Verpackungen im Supermarkt

Geht’s auch ohne?

Von Julia Anton und Lilian Häge
 - 14:00
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Auf dem Weg zum Supermarkt klappern bei manchen Kunden im Ruhrpott und in Baden-Württemberg seit kurzem die Tupperdosen in den Einkaufstaschen. Noch sind sie leer, denn zum Beispiel im Rewe in Duisburg und im Edeka in Binzen können Kunden an der Frischetheke jetzt Wurst und Käse in die eigene Tupperdose gepackt bekommen. Die mitgebrachte Dose stellt der Kunde einfach auf ein Tablett, welches die Mitarbeiter hinter die Theke nehmen und auf die Waage stellen. Dank Tara-Funktion spielt das Gewicht der Frischhaltedose keine Rolle und die Mitarbeiter packen die Salami statt in Folie und Tüten direkt in die Dose, in die sie zu Hause ohnehin gekommen wäre. Das Tablett geht dann wieder zurück zum Kunden, der die Dose selbst verschließt und den Bon drauf klebt.

„Die Mitarbeiter hinter der Theke sollen mit nichts in Berührung kommen, bei dem man nicht weiß, wo es vorher stand“, sagt Andrea Hüls von Lebensmittelüberwachung im Kreis Wesel. „Da die Mitarbeiter so die Dose nicht anfassen müssen, wird eine Kontamination vermieden.“ Einige Marktleiter haben das Konzept auf eigene Initiative und Kundenwunsch entwickelt, mit den zuständigen Lebensmittelüberwachungsbehörden abgesprochen und testen es jetzt für die Großkonzerne. Hält damit die Unverpackt-Bewegung Einzug in die Supermärkte der großen Ketten? Die kostenfreie Plastiktüte haben sie ja auch schon abgeschafft.

Der Trend wurde von mehr als 50 Unverpackt-Läden angestoßen, in denen man die Lebensmittel in eigene Behälter füllen kann. Die gibt es in Deutschland meist in den Großstädten. Der Haken: Noch ist der Einkauf in diesen Läden oft teurer, da die Händler nicht zu den gleichen günstigen Konditionen einkaufen können wie die Großmärkte. Der Vorteil: Die Waren sind meist bio und tragen unverpackt zur Reduzierung des Plastikmülls bei. Außerdem nimmt man meist nur so viel mit, wie man tatsächlich braucht und verschwendet weniger Lebensmittel. Zero-Waste ist ein Konzept, das immer mehr Leute interessiert, die gerne ihren täglichen Müll verringern würden. Für viele sind Aufwand und Kosten aber bisher noch zu hoch. Das könnten die großen Supermärkte ändern.

Nicht nur an der Wursttheke kann Plastik ersetzt werden

„Verpackungen müssen auf das Maß reduziert werden, wie es nötig und praktikabel ist, sowie Abfälle größtmöglich dem Wertstoffkreislauf wieder zugeführt werden“, sagt ein Rewe-Sprecher. Der Konzern testet beispielsweise Graspapier für Verpackungen, ein Laserlogo für Obst und Gemüse und hat die Plastiktüte von Bananen bereits durch eine Banderole ersetzt. Was die flächendeckende Einführung der eigenen Dose an der Fleischtheke angeht, äußert der sich der Sprecher aber noch vorsichtig: „Für qualifizierte Aussagen zur Resonanz ist es noch viel zu früh.“

Also beginnt die Verbannung von Plastik nach wie vor im Kleinen. Von einer Dokumentation über einen Unverpackt-Laden in Berlin hat sich auch Kaufmann Dieter Hieber inspirieren lassen. Er ist Inhaber von zwölf Supermärkten in Baden-Württemberg und gehört der Edeka-Genossenschaft an. Im vorigen Jahr hat er sich vorgenommen, seine Supermärkte plastikfrei zu gestalten. In der Obst- und Gemüseecke sollen die Kunden ihre Einkäufe künftig in recycelte Netzen verstauen können und das Brot darf in den eigenen Jutebeutel gepackt werden. An der Frischetheke warten die Tabletts auf die Frischhaltedosen der Kunden.

„Ich habe noch nicht für alles eine Patentlösung“, sagt Hieber. „Aber ich möchte in so vielen Bereichen wie möglich Mehrweg-Verpackungen anbieten.“ Nicht mit allen Ideen hatte er dabei auf Anhieb Erfolg. Für die Frischtheke investierte Hieber zunächst in eine Hygieneschleuse, in der die Dosen durch UV-Licht entkontaminiert werden sollten, um so keimfrei hinter die Theke zu gelangen. Schnell stellte sich heraus, dass der hohe Stromverbrauch des Geräts die Umwelt noch mehr belastete als die herkömmliche Verpackung. „Dabei war die Lösung so einfach: Eine Mitarbeiterin kam dann auf die Idee mit den Tabletts“, so Hieber.

Erlauben die Hygienebestimmungen das überhaupt?

Der Weg, Lebensmittel wieder in ihrer ursprünglichen Form anbieten zu können, ist weit. Als Hieber die Ideen seinen Mitarbeitern vorstellte, waren diese zunächst davon überzeugt: Das erlauben die Hygienebestimmungen nicht. Tatsächlich gibt es bundesweit aber gar keine einheitliche Empfehlung dazu, ob und in welcher Form die Frischhaltedosen der Kunden angenommen werden dürfen. Ideen müssen individuell mit der örtlich zuständigen Lebensmittelüberwachung besprochen werden.

