Mentalmagier

Das kann doch nicht sein!

Von Katrin Hummel
 - 14:29

Es ist ein Moment, in dem man sich einfach fallen lassen möchte. In dem man alle Viere von sich streckt und bereit ist, zu glauben, dass diese beiden Menschen, die da oben auf der Bühne stehen, wirklich zaubern können. Egal, wie skeptisch man vorher war. Egal, wie doof man Zauberer eigentlich findet. Und obwohl die beiden nie behauptet haben, zaubern zu können.

Was ist passiert? Thommy Ten und Amélie van Tass, zwei 30 Jahre alte Mentalmagier, also Zauberer, die in die Köpfe der Menschen „hineinkriechen“, haben gerade dafür gesorgt, dass zwei Zuschauer aus dem Publikum, die sich vorher wirklich nicht kannten und die rein zufällig ausgewählt wurden, ihre Gedanken gleichgeschaltet haben. Genauer: Ein Mann und eine Frau, beide um die 40, sollten sich jeweils einen Begriff ausdenken. Der Mann sollte ihn niederschreiben, die Frau, die gute fünf Meter von dem Mann entfernt auf einem Hocker saß, ihn als Erste laut aussprechen. „Sonnenschein“, sagte die Frau. Und was hatte der Mann zuvor auf seinen Zettel geschrieben? „Sonnenschein.“

Gedankliche Gleichschaltung

Klar, die beiden Magier hatten die beiden Zuschauer vorher mit Worten wie „Urlaub“, die sie beiläufig fallen ließen, in Richtung Sonnenschein gelenkt. Aber trotzdem. Das kann doch nicht ausreichen, um eine solche gedankliche Gleichschaltung zu erreichen! Natürlich nicht. Es ist viel komplizierter. Zwar verraten Thommy Ten und Amélie van Tass im Interview vor ihrem Auftritt am Mittwochabend in der Frankfurter Jahrhunderthalle mit keinem Sterbenswörtchen, wie ihre Tricks funktionieren, aber andere Mentalmagier sind weniger verschwiegen. Einer der berühmtesten englischen Mentalisten, Derren Brown, hat mal gesagt, dass seine Tricks durch eine Mischung aus Zauberkunst, Suggestion, Irreführung und geschickter Präsentation funktionieren. Außerdem können Mentalmagier Augenbewegungen deuten, unbewusste Gesten wahrnehmen und Mimik und Körpersprache lesen. Und sie haben die Fähigkeit, Menschen sprachlich in einen imaginären Raum zu entführen und eine Erzählung zu erfinden, die dazu führt, dass die Menschen am Ende das sagen, was die Mentalisten wollen.

Das alles ist natürlich das Ergebnis harter Übung. Thommy Ten, mit bürgerlichem Namen Thomas Höschele, wurde im österreichischen St. Pölten geboren und bekam mit zehn Jahren einen Katalog für Zauberer geschenkt, nachdem er einen Zauberer, der auf einem Kindergeburtstag aufgetreten war, so lange genervt hatte, bis der Mann verstand, dass es dem kleinen Thomas wirklich ernst war mit der Zauberei. Fortan war dieser Katalog Thommys Bibel. Mit 13 wurde er Österreichischer Meister der Juniorenmagie, mit 24 Deutscher Meister der Mentalmagie.

Fortan hagelte es Preise über Preise, nebenbei schrieb er noch ein Buch, „Zauberkunst lernen mit Thommy Ten“. 2015 wurde er dann gemeinsam mit seiner Partnerin Amélie van Tass, einer ausgebildeten Tänzerin und studierten Sozialpädagogin, die mit bürgerlichem Namen Christina Gruber heißt und ebenfalls aus St. Pölten stammt, Weltmeister der Mentalmagie. Auch privat sind die beiden ein Paar, und inzwischen finden sie ihre Bühne vor allem in Amerika, wo sie im vergangenen Jahr den zweiten Platz bei „America’s Got Talent“, einer der größten Talentshows der Welt, belegten.

