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Elterntrainerin im Interview

„Bullerbü ist möglich“

Von Ursula Kals
 - 20:35
Eltern werden täglich auf harte Proben gestellt und müssen dann entscheiden: Schrei ich mit, oder bleib ich ruhig? Bild: ©Elliott Erwitt/Magnum Photos, F.A.S.

Frau Allgaier, Sie sind ausgebildete Elterntrainerin und haben mit der „Fibel der Gelassenheit“ Ihren zweiten Erziehungsratgeber vorgelegt. Dabei herrscht auf dem Buchmarkt nicht gerade ein Mangel an einschlägiger pädagogischer Literatur. Warum also noch ein Buch?

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Ich habe schon Ratgeber gelesen, als ich unser erstes Kind stillte. Wie eine Buchstütze lag unser Sohn auf meinem Schoß, und ich habe ein pädagogisches Werk nach dem anderen verschlungen. Als der Sohn größer wurde, habe ich aber gemerkt, dass in der Praxis viele Tipps nicht umsetzbar sind. Das wollte ich besser, alltagstauglicher machen.

Bei der Lektüre der Fibel fällt angenehm auf, dass Sie Ihre Kinder so lieben, wie sie sind, und nicht, wie sie vielleicht sein sollten.

Das ist ein entscheidender Punkt. Kinder sind ein Geschenk. Man hört so oft, sie seien eine Last, das finde ich traurig. Und Mutter- und Vater-Sein ist auch ein Geschenk. Dieses Sein gerät immer mehr unter die Räder der postulierten „Vereinbarkeit“ von Beruf und Familie.

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Warum setzen sich Eltern so unter Druck, haben diesen Perfektionsdrang?

Die Anforderungen sind in allen Lebensbereichen hoch. Um sie zu bewältigen, setzen wir auf Kontrolle. Kinder widersetzen sich zum Glück, wenn sie einfach nur für uns funktionieren sollen. Mal ein Eis essen vor dem Mittagessen? Ja, davon geht die Welt nicht unter. Mal schludern bei den Hausaufgaben, weil der Freund schon mit dem Fußball in der Tür steht? Ja, unbedingt. Und wenn abends die elterliche To-do-Liste nicht komplett abgearbeitet ist, können wir darüber lachen.

Viele Erziehungsratgeber sind auch deshalb so öde, weil sie für jedes Problem eine Lösung nach Schema F propagieren. Sie aber sagen ausdrücklich, Sie wollten nicht durchbuchstabieren, wie man Kinder in den Griff bekommt. Sie probieren jeden Tag neu aus, was funktioniert und was nicht, setzen mal auf Nähe, mal auf Durchsetzungskraft. Das klingt theoretisch gut. Wie geht das praktisch?

Entscheidend ist die Verbindung. Im Kern geht es um die Liebe zum Kind und zu sich selbst und nicht um Tipps und Tricks. Mein Blog „Wer ist dran mit Katzenklo?“ ist, so gesehen, auch eine Verarbeitungsplattform meines eigenen Ringens darum, dass Familienleben gelingt und man sich zusammen weiterentwickelt.

Eines Ihrer Kernthemen ist Bindung. Also von Anfang an, eine stabile Bindung aufzubauen.

Streicheln, kuscheln, kitzeln – von all dem kann es gar nicht genug geben für Kinder. Ich sehe so oft in der Öffentlichkeit auch recht kleine Kinder unverbunden dicht neben Erwachsenen herlaufen und denke: „Warum nehmt ihr sie nicht an die Hand?“ Körperliche Nähe ist unverzichtbar für den Aufbau von Bindung. Und Zeit. Gelassen mit Kindern umgehen zu können, dazu gehört auch, dass man mal im Hier und Jetzt sein kann, mal keine Termine hat. Kinder gehen völlig in dem auf, was sie tun. Das sind so kostbare Momente. In Ruhe Zeit miteinander verbringen, das halte ich für wichtiger, als den zehnten Frühförder-Input zu geben.

In einer Krippe ist das aber bei dem üblichen Personalschlüssel kaum leistbar.

Ein schwieriges Thema. Ich mache keinen Hehl daraus, skeptisch zu sein, ganz kleine Kinder ganztags in die Krippe zu geben. Auch glaube ich nicht an die vielzitierte Quality time, das halte ich für Augenwischerei. Es braucht Zeit, um eine Tiefe zu erreichen, um eine stabile Verbindung zum Kind zu entwickeln.

Dazu gehören gemeinsame Mahlzeiten.

