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Vera Gräfin von Lehndorff

Das Sein, der Schein, die Verwandlung

Von Julia Schaaf
 - 19:22
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Das Erstaunliche passiert gegen Ende der fünfziger Jahre. Das Mädchen, das schon bald als schönste Frau der Welt gehandelt werden wird, ist ein zurückgezogenes, einsames Geschöpf. Es verzweifelt an der Schule, die ihm die Rechtshändigkeit aufzwingt, es fühlt sich von seiner Mutter verlassen, weil es immer wieder in Heimen und Internaten untergebracht ist. Außerdem findet es sich hässlich. Es hat stelzenlange Beine, einen riesigen Mund und Schuhgröße 43 - und auch das erst, nachdem die Zehen in einer schmerzhaften Operation verkürzt worden sind. Dann aber beschließt das Mädchen, auf die Bühnen der Welt hinauszutreten, um als Veruschka berühmt zu werden.

Woher kommt diese Wende? Vera Lehndorff lacht schallend. Es platzt geradezu aus ihr heraus, ein lautes, wildes, aufrichtig belustigtes Lachen. "Ich weiß nicht", sagt sie mit ihrer tiefen Stimme. "Ich hatte ein instinktives Gefühl: Ich habe keine andere Wahl, als diesen Weg zu gehen." Sie sitzt auf der Dachterrasse eines Berliner Hotels. Sie hat sich eine Zigarette angezündet, die der Wind wieder ausbläst. Um den Kopf trägt sie ein Tuch aus Silberschlingen. 72 Jahre ist sie jetzt alt. Ihr Mund ist noch immer riesig.

Nach der Schule Luft zum Atmen

Sie erzählt, dass das Ende der schrecklichen Schulzeit ihr damals endlich Luft zum Atmen verschaffte. Dass sie erste Komplimente bekam, sich lange im Spiegel betrachtete und plötzlich Lust verspürte, mit ihrem Körper etwas auszuprobieren. "Ich sah: Ich kann ja Einfluss nehmen", sagt sie und formuliert eine Erkenntnis, die offenbar damals in ihr zu reifen begann. "Es ist im Grunde so: Wir entscheiden, ob wir wollen, dass andere uns hübsch finden oder nicht. Das hat sehr viel damit zu tun, wie ich mich selbst sehe."

Woher jedoch nimmt eine von Krieg und Leben gebeutelte Zwanzigjährige das Selbstbewusstsein, ganz allein nach Paris und New York zu gehen? Kein Zögern, kein Nachdenken: "Da habe ich keine Angst gehabt. Die Angst, wieder in die Enge getrieben zu werden, war viel zu groß. Ich dachte eher: Jetzt kann mir nichts passieren. Jetzt bin ich erst mal weg."

Was folgt, sind die sechziger Jahre, in denen aus Vera Gräfin von Lehndorff, Tochter eines ostpreußischen, von den Nazis ermordeten Widerständlers, Veruschka wurde: ein Supermodel zu einer Zeit, lange bevor es Supermodels gab. Es ist die Zeit, aus der man eine Menge zu wissen meint, weil sie bis heute das Bild dieser Frau in der Öffentlichkeit begründet, weil sich berühmte Fotografen um sie rissen, weil die Titel der internationalen Modeblätter ihr gehörten, weil Michelangelo Antonioni ihr in seinem Film "Blow Up" einen denkwürdigen Auftritt verschaffte.

Mit der Kunstfigur arrangiert

Es ist auch die Zeit, von der Lehndorff mit gelöster, zufriedener Stimme erzählt, auch und gerade von der Phase, in der sie der klassischen Modefotografie den Rücken gekehrt hatte, um ihre Bilder stärker selbst gestalten zu können. Sie arbeitete dann vor allem mit ihrem damaligen Partner, einem italienischen Fotografen. "Die Zeitschrift sagte: Hier, geht auf die Reise, hier ist das Zeug. Dann sind wir nach Afrika, Japan oder Australien geflogen und haben wirklich die ganze Geschichte alleine produziert. Ich habe die Haare gemacht, das Make-up, mich bemalt. Und es wurde alles immer veröffentlicht. Es war herrlich. Ich konnte machen, was ich wollte."

Kein Wunder, dass die Autobiographie dieser Frau "Veruschka" heißt und eine traumschöne Blondine auf dem Cover zeigt, "weil das verkauft". Vera Lehndorff, wie sie sich als Künstlerin und Privatperson spätestens seit den siebziger Jahren nennt, weiß das. Sie hat sich damit arrangiert, dass die von ihr erschaffene Kunstfigur sie auf ewig begleiten wird - als Heil und Plage zugleich. "Das hat natürlich zwei Seiten, weil viele Türen aufgehen, aber auch viele zu", sagt Lehndorff.

