Die Kinder von Merkel und Instagram

Foto: Hans Neumann

Sie sind, dank des allgemeinen Wohlstands, des allseits verfügbaren Internets und einer großen Liberalität, anders aufgewachsen, anders erzogen und sozialisiert worden. Was aber folgt daraus für die Kinder der Jahrtausendwende?

12.4.2018
Text: AIDA BOSCH, EMANUEL ECK und REBECCA HIPPERLI

Dieser Text ist eine Art Collage und bringt neben der Perspektive der Autor*innen auch kurze Äußerungen von Jahrtausendwendekindern, den zwischen 1995 und 2005 geborenen Menschen. Wir danken den Studentinnen und Schülern, die sich an der Entstehung dieses Textes mit Wort und Tat beteiligt haben. Wir danken auch Elise By Olsen für ihren Ted Talk, aus dem ebenfalls zitiert wird.

Eine Geschichte aus „Frankfurter Allgemeine Quarterly“, dem neuen Magazin der F.A.Z.

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„Generation Z – das klingt so, als ob danach nichts mehr kommt. Generation Z nennt ihr uns also. Was ist das überhaupt für eine Bezeichnung? Sind wir am Ende? Oder sind wir das Ende?“

Diese Sätze hallen nach, und so kommt der Gedanke auf, dass „Generation Z“ möglicherweise kein glücklicher Begriff ist. Digital Natives, Founders, Selfie-Generation, Post-Millennials, Generation Edge. Nennen wir sie die Kinder der Jahrtausendwende. Distanz und Selbstironie scheinen charakteristisch für sie zu sein. Zuweilen fällt auf, dass die kritischsten Beobachtungen zum Zeitgeist von den Vertretern der Generation Z selbst stammen.
Die Kinder der Jahrtausendwende unterliegen von Beginn an stärker einem globalen Einfluss als die Generationen zuvor.

„Die von 1995 bis 2005 Geborenen sind die erste Generation, die die Möglichkeiten des Digitalen von Geburt an zu ihren Füßen liegen hat.“

Diese Erfahrung scheint sie stärker zusammenzubinden als vorherige Generationen und zugleich zu individualisieren.

„Der wichtigste Unterschied zu den älteren Generationen? Zeitungen und Fernsehen sind bedeutungslos. Die Generation Z informiert sich nur über ihr Smartphone und WeChat.“ – Tao Liang, 25, Blogger, Bekannt als Mr. Bags Foto: Stefan Lee

„Meine Generation kennzeichnet alles oder nichts. Es gibt Mainstream und extreme Individualisten.“

Sie sind vieles gleichzeitig: beweglich, verspielt, ironisch, offen, misstrauisch, neugierig, reserviert und kaum aus der Ruhe zu bringen – mussten sie sich doch angesichts der überbordenden Informationsflüsse und der Instabilität der Welt ein gewisses Phlegma zulegen. Die Jahrtausendwendekinder sind meist behütet aufgewachsen. Sie wurden früh aufgeklärt, oft so früh, dass sie sich noch nichts darunter vorstellen konnten. Die Eltern wollten auf keinen Fall etwas falsch machen. Popularisierte Fragmente aus Psychologie und Sozialwissenschaften formten ihre Alltagswelten mit. Ihr Selbstbewusstsein wurde früh bestärkt, ihre Meinung zählte von klein auf. Der Einfluss der Eltern ist weniger dominant als in früheren Generationen, dafür sind andere Sozialisationsagenten stärker geworden: Der Konsum hat ihr Leben durchdrungen, die Kinderzimmer der westlichen Welt sind oft überladen mit Spielzeug. Es gab nicht nur ein Zuviel an Dingen, sondern auch ein Zuviel an prägenden Bildern.

„We are generation Z and we’re fed up with all the commercials that are dumped on us. The beauty standards which ruin our self-confidence and the gender stereotypes that put us in a box.“

Sie sind aufgewachsen in einer Welt, in der alles verfügbar, alles erreichbar scheint und in der man sich doch ständig fragt, ob man gut genug ist, um in den Augen der anderen zu bestehen.