Das klingt so banal, aber wenigstens einmal am Tag eine gemeinsame Mahlzeit ist in ihrer Wirkung nicht zu unterschätzen. Es gibt Untersuchungen, dass sich dann sogar die Schulnoten verbessern. Mit dem Argument können wir vielleicht Eltern ködern, oder?

Sie schildern immer wieder erschütternde Erziehungsfehler, etwa die übermüdete Einjährige, der rüde der Schnuller in den Mund gesteckt wird und die angebrüllt wird. Mischen Sie sich da ein?

Das ist sehr heikel. So etwas passiert ja meistens aus dem größten Stress heraus. Ich mische mich nur insofern ein, als ich Eltern mit kleinen Kindern an der Kassenschlange vorlasse.

Sie plädieren für ein Recht auf ein aufgeschlagenes Knie. Das klingt exotisch in Zeiten, in denen schon Erstklässler mit Notfallhandys ausgestattet werden. Was meinen Sie damit?

Die Tatsache, dass Kinder immer länger in Kitas oder Schulen betreut werden, führt – wegen der vielen Vorschriften – auch zu mehr Reglementierung: Schneeballwerfen ist verboten und Klettern auf einen Baum, den nicht der Tüv auf seine Sicherheit geprüft hat. Das alles geht einher mit einem schleichenden Verlust an Lebendigkeit. Deshalb habe ich an bestimmten Stellen dagegengesteuert und unseren Kindern Sachen erlaubt, die ich aus eigener Ängstlichkeit lieber verboten hätte.

Ein-Kind-Familien, Alleinerziehende, ganztags abwesende Eltern – vom Dorf, das nötig ist, um ein Kind zu erziehen, kann keine Rede mehr sein.

Es bringt nichts, sich nach den alten Zeiten zu verzehren. Aber da es tatsächlich einfacher ist, in einem Clan zu leben, können wir uns selbst dörfliche Strukturen neu erschaffen. Bullerbü ist möglich, wenn man bei der Wohnungssuche nicht nur auf Fußbodenheizung und Kochinsel achtet, sondern zum Beispiel auf Nachbarn, die Kinder in ähnlichem Alter haben. Dann haben wir auch Zeit für die Kochinsel.

Sie schreiben, das Gehirn habe einen Nein-Filter, deshalb funktionierten positiv formulierte Botschaften besser. Haben Sie Beispiele?

Statt zu sagen: „Lass die Milchkanne nicht fallen!“ ist es wirksamer zu sagen: „Halte die Kanne gut fest!“ Oder statt zu warnen: „Laufe nicht auf die Straße!“ ist es klüger zu erklären: „Du bleibst jetzt an meiner Hand.“

Was denken Sie darüber, Belohnungen als Erziehungsmittel einzusetzen? Selbstironisch sagen Sie, Sie hätten mal ein ganzes Gratifikationssystem aus hübschen Aufklebern gehabt – nach dem Prinzip mit Zuckerbrot und Peitsche.

Ja, belohnen und strafen – das gehört in das gleiche, freudlose System. Es ist unwürdig für das Kind und für die Eltern. Ich habe das auch gemacht. Aber ich habe erfahren: Familie gelingt, wenn die Freude am Zusammensein im Vordergrund steht, nicht das Tuning am Kind. Also bitte keine Dressur-Nummern!

Konkret: Was mache ich, wenn es beim Teenager in der Schule nicht läuft und er oder sie die Hausaufgaben vertrödelt?

Vorwürfe weglassen, Fragen stellen: Welche Zensuren möchtest du erreichen? Was möchtest du später machen? Was ist dir wichtig im Leben? Dann eine Umarmung, zusammen Ziele formulieren und fragen: Wie kann ich dich dabei unterstützen?

Sie sind mehrfach umgezogen, kennen den Spagat zwischen Beruf und Familie aus eigenem Erleben. Wie halten Sie es mit der Hausarbeit?

Ich habe kein Problem damit, den größeren Teil der Hausarbeit zu übernehmen, weil ich auf der anderen Seite die wunderbare Freiheit genieße, überwiegend zu Hause zu arbeiten. Bei der Hausarbeit finde ich gegenseitige Anerkennung wichtig. Das ist wie eine familiäre Klima-Erwärmung. „Danke, dass du den Müll rausgebracht hast!“ – „Danke, dass du so lecker gekocht hast!“ – „Danke, dass du mir beim Aufräumen geholfen hast!“ Nichts ist selbstverständlich. Und alles wird dadurch schöner.

Und das leidige Thema Aufräumen?

