Lieder für die Bundeswehr

Ein bisschen Frieden

Von Jörg Thomann
 - 11:19

Der Frühjahrsputz bei der Bundeswehr ist in vollem Gange. Nach der Verhaftung von Franco A., einem Offizier mit anscheinend reichlich Dreck am Stecken, soll nicht nur in den Räumen mancher Kasernen, wo sich offenbar der Muff von tausend Jahren gehalten hat, ordentlich durchgelüftet werden. Ausgemistet worden ist jetzt auch das Liederbuch „Kameraden singt!“ von 1991, das den Mangel an frischem soldatischen Liedgut dadurch offenbar werden lässt, dass zum Beispiel auf das „Panzerlied“ von 1935 zurückgegriffen wurde: Zeilen wie „Es braust unser Panzer / Im Sturmwind dahin“ wird die Truppe auf Wunsch der Verteidigungsministerin künftig nicht mehr schmettern.

Auch auf Klassiker wie die schwarzbraune Haselnuss reagierte von der Leyen allergisch. Ein völlig neues Liederbuch soll nun erarbeitet werden, doch das kann dauern. Damit in den Kasernen bis dahin keine traurige Stille herrscht, präsentieren wir schon heute eine Liste moderner deutschsprachiger, ideologisch unverfänglicher Lieder für unsere Soldaten.

„Ein bisschen Frieden“ (Nicole, 1982)

Die Streitkräfte von einst begreifen sich ja nurmehr als Mediatoren in internationalen Konflikten, vom Kriegseinsatz ist keine Rede mehr, allenfalls von Friedensmissionen. Was passte da besser als die sanfte Ballade des jungen Mädchens, das sich manchmal fühlt „wie eine Puppe, die keiner mehr mag“ – ein Gefühl, das in der Truppe mancher teilen dürfte. Außerdem formuliert der alte Schlager ein realpolitisches Minimalziel, das auch in unsere modernen Zeiten passt: Mehr als allenfalls ein bisschen Frieden darf man sich in dieser Welt momentan einfach nicht erhoffen.

„Grün, grün, grün sind alle meine Kleider“ (Volkslied, 19. Jh.)

Anders als „Schwarzbraun ist die Haselnuss“ hat dieses Traditionsstück auch nach der neueren Farbenlehre Bestand. Mit diesem Lied erfreut die Verteidigungsministerin nicht nur die Soldaten, die sich endlich auch einmal modisch gewürdigt sehen, sondern sendet auch subtile Signale an einen möglichen zukünftigen Koalitionspartner.

„Auf uns“ (Andreas Bourani, 2014)

Ein musikalisches Seelenpflaster fürs angeknackste soldatische Selbstbewusstsein. Wenn es schon kein anderer mehr tut, sollen wenigstens die Bundeswehr-Angehörigen selbst „Ein Hoch auf uns“ singen, mit erhebenden Zeilen über „ewige Treue“ und ein „Leben lang ohne Reue“, Kollateralschäden hin oder her. Geeignet für friedliche Abende am Lagerfeuer wie auch für den Ernstfall („Ein Feuerwerk zieht durch die Nacht“).

„Lass jetzt los“ (Helene Fischer, 2013)

Angeblich lautet der Spitzname, der in Teilen der Bundeswehr für die Verteidigungsministerin verwendet wird, „Eisprinzessin“. Insofern ist dieser Song, der Höhepunkt aus dem Disney-Film „Die Eiskönigin“, eine hübsche Hommage und könnte statt von Helene Fischer ebenso gut von Ursula von der Leyen dargeboten werden: „Ein einsames Königreich, und ich bin die Königin“. Und auch als gemeiner Rekrut sollte man die Botschaft des Lieds besser verinnerlichen, möchte man nicht als Mobbing-Opfer enden: „Du darfst nichts fühlen, zeige ihnen nicht dein wahres Ich!“

„Wahnsinn“ (Wolfgang Petry, 1983)

Eine echte Gute-Laune-Nummer, die den Soldaten die Möglichkeit gibt, lauthals „Warum schickst du mich in die Hölle?“ zu brüllen, bevor es aufgeht nach Mali oder Afghanistan.

„Dieser Weg“ (Xavier Naidoo, 2005)

Gut, mancher Soldat würde lieber Naidoos neuen Smash-Hit „Marionetten“ im Liederbuch sehen, aber der hätte nicht so ganz ins aktuelle Klima gepasst. Wer sich aus freien Stücken für die Bundeswehr entschieden hat, der wird sich aber auch in Versen wie „Dieser Weg wird kein leichter sein“ oder „Nicht mit vielen wirst du dir einig sein“ wiederfinden.

„Schrei nach Liebe“ (Die Ärzte, 1993)

Dunkle Umtriebe werden künftig schon im Keim erstickt durch die Aufnahme dieses mitreißenden Antinazisongs ins Liederbuch. Das gemeinsame Anstimmen des Liedes könnte für die Soldaten unserer Bundeswehr im besten Fall zu einer Art Gruppentherapie werden, die unterdrückte Aggressionen nach oben spült („Du bist wirklich saudumm!“) oder ihnen eine neue Sicht auf manch abgedrifteten Kameraden liefert („Und deine Eltern hatten niemals für dich Zeit“). Am Ende versuchen dann alle zusammen die Angst vorm Streicheln zu überwinden und erklären sich gegenseitig, was Attitüde heißt.

„How it is“ (Bibi H., 2017)

Gut, um einen deutschsprachigen Titel handelt es sich hierbei nicht, aber Experten haben uns versichert: Richtiges Englisch ist das auch nicht. Und gerade die allerjüngsten Rekruten freuen sich gewiss über diesen Hit der beliebtesten und zugleich unbeliebtesten deutschen Youtuberin. „Wap-bap, ba-da-di-da-da, wap-bap, ba-da-di-da-da, wap-bap, ba-da-di-da-da-da“: Mit diesem zuckersüßen Refrain im Ohr fühlt sich selbst ein Geländemarsch so an, als ritte man auf einem glitzernden Einhorn in die Sonne.

Quelle: F.A.S.
Jörg Thomann - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Jörg Thomann
Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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