Niedersachsen

Das Land der Pferde setzt nicht mehr aufs Pferd

Von Robert von Lucius, Hannover
 - 17:02

In Hannover ist das Niedersachsen-Ross gerade auf Litfasssäulen und Plakaten überall präsent. Es wirbt für die Landesausstellung der Personalunion mit Großbritannien vor 300 Jahren. Viel später übernahm das Land das weiße Ross auf rotem Feld seiner einstigen Landesherren, der Welfen, als Landeswappen. Auf dem Land aber spielen die Tiere im „Land der Pferde und Autos“ eine immer kleinere Rolle, wie man bei Reitvereinen, in der Zucht und bei Turnieren sieht.

Größter einzelner Rückschlag war die Ankündigung Paul Schockemöhles, einer Legende des deutschen Reitsports, das von ihm organisierte Internationale Reitturnier German Classics in Hannover zu beenden. Zu der Entscheidung trug bei, dass das Turnier zum ersten Mal nicht mehr live im Fernsehen übertragen werden sollte. Auch deshalb schwand die Zahl der Geldgeber.

Mitgliederzahl der Vereine sinkt

Zuvor waren in diesem Jahr schon drei weitere Turniere in Nordwestdeutschland abgesagt worden – das Dressurfestival in Lingen, das Vielseitigkeitsturnier in Schenefeld und das Euroclassics in Bremen. Schockemöhle sagte, in und um Hannover lasse die Bereitschaft zum Sponsoring nach, auch für andere Sportarten. Langsam kaputtsparen werde er das wichtigste Springreitturnier in Norddeutschland nicht, eine Neuauflage sei nicht vorgesehen.

Das Turniersterben, das auch mit schwindender Einsatzbereitschaft ehrenamtlicher Helfer zu tun hat, geht einher mit anderen Rückschlägen. Die Mitgliederzahl in Reitvereinen sinkt seit Jahren. Immer weniger Jugendliche reiten, die Konkurrenz anderer Sportarten wächst. Die 1148 Reitvereine des Landes hatten vor zwei Jahren immerhin noch 135.000 Mitglieder. Wegen des Strukturwandels in der Landwirtschaft sank auch die Zahl der Pferdezüchter in den vergangenen fünf Jahren um 30 Prozent. Es gibt weniger kleinere Höfe, die auch auf Pferdezucht setzen.

Wirtschaftsfaktor Pferd ist in Gefahr

Trotz der Initiative „Pferdeland Niedersachsen“ mangelt es am Zusammenwirken von Spitzensport, Freizeitangeboten, Landwirtschaft, Hochschulen und Gewerbe. Der Umschwung kann sich auf den Wirtschaftsfaktor Pferd auswirken. Ausrüster, Futtermittelindustrie, Auktionen, Export, Versicherungen, Gestüte sind ein Millionengeschäft. Das norddeutsche Flachland ist mit den Rassen Hannoveraner und Oldenburger noch immer Weltmarktführer bei der Zucht von Sportpferden. Von der Pferdemesse Pferd & Jagd in Hannover bis zu einem Studiengang an der Universität Oldenburg und dem in Europa einzigartigen Masterstudiengang Pferdewissenschaften in Göttingen setzt das Land weiter aufs Pferd.

Mit einem Viertel aller deutschen Rösser und wichtigen Pferdeauktionen, der Celler Hengstparade und dem Oldenburger Landesturnier reitet Niedersachsen weiter anderen Ländern davon – aber der Vorsprung nimmt ab. Das sieht man schon an der Imagekampagne für Niedersachsen: In den Anzeigen fehlen heute die versteckten stilisierten Pferdeäpfel.

Quelle: F.A.Z.
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