Wohlhabende Eltern

Die armen reichen Kinder

Von Katrin Hummel
 - 14:44

Neulich hatte Thomas Winkler* Besuch von seinem älteren Bruder. Die beiden gingen in ein Restaurant, der Bruder erzählte von seinem letzten Urlaub, ließ beiläufig fallen, dass der 5000 Euro pro Woche gekostet habe, und bestellte zum Essen eine Flasche Wein für 90 Euro. Winkler, 44, hat in der Nacht danach ziemlich schlecht geschlafen: „Ich habe mir die Frage gestellt, ob ich was falsch gemacht habe im Leben. Weil ich erst wenige Male für mehr als 90 Euro essen war und mit einem umgebauten Campingbus in den Urlaub fahre.“

Wo sein Fehler liegen könnte, weiß Winkler auch. Er ist Verlagslektor und arbeitet Teilzeit, sein Bruder ist Anwalt, natürlich in Vollzeit. Anders ausgedrückt: Winkler macht das, was er schon immer machen wollte. Sein Bruder macht das, was schon der Vater gemacht hat. Deswegen verdient Winkler viel weniger als sein Bruder und sein Vater, und wenn Winkler seine Eltern besucht, steckt der Vater ihm jedes Mal ein paar Hunderter zu.

38 Prozent aller Deutschen

Der Vater hat ihm auch schon viel Geld geschenkt, quasi als im Voraus ausgezahltes Erbe. Immer, wenn Winkler und seine Frau sich was Besonderes leisten möchten – in jüngster Zeit waren es ein Umzug, eine Einbauküche und eine neue Waschmaschine –, greifen sie auf dieses geschenkte Geld zurück. „Das stört mich, ich fühle mich dann klein und unterlegen und von meinem Vater abhängig. Und ich frage mich, warum ich von der Substanz lebe, die ich noch nicht mal selbst erarbeitet habe“, sagt Winkler.

Tatsächlich ist es nicht immer leicht, finanziell auf die Eltern angewiesen zu sein. Nicht allein Winkler geht es so. Laut einer aktuellen Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) unterstützen 38 Prozent aller Deutschen ihre erwachsenen Kinder finanziell – je mehr Geld sie selbst haben, desto mehr geben sie auch an ihre Kinder weiter. Und zwar meist schon, solange sie selbst noch gar nicht in Rente sind.

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Sofern diese Finanzspritze das Sahnehäubchen darstellt, auf das die Kinder nicht angewiesen sind, weil sie selbst genug Geld verdienen, kann es gut sein, dass sie das Geld einfach annehmen und genießen können, meint die Kasseler Psychotherapeutin Heidi Rieß. „Aber wenn sie finanziell davon abhängig sind, ist es schwer. Weil Kinder über ihre Eltern hinauswachsen wollen.“ Solange sie emotional oder wirtschaftlich von den Eltern abhängig seien, könnten sie keine eigene Identität bilden. „Vor allem Söhne brauchen das Gefühl, auf Augenhöhe zu sein“, sagt Rieß. „Wenn ich den Vater nie erreichen kann, bleibt ein Gefühl, nicht zu genügen.“

Markus Bruhns* kennt das Gefühl, nicht zu genügen, nur allzu gut. Seine Eltern, beide gut verdienende Ärzte, schickten den heute 45-Jährigen nach der Grundschule auf ein altsprachliches Hamburger Gymnasium, sie erwarteten von ihrem einzigen Sohn, dass der Jura oder Medizin studierte. „Das war für mich psychisch sehr belastend, weil ich das partout nicht wollte“, erinnert sich Bruhns. „Ich sah keinen Sinn im Schulbesuch, ich wusste nicht, warum und wofür ich mich anstrengen sollte. Meinen Eltern ging es gut, mir selbst würde es später kaum besser gehen können.“

„Warum tust du dir das an?“

So lebte er im Moment, dachte nicht an die Zukunft und schon gar nicht an die Rente. Seine Gymnasialzeit verbrachte er in Fundamentalopposition zu seinen Lehrern, er stellte das Schulsystem in Frage und dass er Abitur machen sollte ebenfalls, machte es dann aber doch irgendwie und studierte Freie Kunst. Dass seine Eltern reich waren, verdrängte er, obgleich er von ihrem Geld lebte. „Aber insgeheim bin ich fast an dem Gefühl zerbrochen, dass ich meine Eltern enttäusche. Von 15 bis 35 hatte ich immer wieder Schübe einer durch äußere Faktoren ausgelösten Depression“, erzählt er, „ich war niedergeschlagen und hatte Stimmungsschwankungen.“ Ausgelöst wurden die durch den Verlust der Selbstwirksamkeit: Wenn man Geld von den Eltern bekommt und nichts dafür tun muss, kann man nicht stolz auf sich sein. „Das ist das Gegenteil von dem Gefühl, etwas zu tun und Erfolg damit zu haben“, erklärt Psychologin Heidi Rieß.