Veruschka indessen gibt es schon lange nicht mehr. Nachdem Diana Vreeland ihren Posten als Chefin der amerikanischen "Vogue" geräumt hatte, sollte die eigenwillige Blonde aus Deutschland sich 1972 für ein Shooting plötzlich die Haare abschneiden und gefällig aussehen. Da machte Lehndorff mit dem Modeln Schluss. Die Entscheidung habe sie nie bereut, sagt sie: Ohne ihre Freiheiten wäre sie unglücklich geworden.

Trauer und Selbstmordpläne

Lehndorff macht keine halben Sachen. Wenn die Frau, die qua äußerer Erscheinung zum Mythos geworden ist, nun erstmals tief in ihr Inneres blicken lässt, spart sie auch heikle Themen nicht aus. In Gesprächen mit Jörn Jacob Rohwer, der Lehndorffs Rückblick für das Buch mit Tagebuchauszügen und Zeitungsartikeln ergänzt, berichtet sie beispielsweise von frühen Selbstmordplänen. Sie macht öffentlich, wie traurig sie war, dass ihr Vater bei den Gedenkfeiern für die Hitler-Attentäter vom 20. Juli lange Jahre kaum Erwähnung fand. Sie deutet ihre Enttäuschung darüber an, dass Marion Gräfin Dönhoff, Lehndorffs Patentante, ihrer Mutter in den schweren Zeiten nach dem Krieg nur selten zur Seite stand.

Und dann sind da die Zusammenbrüche, Depressionen, Phasen des Rückzugs, in denen Lehndorff sich zu ihrer Mutter in eine bayerische Landkommune flüchtet. "Natürlich", sagt sie über die Ikone Veruschka, "war das auch eine Stütze, um mit der Welt zu Rande zu kommen. Keiner hat ja bemerkt, was da in mir los war, außer manchmal an meinem melancholischen Blick, den Vreeland so gar nicht mochte." Zwischenzeitlich taucht sie ab, auch später noch, als sie als Künstlerin ernstgenommen werden will. Kurz vor ihrem 35. Geburtstag leidet sie an einer Psychose und stürzt sich in Griechenland am Strand von einem Felsen. Sie weiß heute, dass sie gefallen sein muss wie eine Katze. Ihr Überlebenswille, sagt sie, sei offenbar sehr stark.

Leichtigkeit und Schmerz

Als es um die feine Narbe geht, die ihr rechts vom Kinn geblieben ist, imitiert Lehndorff Salvador Dalí, mit dem sie in den sechziger Jahren befreundet war. "Sehr interessant", sagt sie plötzlich auf Französisch, Vokale in die Länge und Endungen in die Höhe ziehend, "Narben, ja, ja, das sind die sichtbaren Zeichen des Lebens", und dann, auf Deutsch, lachend: "Der war immer sehr komisch, besonders, wenn er in seinem lustigen Französisch Faxen machte."

Gipfel und Abgrund, Leichtigkeit und Schmerz liegen für Vera Lehndorff offenbar nah beieinander. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die deutsche Gesellschaft mit dem Schicksal der Generation der Kriegskinder auseinandergesetzt. Als Vera Lehndorff erwachsen wurde, lag über den prägenden Erfahrungen ihrer Kindheit der Mantel des Schweigens. "Wir Kinder haben in den ersten Jahren vergessen müssen, dass wir einen Vater hatten", sagt sie zum Beispiel. Die ständige Sehnsucht nach ihrer Mutter, die nach dem Tod ihres Mannes mit ihrem Schicksal und den vier kleinen Kindern überfordert war, sei ihr erst durch die Arbeit an der Autobiographie bewusst geworden. Und dann der Schock, als eine Grundschullehrerin sie vor versammelter Klasse als Tochter eines "Mörders" herausdeutete.

„Ich weiß nicht, ob ich Hunger hatte“

Von den Monaten in einem Kinderheim in Bad Sachsa, wohin die Nazis die Kinder der Hitler-Attentäter verschleppten, hat sich Lehndorff nur die Not ihrer nicht einmal zweijährigen Schwester ins Gedächtnis gebrannt. "Ohne Alter war ich. Ich war wie so ein weiser Mensch, der sagt, der einzige Schutz, den ich meiner Schwester geben kann, ist, ihre Hand zu halten, und das tue ich, immer. Ich weiß nicht, ob ich Hunger hatte. Ich weiß echt nichts mehr von mir."