„Wir sind eher eine Gemeinschaft, weniger Individualisten. Ich habe Erfolg, wenn meine Freunde auch erfolgreich sind.“ – Ludovic De Saint Serin, 27, Modedesigner Foto: Bertrand Le Pluard

„Das Internet ist ein allzeit offenes Fenster zur Welt.“

Durch den schon im Vorschulalter geübten Umgang mit den „digital devices“ fühlen sich viele den Eltern und Lehrern überlegen. Dies stärkt einerseits die Handlungskompetenz und das Gefühl der Selbstwirksamkeit; andererseits hinterlässt es auch Gefühle der Leere – an wen kann man sich dann noch halten, wer vermittelt Orientierung? Die Werkzeuge der Selbstermächtigung gegenüber der Welt sind spürbar mehr und besser geworden; andererseits ist noch nicht geklärt, wofür sie verwendet werden sollen, in welche Richtung es geht.

„The standard educational system is outdated. We no more need to care and remember the world’s knowledge as we have it externally online.“

Ein Teil dieser Generation verweigert sich Autoritäten und konventionellen Schulkonzepten, weil scheinbar alles Wissen im Internet verfügbar ist. Sie entziehen sich dem klassischen Verständnis von Persönlichkeitsentwicklung, das am Leben und an Widerständen erst wachsen muss. Die Jahrtausendwendekinder nehmen so früh und stark wie keine Generation zuvor ihre Vernetzung mit der Welt und damit auch ihre Bildung und Sozialisation selbst in die Hand. Die Zukunft als eine technisch machbare und bestimmte ist näher gerückt. Die Jahrtausendwendekinder kommen mit Selbstbewusstsein und hohen Ansprüchen auf den Arbeitsmarkt. Sie wollen nicht mehr so extensiv und flexibel arbeiten, wie sie das bei ihren Eltern beobachtet haben. Sie sind laut einschlägigen Studien nicht bereit, das Privatleben zugunsten der Arbeit stark einzuschränken. Ein Teil der Freizeitorientierung mag sich mit dem Eintritt ins Berufsleben und den ersten Arbeitserfahrungen auf ein pragmatisches Maß abschleifen. Aufgrund des demographischen Wandels wird sich der Arbeitsmarkt aber für sie günstig entwickeln.

Ihnen ist auch endgültig klar, dass sich keine Kontinuität mehr in der Geschichte etablieren wird, sondern der Umbruch von nun an die Regel ist. Die Internetkommunikation verbindet und polarisiert gleichzeitig. Die politischen Dynamiken werden durch den medialen Wandel offener und unsicherer, politische Entwicklungen brüchiger. Im Moment setzen die Jahrtausendwendekinder trotzig auf das Zufällige, auf das Vielfältige, auf das Abweichende, und auf klassische Werte – sprich: auf das kreative Chaos des Netzes. Die Jahrtausendwendekinder wachsen mit einer konsequent pluralistischen Haltung auf. Vielleicht kreiert diese Haltung tatsächlich neue gesellschaftliche Formen. The youth invents future. Ethnische Vielfalt und die Pluralität der Lebensweisen wird für die meisten der Jahrtausendwendekinder selbstverständlich.

„Die Generation Y ist damit aufgewachsen, dass Kleidung nichts kostet, dass man nicht kritisch hinterfragt, warum ein T-Shirt billiger ist als ein Big Mac. Die Generation Z will den schnellen Konsum jetzt und in Zukunft nicht mehr.“ – August Bard Bringéus, 28 und Jakob Dworsky, 30, Gründer des Modelabels Asket. Foto: Patricia Reyes

„Wir sind von Beginn an interkulturell, offen und ohne Vorurteile. Hautfarbe, Ethnie oder Geschlecht sind für uns kein Punkt, man besteht darauf, dass das keine Rolle spielen sollte, es zählt die Idee, das Argument.“

Gilt das für alle Vertreter dieser Generation, oder muss man differenzieren? Laut den Umfragen der Shell-Studie finden es 82 Prozent der Jugendlichen wichtig, „die Vielfalt der Menschen anzuerkennen und zu respektieren“. Das ist ein hoher Wert, und doch fragt man sich, was mit den verbleibenden 18 Prozent ist, ob an diesem Punkt eine Polarisierung in eine kulturell aufgeschlossene Mehrheit und eine restriktive Minderheit der Generation stattfindet.

