„Arschgeweih“

Aufstieg und Fall des perfekten Tattoos

Von Philip Eppelsheim
 - 13:32
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Anfang und Ende des „Arschgeweihs“ kamen, als ein Tätowierer seiner Freundin auf den Po schaute. Und auf ihre Tätowierung über dem Po. Die hieß damals noch Steißbeintribal. Denn den Begriff „Arschgeweih“ gab es vor der Jahrtausendwende noch nicht. Pogo, Jahrgang 69, den Bekannte als einen kleinen, verrückten Punkrocker beschreiben, war seit gut zehn Jahren als Tätowierer tätig. In seiner Heimat Österreich war er ein Star in der Szene. Er blickte also auf den Hintern und auf das Tattoo, und er dachte in diesem Moment, dass es aussehe, „wie ein Geweih auf dem Arsch“, ein „Arschgeweih“.

So erzählt Pogo die Entstehungsgeschichte vom Wort „Arschgeweih“. Es sei das erste Mal gewesen, dass jemand ein Tattoo auf dem Steiß so nannte. Pogo sagt: „Ich habe das Wort erfunden.“

Woran Pogo nicht dachte, nicht einmal im Entferntesten, war, welche Macht seine Wortschöpfung einmal entfalten würde. Dass Tätowierer und Frauen darunter leiden würden – und jene Männer, die Frauen gerne auf den Po starren. Also fast alle. #MeToo. „Ich habe doch nicht damit rechnen können, dass dieses Wort so groß wird“, sagt Pogo. Und er rechnete auch nicht damit, dass er mit dem Namen für das Tattoo ebendieses vernichtete.

„Keine Macht dem Arschgeweih!“

Aber so war es nun einmal – und deshalb ist die Geschichte vom „Arschgeweih“ nicht nur eine Geschichte darüber, dass man nicht jedem Trend hinterherrennen sollte, weil selbst die schönsten und harmlosesten Dinge eine unschöne Bedeutung aufgedrückt bekommen können und man selbst in eine Schublade gesteckt wird. Sondern es ist auch eine Geschichte über die Macht der Verachtung und über die Macht der Worte. George Orwell sagte einmal: „Wenn das Denken die Sprache korrumpiert, korrumpiert die Sprache auch das Denken.“ Wörter können trösten, verletzen oder vernichten. Es spielt nun einmal eine Rolle, ob man eine Kanzlerin Mutti nennt oder Zonenwachtel. Das eine ist liebevoll, das andere verletzend. Das eine tut gut, das andere will vernichten. Beides sollte man sich möglichst auch nicht auf den Unterarm tätowieren. Man könnte es bereuen, meinen Tätowierer.

Für Pogo war die Wortkreation lediglich ein Spaß. Er zeichnete ein Verbotsschild: einen rot umrandeten Kreis mit einem Strich durch die Mitte – wie ein Parkverbotsschild. Im Inneren des Kreises war ein Po mit Steißtribal zu sehen. Dazu schrieb Pogo: „Keine Macht dem Arschgeweih!!!“ Er sagt, das sei eine Anlehnung an die Band „Ton Steine Scherben“ gewesen und an ihr Lied „Keine Macht für Niemand“: „Im Süden, im Osten, im Westen, im Norden, / es sind überall dieselben, die uns ermorden. / In jeder Stadt und in jedem Land, / schreibt die Parole an jede Wand.“ Die Parole hatte Frontmann Rio Reiser einst in einer Anarcho-Zeitung entdeckt – bis heute ist sie beliebt bei Linksradikalen und bei Autonomen. Und ihr Tanz ist der Pogo.

Tattoos gehörten nicht mehr in die Schmuddelecke

Das Verbotsschild kam bei Pogos Freunden gut an. Er hatte die Lacher auf seiner Seite. Er ließ Aufkleber drucken, 5000 Stück, und er nahm sie mit auf eine Tattoo-Convention. Er sagt: „Sie gingen weg wie warme Semmeln.“ Auch andere Tätowierer erinnern sich noch gut daran, obwohl es nun schon 16 Jahre her ist. Aber Pogo und sein Schild sind in der Szene eine Legende. Das Verbotsschild sei gut gemacht gewesen, sagen die Tätowierer. Der Kreis war schön rund, der Po einigermaßen wohlgeformt, die Aussage perfekt. Jeder wollte einen Aufkleber haben.

