle tun das. Und Mustafa hört zu. Erdogan würde stattdessen von den 15 Personen eine oder zwei wegmachen. Weil die anderen Angst hätten, könnten sie nichts dagegen sagen.

Trotzdem bin ich für Erdogan, weil meine Partei MHP (Anmerkung der Redaktion: die rechtsextreme „Partei der Nationalistischen Bewegung“) ihn unterstützt. Für mich ist das wie eine Versicherung: Erdogan ist auf meine Partei angewiesen. Aber wenn er etwas schlecht oder falsch machen würde, wäre die MHP dagegen.

Dass sich mit Erdogan Politik und Religion vermischen, ist gut für mich. Ich trinke keinen Alkohol. Seit fünf Jahren bin ich in Deutschland und war nicht einmal in einer Disko. Meine Kollegen schon, dafür habe ich Respekt. Aber in Antalya und Istanbul ist das etwas anderes. Bis elf Uhr ist alles okay, aber dann sollen die Leute nach Hause, weil es sonst Streit gibt. Wenn die Kioske früher schließen, finde ich das gut.

Ich glaube auch nicht, dass es Probleme zwischen ihm und Merkel gibt. Es ist okay, dass er sich letztens beschwert hat, als sein Wahlkampf verboten werden sollte. Aber der Nazivergleich: Das war falsch! So etwas kann er nicht sagen. Ich habe hier noch nie einen schlechten Mann gesehen, den man Nazi nennen könnte. Auch von all den Ausländern in der Nachbarschaft habe ich so etwas nicht gehört. Ich glaube, Erdogan hat Respekt vor Merkel – die beiden sind richtige Freunde. Alles andere ist nur Politik. Das ist normal.“

„Überall Luxusautos“

Ayse Keser Çelikkaya, 30 Jahre, Hausfrau mit Studium in Luftfahrtbetriebswesen, seit fünf Jahren in Deutschland, türkische Staatsbürgerschaft.

„Ich fühle mich wie eine Türkin, die in Deutschland lebt, und werde natürlich für „Ja“ stimmen. Vieles ist mit Erdogan besser geworden, vor allem die Krankenhäuser. Als ich 12 oder 13 Jahre alt war, hatte ich Nierenschmerzen. Mit meiner Versicherung durfte ich nur in staatliche Krankenhäuser gehen. Dafür musste man spätestens um vier oder fünf Uhr aufstehen, nach der Fahrt Wartemarken holen und sich anstellen. Weil viele Krankenhäuser keine Geräte hatten, musste man für MRT-Untersuchungen bis zu 15 Stunden fahren. Ich habe Monate auf einen Termin gewartet und bin dann gar nicht drangekommen. Dann musste ich einen neuen Termin ausmachen – der war ein Jahr später. Letztlich habe ich die Ergebnisse der Untersuchung nie mit einem Arzt besprochen. Bis zum nächsten Termin hätte ich zu lange warten müssen. Dank Erdogan hat sich das geändert.

Die Probleme in der Türkei kamen hauptsächlich daher, dass Koalitionen gebildet werden mussten und keine einheitlichen Regierungen bestehen konnten. Wenn das neue System eingeführt wird, wird das anders.

Schon jetzt leben die Leute viel besser. Zweimal im Jahr besuche ich Verwandte in der Türkei. Obwohl sie nicht in reichen Gegenden wohnen, sieht man auf der Straße überall Luxusautos. Ich kenne Menschen, die vorher nicht mal ihre Stromrechnungen bezahlen konnten und heute zwei- oder dreimal im Jahr Urlaub in Fünf-Sterne-Hotels machen.

Ob es etwas gibt, was mich an Erdogan stört? Eigentlich nicht, er ist ein typisch türkischer Charakter. Er mag zwar konservativ sein, im Vergleich zu seinen Vorgängern legt er aber sehr viel Wert auf Frauen. Wie Erdogan Hand in Hand mit seiner Frau vor der Kamera gelaufen ist, war einzigartig. Einmal hat er in einer Fernsehsendung erzählt, wie verliebt er in sie sei.