„Creative youth seek each other collecting responses and reactions (…) joining international trends, groups and cultures.“

Wo ist noch nicht bekannte, unergründete, ferne Welt? Die „Aura“ der Welt und ihres Zusammenhangs scheint zu schrumpfen, sich zu verflüssigen, zu verflüchtigen. Die Welt in Zeiten ihrer technologischen Reproduzierbarkeit und des schnellen Zugriffs verliert ihre Aura, ihr einmaliges Hier und Jetzt, ihren Wert als Original.
Oder wird das Original, die fühl- und tastbare Welt, gar aufgewertet durch die vielen Kopien, Zerr- und Spiegelbilder? Passiert vielleicht beides gleichzeitig: Die reale Welt schwindet, versickert im Netz und wird zugleich wertvoller, kostbarer, reizvoller? Die allgegenwärtige Suche nach authentischen Ereignissen, Menschen und Dingen scheint dafürzusprechen. Doch ist die reale Welt auch immer schwieriger im Umgang, als es ihre Abbilder sind; man muss Schritt für Schritt lernen, mit der handfesten Realität und ihren Widerständen klarzukommen.

Die Generation Jahrtausendwende braucht eine dicke Haut, um in schwierigen, politisch instabilen, auch ethisch fragwürdigen Zeiten psychisch zu überleben und stabil zu bleiben, und diejenigen, denen dies schwerfällt, haben die Depression als Begleiter im Alltag schon kennengelernt, lange bevor Arbeitsmarktanforderungen und Arbeitsplatzstress in ihrem Leben eine Rolle spielen.

„Instagram hat uns oberflächlicher gemacht – in echt sind wir aber gar nicht so cool.“ – Claire Barrow, 27, Modedesignerin und Künstlerin Foto: Mathilde Agius

„Wir sind eine Generation, die es sich schon in jungen Jahren leisten kann, einmal um den Globus zu fliegen. So vieles scheint selbstverständlich für uns, während wir die Welt und die Ereignisse darin nur durch das Schaufenster der Nachrichten sehen: Wir sind dabei – wir sind aber nie dabei.“

Die visuelle Kultur der Gegenwart, mit ihren explodierenden Bilderwelten, bringt vieles nahe, was früher nicht erreichbar war. Die erste Generation, der die Welt ins Kinderzimmer kommt, erlebt zugleich eine geschrumpfte und angewachsene, überbordende Welt. Für frühere Generationen war die Welt an sich groß und die persönliche klein, jetzt ist es umgekehrt.

Die Jahrtausendwendekinder lernen neue Formen der Effektivität von Handlungen kennen, sie können mit geringstem Aufwand, einem Fingerwisch, relevante Vorgänge veranlassen und Entscheidungen treffen. Wenn dann einmal die Verbindung gestört ist, fühlen sie sich betrogen und gewaltsam auf sich selbst zurückgesetzt. Die Persönlichkeit der Jahrtausendwendekinder ist spürbar mit den Online-Bindungen verwachsen. Sie bewegen sich fast ständig in latenten Gemeinschaften: Chats, Foren, Whatsapp-Gruppen sind nicht wirklich verbindlich; sie sind aber ins Geschehen permanent halb involviert. Es entstehen neuartige Formen von Kooperation und Einbindung. Das Internet bringt es aber auch zustande, Menschen in Hassende und Gehasste aufzuspalten, die sich nie begegnet sind.

Der Mensch taucht in den sozialen Netzwerken als sein eigener Schatten auf. Inwiefern erleben die Jahrtausendwendekinder Spannungen zwischen ihrem realen Selbst und ihrer Online-Identität? In welches Verhältnis werden sie diese beiden Gesichter bringen? Es ist ein paradoxes Verhältnis zur Welt, das durch die zeitgenössischen Bilder vermittelt wird, real und gleichzeitig nicht real.

„Als Angestellte bin ich völlig ungeeignet: Ich bin zu eigensinnig.“ – Alexandra Gordienko, 27, Fotografin und Verlegerin des „Marfa Journal“ Foto: Noel Quintela

„Wir sind die Generation der Paradoxe. Wir lieben und hassen Instagram und Facebook. Studien beweisen, wie negativ sich soziale Netzwerke auf unsere Laune auswirken können. Der Konkurrenzdruck ist zu hoch. Erst gestern las ich auf eben diesen Plattformen von Aussteigern, die posten, wie glücklich sie nun ohne Facebook und Instagram sind.“

Die Bilder und Texte auf diesen Plattformen zeigen scheinbar, wie gut und perfekt andere aussehen und wie gut sie sich fühlen. Die reale Welt, die eigene Erfahrung kann da nicht immer mithalten, deshalb fühlt man sich oft ungenügend.


