Pierre Bergé ist tot

Das Schicksal gewendet

Von Alfons Kaiser
 - 13:41

Schon an seinem ersten Tag in Paris, im Jahr 1948, wendete er das Schicksal ins Positive. Als der nicht einmal 18 Jahre alte Pierre Bergé, der die Provinz von La Rochelle hinter sich gelassen hatte, über die Champs-Elysée spazierte, fiel ihm ein Mann auf den Kopf und vor die Füße. „Er blutete stark. Ein Krankenwagen brachte ihn in die Marmottan-Klinik“, erinnerte sich Bergé später. Am nächsten Tag las er in der Zeitung, dass es sich bei dem verhinderten Selbstmörder, der aus einem französischen Fenster aus einem oberen Stockwerk gesprungen war, um den Lyriker Jacques Prévert handelte. „Ich habe es immer als einen Wink des Schicksals gesehen“, sagte Bergé, „dass an meinem ersten Tag in Paris ein Poet auf meinen Kopf fiel.“

Symbolischer hätte das Leben in der großen Stadt jedenfalls für den jungen Mann, der selbst Schriftsteller werden wollte, nicht beginnen können. Fortan ermöglichte er Künstlern das Leben. Zunächst, von 1950 bis 1958, dem Maler Bernard Buffet, dem er in Personalunion Lebensgefährte und Agent war, heute würde man sagen: Manager. Dann, nachdem er ihn bei einem Dinner im März 1958 kennengelernt hatte, das junge Genie Yves Saint Laurent.

Man kann sich diese frühen Jahre nicht aufregend genug vorstellen. Saint Laurent, gerade 21 Jahre alt, war zum Nachfolger von Christian Dior berufen worden und rührte mit seinen ersten Schauen die Gäste zu Tränen. Bergé, der mit Schicksalen umgehen konnte und zugleich einen untrüglichen Instinkt für Erfolg hatte, unterstützte den fragilen Modeschöpfer in all den Krisen – der Militärzeit, der Nervenheilanstalt, dem Rauswurf bei Dior, der Tabletten-, Alkohol- und Rauschgiftsucht. „Ich half ihm auch, seine Ängste zu beherrschen“, sagt er einmal dieser Zeitung. „Aber das war kein großes Verdienst: Ich liebte ihn!“ Und er half dem lebenslang schüchternen Designer, seine Homosexualität als etwas Positives zu begreifen.

Ohne Bergé wäre aus der Marke nichts geworden

Im Jahr 1961 gründeten sie gemeinsam das Modehaus Yves Saint Laurent. Mit den zeitgemäßen und damals so revolutionären Entwürfen, die nach der lähmenden Schwere der Haute Couture überhaupt erst das Genre des Prêt-à-porter begründeten, hatten sie großen Erfolg. Ohne Bergé wäre aus der Marke von der Avenue Marceau nichts geworden. Man konnte das bis in die neunziger Jahre bei den Schauen beobachten: Backstage erteilte Bergé bellend seine Befehle, teils so laut, dass man sie vorne im Publikum noch hörte; und nach der Schau schob er Saint Laurent nach vorn.

Pierre Bergé machte etwas aus dem vielen Geld: Er sammelte Kunst, engagierte sich für Schwulenrechte (unter anderem mit der Zeitschrift „Têtu“), spendete für den Kampf gegen Aids, unterstützte François Mitterrand (1981 bis 1995) und Emmanuel Macron und übernahm 2010 mit Partnern die Mehrheit an „Le Monde“. Die Schauen seiner alten Marke verfolgte er auch in den letzten Saisons mit grimmigem Gesicht, aber großer Zustimmung, obwohl sie es nicht immer verdienten.

Im März heiratete er den 58 Jahre alten Landschaftsarchitekten Madison Cox. Die Eröffnung „seiner“ Saint-Laurent-Museen in Paris und Marrakesch erlebt er nun aber nicht mehr. Pierre Bergé, der am 14. November 1930 auf der Île d’Oléron geboren wurde, ist am Freitag im Alter von 86 Jahren nach langer Krankheit in seinem Haus in Saint-Rémy-de-Provence gestorben.

Quelle: F.A.Z.
Alfons Kaiser- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Alfons Kaiser
Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.
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