Behörde für Branntwein

Dienst ist Schnaps, und Schnaps ist Dienst

Von Friederike Haupt
 - 14:21
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Es kommt nicht oft vor, dass eine Behörde sich abschafft. Aber gerade passiert es. Ende dieses Jahres wird sie weg sein. Trotzdem kriegt man kaum was davon mit. Warum eigentlich? Immerhin ist es eine Bundesoberbehörde; die kommt direkt unter dem Bundesministerium, und sie schafft sich auch nicht aus Langeweile ab, sondern weil sie muss. Was sie bisher getan hat, verstößt gegen die Regeln der EU. Das hat sie mit der alten Glühbirne gemeinsam. Die Glühbirne ist schon weg. Jetzt also die Behörde. Von 650 Mitarbeitern sind abschaffungsbedingt noch 20 übrig. Was sagen die dazu?

Erst mal müssen sie erklären, was ihre Behörde überhaupt tut. Da war die Glühbirne klar im Vorteil. Sie leuchtete einfach. Die Behörde – schwieriger. Schon ihr Name. Wer ihn aufsagen will, muss ihn auswendig lernen: Bundesmonopolverwaltung für Branntwein.

Die Behörde hat ihre Zentrale in Offenbach bei Frankfurt. Der Volksmund oder jedenfalls der Offenbachermund nennt das Gebäude „Schnapspalast“. Drinnen sagen sie scherzhaft „Alcatraz“, weil die Architektur an ein Gefängnis erinnert. An ein außerirdisch schönes Gefängnis allerdings, inklusive Glaskunstfassade aus echtem Kathedralenglas. Ist das jetzt ein Geisterhaus, wo 20 Beamte in den Gängen spuken, durch die einst 650 strömten? Nein, die 650 waren sowieso auf verschiedene Standorte verteilt. Und im „Alcatraz“ ist vor einigen Jahren ein Teil der Zollverwaltung mit eingezogen. Normale Stimmung, „Mahlzeit“-Rufe über den Gang, ein älterer Beamter sagt „Guten Tag“. Das ist Ulrich Metzen, Vertreter des Vertreters des Präsidenten der Bundesmonopolverwaltung, dennoch wichtigster Mann.

Der letzte Präsident ist nämlich 2012 in den Ruhestand gegangen, danach wurde kein neuer benannt, weil schon damals das Ende der Behörde absehbar war. Der ständige Vertreter des Präsidenten ist bereits mit neuen Aufgaben beschäftigt, er wechselte in die Generalzolldirektion. Bleibt Ulrich Metzen. Er ist derjenige, der die Abwicklung der Behörde leitet. Der Letzte, der gehen wird.

Das Karrieremodell der Stunde: rauf oder raus

In Metzens Büro erzählt alles von der Vergangenheit. In der Ecke steht ein knorriger Kaktus. Den hat Metzen sich vor über dreißig Jahren zugelegt. Damals war er Student und der Kaktus fünf Zentimeter klein. In dem Zimmer steht außerdem ein Fliesentisch, der schon einige Jahrzehnte aus der Mode ist. Auf dem Tisch ein Aschenbecher, trotz Rauchverbots. Das Ledersofa dahinter hat Metzen von einem ehemaligen Präsidenten der Behörde übernommen.

Metzen arbeitet seit 1993 in der Behörde, also seit 25 Jahren. Das können sich viele heute gar nicht mehr vorstellen: nicht, dass es geht, und erst recht nicht, dass jemand es will. Wer dort bleibt, wo er ist, gilt als Sparbrief unter Bitcoins, das Karrieremodell der Stunde nennt sich „Up or out“, rauf oder raus, schnell aufsteigen oder Job wechseln. Metzen ist nicht schnell aufgestiegen, und jetzt steigt er stetig ab. Seine Macht schrumpft mit jedem Tag. Erstaunlicherweise schwärmt er aber nicht davon, wie viel besser früher alles war, wie viel leichter für Leute wie ihn.

Metzen, Diplomfinanzwirt und Jurist, spricht wie jemand, der seinen Zuhörern keine Zeit stehlen will. Oft baut er Doppelpunkte ein. Er sagt zum Beispiel: „Ausnahmen: Rum, Whiskey“, oder: „Konsequenz: Keine Chance im freien Markt“. Auch über das Ende seiner Behörde spricht er so. Gelassen, manchmal melancholisch, immer ohne Bitterkeit. Wie kann das sein, nach 25 Jahren, die er dort verbrachte, mit einer Arbeit, die ihn bis heute erfüllt?

Der Trick ist: Metzen versteht, warum Schluss ist. Nicht, dass er nicht traurig wäre. Immerhin räumt die EU gerade sein Lebenswerk ab. Aber Metzen sieht auch, warum, und warum die EU dabei unterstützt wird von Politikern aus Berlin. Außerdem kennt er die Geschichte seiner Behörde. Ihr Ende kam nicht von heute auf morgen, so wie fast nichts von heute auf morgen kommt außer einem neuen Tag.