Die Show verspricht viel Aufregung

Man kann sich ansatzweise vorstellen, wie sie das geschafft haben, wenn man in ihre Show geht. In der Frankfurter Jahrhunderthalle steigt Thommy Ten nach der Nummer mit dem „Sonnenschein“ ins Publikum hinab und fragt alle möglichen Leute, was sie in ihren Taschen haben. Amélie van Tass sitzt derweil mit einer Augenbinde mindestens zehn Meter entfernt auf der Bühne und errät jedes einzelne Ding: Den Lippenstift mit der Nummer 163, die winzig klein auf der Unterseite des Lippenstiftes steht, das Ablaufdatum einer Visakarte, das Fernglas, den Anhänger, das Tierfutter, die Creme, die Uhr, die Kaugummis mit dem Haltbarkeitsdatum. Und als man gerade denkt, dass Thommy Ten vielleicht ein bisschen viel redet, dass er also mit Worten versteckte Codes transportiert, sagt Amélie van Tass: „Thommy, du redest zu viel!“ Fortan schweigt er, und sie errät trotzdem alles: Die Seriennummer auf einem 20-Euro-Schein und den Geburtstag eines Zuschauers, der gar nicht erst irgendwo niedergeschrieben, sondern lediglich in seinem Kopf ist. Was ein ultimativer Beweis dafür zu sein scheint, dass wirklich keine Kamera das Medium der Übertragung sein kann. Das ist, ob man nun an Zauberei glaubt oder nicht, schon ziemlich faszinierend.

Und richtig unerklärlich wird es, wenn man sich im Internet ansieht, was die beiden kürzlich vor der Nationalratswahl in Österreich geschafft haben. Sie hatten am Freitag vor der Wahl behauptet, die Ergebnisse korrekt vorhersagen zu können. Auf Papier und USB-Stick hatten sie also unter Aufsicht eines Radiomoderators ihren Tipp festgehalten – beide Medien wurden ihnen vom Sender zur Verfügung gestellt und in einer vom Sender gestellten Kiste verstaut, notariell versiegelt. Sie waren das ganze Wochenende lang über eine Webcam im Studio des Senders zu sehen. Am Montagmorgen nach der Wahl wurde die Box dann vom Moderator geöffnet, während die Magier hinter Absperrband standen. Und tatsächlich: Thommy Ten und Amélie van Tass hatten nicht nur den Wahlsieger, sondern auch alle Ergebnisse auf die Kommastelle genau vorhergesagt.

Etwas Unglaubliches geschieht

Doch dann geschah etwas noch viel Unglaublicheres: Auf dem – ebenfalls vom Sender gestellten – USB-Stick, der in der Kiste lag, befand sich montags plötzlich ein Video, auf dem zu sehen war, wie Kratky den Mentalisten am Freitag die aktuelle Uhrzeit und das Datum diktiert hatte, während diese, vom Moderator unbemerkt, bereits jene Wahlergebnisse in die Kamera hielten, die eigentlich erst zwei Tage später feststehen konnten.

Eine Erklärung? Gibt es nicht. Lediglich diese Aussage von Christoph Kuch, der die Weltmeisterschaft der Mentalmagie 2012, also drei Jahre vor Thommy Ten und Amélie van Tass, gewonnen hat: „Für Mentalmagie müssen Sie genauso üben wie für einen Marathonlauf“, schreibt Kuch in seinem 2014 erschienenen Buch „Sei nicht abergläubisch, das bringt Unglück! Die Psychologie des Unglaublichen“. Und was beim Sport die morgendliche Laufrunde sei, sei in der Magie das ständige Vorführen, Ausprobieren, Ändern und Anpassen.