Dazu muss man wissen, dass das Steißtribal nicht nur irgendein Tattoo war. Abertausende junge Frauen ließen es sich damals stechen. Es war die Zeit, in der Tattoos aus der Schmuddelecke kamen, nicht mehr nur Verbrechern, Seeleuten, Rockern und Nutten vorbehalten waren. Nicht mehr nur Herzen, Kreuze, Anker und Indianer darstellten. Tattoos wurden Trend und galten als Kunst. Gerade Tribals, die ursprünglich aus Borneo und Sumatra stammten und dort ein Symbol der Kopfjäger gewesen waren, erfüllten den Wunsch nach Exotik und danach, sich vom westlichen Alltag abzuheben. Die Amerikaner, allen voran der Tätowierer Leo Zulueta, entdeckten die Tribals für sich. Von dort schwappte der Trend in den Neunzigern nach Deutschland. Wie es so oft der Fall ist.

Dekoration ohne tieferen Sinn

Eine der ersten Frauen, die hierzulande stolz ihr Streißtribal präsentierte, war die Rapperin Sabrina Setlur. Sie war ein Star, ihr bekanntestes Lied „Du liebst mich nicht“: „Ob du Krebs hast oder Aids / mir geht’s am Arsch vorbei / du Wichser reißt mein Herz in zwei“.

Neben derart prominenten Vorbildern und der Sehnsucht nach Exotik gab es vor allem zwei Gründe für die Beliebtheit des Tattoos:

Das Internet war damals ebenso jung wie das Steißtribal. Beide verbreiteten sich mit einer enormen Geschwindigkeit. Bei Google gab es schon damals täglich 100 Millionen Suchanfragen. Pogo sagt, es passierte das, was auch heute stets passiert, wenn Menschen einem Trend hinterherlaufen: „Man schaut sich im Netz immer nur die ersten Ergebnisse an. Heute ist das bei Blumentattoos so. Die Frauen googeln nach Motiven und wollen deshalb alle dieselbe Lilie.“ Oder auch eine Rose.

Hinzu kam, dass die modernen Tribals rein gar nichts mehr bedeuteten. Einen geflügelten Totenkopf konnten nur Hells Angels tragen, eine Steißtätowierung aber war für alle da. Es hatte keinen Inhalt, keinen Sinn, sondern es ging nur um die Oberfläche. „Es war einfach hübsch und dekorativ und hatte einen erotischen Aspekt, es rahmte den Po ein“, sagt Dirk-Boris Rödel, der viele Jahre Chefredakteur des Tätowiermagazins war. „Das machte es zu dem perfekten Tattoo, und deshalb wurde es so extrem populär.“ So erzählen es auch Frauen, die sich damals ein solches Tattoo ste-chen ließen: Es sollte Deko sein, die Stelle verzieren, auf die tiefsitzenden Hosen, wie sie damals Mode waren, den Blick freigaben, ohne tiefere Bedeutung, ein Hingucker. Sie fanden es einfach schön. So, wie es heute viele Männer schön finden, ins Fitnessstudio zu rennen.

Jahr für Jahr immer das Gleiche

Tätowierer wie Maik Frey stachen Hunderte Tribals. Er sagt, er hatte persönlich nichts gegen die Tattoos. „Wenn sie sauber gestochen waren und wenn sie der Anatomie der Frau schön angepasst waren.“ Er sagt auch, dass man, wenn man die Linien einmal sauber draufhatte, die Augen beim Tätowieren schließen konnte. „Es war Malen nach Zahlen.“ Ein norwegischer Kollege nannte es „teeren“. Und noch einer beschreibt die Arbeit damals so: „Schwarzarbeit“ nannte sich das, was man den ganzen Tag für die nie endend wollenden Ströme an Kunden mit scheinbar ein und demselben Geschmack tat.

Viele Tätowierer langweilte die Arbeit an den Tribals, immer das Gleiche, immer einfallslos, Monat für Monat und Jahr für Jahr. Auch wenn die meisten Kundinnen jung und hübsch waren, die Tätowierer empfanden es doch als würdelos, ständig nur Massenware herzustellen, von Individualität und von Kunst keine Spur.