Am klarsten aber sieht sie bis heute das Gesicht ihres Vaters vor sich. Kurz vor dem geplanten Attentat schickten Heinrich und Gottliebe von Lehndorff ihre Kinder im Frühjahr 1944 zu den Großeltern. Vera ist fünf Jahre alt. Durch das Zugfenster blickt sie das letzte Mal auf ihren sehr geliebten Vater. "Er hat mich so intensiv angeschaut, dieses Gesicht, das noch mal alles aufsaugen wollte, was er von mir bekommen konnte." Als sie weiterspricht, ist ihre Stimme brüchig: "Da habe ich schon als kleines Kind so eine Ahnung gehabt: Den werde ich nicht wiedersehen." Sie weint.

Verhüllung aus Selbstschutz

Sie sorgt sich, dass diese Trauer sie auch überkommen könnte, wenn sie in einer Talkshow sitzt. Weil ihr außerdem bewusst ist, wie sehr sie sich durch ihr Buch innerlich entblößt, plant sie, sich im Zuge der Präsentation jedenfalls äußerlich ein Stück zu verhüllen. Sie hat Fotos machen lassen, auf denen sie sich selbst zum Teil durch Netze, Gitter und Plastikscherben verdeckt. Bei Fernsehauftritten will sie eine Art Visier benutzen. Die Verwandlung, Schein und Sein und vor allem der eigene Körper - seit einem halben Jahrhundert sind das die Ausdrucksmittel der Vera Lehndorff.

Natürlich wäre sie gerne wieder jünger, zumindest äußerlich. Es ärgert sie wirklich, wenn so ein Flegel im Hausflur sie "Oma" nennt. Aber solche Anekdoten erzählt sie niemals ohne Selbstironie. Immer wieder passiert es, dass jemand sie anstaunt und sagt: "Du warst ja vielleicht schön!" Während ein anderer danebensteht und vermeintlich tröstend anfügt: "Och. Die ist doch immer noch hübsch." Wieder lacht sie schallend.

Um keinen Preis der Welt würde sie nämlich die Reife ihres Alters eintauschen. Seit Lehndorff vor einigen Jahren von New York nach Berlin gezogen ist, lebt sie erstmals allein. Ihrem Vater ist ein Gedenkstein gesetzt worden, eine Stiftung ringt um den Erhalt des einstigen Familienschlosses. Und Vera Lehndorff genießt das Gefühl, im Einklang mit sich selbst zu sein und für die eigenen Entscheidungen geradezustehen, "das habe ich nie so erlebt wie jetzt". Sie sagt tatsächlich, die Gegenwart sei die glücklichste Zeit ihres Lebens: Sie fühle sich frei. "Jetzt erst könnte ich eigentlich sagen, ich fange wirklich an, intensiv zu leben."

Keine Frau für halbe Sachen

Vera Lehndorff kommt 1939 in Ostpreußen als drittes Kind von Heinrich Graf von Lehndorff und dessen Frau Gottliebe zur Welt. Die Eltern schließen sich dem Widerstand an, nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler im Juli 1944 wird der Vater gehenkt. Die Nazis nehmen die Geschwister einige Monate in einem Kinderheim in „Sippenhaft“. Nach dem Krieg wächst Vera in Norddeutschland auf. Häufige Umzüge und wechselnde Schulen prägen ihre Jugend. Schließlich beginnt sie eine Ausbildung an der Modeschule in Hamburg, wo sie ihre Leidenschaft für die Malerei entdeckt. Weil sie die Gestaltung von Gardinenmustern jedoch als Sackgasse empfindet, geht sie nach Italien, Paris und schließlich, 1961, nach New York.

Erste Modeaufnahmen von Lehndorff sind kurz vor ihrem 17. Geburtstag entstanden. Der Durchbruch in Amerika gelingt ihr, als sie sich Veruschka nennt und als selbstbewusste Osteuropäerin auftritt. Schon bald arbeitet sie mit Fotografen wie Irving Penn, Bert Stern und Richard Avedon. Eine Schauspielausbildung bricht sie ab, um zu ihrem Arbeits- und Lebenspartner Franco Rubartelli nach Rom zu ziehen. Avedon huldigt der „schönsten Frau der Welt“ in einem Essay, 1972 gilt Veruschka als bestbezahltes Model der Welt.

Um Geld aber hat sich Lehndorff nie geschert. Sie weigert sich, den Erwartungen der Modeindustrie zu entsprechen, und begreift sich zunehmend als Künstlerin. Ihre „Aschebilder“, mit ihrem Partner Holger Trültzsch entstanden, finden im New York der achtziger Jahre Anklang. Nach langen Jahren am Hudson zieht Lehndorff 2005 nach Berlin. Sie lebt mit drei Katzen im Ostteil der Stadt. Ihre Autobiographie „Veruschka. Mein Leben“, 400 Seiten, 100 Fotos, 24 Euro, ist jetzt bei DuMont erschienen.

Quelle: F.A.S.
Julia Schaaf
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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