Spurlos verschwunden

Meld dich doch endlich wieder!

Von Katrin Hummel
 - 15:04

Carolin Schneider lernte den Mann, mit dem sie insgesamt ein Jahr lang zusammen sein sollte, auf dem Oktoberfest in München kennen. Er saß neben ihr, sie feierten zusammen, und als das Zelt schloss, fuhren sie Achterbahn und küssten sich im Riesenrad. Dann fuhr sie zurück nach Frankfurt. Doch schon fünf Tage später besuchte er sie, und nach vier Monaten nahmen Schneider, damals 24 und Architekturstudentin, und der neun Jahre ältere Klaus eine gemeinsame Wohnung in Frankfurt. Schneider, die wie alle Betroffenen in diesem Text eigentlich anders heißt, wähnte sich in einer stabilen Beziehung: „Wir hatten unglaublich viel gemeinsam, wir waren beide Bayern-München-Fans, gingen beide gern essen, wollten beide einen Hund und hatten den gleichen Geschmack bei der Wohnungseinrichtung.“ Klaus sagte ihr, dass er sie liebe, er schenkte ihr Schmuck, sie flogen gemeinsam in den Urlaub, sie lernte seine Kinder aus einer früheren Beziehung und seine Eltern kennen. „Es gab keine Fragezeichen für mich – nichts, wo ich gezweifelt hätte. Ich habe mich wie eine Prinzessin gefühlt“, sagt Schneider.

Dann kam jener Freitagmorgen, an dem er sich von ihr verabschiedete, weil er das Wochenende über zu einem beruflichen Workshop über die Konzernstrukturen seines Unternehmens musste. „Er kam zu mir ans Bett, gab mir einen Kuss und sagte: ‚Wir telefonieren‘“, erinnert sie sich. Danach hat sie ihn nie wiedergesehen.

„Da fühlte ich mich überrumpelt und schickte ihn weg.“

Dass Partner einfach abtauchen, das gab es schon immer. Aber seit es Online-Dating gibt, wird das Paarungsverhalten immer häufiger in all seinen Untiefen erforscht und etikettiert. So ist ein neues Wort für eine alte Sache entstanden, es heißt Ghosting und bezieht sich auf das Sich-in-Luft-Auflösen eines Partners. Die Online-Partnerbörse Parship hat ihre Nutzer befragt und festgestellt, dass etwa sieben Prozent der auf der Plattform befragten Partnersuchenden sich bei Desinteresse nicht mehr beim neuen Partner oder der neuen Bekanntschaft melden oder deren Kontaktversuche ignorieren – und damit aus deren Leben verschwinden wie ein Geist.

Einer, der das gemacht hat, ist Bernd M. Bei der Online-Partnersuche hat sich Valerie Petermann, eine Mathematikerin, in ihn verliebt, nach ein paar Telefonaten kam es zum ersten Date in einem Restaurant. Bernd M., ein erfolgreicher Arzt, machte einen guten Eindruck auf Petermann, „weil er auch Kinder hat und ich gemerkt habe, dass die ihm wichtig sind. Außerdem war er auch intellektuell.“ Dann fragte Bernd M., ob Valerie Petermann ihn wiedersehen wolle – er würde sie gern zu sich einladen. „Ich habe gezögert“, erinnert sich Petermann, „und da sagte er: ‚Mein Gott, wir sind doch erwachsen.’“

Also fand das zweite Date in seiner Wohnung statt, die Petermann „überaus schick“ fand. Bernd M. kochte, körperlich passierte nichts. Das nächste Mal kam er zu Petermann nach Hause. „Weil ich ihm vorher gesagt hatte, dass ich im Stress sei und nichts kochen könnte, brachte er kurzerhand Essen mit. Ich war hin und weg, und er war sehr charmant.“ Es wurde für Petermann ein wunderschöner Abend, doch dann kam Bernd M. auf die Idee, dass er nicht mehr nach Hause fahren wolle. „Da fühlte ich mich überrumpelt und schickte ihn weg.“ Es ging trotzdem weiter, man traf sich zum Kaffee oder bei Valerie Petermann zu Hause zum Abendessen, und nach dem vierten oder fünften Date – bis dahin hatten sie einander nur geküsst – gab Petermann ihm zu verstehen, dass er die Nacht bei ihr verbringen könne. „Aber er wollte nicht. Hat gesagt, er müsse am nächsten Tag arbeiten. Und dann fuhr er nach Hause“, erinnert sie sich.

Nicht paranoid, sondern auf notorischen Lügner reingefallen

Daraufhin meldete sich Bernd M. nicht mehr, und er reagierte auch nicht mehr auf Petermanns Kontaktversuche. Beantwortete keine Whatsapp mehr, keine SMS. „Ich verstand das nicht, denn nichts hatte bei unserem Abschied darauf hingedeutet“, sagt Valerie Petermann. Sie rief ihn an und landete auf seiner Mailbox. Sie sprach drauf: „Meld dich doch mal. Wir sind doch erwachsen.“ Aber auch darauf reagierte Bernd M. nicht. Petermann dachte: Arschloch.