„As a 16 years old I know what Social Media does to us (…). I know how beauty standards and gender stereotypes more or less affect every teenager. Disorientation, bad confidence and evaluation are challenging our strenght, our confidence and our power.“
MAX MUSTERMENSCH

Die Generation Jahrtausendwende bemerkt durchaus, dass irgendetwas zwischen der online vermittelten Welt und ihrer direkten Umwelt klafft: Online ist vor allem der Erfolg der anderen zu verfolgen, ohne die Mühen und das Scheitern. Im direkten Umfeld überwiegt oft der „daily struggle“ des Alltags. Im Bewusstsein dieser Wirkungen kann man gleichwohl nur schwer davon lassen. Es ist reizvoll, ein Selbstbild zu entwerfen, auch ganz verschiedene Bilder von sich selbst zu erschaffen, frei von alltäglichen Zwängen und Festgelegtheiten. Die Möglichkeit, sichtbar zu sein, sich anderen mitzuteilen, verstärkt und erweitert die positiven Momente im Erleben, und „bad days“ lässt man einfach weg.

„Solche Darstellungen sind immer lückenhaft und zeigen nur einen Ausschnitt. Werden wir durch solche Funktionen zu Schauspielern einer Scheinwelt?“

Das erschaffene positive Selbstbild wirkt zurück auf das Befinden, wenn alles gut läuft. Ein enormer Sog, der große Befriedigung mit sich bringen kann, solange das kreierte Selbstbild von anderen anerkannt und für gut befunden wird. Anerkennung ist in allen Gesellschaften die wichtigste Währung des Soziallebens. Anerkennung ist Nahrung für unsere Identität, ganz besonders für die Identität, die sich im Heranwachsenden erst finden, erst herausbilden muss und die deshalb fragile Konturen hat. Der Kontrast von Anerkennung und Ausgrenzung, der Kontrast sozialer Höhen und Tiefen hat sich mit den sozialen Medien verschärft. Man kann mehr gewinnen, aber auch mehr verlieren als früher. Da es ihnen an materiellen Dingen nicht mangelt, legen die Jahrtausendwendekinder ganz besonderen Wert auf die Anerkennung in der virtuellen Kommunikation; sie sind genötigt, hierzu ein Verhältnis zu finden, eine Strategie zu entwickeln.

Der große Teil der Jahrtausendwendekinder ist sich der Gefahren für Person und Privatleben bewusst. Sie sind überwiegend „Future Realists“ geworden und haben, obwohl sie sie ausgiebig nutzen, eine grundsätzliche Skepsis gegenüber der Online-Kommunikation entwickelt. Sie nutzen die sozialen Netzwerke, um nicht ausgeschlossen zu sein, doch oft mit misstrauischem Blick. Sie lernten früh, Zusammenarbeit nicht nur wertzuschätzen, sondern auch zu initiieren. Verbindlichkeiten der Kooperation allerdings sind ein Thema und müssen vielfach noch erlernt werden; die latent offenen virtuellen Netze legen ihnen eine unverbindliche Beteiligung nahe. Sie wollen kreativ sein, ihre Denkweise und ihr Problemlöseverhalten hat sich verändert im Vergleich zu vorherigen Generationen. Wahrnehmen und Denken orientiert sich stärker an Visualisierungen. Sie besitzen eine schnelle Auffassungsgabe. Sie wollen gestalten und erfinden. Sie geben gerne Feedback – in Form von Empfehlungen oder Kritik.

„Wir sind leichter und freier und wollen überall zu Hause sein, als ob man in einer Cloud lebt. Ich könnte mir vorstellen, alle drei Jahre woanders hinzuziehen, bis an mein Lebensende.“ – Rafaela Kaćunić, 28, Verlegerin von „This is Badland“, Art-Direktorin und Model Foto: Vitali Gelwich

„Die Generation Z zeichnet sich vor allem durch Offenheit gegenüber der Welt und gegenüber anderen Einstellungen aus, doch bei persönlichen Lebensentscheidungen berufen wir uns häufig auf Werte, die uns mitgegeben worden sind.“

Sie glauben nicht alles, was im Internet kursiert, und nicht jedem. Die Meinung von Menschen des näheren Umfelds, von Familie und Freunden, erhält wieder größeren Stellenwert. Die Familie gibt Halt, ist jedoch auch ein bedrohter Rückzugsort. Etwa ein Drittel dieser Kinder sind Scheidungskinder; sie mussten lernen, ihren Alltag aufwendig neu zu organisieren, an zwei Wohnorten zu leben, ähnlich wie die erwachsenen Berufspendler, und mit der intimen Komplexität von zwei Haushalten, Regelwerken und Beziehungsmustern umzugehen.