Aber zunächst kam ja der Anfang. Und zwar so: Die Deutschen sollten keinen gepanschten Schnaps saufen. Das war einer der Gründe, aus denen das Deutsche Reich 1922 die Reichsmonopolverwaltung gründete. Sie stellte sicher, dass kein Branntwein an ihr vorbei zu den Leuten kam. Wer also welchen herstellte, musste ihn dort abliefern, gegen Geld; die Monopolverwaltung reinigte ihn und verkaufte ihn mit Gewinn weiter. Bald bekam sie auch die Herrschaft über die Importe: Was sie nicht im Reich haben wollte, blieb draußen. Die Reichskasse jubilierte. Das war einer der besonders guten Gründe für das Monopol.

Fette Jahre in Offenbach

Nach dem Zweiten Weltkrieg zog die Behörde, nun als Bundesmonopolverwaltung, von Berlin nach Offenbach; die Stadt hatte das Grundstück kostenlos angeboten. Fette Jahre. Die Beamten lenkten den gesamten deutschen Branntweinmarkt. Die Konkurrenz aus dem Ausland blieb praktisch ausgeschaltet; es gab zwar Spezialitäten wie Rum und Whiskey, aber das, was wirklich Geld brachte, also unverarbeiteter Alkohol, den auch die Industrie dringend brauchte, wurde kaum über die Grenze gelassen. Bis 1976.

Damals urteilte der Europäische Gerichtshof, das deutsche Modell sei nicht vereinbar mit den Artikeln 37 und 95 der Römischen Verträge. Das Einfuhrmonopol wurde aufgehoben, billiger Alkohol aus Frankreich und Italien strömte ins Land. Die deutschen Schnapsfabrikanten, die ihren Stoff bisher teuer in Offenbach eingekauft hatten, konnten sich nun deutlich günstiger Ersatz beschaffen, was viele auch taten. Fachleute fanden das gut. Sie meinten, dass es Deutschland geschadet habe, den internationalen Wettbewerb auszuschalten. Zu teure Rohstoffe seien verarbeitet worden, ohne dass die Qualität der Produkte wesentlich besser gewesen wäre als die der ausländischen Konkurrenz; die technische Entwicklung habe stagniert; kleine Brennereien seien gegen jede Vernunft gepäppelt worden.

Künstliche Beatmung für die Behörde

Die Bundesregierung entschied, die Behörde am Leben zu halten: künstliche Beatmung. Sie pumpte Geld aus dem Staatshaushalt rein. Es war nämlich so, dass die Monopolverwaltung jetzt Verluste machte. Sie kaufte den Alkohol teurer ein, als sie ihn weiterverkaufte. Das wissen schon Schulkinder: Eine Tafel Schokolade für einen Euro beim Büdchen holen und auf dem Schulhof für 80 Cent weiterverkaufen – nicht gut. Die F.A.Z. schrieb damals: „Ein Finanzmonopol, das Geld in die Taschen des Bundes bringen soll, muss nun selbst mit Steuermitteln gestützt werden – ein Kuriosum ersten Ranges.“ Ulrich Metzen sieht das nicht viel anders. Es sei eben fortan eine politisch gewollte Unterstützung der Bauern und Brenner gewesen. „Aber auch: das formelle Ende des Monopols.“

Drei Jahre später, 1979, der nächste Schock. Die Supermarktkette Rewe hatte die Bundesmonopolverwaltung vor dem Europäischen Gerichtshof verklagt – und bekam recht. Rewe wollte aus Frankreich einen Johannisbeer-Likör importieren, den „Cassis de Dijon“ mit 15 bis 20 Volumenprozent Alkohol. Die Monopolverwaltung verbot das. Bei derlei Spirituosen seien in Deutschland mindestens 25 Volumenprozent vorgeschrieben. Rewe vertrat den Standpunkt, Cassis sei eine französische Spezialität. Was in Frankreich zugelassen sei, müsse auch in Deutschland erlaubt sein. Das Gericht stimmte zu, das Urteil ging als „Cassis-de-Dijon-Entscheidung“ in die Geschichte ein. Ihr liegt das Prinzip zugrunde, dass ein Produkt, das in einem EU-Mitgliedstaat rechtmäßig verkauft wird, auch in allen anderen Mitgliedstaaten verkauft werden darf. Wieder verlor die Offenbacher Behörde an Macht. Die meisten Deutschen gewannen, sie konnten beim Einkaufen zwischen mehr Produkten auswählen.

Metzen springt, wenn er vom Niedergang erzählt, nun zwei Jahrzehnte weiter. Zum nächsten Tiefschlag. Wobei er statt Tiefschlag „markanter Schritt“ sagt. Es war Ende der Neunziger, Bundeskanzler Schröder wollte sparen. Auch am Monopol. Das kaufte seinen Alkohol damals noch bei 1200 Brennereien ein; wie gehabt zahlte der Staat drauf. Die Hälfte der Brennereien sollte nun raus aus dem bequemen System. Nicht die ganz kleinen, aber die gewerblichen. Sie bekamen eine Abfindung und sollten allein zurechtkommen. Die meisten machten dicht.

