Rekord-Reisender

Auf der Jagd nach immer neuen Erfahrungen

Von Alexander Davydov
 - 11:12
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Wenn Dustin Pfundheller auf die Weltkarte blickt, sieht er nur wenige weiße Flecken. Der Amerikaner hat noch vor seinem 31. Geburtstag jedes Land mindestens einmal besucht – und ist damit, so sagt er jedenfalls selbst, der Jüngste, dem das je gelungen ist. In den vergangenen zwölf Jahren war Pfundheller in allen 206 von den Vereinten Nationen gelisteten Staaten, besuchte die 211 Mitglieder des internationalen Fußballverbandes Fifa sowie sämtliche 226 Länder, die im Reiseführer „Lonely Planet“ gelistet werden. Vom ewigen Eis der Antarktis bis zu den glühenden Dünen der Demokratischen Arabischen Republik Sahara: Dieser Mann hat die entlegensten Orte gesehen.

Dass er dieses Ziel einmal erreichen würde, hätte der Zahnarzt aus einer Kleinstadt in Wisconsin früher nicht für möglich gehalten. „Ich komme aus einem typisch amerikanischen Nest, wo jeder jeden kennt“, sagt Pfundheller. „Die Menschen stehen zu ihrem Zuhause, suchen sich einen Job, gründen möglichst schnell eine Familie und bleiben an dem Ort, an dem sie geboren sind. Was außerhalb ihrer Heimat geschieht, interessiert die meisten nicht.“ Das Leben als Weltreisender verdankt er einem Zufall während der Zeit am College. Ein Stipendium ermöglichte es dem damals Achtzehnjährigen, im fernen Taiwan zu studieren.

,,Der Deal war einfach: Ich würde neben den Seminaren zusätzlich Englisch unterrichten und dadurch kostenlose Unterbringung erhalten.“ Über die Universität und seinen Nebenjob lernte Pfundheller viele Einheimische kennen. Sie weckten in ihm das Verlangen, die Fremde zu erkunden – zunächst Taiwan, später Vietnam und Kambodscha. Von da an trieb ihn der Wissensdurst voran: „Ich war von der Neugierde getrieben zu sehen, wie die Menschen lebten, was sie bewegte und vor allem, wie ihr Alltag aussah.“

Auf der Suche nach dem Positiven

Vom negativen Image mancher Länder und von Schreckensmeldungen aus den Nachrichten wollte er sich nicht entmutigen lassen. Die Politik vor Ort sei für ihn nur zweitrangig, ebenso wie der religiöse oder wirtschaftliche Hintergrund der Menschen. Was zählte, war die Erfahrung des Neuen. Es folgten Abstecher in abgelegene Gebiete, wie die Pitcairninseln, wo Pfundheller sich um die Mundhygiene der etwa fünfzigköpfigen Bevölkerung kümmerte. Somalia, Südsudan und der Jemen: Die Reisen des Amerikaners führten auch in die gefährlichsten Regionen der Welt. „Ich glaube daran, dass jedes Land schlimme, aber auch gute Seiten hat. Man muss sie nur finden. Auch in meinem Heimatland habe ich viel Gewalt und Armut erlebt. Dennoch kommen viele Touristen zu uns.“

Sogar in Krisengebieten will er sich überraschen lassen. „Mag sein, dass ich naiv bin“, sagt Pfundheller lächelnd. „Aber ich versuche an jedem Ort, etwas Positives abseits aller Vorurteile zu finden. In Nordkorea leben die Menschen unter einer der schlimmsten Diktaturen. Trotzdem habe ich verliebte Pärchen beim Ausgehen gesehen, fast wie bei mir daheim.“ In Saudi-Arabien habe er auf einer medizinischen Tagung überrascht feststellen müssen, dass trotz der Unterdrückung von Frauenrechten die meisten Teilnehmer weiblich waren.

Mit seinen blonden Haaren, den blauen Augen und seiner Kleidung fällt Pfundheller in vielen Ländern sofort auf – und er sagt, er sei sich der Gefahr durchaus bewusst. „Viele Orte, an denen ich war, haben unter der Außenpolitik meiner Heimat stark gelitten. Trotz des bitteren Elends fand ich aber immer wieder freundliche Einheimische, die mich zu sich nach Hause einluden und mir weiterhalfen. Gerade in solchen Gegenden bedeutet die Gemeinschaft und Nächstenliebe viel. Ich habe gelernt, solchen Menschen zu vertrauen.“

Zufälle und interkulturelle Freundschaften

So kam es auch zu kuriosen Begegnungen. Bei einem Zufallsbekannten in Tschad stellte sich heraus, dass dessen amerikanische Verlobte aus seinem Nachbarort stammt. Aus solchen Gemeinsamkeiten entstünden interkulturelle Freundschaften. „Viele erzählten mir, dass dieses Land eines der unwirtlichsten Gebiete der Welt sei. Sie sind dann überrascht zu hören, dass ich eine großartige Zeit dort hatte, weil man mich dort freundlich empfing und das Land von der schönsten Seite zeigte.“