Carolin Schneider hingegen telefonierte noch das ganze Wochenende über mit ihrem Klaus. Er erzählte von seinem Seminar, von Geschäftsessen, er sagte, dass er sich freue, wieder zur ihr nach Hause zu kommen. Doch als er dann kommen sollte, Montag Mittag, kam er nicht, und sein Handy war auch ausgeschaltet. „Ich habe sicher dreißigmal angerufen“, sagt Schneider, „aber es ging immer nur die Mailbox ran, und auf Mails und SMS antwortete er auch nicht.“ Dann kam sie auf die Idee, bei dem Autohaus anzurufen, bei dem Klaus am Montagmorgen vor seiner Heimkehr noch ein neues Auto hatte abholen wollen – auf dem Rückweg von dem Seminar. „Und dort sagte man mir, er habe den Wagen schon am Freitag abgeholt, in Begleitung einer Frau.“

Danach saß Schneider zwei bis drei Stunden in ihrem Wohnzimmer und guckte gegen eine weiße Wand. Dann packte sie zwei große Reisetaschen und verließ die gemeinsame Wohnung, um wieder zu ihren Eltern zu ziehen. Denn ihr war schlagartig klargeworden, dass Klaus sie schon öfter belogen hatte. „Ich hatte schon früher manchmal ein komisches Bauchgefühl gehabt, weil ihm immer so unglaubliche Sachen passierten, aber dann dachte ich immer, ich sei paranoid.“ Klaus war zum Beispiel in Schneestürme geraten, oder seine Kinder waren schwer erkrankt – immer wieder mal hatte es Dinge gegeben, die ihn davon abgehalten hatten, pünktlich nach Hause zu kommen. Nun verstand sie: Ihr Bauchgefühl hatte sie nicht getäuscht, nicht sie war paranoid, sondern Klaus war ein notorischer Lügner. „In dem Moment schlug meine Liebe in Hass um“, sagt Schneider, „ich habe ernsthaft überlegt, meinen Bausparvertrag zu kündigen und einen Profikiller zu beauftragen.“

Selber Effekt wie in einer lebensbedrohlichen Situation

Doch je länger Klaus sich nicht mehr meldete, desto weniger war Schneider noch in der Lage, ihre Gefühle überhaupt wahrzunehmen. „Ich war einfach nur noch sehr, sehr kalt“, sagt sie. „Ich habe aufgehört zu fühlen, und ich habe außer meinen Eltern auch niemandem mehr geglaubt, auch engen Freunden nicht.“ Was Klaus getan hatte, war für sie unvorstellbar: Er hatte nicht nur alle seine Zeugnisse, Kleidungsstücke, Fotos von seinen Kindern und sonstigen persönlichen Dinge in der Wohnung zurückgelassen und nie abgeholt. Er hatte auch den Kontakt zu seinen Kindern und zu seiner Mutter abgebrochen, ja, er war wie vom Erdboden verschluckt. „Ich habe mich immer wieder gefragt, wie mir so was passieren konnte. Ich war vielleicht etwas gutgläubig, aber für mich hatte es keine wirklichen Anhaltspunkte gegeben, an denen ich es hätte erkennen können.“ Nachts träumte sie, Klaus würde sie zu sich zurückholen wollen, und sie würde es nicht schaffen, vor ihm wegzulaufen. Morgens war sie wie gerädert und hatte sogar Muskelkater. Schließlich begann sie mit einer Psychotherapie, um mit dem Schock fertig zu werden.

Tatsächlich ist es so, dass die plötzliche Beendigung einer Beziehung gravierende körperliche Reaktionen bei dem Verlassenen hervorrufen kann. Im Rahmen einer Studie an der University of California haben die Psychologen Naomi Eisenberger und Matthew Lieberman herausgefunden, dass die Zurückweisung durch einen geliebten Menschen im Hirn die selbe Alarmbereitschaft hervorrufen kann wie eine Bedrohung auf Leben und Tod. Und wenn jemand sehr überraschend Schluss macht, dann können nach einer Studie des amerikanischen Kardiologen Ilan Wittstein sogar stressbedingte Symptome auftreten, die einem Herzinfarkt ähneln – dann aber schnell wieder verschwinden. Womit manche Verlassene indes ihr restliches Leben lang zu kämpfen haben, sind Selbstzweifel und Selbstwertprobleme. „Betroffene denken dann: Ich bin es nicht mal wert, dass man mir erklärt, warum man sich von mir getrennt hat“, erklärt die Frankfurter Psychotherapeutin Yvonne Keßel. Carolin Schneider zum Beispiel leidet selbst in ihrer neuen Beziehung noch darunter, dass es jemanden gab, der sie „emotional so verarscht hat“. Wenn sie ihren neuen Partner mal telefonisch nicht erreichen kann und er nach zwei oder drei Stunden immer noch nicht zurückgerufen hat, „dann dreht sich bei mir das Karussell: Er will mich verlassen“.