Auch Thomas Winkler sagt von sich, er habe als junger Mann nie den Wunsch gehabt, viel Geld zu verdienen. „Mir fehlte es ja an nichts, ich bin gar nicht auf die Idee gekommen, dass sich das mal ändern könnte.“ Erst seit er Frau und Kind hat, nagen manchmal Selbstzweifel an ihm, obwohl vieles in seinem Leben gut ist: Er ist glücklich mit seiner kleinen Familie und hat auch jenseits seiner Arbeit viele Möglichkeiten, Dinge zu tun, die ihm Spaß machen. „Aber ich weiß, dass mein Bruder und mein Vater mich so ein bisschen als verloren ansehen: Weil ich unter meinen Möglichkeiten geblieben bin, Geld zu verdienen“, sagt er. Außerdem sei er so erzogen worden, dass man finanziell auf eigenen Beinen stehen müsse. Und hat nun das Gefühl, den Ansprüchen des Vaters nicht zu genügen – auch wenn der das nie offen gesagt hat. „Deswegen kann ich mich nicht locker machen und mich einfach über das geschenkte Geld freuen.“ Nur wenn er selbst ähnlich viel Geld verdienen würde wie sein Bruder, könnte er diese Selbstzweifel wieder loswerden, glaubt er. Aber das sei illusorisch. „Und außerdem wäre ich dann auch nicht glücklich. Ich würde mich dann immer fragen: Warum tust du dir das an? Warum arbeitest du so viel und hast so wenig Zeit für deine Familie?“

Wege zum Seelenfrieden

Heidi Rieß kennt hingegen noch eine andere Möglichkeit, wie man sich aus der Abhängigkeit der Eltern befreien kann – indem man deren Geld nicht mehr annimmt: „Dadurch kann man autonom werden und sich gut fühlen, selbst wenn man auf vieles verzichten muss.“ Autonomie sei nämlich, wie auch Kontrolle, Bindung und Selbstbestätigung durch das eigene Tun, ein psychologisches Grundbedürfnis.

Markus Bruhns ist noch einen anderen Weg gegangen, um seinen Frieden zu finden: Er bat seine Eltern, ihr Geld seinen Vorstellungen entsprechend anlegen zu dürfen – ethisch und moralisch korrekt. Das ließen sie zu. Als er 30 war, übertrugen sie ihm einen Großteil ihres Vermögens zur Verwaltung. Und Bruhns ist ein erfolgreicher Anleger. Wenn er das Geld seiner Eltern auf maximale Rendite anlegen und nicht in Wasserkraft, Windkraft oder nachhaltige Immobilien investieren würde, könnte er heute allein von den Zinsen leben. Das macht ihn zufrieden. Denn er erfährt, dass seine Arbeit – die Anlage des geerbten Vermögens – auch wertvolle Arbeit ist, nur eben unbezahlte. Darüber hinaus hat er noch eine Menge Ehrenämter inne, zum Beispiel in der Schule seiner Kinder und im Geldanlage-Ausschuss der Hamburger Bewegungsstiftung, die Ursachen gesellschaftlicher, politischer und sozialer Probleme erkennen und bekämpfen will.

Ausgleich für die schwere Kindheit

So kann er die Freiheiten und Möglichkeiten und die hohe Lebensqualität, die ihm das geschenkte Geld bietet, inzwischen genießen: Er freut sich über seine komplett freie Zeiteinteilung, außerdem lebt er mit seiner vierköpfigen Familie in einer wunderschönen, riesigen, denkmalgeschützten und sanierten Altbauwohnung in der Hamburger Innenstadt.

Damit seine Kinder nicht das gleiche Problem kriegen, das er früher hatte, will er sie ohne Stress durch die Schule bringen. „Ich halte die Leistungsanforderungen an sie so gering wie möglich“, sagt er, „sie sollen Spaß haben.“ Auch seine Frau, eine Psychotherapeutin, die ebenfalls aus einer eher wohlhabenden Familie stammt, sieht das so. Ob die Kinder Abitur machen, wollen sie ihnen selbst überlassen. Eine der wenigen Erwartungen, die Bruhns in Bezug auf ihre Schulzeit an seine Kinder hat, ist, „dass sie kritisch reflektieren, warum sie die Dinge tun, die sie tun“.