Körperliche Arbeit kennen sie vor allem aus dem Sportstudio. Doch was ist mit denen, die für einen Wissensberuf nicht geeignet sind oder den Weg der höheren Bildung nicht einschlagen wollen? Was bleibt für sie?

In Gender-Fragen sind ebenfalls starke Kontraste festzustellen. Einerseits sind die klassischen Gender-Stereotype mit ihren männlichen und weiblichen Körpertypen und Performances allgegenwärtig in der Mode und im Lifestyle. Andererseits wird aber die dominante Alltagstheorie der Zweigeschlechtlichkeit in Frage gestellt. Bei Bekleidungsstilen und auch bei den Models, die die Kleider tragen, werden androgyne oder auch gender-widersprüchliche Tendenzen und Strömungen sichtbar, nicht als Randerscheinung, sondern im Mainstream der Populärkultur angekommen. Intersexuelle Models wie Hanne Gaby Odiele oder Andreja Pejić sind erfolgreich und bereichern die Laufstege der Designer; mit ihrer androgynen Ausstrahlung ziehen sie das Aufsehen auf sich. Mode ist nonverbale Kommunikation, ein visuelles Statement, das unsere Werte und unsere Haltung nach außen trägt, ob mit unserer Absicht oder nicht, uns bestimmten Gruppen und Milieus zuordnet. Es gilt nun zwar, sich individuell zu zeigen und darzustellen, trotzdem gibt es aufgrund der vermehrten Sichtbarkeit in den sozialen Netzwerken einen impliziten, starken Zwang zur Konformität. Rebellische Looks werden seltener, widerständige Stile wie Punk sieht man kaum noch. Jugendkulturen mit verbindlichen visuellen Codes wie Punk, Gothic, Skater oder Emo spielen keine große Rolle mehr. Politische oder kulturelle Rebellion äußert sich nicht primär im äußeren Stil.

„Die Mode ist vielfältig, ausgefallen, konservativ. Inspiration findet meine Generation vor allem in den sozialen Netzwerken wie Instagram und Pinterest.“

Die Veränderungen der Mode vollziehen sich im Modus der virtuellen Kommunikation so schnell, die Eindrücke und Inspirationen sind so vielfältig, dass die Verbindlichkeit der angesagten Stile stark abnimmt. Nur die besonders Mode-Affinen investieren viel Zeit und Interesse, um besonders trendy zu sein, um gar die Trends selbst zu beeinflussen. Viele kleiden sich in einem schlichten, oft geschmackvollen Schick. Wenn sich alles ohnehin permanent dreht und beschleunigt, jede neue Richtung immer schneller veraltet, dann wachsen die Spielräume für den ganz persönlichen Stil. Modische Statusobjekte, wie Sneaker oder Shirts aus limitierten Auflagen, existieren zwar noch, und eine durchaus relevante Fangemeinde versucht, diese zu ergattern, um sich unterscheiden zu können. Doch für die meisten geht es einfach darum, sich angemessen und bequem zu kleiden und Individualität zu zeigen.

Es scheint, als wende sich ein Teil der Generation bewusst ab von der allgegenwärtigen Beeinflussung durch Werbung, Social Media und der Schnelllebigkeit, indem sie einen Anti-Style pflegt. Die Kommerzialisierung von Körperbildern und Schönheitsidealen, die Allgegenwart perfekter Körper und Dinge produzieren nicht nur Anpassungsdruck, sondern auch gegenteilige Kulturformen: von der Norm abweichende Körper, scheinbar misslungene Fotografien, surrealistische Collagen, Mixed-Media und Verfremdungen.

