Christlicher Glauben

Mama, das ist doch normal, dass wir beten, oder?

 - 16:06

Ich bin nicht strenggläubig in dem Sinne, dass ich Wort für Wort glaube, was der Pfarrer sonntags predigt. Es ist wichtig, kritisch zu sein. Aber ich komme aus Bayern, wo ich katholisch erzogen wurde, und seit ich selbst Kinder habe, ist mein Bezug zum Glauben wieder stärker geworden. In stressigen Zeiten schicke ich manchmal ein „Danke“ los, weil ich das Gefühl habe, da hat jemand seine schützende Hand über mich gehalten. In der Weihnachtszeit finde ich es schön, sich damit zu befassen, wo das alles herkommt. Das ist ja mehr als: Alles glitzert und ist schön.

Ich habe festgestellt, dass der Glaube Menschen Halt und Orientierung gibt. Und ich mag die Traditionen, die damit verbunden sind. Am Barbaratag zum Beispiel, am 4. Dezember, werden Kirschzweige geschnitten, durch die Wärme in der Wohnung gehen die Blüten bis Weihnachten auf. Für die Kinder ist das doch faszinierend. Ich muss keine Glaubensdiskussionen führen: Ist da eine Kraft in uns, die aktiviert wird, oder gibt es wirklich eine höhere Macht? Eigentlich ist das egal. Glauben macht ein gutes Gefühl.

Wem gegenüber gilt die Toleranz?

Vor knapp vier Jahren bin ich nach Berlin gezogen. Ich mag die Stadt, und ich schätze die Toleranz, mit der sie sich so gerne schmückt. Nur: Wem gegenüber gilt das eigentlich? Wir sind tolerant gegenüber Frauen, die Kopftücher tragen. Endlich dürfen gleichgeschlechtliche Paare heiraten. Im Berliner Alltag sieht man buddhistische Mönche und trifft auf totale Freizügigkeit. Ganz bewusst habe ich für meine Kinder eine Kita ausgesucht, in der sämtliche Religionen und Nationen vertreten sind. Ich möchte, dass meine Kinder mit einem Gefühl für Vielfalt aufwachsen.

Aber ich sage auch: Gleiches Recht für alle. Auch als Christin kann man eine gewisse Toleranz erwarten. Ich finde aber, das fehlt. Dabei leben wir in einem christlich geprägten Land. Was ist so abwegig daran, dass jemand diesen Glauben in seinen Alltag integriert? Dass jemand nicht nur in die Kirche geht, um das schöne Gebäude zu betrachten? Dass jemand Feiertage nicht nur genießt, weil frei ist? Wie kann die toleranteste Stadt Deutschlands so intolerant sein?

„Als wäre ich ein schädliches Umfeld“

Zum ersten Mal irritiert war ich, als ich den ersten Berliner Kindergeburtstag meines Sohnes ausrichtete. Es war kurz vor Weihnachten und die Wohnung entsprechend dekoriert. Zusätzlich habe ich in der ganzen Wohnung Putten, diese typischen Holzengel. Die hingen schon in meinem Kinderzimmer und haben jeden Umzug mitgemacht. Einen habe ich so im Türrahmen im Flur angebracht, dass er jeden, der die Wohnung betritt, anguckt.

Und dann kam eine Mama, um ihr Kind abzugeben, zeigte auf den Engel und fragte: Hast du den auch für Weihnachten aufgehängt? Ich sagte: Nee, der hängt immer bei mir. Und sie so: Wie? Ich wollte ansetzen und von Schutzengeln erzählen, aber für sie war das komisch. Man merkt ja, wenn Menschen mitten im Satz aufhören zu sprechen. Sie fand das einfach nicht gut. Und mich durchzuckte plötzlich der Gedanke: Ob sie ihr Kind jetzt wieder mitnimmt? Als wäre ich ein schädliches Umfeld. Irgendwie seltsam. Aber ich habe das damals als einmaliges Ding abgetan.

Dann kam eines Tages mein Sohn aus dem Religionsunterricht nach Hause und fragte: Mama, das ist doch normal, dass wir beten?

Jeden Abend sitzen wir zu dritt im Bett, kuscheln und lesen vor. Im Anschluss wird gebetet: „Müde bin ich, geh zur Ruh, schließe meine Augen zu. Vater, lass die Augen dein über meinem Bettchen sein.“ Dann sprechen die Kinder selbst darüber, was an dem Tag gut war und was wir vielleicht anders machen müssen. Mein Sohn wird jetzt acht, an manchen Tagen ist er ganz pragmatisch und sagt nur: Lieber Gott, beschütze meine Familie und meine Freunde. Manchmal kommt noch: Hilf mir, dass ich Skateboard lerne. Oder Skifahren. Das ist ganz süß. Wie bringt man ein Kind dazu, dass es ausdrückt, was es betrifft oder belastet?