Ich gestehe, dass ich es meinen Kinder ganz am Anfang nicht zumuten wollte. Das würde ich heute anders machen. Ordnung schafft Platz für neue Ideen und wohltuende Klarheit im Kopf. Wenn Kinder das von klein auf erleben und Aufräumen nicht als lästige Pflicht vermittelt wird, geht es leichter. Aufwendige Bauwerke sollten einige Tage stehen dürfen und gewürdigt werden. Bevor der Staubsauger anrückt, mache ich ein Foto von der Burg oder dem Autobahnkreuz, dann fällt das Abreißen nicht so schwer.

Stichwort Jungs. Sie gelten als die Problemgruppe.

Ja, leider. Sie werden viel schneller als hyperaktiv abgestempelt und brechen die Schule deutlich häufiger ab als Mädchen. Die weiblich geprägten Kommunikations-Standards in Kita und Schule gehen an den kleinen Männern vorbei. Einen Jungen erreiche ich, wenn ich mich für seine Hobbys interessiere und keine Wie-fühlst-du-dich-Fragen stelle. Das ist eher was für Mädels. Mit Jungen komme ich ins Gespräch beim Basteln, Bauen, Joggen und langen Autofahrten zu zweit.

Mädchen liefern sich gerne Schlachten der sozial-emotionalen Kommunikation, sagen Sie. Was tue ich, wenn die Tochter unter Zickenkrieg leidet?

In den Arm nehmen und erzählen lassen, sagen, dass man verstehen kann, wie äußerst bescheiden dieser Schultag war. Dampf ablassen: „Diese blöde Zicke!“ Womm, kriegt das Sofakissen unseren linken Haken zu spüren. Und noch einen. Jetzt haben wir es der Kissen-Zicke aber gezeigt. Die Tochter kann wieder lachen. Aber dann muss es gut sein. Nicht bei anderen Eltern anrufen, um die Situation zu „klären“. Das ist der Konflikt der Kinder: Lieber raushalten und zusammen überlegen, was die Tochter das nächste Mal in solch einer Situation sagen oder tun könnte: Kläre Probleme direkt mit der Person, die sie betreffen. Sprich nicht mit Dritten darüber.

Ihre Kinder sind groß, der Älteste ist zum Studium weggezogen, kürzlich hat Ihre Tochter sich mit einer Abschiedsparty für ein Jahr nach Kanada verabschiedet. Und wie lief die Pubertät?

Ich weiß, das ist nicht der Mainstream, aber wir haben mindestens 80 Prozent dieser Zeit genossen: die Gespräche, die man führen kann, weil sie erwachsen werden, die Fragen, die da kommen, das Entpuppen, das Immer-mehr-sie-selbst-Werden. Das ist so spannend. Wichtig ist, im Gespräch zu bleiben. Wir haben einen Familientreffpunkt, einen großen Tisch, der nicht als Postablage dient, an dem wir uns spontan einfinden, zum Reden, Kakao-mit-Sahne-Trinken, Waffeln essen. Entscheidend ist, Teenager nicht zu behandeln, als wären sie hormongesteuerte Aliens. Wie würde es uns Müttern gefallen, wenn man uns in den Wechseljahren nicht mehr ernst nehmen würde?

Also ein respektvoller Umgang.

Ja, und Respekt können Kinder nur unter der Bedingung zeigen, dass sie von klein auf selbst welchen erfahren haben. Spätestens, wenn sie zehn Jahre alt sind, sollten Eltern zum Beispiel anklopfen, ehe sie in das Zimmer ihres Kindes treten. Wer kleine Kinder nicht respektvoll behandelt, kann nicht plötzlich auf ihr Verständnis hoffen, wenn sie groß sind.

In Ihrem neuen Buch gibt es ein ABC des entspannten Familienlebens. Unter V wie Vision kritisieren Sie, dass manche Eltern nur Defizite in ihrem Kind sähen, aber meinen, sie hätten ein realistisches Bild von ihrem Kind.

Wie wäre es damit, mehr in seinem Kind zu sehen, als es selbst sieht? Hatten Sie schon mal jemanden an Ihrer Seite, der eine größere Vision von Ihnen hatte als Sie selbst? Ist das nicht unglaublich beflügelnd?

Uta Allgaiers neues Buch „Die Fibel der Gelassenheit. Das kleine ABC eines entspannten Familienlebens“ ist gerade erschienen (Ellert & Richter Verlag, 11,95 Euro).

Quelle: F.A.S.
Ursula Kals
Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.
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