Dass Journalisten und Juristen im Gefängnis sind, verstehe ich. Wenn ich in Deutschland lebe, muss ich mich doch auch an die Gesetze halten, oder nicht? Wenn ich nicht einmal Abfall in den Mülleimer eines fremden Haushaltes werfen darf, warum denken dann so viele, dieser inhaftierte Journalist aus Deutschland hätte alles richtig gemacht? Er war nicht als Journalist, sondern als Spion unterwegs. Aber das hat mit dem Referendum oder Erdogan nichts zu tun; das ist eine gerichtliche Angelegenheit. Ich kenne keinen spezifischen Fall, in dem Erdogan die Menschenrechte verletzt hat. Die deutschen Medien stellen das nur so dar. Das ist nicht böse gemeint, aber ich glaube, es gibt keine richtige Presse in Deutschland.“

Kritik aus der Türkei
30.000 Kurden demonstrieren in Frankfurt
© AP, reuters

„Wie in einem Unternehmen“

Hakan Soykan, 46 Jahre, Geschäftsführer in Köln, geboren in Deutschland, türkische Staatsbürgerschaft.

„Ich werde im April für das Präsidialsystem stimmen. Für das türkische Volk ist es gut, wenn die Exekutive in einer Hand ist. Wir haben in den vergangenen Jahren gesehen, was Koalitionen gebracht haben. Allerdings sollte man auch noch zusätzliche Kontrollmechanismen einbauen. Das kann man mit einem Unternehmen vergleichen. Ein guter Eigentümer wird die Firma und alle Mitarbeiter voranbringen. Ist aber jemand an der Spitze, der Schindluder treibt, geht das Unternehmen den Bach runter. Ich vertraue Erdogan, er hat gezeigt, dass er sein Amt nicht missbrauchen wird, aber wer weiß, wer sein Nachfolger wird.

Die Politiker vor Erdogan haben eher in die eigenen Taschen gewirtschaftet, statt sich um das Volk zu kümmern. Das Land hat viel von Erdogan zurückbekommen, deswegen hat er so viele Unterstützer in der Türkei und auch in Deutschland. Erst kürzlich war ich mit dem Auto in der Türkei unterwegs. Wo früher vorwiegend Landstraßen waren, gibt es jetzt Autobahnen. Erdogan hat neue Flughäfen gebaut, Autotunnel und Brücken.

Im Hinblick auf die deutsch-türkischen Beziehungen finde ich es nicht gut, dass die Diskussion zurzeit eskaliert. Die beiden Länder sind seit Jahrzehnten freundschaftlich verbunden und sollten aufeinander zugehen. Sie achten nicht mehr auf die Sensibilität mancher Themen. Wenn Erdogan einen Nazivergleich zieht, dann ist das genauso schlimm, wie wenn die deutsche Politik ignoriert, was die Gülen-Bewegung oder die PKK für die Türkei bedeutet.

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Ich finde nicht gut, dass die deutschen Medien die PKK als verbotene kurdische Arbeiterpartei bezeichnen. Sie ist eine Terrororganisation, die das Land spalten will. Mit der kurdischen Bevölkerung hat das nichts zu tun. Wenn man in türkischen Großstädten unterwegs ist, wird keiner wegen seiner Volkszugehörigkeit ausgeschlossen, weder in Universitäten noch im Beamtenapparat oder der Regierung.

Auch wenn ich in Deutschland geboren und aufgewachsen bin, bedeutet mir die Türkei sehr viel. Meine Eltern und Geschwister wohnen hier, aber alle anderen Verwandten sind in der Türkei. Während meiner Kindheit und Jugend habe ich mich nicht als Außenseiter gefühlt. Ich bin in Köln aufgewachsen, einer sehr weltoffenen Stadt. Unser Viertel war komplett durchmischt. Jetzt merke ich, dass sich in meinem Umfeld auch viele Akademiker die Frage stellen, was sie noch alles tun sollen, um von der Gesellschaft angenommen zu werden. Sie arbeiten hier, zahlen ihre Steuern, achten die Gesetze und fühlen sich doch nicht willkommen.

Ich selbst habe einen guten Beruf, ich habe viel erreicht und wurde nie an etwas gehindert. Und trotzdem merke ich, dass meine Frau, die Kopftuch trägt, bei Informationsveranstaltungen in der Schule manchmal komisch angeschaut wird und dass mit ihr anders gesprochen wird als mit anderen Frauen. Ob die eigenen Kinder oder die Enkel hier angenommen werden, daran habe ich meine Zweifel. Wenn man die deutsche Bevölkerung fragen würde, ob die Türken in Deutschland innerhalb der nächsten zwei Jahre das Land verlassen sollen: Was würde die Mehrheit sagen?“

Quelle: F.A.S.
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