Manchmal kann es das ja noch gar nicht formulieren, wenn man danach fragt. Beim Beten, abends, indem ich die Kinder sprechen lasse, kommt es einfach raus. Meine Tochter mit zweieinhalb zum Beispiel setzt erstaunliche Prioritäten. Wenn eine Freundin aus dem Kindergarten nicht aufgezählt wird, weiß ich, dass irgendwas war. Seit der Umgang mit ihrem Vater so schwierig ist, weigert sie sich strikt, ihn ins Gebet einzuschließen. Beten ist wie ein Stimmungsbarometer für meine Kinder, ein wichtiges Ritual, das sie sogar einfordern, wenn ich es aus Zeitgründen einmal weglassen würde.

An jenem Tag nun ging es im katholischen Religionsunterricht um das Beten. Reli ist ein Lieblingsfach meines Sohnes, weil er die Lehrerin sehr mag. Mein Sohn hat davon erzählt, wie wir das vor dem Schlafengehen machen, während die anderen Kinder offenbar alle nicht beten. Danach haben ihn ein paar aus der Klasse schief angeguckt und blöde Sprüche gemacht nach dem Motto: Ist ja doof, dass ihr betet.

Hinterwäldlerisch, weltfremd, uncool

Voll uncool. Wohlgemerkt, nicht die Kinder, die in Lebenskunde gehen, sondern Kinder, die mit ihm im katholischen Religionsunterricht sitzen. Ich habe erst überlegt, ob ich die Eltern anspreche. Aber ich will da kein Thema draus machen. Ist ja jedem selbst überlassen, wir machen das zu Hause, und wir lassen uns nicht irritieren. Aber was diese abfällige Haltung für meinen Sohn bedeutet hat, kann ich nur ahnen. Nicht, dass er nicht mehr beten wollte. Aber ich fürchte, dass er nicht mehr so freimütig darüber spricht.

Dann ist mir genau das Gleiche passiert. Bei einem Elternabend oder Fest in der Kita stand ich mit anderen Müttern zusammen und erzählte von unserem Abendritual. Und die Reaktion war: Wie? Hä? Botschaft: Das ist ja total hinterwäldlerisch. Weltfremd. Als würden wir zu einem alten Mann mit weißem Bart beten. Dabei weiß ich doch gar nicht, was die Kinder sich vorstellen. Ich saß da und wusste nicht, wie ich argumentieren soll. Die eine war eine ganz nette Mama, eine gebildete Frau, mit der ich mich immer gut verstanden hatte. Seitdem grüßen wir uns nur noch distanziert. Von einem Moment auf den anderen fühlt man sich total abgewertet.

„Religion wird überhaupt nicht unterstützt“

Durch diese Geschichten habe ich feinere Antennen bekommen. Seitdem fallen mir öfter Sachen unangenehm auf. Beispiel Fronleichnamstag. Die Religionslehrerin hat mir erklärt, dass laut Schulgesetz an katholischen Feiertagen, die in Berlin gewöhnliche Werktage sind, keine Klassenarbeiten geschrieben und keine allgemeinen Ausflüge gemacht werden dürfen, damit nichts einem Extraangebot für die christlichen Kinder im Wege steht.

An der Schule meines Sohnes gab es dieses Jahr für die katholischen Kinder einen Ausflug in den Britzer Garten. Ich weiß nicht, wie viele Kinder an der Schule katholisch sind – aber von insgesamt 500 Schülern waren nur sechs dabei. Es gab nämlich verschiedene Konkurrenzveranstaltungen, die eine Teilnahme schwierig machten. Ich hatte noch an Fronleichnam selbst im Sekretariat eine Frage zu dem Ausflug: Die wussten von nichts. Religion wird überhaupt nicht unterstützt. Das fällt einfach unter den Tisch. Ich finde das schade. Bei so einem Feiertagsausflug wird ja auch viel erklärt.

Auf dem Land scheint die Akzeptanz größer zu sein

Auch die Reli-Lehrerin hat mir ihr Leid geklagt. Ursprünglich hatte sie ein eigenes Zimmer für ihren Unterricht, das wurde anderweitig gebraucht. Seitdem unterrichtet sie in der Bibliothek. In ihrem Zimmer konnte sie alles, was sie mit den Kindern gemalt und gebastelt hatte, aufhängen – und auch aufgehängt lassen. Das geht jetzt natürlich nicht mehr, weil die Werke christlich geprägt sind und das nicht zu der weltanschaulichen Neutralität der Schule passt. Die Lehrerin ist frustriert. Sie hat keine Lust mehr und ist enttäuscht, dass ihre Arbeit überhaupt nicht wertgeschätzt wird.