Ein Kompromiss für Deutschland

Ja, und dann die EU. Sie wollte, dass alle die gleichen Chancen haben auf dem europäischen Binnenmarkt. Gute Idee eigentlich; aber schlecht für die Monopolverwaltung. Deren Geschäftsmodell verstoße gegen die gemeinsamen Wettbewerbsregeln, entschieden Vertreter der EU-Regierungen und der Europäischen Kommission im Jahr 2003. Kein anderes Land betrieb so was; die, die es mal so ähnlich gemacht hatten, machten es längst nicht mehr. Aber man fand einen Kompromiss für Deutschland: Die Brennereien durften weiter staatlich gefördert werden, aber nur noch sieben Jahre lang, bis 2010. Ein Geschenk. Alle anderen Länder mussten sich an die Regeln halten. Ulrich Metzen: „Da dachte man: Okay, wenn’s Brüssel einmal akzeptiert, dann tun sie’s auch ein zwotes und drittes Mal. Ziel war: auf Dauer. Das ging in die Hose.“

Metzen kämpfte. Er reiste nach Brüssel, um den Politikern zu erklären, wie gut seine Leute ihre Aufgaben erledigten. Mit einer Spedition ließ er das Modell eines Alkoholreinigungswerks der Behörde nach Brüssel karren – vergeblich. Es gab noch mal Aufschub, bis 2013, und noch mal, bis Ende 2017. Die Behörde schrumpfte. Wenn Leute in Pension gingen, kamen keine neuen nach. 650 Mitarbeiter waren es in den Siebzigern gewesen, lange her. Am Ende eben noch 20. Seit diesem Jahr nun hat die Bundesmonopolverwaltung keine Aufgaben mehr, außer sich bis zum 31. Dezember vollständig abzuwickeln.

Metzen wirkt dennoch nicht verzagt. Ihm sind im vergangenen Jahr einige Dinge gelungen. Zum Beispiel konnte er dazu beitragen, dass seine Kollegen auf neue Dienststellen verteilt werden, ohne in eine neue Stadt umziehen zu müssen. Das geht gut mit zwanzig, dreißig, vierzig Jahren. Aber mit sechzig? So alt wird bald die Leiterin des Referats Chemie. Sie hat noch drei Mitarbeiter. Metzen verkündet: „Die sind künftig abgeordnet an die Generalzolldirektion, Bildungs- und Wissenschaftszentrum Münster in Westfalen, Dienstsitz Frankfurt, und jetzt kommt’s: Dienstort Offenbach. Hier im Gebäude. Das haben wir hingekriegt.“ Leider nur befristet, in eineinhalb Jahren wird geprüft, wie es weitergeht. Aber immerhin. Die Chemikerin kann Dinge, die auch zukünftig gebraucht werden. Alkohol wird ja weiterhin kontrolliert in Deutschland, so, wie weiterhin Glühbirnen leuchten. Die Chemikerin kann zum Beispiel feststellen, welche Mittel geeignet sind, um Rohalkohol zu vergällen, der etwa in Kosmetika hineinkommt. Vergällen bedeutet: Man macht ihn ungenießbar, damit niemand das Zeug trinkt.

Ihre Fähigkeiten sind auch in Europa gefragt

Die Chemikerin macht sich ein bisschen Sorgen, wie sie am neuen Arbeitsplatz zurechtkommen wird. Die neuen Kollegen haben ihr die komplizierten Computerprogramme gezeigt, mit denen sie die Messdaten speichern. Die verstünden sie selbst kaum. Na ja. Insgesamt beklagt die Chemikerin sich nicht. Sie hat im Übrigen festgestellt, dass ihre Fähigkeiten nicht nur in Deutschland gefragt sind, sondern auch in Europa. In den letzten Jahren hat sie in einem europäischen Projekt mitgearbeitet, das die Vergällung in der EU vereinheitlichen will. Sie ist viel gereist, „da hat man die Kollegen und Probleme aus anderen Mitgliedstaaten kennengelernt, das war sehr interessant“.

Und was wird aus Metzen? Er kann gut mit Zahlen. Früher war sein Job, zu prüfen, ob die Brennereien wirtschaftlich arbeiten. Die Subventionen sollten im Rahmen bleiben. Bericht erstattete er dem Bundesfinanzminister, zuletzt Schäuble. Metzen wird auch beim Zoll landen, ungewiss ist noch, in welcher Abteilung. Fürchten tut er sich nicht vor der neuen Aufgabe. Nur ahnt er, dass alles bürokratischer laufen wird als in der kleinen Monopolverwaltung. Metzen hätte die Möglichkeit, bald in Altersteilzeit zu gehen. Will er? „Im Moment denke ich, dass ich es bis zum regulären Ende, bei mir: bis 2023, aktiv weiter betreibe.“

Seit dem 1. Januar ist das Branntweinmonopolgesetz außer Kraft, es gilt stattdessen das Alkoholsteuergesetz.

Quelle: F.A.S.
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