Einen völlig anderen Weg als Bruhns ist Jasper Hohenlohe*, 47, gegangen. Nie hat er auch nur ansatzweise darunter gelitten, dass er vom Geld seiner Eltern lebt. Er war 17, als sein Vater starb und ihm so viel vererbte, dass er wusste: Er würde nie arbeiten müssen. Jedes Jahr fließen seitdem 1,5 Millionen Euro auf sein Konto – Ausschüttungen der Unternehmen, die der Familie gehören. Heute, 30 Jahre später, lebt er mit Frau und drei Kindern in einem 200-Quadratemeter-Würfel auf der Kante eines Steilhangs im Schwäbischen, unterhält gleichzeitig ein Townhouse in Vancouver, fährt einen Tesla und ist Hausmann und Vermögensverwalter. Studiert hat er nur ein Semester, danach machte er eine Töpferlehre, brach sie aber ab. Dass sein gesamter Wohlstand auf geerbtem Geld basiert, hat ihn nie auch nur im Geringsten gestört: „Es ist toll, wenn man Geld hat. Das beruhigt und ermöglicht einem viele Dinge.“ Und genau wie Markus Bruhns findet auch er am allerbesten, dass er sich seine Zeit frei einteilen kann.

Und warum leidet er nicht, so wie Thomas Winkler und auch Markus Bruhns früher, darunter, dass er noch nie eigenes Geld verdient hat? Hohenlohe glaubt, dass er sich deswegen keine Gedanken um sein Leben als Erbe macht, weil er in dem vererbten Geld einen gerechten Ausgleich sieht für die Leiden seiner Kindheit: „Ich musste in dieser reichen Familie aufwachsen und bin von anderen Kindern dafür gehänselt worden: Du bist ein Bonze. Darunter habe ich gelitten.“ Außerdem sei sein Vater politisch sehr konservativ gewesen, er selbst aber immer schon links. Da habe es ständig Auseinandersetzungen gegeben. Was noch hinzukomme: Da er das viele Geld schon mit 17 geerbt habe, sei er so an seinen Reichtum gewöhnt, dass er sich keine Gedanken über seinen Zustand mache.

2020 jährlich 330 Milliarden Euro vererbt

Nach Meinung von Heidi Rieß kommt aber noch etwas anderes hinzu: Menschen, die das Gefühl haben, den Ansprüchen ihrer Eltern zu genügen, können Schenkungen sehr viel besser annehmen als Kinder, deren Eltern ihnen nie dieses Gefühl gegeben haben. „Wenn Liebe an Leistung gekoppelt war, ist das ganz schwer“, sagt Rieß. Wenn die Eltern hingegen zu ihrem Kind stets gesagt haben: „Klasse, wie gut du das und das machst“ – und sei es eine Töpferlehre –, dann könne das Kind später gut Töpfer sein und Geld von den Eltern annehmen. „Weil es eine eigene berufliche und persönliche Identität gefunden hat“, so Rieß. Wenn nicht, könne sich auch eine Anspruchshaltung entwickeln: Dann sollen die Eltern halt zahlen, dann ist es nur konsequent, dass die mir Geld vererben.

Und noch etwas komme hinzu: Für Frauen spiele finanzielle Autonomie eine weniger starke Rolle, was ihre Identitätsfindung angehe, so Rieß. Das heißt, sie können sich besser als Männer selbst verwirklichen, auch wenn sie dazu geschenktes Geld verwenden müssen.

Thomas Winkler hat ebenfalls das Gefühl, dass er weniger stark unter seiner Situation leiden würde, wenn er eine Frau wäre. „Ich schätze mal, ich kämpfe mit tradierten gesellschaftlichen Vorstellungen“, sagt er. Denn eigentlich gebe es doch ganz viele Leute, die ein Haus vererbt oder ein Studium bezahlt oder ein Auto geschenkt bekämen. Unglaubliche Summen würden vererbt, er sei doch nur ein Erbe von vielen. Tatsächlich gelten Erbschaften und Schenkungen nach einer Erhebung des DIW als häufigster Grund für großen Reichtum. Laut einer Studie des Deutschen Instituts für Altersvorsorge werden mit jeder Testamentseröffnung 300.000 Euro weitergereicht, im Jahr 2020 werden insgesamt jährlich 330 Milliarden Euro vererbt werden. Wer sich dies vor Augen hält, kann vielleicht leichter und unbeschwerter von dem geschenktem Geld seiner Eltern leben.

Winkler indes ist noch auf eine andere Idee gekommen. Er will demnächst mit Yoga anfangen. Um seine Mitte zu finden.

*Name geändert

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Hummel Katrin
Katrin Hummel
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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