Phänomen der illusorischen Korrelation

Kuch erklärt in dem Buch auch das Phänomen der illusorischen Korrelation, und es könnte sein, dass Thommy Ten und Amélie van Tass diese bei der Sonnenschein-Nummer angewendet haben – das ist aber wirklich nur eine Vermutung. Jedenfalls handelt es sich bei der illusorischen Korrelation um die menschliche Eigenart, zwei separate Vorgänge in eine kausale Verbindung zu setzen. Dass wir Menschen solche zum Teil weit hergeholten Verkettungen anstellen, liegt an unserem Gehirn. Es ist permanent im Autovervollständigen-Modus. Evolutionstechnisch sei das ein Grund, warum wir nicht so oft aufgefressen wurden, schreibt Kuch: „Wenn damals ein Tyrannosaurus hinter einem Baum hervorlinste, haben unsere Vorfahren nicht begeistert gerufen: ,Ach guck, ein halber Dino. Da muss ich nicht weglaufen. Der hat ja nur ein Bein!‘ Sie haben sich vielmehr schnell aus dem Staub gemacht. Sie mussten nicht den ganzen Carnivoren sehen, sondern es reichte eine Hälfte aus, um ihn als Gefahr zu erkennen.“

Andere Mentalmagier haben mal ausgeplaudert, wie man erraten kann, welche Zahl jemand gewürfelt hat, selbst wenn derjenige die Hand über den Würfel hält. Auch das ist am Mittwochabend in der Jahrhunderthalle eine Nummer im Programm der beiden Mentalisten, und anscheinend funktioniert sie so: Der Magier beobachtet zunächst, wie die Person, mit der er das Experiment macht, normalerweise reagiert, wenn sie die Wahrheit sagt. Er fragt also ein paar Zahlen ab: „Sie haben die Drei gewürfelt? Sie haben die Vier gewürfelt?“ Dabei achtet er auf eine Veränderung zu vorher, eine Abweichung der ursprünglichen Körperhaltung, Gestik, Lautstärke oder Betonung, und schließt so auf die richtige Lösung.

Sinnlichkeit und Empathie

Mit Übersinnlichkeit hat Gedankenlesen also weniger zu tun als mit Sinnlichkeit und Empathie. Und mit der Fähigkeit, sogenannte ideomotorische Impulse wie Speichelfluss oder Muskelbewegungen, die den Körper unbewusst steuern, wahrnehmen zu können. Hinzu kommt aber auch noch eine gute Vorbereitung. Zum Beispiel fragen Thommy Ten und Amélie van Tass in ihrer Show „Einfach zauberhaft“ auch verschiedene Leute nach verschiedenen Zahlen, und am Ende ziehen sie einen Lottoschein hervor, auf dem genau jene Zahlen, die die Leute genannt haben, angekreuzt sind. Dabei nutzen sie vermutlich folgende Techniken: Zunächst gibt es, das ist wissenschaftlich erforscht, Zahlen, die häufiger genannt werden als andere. Dann stellen Mentalisten ihre Fragen bewusst weich: „Wie viele Gläser oder Liter Wein trinken Sie am Tag oder in der Woche“, fragt Amélie van Tass am Mittwoch beispielsweise einen Zuschauer. Als der dann „zwei oder drei“ sagt, wählt sie sich die Zahl aus, die ihr besser passt. Und am Ende bitten die Magier zwei Zuschauer auch ganz direkt: „Nennen Sie eine Zahl zwischen 30 und 45“. Wenn man dann davon ausgeht, dass die beiden Mentalisten nicht nur einen einzigen Lottoschein, sondern etliche verschiedene in irgendwelchen Hosentaschen stecken hatten, kann man ansatzweise verstehen, wie der Trick funktioniert.

Und dennoch: Will man das überhaupt? Soll man das wollen? Oder ist es nicht viel schöner, sich einfach der Magie auszuliefern? „Die meisten Menschen grübeln am Anfang, wie unsere Tricks funktionieren, aber dann hören sie auf und lassen sich verzaubern. Und am Ende sind sie alle gleich“, hat Thommy Ten vor der Show gesagt. Und damit hat er wohl einfach recht.

Vom 20. bis zum 25. März 2018 treten Thommy Ten und Amélie van Tass im Prinzregententheater in München auf, davor sind sie in Österreich auf Tour.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Hummel Katrin
Katrin Hummel
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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