„ Aber einfach abtauchen, das finde ich armselig.“

Solche Gedanken wieder loszuwerden sei sehr schwer, „weil wir das Verhalten des anderen nicht verstehen können, da wir den Grund für sein Verschwinden nicht kennen“, sagt Yvonne Keßel. Daher suchten wir in solchen Fällen den Fehler meist erst bei uns selbst. Aber das sei falsch: „Der andere hat etwas falsch gemacht.“ Hilfreich sei daher ein Perspektivwechsel weg von sich selbst, hin zu dem anderen. Man solle erkennen, dass der andere es sei, der ein Problem habe. „Das dauert sehr lange, bis man das schafft“, weiß Keßel. Und eine gewisse Angst in der neuen Beziehung bleibe, „denn es ist etwas über einen hereingebrochen, was man nicht kontrollieren konnte. Diese Verletzungen sitzen unheimlich tief.“

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Valerie Petermann ist hingegen besser über das Abtauchen von Bernd M. hinweggekommen – natürlich, weil die Beziehung längst nicht so tief ging und auch weil Freundinnen von ihr, die M. kennengelernt hatten, ihr sehr schnell danach erzählten, dass sie ihn mit anderen blonden Frauen gesehen hatten. „Ich habe einen Haken an die Geschichte gemacht“, sagt sie, „aber ich verstehe nicht, warum er nicht einfach gesagt hat, was Sache ist. Er hätte sagen können: ‚Es passt halt nicht, deine Nase passt mir nicht‘, irgendwas. Aber einfach abtauchen, das finde ich armselig.“ Die Erklärung, die sie dafür hat, ist, dass er sich „was Frisches klargemacht hat“ oder dass er vielleicht „parallel verschiedene Geschichten am Laufen hatte und eine andere Frau williger war als ich“.

Bernd M. hat hingegen eine völlig andere Sicht der Dinge. Unter einem Vorwand haben wir ihn zu einem gemeinsamen Mittagessen überredet, er wirkt wohlhabend und sehr gepflegt. Als er erfährt, worüber wir in Wirklichkeit mit ihm reden wollen, streitet er sofort alles ab: Er habe Valerie Petermann sehr wohl gesagt, dass er sie nicht mehr wiedersehen wolle. Allerdings kann er sich nicht mehr daran erinnern, in welcher Situation das gewesen sein soll, und auch nicht, mit welchen Worten er das gesagt haben könnte. Er sagt lediglich: „Ihr Interesse an mir ist bei mir nicht so angekommen. Ich dachte, sie hat noch andere Männer, und ich bin für sie nicht so wichtig.“ Und dann fügt er noch hinzu: „Es wäre mir schwergefallen, ihr zu sagen, was mich an ihr stört, das wollte ich ihr nicht zumuten.“

Lieber per Brief oder SMS Schluss machen

Tatsächlich ist die Ursache für Ghosting meist die Angst vor Konflikten. „Menschen, die keine andere Stressbewältigungsstrategie haben, umschiffen dadurch eine Situation, der sie sich nicht gewachsen fühlen“, sagt die Psychologin Keßel. Insofern sei Ghosting ein Ausdruck großer Hilflosigkeit. Seltener sei es auch ein Zeichen für Narzissmus: „Menschen, die wenig mitfühlend sind, denken vielleicht: Ich brauche mich nicht mehr zu melden, es gibt keinen Grund, dass ich mir die Mühe mache, diesen Menschen nicht zu verletzen.“ Dahinter stecke meist eine eigene Verletzung.

Besser als Ghosting sei alles: „Jeder Brief, sogar jede SMS ist besser. Am besten ist aber natürlich ein persönliches Gespräch, in dem man sich erklärt. Das kann schwierig sein, vor allem für Menschen, die sehr harmoniebedürftig sind“, so Keßel. Valerie Petermann aber zumindest hat keine Probleme mit dem Schlussmachen: „Ich habe immer kurz angerufen und gesagt: ‚Ich find dich total nett, aber ich will dich nicht wiedersehen, weil ich glaube, dass sich zwischen uns nichts entwickeln wird‘“, erzählt sie. Damit fühle sie sich wohler. Und sie will sich so auch davor schützen, dass der betreffende Mann sie anruft und sie sich erklären muss. Sie glaubt: „Wenn ich selbst anrufe, kann ich das Gespräch besser lenken.“

Einmal hat sie Bernd M. übrigens nach seinem Abtauchen noch wiedergesehen – drei Jahre nach der Trennung: in einem Café, im Gespräch mit einer Frau. „Ich habe ihn angeguckt, und er guckte zurück, als wisse er gar nicht mehr, wer ich sei. So nach dem Motto: Wer bist du denn? Ich dachte: Was ’ne Wurst. Aber irgendwie fand ich es auch lustig. Die Frau, mit der er da saß, war schon wieder eine Blondine.“

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Hummel Katrin
Katrin Hummel
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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