Mittlerweile wohnt und arbeitet der Zahnarzt in seiner Wahlheimat Singapur. Doch sein Leben bleibt ein nie enden wollender Trip. Sobald eine Reise zu Ende geht, wird die nächste Fahrt geplant: „Die Menschen fragen mich immer, wie ich es mir überhaupt leisten könne. Für diese Lebensweise arbeite ich mehr als 2200 Stunden im Jahr. Es gibt Zeiten, in denen ich auch mal Zwölf-Stunden-Schichten, viele davon an Wochenenden, durchziehe. Dann versuche ich mir vielleicht zwei Wochen Zeit zu nehmen für einen neuen Zielort.“

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Ein weiteres Geheimnis liege in seinem Drang zur Effizienz, sagt Pfundheller. Einige Techniken, die er sich im Verlauf der Zeit angeeignet hat: Er plant seine Flüge akribisch voraus und versucht, möglichst günstige Verbindungen zu finden. Danach werden mit Hilfe von Reiseführern oder Reiseportalen besonders sehenswerte Orte gesucht. „Es ist mir ein wenig peinlich, aber neben Couchsurfing nutze ich vor allem die Dating-App Tinder, um schnell Kontakt zu Einheimischen zu finden“, sagt Pfundheller. „Deren Hilfe und Ratschläge kann ich gut gebrauchen, denn für einige Visa werden Einladungsschreiben verlangt.“ Pfundheller versucht, nur mit Handgepäck und wenigen Wertsachen zu verreisen – um den Anreiz für einen Überfall gering zu halten.

Letzte Hürde: Israel

Gutgläubigkeit und kalkulierbares Risiko haben ihm die Welt eröffnet. Dass er dabei einem Rekord auf der Spur war, hat er bis zu seinen beiden letzten Ländern nicht geahnt. Doch dann kam Israel. Die Pforte in das Land blieb ihm überraschenderweise verschlossen: „So etwas hatte ich noch nicht erlebt. Wenn es ums Reisen geht, ist der amerikanische Pass neben dem deutschen der vielleicht praktischste auf der Welt. Für über 150 Länder benötige ich kein Visum.“ Paradoxerweise wurde ihm ausgerechnet seine Leidenschaft zum Verhängnis, denn im Reisepass sind die Stempel vieler muslimischer Staaten wie Iran und Saudi-Arabien. „Ich musste der israelischen Regierung irgendwie beweisen, dass ich nur ein Abenteurer war. Also begann ich meine Touren in Form von Blogeinträgen und einer Internetseite zu rekonstruieren.“

Schließlich meldete sich Pfundheller beim Online-Portal thebesttravelled.com an, um seine Fahrten zusätzlich dokumentieren zu können. Das Forum für Reisende zählt mehr als 15.000 Mitglieder. Unter ihnen sind viele namhafte Abenteurer und Kosmopoliten. Nach Eingabe und Überprüfung seiner Daten stellte er überrascht fest, dass er mit der Einreise nach Israel kurz vor einem neuen Altersrekord stand. Seine Hartnäckigkeit hatte sich bezahlt gemacht.

Kurz vor seinem 31. Geburtstag wurde Pfundheller ein Aufenthalt in Israel gewährt. Damit war ihm laut thebesttravelled.com der Altersrekord sicher. Für ihn bleibt es allerdings kaum mehr als eine Zahl. Nie sah er seine Reisen als Trophäenjagd, sondern als dauernde Suche nach neuen Erfahrungen: „Ich habe von Menschen gelesen, die den Transit im Flughafen oder einen Aufenthalt von wenigen Stunden dazuzählten. Was aber haben sie dann tatsächlich vom Land und den Menschen gesehen? Dann wiederum gibt es Superreiche, die mit Privatjets oder organisierten Touren die Welt erkundeten. Auch habe ich von professionellen Bloggern gehört, die extra für ihre Expeditionen gesponsert wurden und gezielt auf Länderjagd gingen.“

Ans Aufhören denkt Pfundheller noch lange nicht

Pfundheller ist sichtlich stolz darauf, fast alles allein finanziert zu haben. Insgesamt schätzt er seine Ausgaben der letzten Jahre für Visa, Flüge und Unterkunft auf etwa 100.000 Dollar. Letztlich müsse aber jeder selbst wissen, wie und vor allem warum er die Welt für sich entdecke.

Doch das Leben als Abenteurer birgt auch Einschränkungen. Als er bei einem Ehemaligentreffen seiner Highschool auf alte Klassenkameraden trifft, sind viele bereits verheiratet und haben Kinder. Ein leichter Anflug von Sehnsucht überkommt den jungen Mann, wenn er daran denkt. Denn trotz aller Freundschaften war er meist auf Solo-Trips unterwegs. Anderseits vergeht kaum ein Tag, an dem er nicht dankbar ist für seine Erfahrungen. „Ich bin mit Walhaien auf den Philippinen geschwommen, war Hochzeitsgast in China, Eritrea und Tschad, wurde in Bagdad und Damaskus wie eine Berühmtheit empfangen. In 30 verschiedenen Ländern habe ich Menschen medizinisch versorgt.“

Ans Aufhören denkt Pfundheller noch lange nicht. Schon plant er seinen nächsten Trip. Abermals soll es Richtung Nordafrika gehen – diesmal mit einer Gruppe von Ärzten und für einige Tage mehr als beim letzten Mal. Für den Weltenbummler bleibt die Dauerfahrt auch weiterhin Teil des Lebensprinzips. Wo andere eine Landkarte sehen, sieht Dustin Pfundheller immer noch weiße Flecken.

Quelle: F.A.Z.
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