Einer evangelischen Freundin von mir, die aus einer hessischen Kleinstadt stammt und schon zwanzig Jahre in Berlin lebt, geht es ähnlich. Ihre Schwiegereltern haben ein altes Pfarrhaus in Brandenburg und betreuen dort auch die Kirche. Meine Freundin sagt: Wir leben unseren Glauben, wenn wir dort sind. Sie geht auch in Berlin in die Kirche. Aber das hängt sie nicht an die große Glocke. Weil ihr auch aufgefallen ist, dass das als komisch abgetan wird. Kürzlich habe ich mich mit einem Mann aus Thüringen unterhalten, der überlegt, wieder in seine Heimat zurückzugehen, weil ihm hier in Berlin der Glaube fehlt, mit dem er aufgewachsen ist. Ich komme aus Bayern. Meine Freundin ist aus Hessen. Dieser Mann stammt aus Thüringen. Quintessenz: In manchen Regionen in Deutschland scheint es Normalität zu sein, dass man seinen Glauben lebt und in den Alltag integriert. Aber in Berlin?

„Wie lange hält man so etwas aus?“

Prinzipiell ist das Leben in einer Großstadt natürlich immer etwas anonymer und loser. Dafür hat man in Berlin diese Kieze. Die Leute aus der Nachbarschaft, die Eltern aus der Schule trifft man im Supermarkt, beim Bäcker, auf dem Schulweg, auf dem Wochenmarkt. Nur in der Kirche sehe ich die nie. Ich habe mich schon gefragt, woran das liegt. Ist es vielleicht Absicht, dass dieser Glaube untergeht? Es ist ja nicht nur die einzelne Situation, hier ein Blick, da ein Spruch. Es zieht sich so durch. Als die Mutter damals am Kindergeburtstag in meinem Flur stand, habe ich diese Ablehnung noch gar nicht groß registriert. Aber wenn dann immer mehr Sachen kommen und nicht nur einer so reagiert... Die Frage ist immer: Wie viel braucht es? Wie lange hält man etwas aus?

Wir sind ein christlich geprägtes Land. Ich bin so aufgewachsen, und ich möchte nicht, dass das eingeht. Ich möchte meinen Glauben und die damit verbundenen Traditionen ausleben und an meine Kinder weitergeben. Diese Haltung ist in Berlin sogar stärker geworden. Weil ich hier auf diese gefühlte Intoleranz gestoßen bin, sage ich: Jetzt erst recht. Man könnte fast von Radikalisierung sprechen.

Bei mir entsteht ein Bedürfnis, sich das nicht wegnehmen und kaputtmachen zu lassen. Die Bedeutung von Weihnachten oder von Ostern zum Beispiel. Christi Himmelfahrt, das heute nur noch Vatertag ist. Hier in Berlin, wo die Schule das kaum unterstützt, übernehme zunehmend ich die Vermittlung. An Mariä Himmelfahrt gibt es in meiner Heimat die Tradition, Kräuterbuschen zu binden. Das sind Sträuße aus Wildkräutern, die geweiht werden und Schutz bringen sollen fürs Haus. Dieses Jahr bin ich zum ersten Mal in der Früh los und habe den Kräuterbuschen selbst gebunden. Das war wie eine Trotzreaktion.

Der Weg führt zurück nach Bayern

Ich möchte, dass mein Sohn ganz normal sagen kann: Ja, ich bin getauft, ich gehe in die Kirche, und ich gehe jetzt zur ersten heiligen Kommunion. Er soll sagen können, dass er gerne Messdiener werden will, so wie alle Jungs in Bayern, da hat das Tradition. Aber wie schwer wird das in Berlin? Wie stark muss ein Kind sein mit acht oder neun Jahren, um sich bei so viel Gegenwind durchzusetzen in der Schule? Sagt er dann, er will das nicht, weil die anderen es doof finden? Inwiefern schränkt ihn das ein?

Ich habe mich jetzt entschieden, nach Bayern zurückzugehen. Als wir sonntags in der Kirche waren, ist mein Sohn wie aufgeblüht, weil er merkte: Er ist nicht der Einzige. Seine Freunde gehen auch. Ich selbst wurde gleich am zweiten Schultag in die Eltern-Whatsapp-Gruppe aufgenommen. Als kurz darauf ohne Ankündigung eine Reli-Probe geschrieben wurde, ging es am Nachmittag los, ich müsste mal nachzählen, wie viele Nachrichten das waren: Piep-piep! Wie? Eine unangekündigte Probe? Die Kinder waren ja gar nicht vorbereitet! Das zieht doch die Note total runter! Ich saß vorm Handy und musste lachen. Im Vergleich zu Berlin fand ich das übertrieben: Ist doch nur eine Reli-Probe. Aber für mich war es wie eine Befreiung. Weil es da auf einmal ganz viele Menschen gab, denen das auch wichtig ist. Und bei denen ich nicht mehr den Mund halten oder mich für meinen Glauben schämen muss.

Aufgezeichnet von Julia Schaaf.

Quelle: F.A.S.
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