Aber die Frauen ließen es sich nicht ausreden. So erinnert es auch Frey: „Wir konnten die Damen meistens nicht dazu überreden, an der Stelle, die eigentlich eine schöne Stelle ist, irgendetwas anderes zu machen, also zum Beispiel eine kleine Rosenranke. Das wäre eine Alternative gewesen. Aber die wollten ihr schwarzes Teil.“

Das Jahr des „Arschgeweih“

Frey war damals dabei, als Pogo seine Aufkleber auf der Tattoo-Messe verteilte. „Ich sah den Aufkleber an seinem Stand hängen. Es sah lustig aus. Wir haben alle gelacht und uns gefreut.“ Zunächst sei der „Arschgeweih“-Begriff szeneintern geblieben. Aber nicht lange. Tätowierer nahmen den Aufkleber mit in ihre Studios, pappten ihn an die Scheiben. „Mein Scherz verselbständigte sich“, sagt Pogo.

Oder wie Rödel es ausdrückt: Die tragische Geschichte nahm ihren Lauf. Und das perfekte Tattoo verlor seine Unschuld.

Denn in den Jahren danach wurde der Begriff „Arschgeweih“ immer populärer. 2004 war schließlich das Jahr des Arschgeweihs: Die Bild suchte im Sommer „das schönste Arschgeweih“, und „Hunderte Leserinnen“ schickten „Fotos der scharfen Kunst-Tattoos überm Popo“. Mein Tattoo ist fast ein String-Tanga, sagte Kauffrau Pia (31); habe fünf Stunden stillgesessen, sagte Krankenschwester Rebekka (27); Ich bin mächtig stolz darauf und zeige das Tattoo auch gern, sagte Verkäufern Susanne (24); so ein Tattoo ist doch zeitlos schön, sagte Angestellte Sabrina (22).

Begriff wurde durch Mittermeier populär

Am Stadtstrand in Berlin suchte auch Jägermeister seine Miss Arschgeweih; den „vielbeachteten Wettbewerb“ gewann „Ania, die schärfste Polizistin von Berlin“. Heute heißt es bei der Kräuterlikörfirma, man habe damals den Zeitgeist getroffen. Likör trifft Geweih, Geweih trifft Arsch. Vor allem aber tourte der Komiker Michael Mittermeier durch die Republik, mit Sätzen wie diesem: „Irgendein Depp macht was vor, und alle anderen machen es nach“, „Jede zweite Frau hat sich die gleiche Tätowierung machen lassen.“

Mittermeier machte den Begriff „Arschgeweih“ populär, vielen gilt er als sein Urheber. Vielleicht hatte er ja auch denselben Gedanken wie Pogo. Besonders ein Satz von Mittermeier traf den Zeitgeist. Mittermeier behauptete in diesem Satz, dass der Sex zwischen Männern und Frauen mit Steißtattoo bisweilen an Oralsex zwischen Männern und Hirschen erinnere. Nur drückte er es roher aus.

Ein Eintrag im Duden

Und heute? Auf die Frage, wie es zu dem Begriff Arschgeweih kam und wie Mittermeier heute darüber denkt, lässt der Komiker nach fünf Monaten Bedenkzeit lediglich mitteilen: „Entschuldigen Sie die in diesem Fall sehr lange Verzögerung, aber wir sind jetzt zu dem Entschluss gekommen, dass wir ein Interview zu dem Thema momentan nicht machen möchten. Tut mir leid.“ Das Tattoo über dem Steiß scheint ein heikles Gebiet zu sein – aber das Netz vergisst schließlich nie:

Frage: „Sie haben mit ,Arschgeweih‘ und ,Arschlochkind‘ Begriffe geprägt, die heute noch verwendet werden. Ist man darauf stolz?“

Antwort: „,Arschgeweih‘ steht mittlerweile im Duden, und natürlich bin ich darauf stolz. Arschgluten wäre dazu noch ein gutes Triumvirat.“

Auch Pogo sagt: „Ich bin stolz darauf, dass es sogar im Duden steht.“ Die Definition lautet: Geschwungene Tätowierung am unteren Rücken, deren Form an ein Geweih erinnert. Im Duden kommt Arschgeweih nach Arschficker und Arschgeige.

