Niederlande

Liebe Reisende!

Von Klaus Max Smolka
 - 14:08

„Meine Damen und Herren“ – diese Anrede werden niederländische Zugreisende in den Durchsagen bald nicht mehr hören. Die staatliche Eisenbahngesellschaft will von Dezember an geschlechtsneutrale Sprache benutzen. Als „Beste reizigers“ („liebe Reisende“) wird der Schaffner die Fahrgäste künftig begrüßen statt als „Dames en heren“. Die NS (Nederlandse Spoorwegen) will damit Rücksicht auf Kunden nehmen, die sich mit der üblichen Geschlechterzuordnung nicht identifizieren. Jeder solle sich willkommen fühlen.

Die Bahn schließt sich damit einem gesellschaftlichen Trend zur geschlechtsneutralen Sprache an. In der vergangenen Woche gab die Stadt Amsterdam ihren Mitarbeitern Ratschläge, wie sie die Bewohner bezeichnen sollen. „Wir werden nichts verbieten, wollen aber, dass sich die Beamten ihres Sprachgebrauchs bewusst sind“, heißt es von der Gemeinde. Die Beschäftigten könnten Rücksicht nehmen, indem sie auf „Väter“ und „Mütter“ verzichten und lieber „Eltern“ schreiben – das Wort ist im Niederländischen auch im Singular verwendbar.

Statt „Damen und Herren“ seien „Anwesende“, „Bewohner“ oder „Amsterdamer“ besser geeignet. Rotterdam will seine Bewohner in Formularen nicht mehr nach dem Geschlecht fragen, weil das in den meisten Fällen keine Rolle spiele. Auch in Den Haag gibt es Bestrebungen, die Bürger seltener „Mann“ oder „Frau“ ankreuzen zu lassen. Ebenso fehlt die Angabe inzwischen auf den Chipkarten des öffentlichen Verkehrs. Utrecht hat geschlechtsneutrale Toiletten eingeführt.

„Eine kleine Änderung – aber gleichzeitig ist es doch auch sehr logisch, unsere Reisenden damit anzusprechen, was sie für uns sind: nämlich liebe Reisende“, sagte der NS-Vorsitzende Roger van Boxtel nun. „Unser Personal im Zug will, dass sich jeder willkommen fühlt.“ Im persönlichen Gespräch dürften Schaffner aber natürlich weiterhin Fahrgäste nach eigenem Ermessen ansprechen.

Lesbisch, Gay, Bisexuell, Queer, Intersexuell, Asexuell

Die Bahn hätte natürlich auch ihre Durchsagen ergänzen können, scherzt die NS: „Meine Damen und Herren, Jungens und Mädchen, LGBTQIA+’ers und alle mit einem gültigen Fahrschein.“ Aber: „Das fanden wir etwas lang.“ Die Abkürzung steht für verschiedene Bezeichnungen sexueller Orientierung, die sich teilweise überlappen oder Dachbegriffe sind: Lesbisch, Gay, Bisexuell, Queer, Intersexuell, Asexuell – das Plus steht für alle anderen Einordnungen.

Die niederländische Bahn folgt mit ihrem Schritt den Kollegen der Londoner U-Bahn. Deren Mitarbeiter sind angehalten, die „Ladys and Gentlemen“ durch eine neutrale Begrüßung zu ersetzen. „Good morning, everyone“ etwa könne die Bedürfnisse aller berücksichtigen.

Die NS muss nun bis 10. Dezember auch ihre automatischen Durchsagen aktualisieren. Davon gibt es in den Zügen nach Unternehmensangaben täglich 24.000. Mit anderen Bahnbetreibern wolle man über den Sprachgebrauch verhandeln, sagte eine NS-Sprecherin.

Die Reaktionen waren gemischt. Im Netz wurden Unverständnis und Spott laut. „Auf den Bahnsteigen stehen manchmal auch Leute, die keine Reisenden sind: Abholer und Hinbringer“, schrieb etwa Ron Mikkenie auf der NS-Facebook-Seite. Dagegen zeigte sich das Transgender Netwerk Nederland erfreut. „Damen und Herren“ passe nicht mehr in die Zeit, befand ihr Vorstandmitglied Brand Berghouwer im Radiosender Radio 1. Vier Prozent der Niederländer fühlten sich nicht als Mann oder Frau, sagte er unter Berufung auf eine Umfrage des Sociaal en Cultureel Planbureau, das gesellschaftliche Entwicklungen erforscht.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Smolka, Klaus Max
Klaus Max Smolka
Redakteur in der Wirtschaft.
Twitter
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenNiederlandeAmsterdamLondoner U-BahnNS