Als Reaktion auf die visuell überaus präsenten Schönheitsideale und den Druck, den diese gerade auf junge Menschen ausüben, wird eine neue Zufriedenheit mit dem eigenen Körper propagiert. Das könnte hilfreich sein, um ein eingefahrenes Paradox der Mode zu bewegen: Wir alle wollen individuell sein, indem wir dem Trend, also den anderen folgen. Durchdenkt man es richtig, ist gerade der Makel individuell, und in Zeiten einer beschleunigten ästhetischen Pluralisierung kann genau dies in den Blick rücken. Wenn wir alle gleichermaßen den herrschenden Schönheitsidealen entsprächen, würde Individualität verschwinden.


„Eigentlich sind wir alle individuell, aber alle so gleich individuell, dass es schon wieder individuell ist, nicht individuell zu sein. Wir sind alle Rebellen, Hipster, alternativ. Wir schwimmen alle gegen den Strom. Wer sagt uns, wie wir sein sollen?“
MAX MUSTERMENSCH

Influencer posten Impressionen ihrer Kleidung und ihrer Einrichtung, ihres Konsums und ihrer Essgewohnheiten, sie sind nah und fern zugleich. Alle Elemente und Routinen des Alltags werden ästhetisiert. Das Alter spielt keine Rolle, was auf die ganz Jungen einen großen Reiz ausübt. Der Traum vieler ist es, vom unscheinbaren Niemand zum Influencer zu werden und aus den eigenen Alltags- und Konsumkompetenzen ein Erfolgsmodell zu machen.

Wahrscheinlich kann es keine menschliche Gesellschaft ohne Schönheitsideale geben. Doch sind die ästhetischen Standards der Mode kontingent: Mal sind es die buschigen Augenbrauen, die Charakter verleihen, mal ist es das Knöchelzeigen beim Tragen von Hochwasserhosen. Dann werden die Hosen überlang. Was gestern gar nicht ging, hat morgen die besten Chancen, zum neuen Trend zu werden. Warum? Weil es den größten ästhetischen Unterschied macht. Der Neuheits- und Überraschungswert ist dann am größten, wenn das Unwahrscheinliche zum Trend wird – schließlich werden damit neue stilistische und ökonomische Anreize geschaffen.

„Über soziale Medien kann man sein Image heute einfacher lenken. Gerade deshalb ist Authentizität der wichtigste Wert. Mitgefühl und Privatsphäre sind wichtig – gerade in Zeiten der totalen Instagram-Transparenz.“ – Paul Hameline, 22, Model Foto: Vassilis Karidis

„Materielle Werte verlieren auch deshalb an Bedeutung für uns, weil wir keine existentiellen Nöte erleben.“

Sie haben den Kopf frei für wichtigere Dinge als materiellen Besitz – doch werden sie die großen sozialen und ökologischen Probleme auch pragmatisch und willensstark anpacken, wie es mancher Zukunftsforscher prophezeit? Ihre Kindheit war von der Selbstverständlichkeit des Wohlstands geprägt, doch auch von neuen sozialen und kulturellen Unsicherheiten: Von zunehmendem Leistungsdruck in der Schule, von sich schließenden Zugangswegen für leistungsschwache Schüler, die keinen höheren Bildungsweg einschlagen können oder wollen.

In die wirtschaftlich und sozial recht stabile „Aufstiegsgesellschaft“ mit der Bildungsexpansion, dem steigenden Wohlstand und dem noch relativ geordneten Sozialleben bricht zu Anfang des Jahrtausends überraschend Gewalt ein und erschüttert das normative Fundament der westlichen Welt. Die Gewalt kann überall lauern und gerade im sicher geglaubten urbanen Raum, inmitten des Schutzes einer Menschenmenge zuschlagen.

„Sie lauert dicht unter der sozialen Oberfläche; um im arglosen Stadtalltag zur Zielscheibe der Gewalt oder eher zum zufälligen Opfer ihres Aufpralls zu werden, braucht es oft keine Gründe.“

Die Gewalt ist nicht festgelegt, sie hat eine ethnische, eine gender- und eine schichtspezifische Färbung, doch sie ist nicht stabil daran geknüpft, letztlich kann sie von jedem, von überall herkommen. Die Generation Z wächst mit diesem Phänomen auf.