Begriff wertet das Tattoo ab

Am Ende des Jahres 2004 nahm das ,SZ‘-Magazin den Begriff in seinen Jahresrückblick auf: „In diesem Jahr populär gewordene, eher abschätzige Bez. für großflächige Tätowierungen oberhalb des Steißbeins. Die Erfindung des Wortes wird dem Komiker Michael Mittermeier zugeschrieben. In Abgrenzung zu Paarhufern kann man das A., das sich in der Folge bauch- und rückenfreier Oberbekleidung entwickelte, bei Menschen fast ausschließlich an Vertretern des weiblichen Geschlechts beobachten.“

Doch die Begeisterung für das Tattoo fand ein jähes Ende. Rödel sagt: „Das Arschgeweih wurde über alle Kanäle ausgeschlachtet. Deshalb hat es auch keiner mehr machen lassen.“ Der Begriff sei einfach zu griffig gewesen, habe sich bei den Leuten festgesetzt. Das Tattoo sei abgewertet worden. „Es war jetzt verpönt. Man war auf einmal komplett out, wenn man eine solche Tätowierung hatte.“ Hinzu kam, dass sich auch in Amerika ein Begriff durchsetzte: Trampstamp - Schlampenstempel. Das perfekte Tattoo war auf einmal der „Prototyp der gedankenlosen Modetätowierung“ und schlimmeres.

Modetätowierung mit Folgen

Eine solche Modetätowierung gab es natürlich auch bei Männern. „Denn es gab ja das männliche Arschgeweih“, sagt Pogo. Nur, dass es nicht auf dem Po, sondern auf dem Arm war. Während Frauen aussehen wollten wie Sabrina Setlur, wollten die Männer so sein wie George Clooney im Film „From Dusk Till Dawn“. Dort trägt er ein Tribal, dass sich vom Arm bis zum Hals hinaufzieht. Cool wurden die Männer durch das Tattoo zwar nicht, auch nicht gefährlich oder verrucht. Bierbauch blieb Bierbauch. Aber immerhin wurden sie nicht so fertiggemacht wie die Frauen mit Steißtattoo.

Die galten als leicht zu haben, als Dummerchen, als blonde Friseusen, als Porno-Sternchen, wie es Sexy Cora war, auch sie eine Miss Arschgeweih. Das wurde sogar wissenschaftlich durch Umfragen bei Männern untersucht. Kulturhistorisch sei dieses Vorurteil auch zu erwarten gewesen, sagt Rödel. Frauen mit Tattoos galten immer als leichte Mädchen – eine Erfahrung, die Jahre später auch Bettina Wulff machen musste. Wobei sich natürlich streiten lässt, ob es nicht eher etwas über den Mann aussagt, wenn er so denkt. Oder anders ausgedrückt: Ob nicht der Mann der Arsch ist in der Geschichte vom Arschgeweih.

Tätowierer selbst vernichteten das Steißtribal

Für die Trägerinnen war dieses Image jedenfalls äußerst unangenehm. „Zumal sie ja gar nicht wussten, was sie falsch gemacht haben. Nur die wenigsten haben verstanden, was da überhaupt passierte“, sagt Rödel. Er ist nach wie vor der Meinung, dass die Frauen ja auch gar nichts falsch machten. „Denn es war vom Konzept ja genau das, was ein Tattoo sein soll. Es wirkte nach außen, hatte eine erotische Komponente.“

Für Rödel ist aber das Seltsamste an der Geschichte, dass es die Tätowierer selbst waren, die das Steißtribal vernichteten. „Die Tätowierer hätten eigentlich alle glücklich und zufrieden sein können. Sie hatten ein einfach zu tätowierendes Motiv, und es gab jede Menge Aufträge“, sagt er. Aber dennoch sägten sie den Ast ab, auf dem sie saßen.

Niemand mochte mehr dieses Tattoo haben. Viele Frauen schämten sich dafür. Es ist schwer, eine ähnliche Geschichte von Aufstieg und Absturz in jüngerer Zeit zu finden. Vielleicht Martin Schulz. Zigtausende Frauen versuchten, ihr Tattoo irgendwie zu entfernen. Entweder sie ließen es umarbeiten, vergrößern, verzieren, oder sie ließen es sich weglasern.