„Die Lebensmittelunternehmen sind selbst verantwortlich für die Hygiene in ihren Märkten“, sagt Hüls, die das Okay für die Tabletts in Rewe-Märkten im Kreis Wesel gegeben hat. „Das Konzept an sich ist erst mal schlüssig. Wir kontrollieren dann, ob beispielsweise die Tabletts richtig desinfiziert werden.“ Wie gut das Verfahren in der Praxis funktioniert, muss die Erfahrung zeigen. Ob Mitarbeiter zum Beispiel auch dreckige Boxen annehmen, wie viele Kunden das Angebot überhaupt wahrnehmen und ob es im Betriebsablauf nicht doch zu umständlich ist.

Verzicht aus Überzeugung

Für Hieber ist der Verzicht auf Plastikmüll eher eine Überzeugungs- als eine Wirtschaftsangelegenheit. Obwohl die Reaktionen auf seine Vorhaben fast ausschließlich positiv waren, wird das Angebot noch kaum genutzt. Es ist nicht nur ein Kampf gegen Plastik, sondern auch ein Kampf gegen die Bequemlichkeit der Kunden. „Viele lassen sich erst im Geschäft inspirieren was sie kaufen wollen und haben dann keine eigene Box dabei.“ Von mehreren Tausend Kunden reichen am Tag nur fünf bis zehn ihre Plastikbox über die Theke. Auch Rabattaktionen oder Belohnungssysteme wie Stempelkarten mit Vorteilen haben bisher nur sehr kurzfristig etwas gebracht. Deshalb sagt Hieber: „Man muss es den Leuten so einfach wie möglich machen.“ Er überlegt, zusätzlich Mehrwegbehälter im Pfandsystem anzubieten. Bei einem spontanen Einkauf können die Kunden eine Dose leihen und beim nächsten Mal wieder zurückgeben. Der Markt reinigt und spült die Dosen – Hieber muss also nicht nur in Dosen, sondern auch in eine Spülstraße investieren.

Eine Praxis, die auch Andrea Hüls eine Alternative zu den Tabletts nennt. Sie merkt aber an, dass dieses Verfahren für viele Märkte wohl zu aufwendig wäre. Denn neben Stauraum für die Boxen muss hinter der Theke auch genug Platz für die Spülstraße sein.

Hieber würde gerne noch mehr Lebensmittel unverpackt anbieten, wie zum Beispiel Mehl und Nudeln. Aber auch hier stößt er auf Hindernisse: Denn in Deutschland gibt es bislang kaum Lieferanten, die im größeren Stil unverpackte Lebensmittel ausliefern. Manchmal macht die einzelne Verpackung ja auch Sinn: Ein einzelner Mehlwurm macht eine ganze Lieferung Mehl zunichte. Hinzu kommen die strengen Vorschriften in Deutschland. Bio-Brot zum Beispiel muss extra verpackt werden und darf nicht mit „normalem“ Brot in Berührung kommen.

Will man auch Mehl, Nudeln oder Müsli unverpackt kaufen, bleibt momentan noch nur die Alternative zu großen Supermärkten. Zum Vergleich: Bei Rewe kostet ein Kilo verpacktes Bio-Dinkelmehl der Eigenmarke 2,29 Euro, die unverpackte Variante im Frankfurter Geschäft „gramm.genau“ drei Euro. Die 500 Gramm-Packung Bio-Haferflocken gibt's bei Rewe für 1,15, im Unverpackt-Geschäft würde man dafür 60 Cent mehr ausgeben. Happig wird es bei den Nudeln: Ein halbes Kilo findet sich bei Rewe auch in der Bio-Variante schon für 99 Cent, bei „gramm.genau“ zahlt man mehr als doppelt so viel.

Reduzieren als Kompromiss

Neben Lebensmitteln gibt es in Unverpackt-Läden auch Hygieneartikel. Shampoo, Duschgel, Seife – viele kennen das nur noch in flüssiger Form, es gibt aber auch trockene Seifenblöcke, die sich unverpackt anbieten lassen und ebenfalls auf unterschiedliche Bedürfnisse von Haut und Haar abgestimmt sind. Auch Spender mit flüssigen Produkten zum Selbstabfüllen gibt es schon. Machen Drogerieketten wie dm da auch bald Konkurrenz?

„Wir haben uns bei dm bereits vor einiger Zeit mit der Idee, Produkte unverpackt anzubieten, auseinandergesetzt“, sagt Kerstin Erbe, Geschäftsführerin für Produktmanagement bei dm, „aktuell ist eine Umsetzung dieses Konzepts bei dm jedoch nicht realisierbar.“ Dies hänge zum Einen mit Richtlinien der Kosmetikverordnung zu Hygienebestimmungen zusammen, zum anderen auch mit Pflichtangaben zu Inhaltsstoffen, die zu den Produkten gemacht werden müssen und auf der Verpackung landen. Dm versuche aber, Verpackungen, besonders Kunststoff, zu reduzieren oder durch umweltfreundlichere Alternativen zu ersetzen.

So schnell wird das verpackungsfreie Einkaufen also doch nicht überall kommen. Der Kompromiss heißt zumeist: Verpackungen reduzieren. Für die reinen Unverpackt-Läden sind die großen Supermarkt-Ketten noch keine Konkurrenz. Allerdings macht umgekehrt das Unverpackt-Konzept auch den Supermärkten keine Konkurrenz. Unverpackt einkaufen hängt hier vom guten Willen ab. Und da ist auch jeder einzelne gefragt. Bereits jetzt könnten mit den sich mehrenden Angeboten viele Verpackungen vermieden werden. Der Kunde muss das aber auch nutzen.

Quelle: FAZ.NET
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