Man baut auf die Wahrscheinlichkeit, es wird mich schon nicht treffen – doch im Bewusstsein, dass es keine Sicherheit gibt. Man kann sich nicht vollständig schützen. Die latenten und manifesten ökologischen Katastrophen kommen hinzu. All dies könnte den Glauben an die Zukunft, die Hoffnung auf das, was noch kommt, erschüttern. Es könnte aber auch als Aufforderung verstanden werden, sich eine geprüfte und gefestigte politische Haltung zu bilden. Die Generation Jahrtausendwende scheint sich wieder mehr für Politik zu interessieren und sieht auch motivierende Gestaltungs- und Einflussmöglichkeiten für sich kommen. Das gibt Hoffnung.

Die Shell-Studie „Jugend 2015“, bei der rund 2500 Jugendliche zwischen zwölf und 25 Jahren befragt wurden, kam unter anderem zu folgenden Ergebnissen:
52 Prozent der Befragten blicken optimistisch in die Zukunft.
61 Prozent blicken optimistisch auf die eigenen Zukunftsperspektiven, jedoch gilt dies nicht für die sozial schwächste Schicht, dort halbiert sich dieser Wert nahezu (33 Prozent).
99 Prozent der Befragten haben Zugang zum Internet.
71 Prozent nutzen zwar das „Social Web“, sehen es aber durchaus kritisch.
41 Prozent bezeichnen sich selbst als „politisch interessiert“ (Tendenz wieder steigend).
82 Prozent der Jugendlichen fanden es wichtig oder sehr wichtig, „die Vielfalt der Menschen anzuerkennen und zu respektieren“.

„Sind wir noch Faust? Wegen seiner Wünsche nach Macht, Unterhaltung und sexueller Trieberfüllung wird Faust häufig als ein Prototyp des modernen Menschen gesehen. Für Goethes Faust steht nach dem schamlosen Ausnutzen seiner Macht die Erkenntnis, dass sein eigenes Streben nach Bedürfniserfüllung einem altruistischen Ansatz weichen muss. Daran anknüpfend können sich für die Generation Z zwei Ansätze ergeben: Entweder die gegenwärtigen Trends verstärken sich bis hin zum Homo commodissimus, dem bequemsten Menschen. Oder es kommt nach einer Periode der Kraftprobe der eigenen Möglichkeiten zu einem Umdenken, zu einer Neudefinition der Generation Z. Bis dahin wird es spannend sein zu beobachten, wie die internen Entwicklungen dieser Generation in den anderen Teilen der Gesellschaft rezipiert werden.“

Aus Paradoxien und Widersprüchlichkeiten ergeben sich nicht nur Gefährdungen, sondern auch neue Chancen. Die Jahrtausendwendekinder werden für sich abzeichnende Probleme nach neuen Lösungen suchen und Hürden überwinden müssen: für das sich zuspitzende Spannungsverhältnis zwischen virtueller sozialer Vernetzung und Individualität. Für die Gefahr der individuellen oder kollektiven Regression, für den Eskapismus einer vorher in diesem Ausmaß nicht gekannten Unterhaltungssucht (zum Beispiel in Form von „Binge Watching“ oder Spielesucht). Für den Widerspruch zwischen globalisierten Kulturwelten und der Suche nach dem, was uns in der nahräumlichen Lebenswelt verbindet. Für die neuen Polarisierungen des Politischen und die Labilität und die Gefährdungen, die daraus entstehen. Für die Gefahr der vollständigen Kommerzialisierung und Manipulation der virtuellen Welten. Für die Balance von Arbeit und Leben in einer Gesellschaft mangelnden Zeitwohlstands. Für die sich schärfer abzeichnenden ökologischen Bedrohungen unserer Lebenswelt. Die große Chance der Jahrtausendwendekinder ist, die Welt in diesem Jahrhundert auf einen nachhaltigen, zukunftsträchtigen Weg zu bringen. Die ökologische Frage wird sich während ihrer Lebenszeit zuspitzen. Noch ist die eingeschlagene Richtung nicht absehbar. Die Geschichte ist offen – das gilt für die Jahrtausendwendekinder ganz besonders. Ihre Geschichte hat gerade erst begonnen.

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Die Autoren: Aida Bosch ist Professorin an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen Nürnberg, sie forscht und lehrt im Bereich Kultursozioligie. Emanuel Eck hat einen Abschluss in Soziologie und Pädagogik und befasst sich mit Produktentwicklung im Food-Sektor. Rebecca Hippeli hat ein Produktdesign-Studium abgeschlossen und strebt nun einen Master in Soziologie an.

Quelle: F.A.Q.