Frauen brechen schmerzhafte Laserbehandlung oft ab

Es war so, wie Ina Müller in „Bye Bye Arschgeweih“ gesungen hat: Bye, bye Arschgeweih / Ich geb’ dich zum Lasern frei. / Out bist du mein Steiß Tattoo. / Unsere Jahre sind vorbei. / Du hast meinen Po gekrönt / Und jetzt bist du so verpönt. / Ich mach Schluss mit dir / Und der nervigsten Frage von allen / Wie tief kann eine Jeans noch sinken, / Ohne zu fallen?

Svenja Eisenhauer-Laqua, die beruflich Tattoos entfernt, sagt, es sei wirklich schmerzhaft, das Tattoo zu entfernen. Das Weglasern fühle sich an wie Gummibänder, die auf die Haut schnalzen – in einer solchen Geschwindigkeit, dass der Körper sich nicht daran gewöhnt. „Häufig kommen die Kundinnen mit Arschgeweih deshalb nur ein- oder zweimal und hören dann mit der Behandlung auf.“ Aber die Anfragen seien nach wie vor recht häufig.

Eisenhauer-Laqua weiß, wovon sie spricht: Ihr eigenes Steißtattoo ließ sie mit 15 machen. Sie sagt, viele der Frauen fühlen sich im Sommer im Bikini unwohl, weil sie wissen, wie die allermeisten anderen darüber denken. Es braucht Stärke und Selbstbewusstsein, das zu ignorieren. Aber es gibt Frauen, die sagen: „Ich fand es damals schön, ich stehe dazu. Und es ist mir egal, was die Männer darüber sagen.“ Eine dieser Frauen arbeitet bei Maik Frey im Tattoo-Studio.

Tattoo kann Erinnerungen wecken

Eine andere Frau mit Steißtattoo heißt Theresa König. Sie hat sogar einen Text über ihr „Arschgeweih“ geschrieben: „Ich finde es nach mehr als 15 Jahren immer noch schön. Vielleicht weil ich es eher selten sehe. Um einen guten Blick zu erhaschen, muss ich mich vorm Spiegel verrenken. Das mache ich zugegebenermaßen eher selten. Aber wenn ich es doch mal tue, denke ich: ,Hey Tattoo, du bist auch noch da!‘. Und als Nächstes kommen die Erinnerungen an einen sensationellen Sommer, an durchtanzte Nächte, an ein Gefühl von Freiheit, das man nur mit Mitte 20 erlebt, wenn einem alle Optionen offen sind.“

Über Mittermeier habe sie damals gelacht, schreibt König. Sie macht sich auch keine Sorgen, wie das Tattoo einmal im Alter aussehen könnte: „Ich bin mir sicher, wenn ich alt und knitterig bin, werde ich mit einem faltigen Tattoo sehr gut leben können. Vielleicht freue ich mich dann noch mehr drüber und denke: ,Ich war auch mal verwegen. Habe mir keine Gedanken über mögliche Infektionen, die Meinung der anderen, Rente oder das Altwerden gemacht.‘ Ist doch per se ein ganz guter Anfang.“

Die Individualität der Tattoos ist weg

Spricht man heute mit Tätowierern, dann sagen sie, dass sich die Zeiten geändert haben. Mittlerweile sei fast jeder tätowiert, die Magie sei weg, die Individualität sowieso.

Wenn Pogo heutzutage eine Frau mit Steißtribal sieht, dann kann er stets ihr Alter erraten. 32 oder 33. Manchmal erzählt er den Frauen, er könne einen Zaubertrick, obwohl er nur rechnet. Und die Frauen erzählen ihm, dass ihre Tätowierung eine der ersten überhaupt war, als noch keine andere Frau sie hatte. Als das Steißtattoo noch Kunst war.

Pogo sagt, es tue ihm leid, dass seine Wortschöpfung so viele Frauen abgestempelt habe. Und es tue ihm auch leid, dass die Tätowierer so viele Kunden verloren haben. Sollte er aber noch einmal in seinem Leben einen solchen Gedanken haben, wie einst beim Anblick des Pos seiner Freundin, so werde er sich diesen Gedanken rechtlich sichern lassen.

Quelle: F.A.S.
Philip Eppelsheim
Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.
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