Mega-Bling-Bling und Kioskbier

Die globalen Geldströme lassen in Montenegro eine Art neue Côte d’Azur entstehen. Der Aufbruch gefällt nicht nur Millionären.

17.05.2018

Text: RALF NIEMCZYK
Fotos: FEDERICO CIAMEI

Kaum Deutsche an der schon früh im Jahr sommervollen Mittelmeerpromenade von Budva. Man hört Serbisch, Russisch, Englisch, Italienisch, zuweilen auch ein Wienerisches „Bussi-Baba“. Ein knallbunter Strom aus Freizeitmodels wälzt sich in Richtung Stari Grad, der mittelalterlichen, von mächtigen Trutzmauern umgebenen Altstadt. Balkan Beats, Fischrestaurants und wohlgebräunte Haut: Das Mini-Dubrovnik bildet das Herz der Küstenregion. Auf der Festungshalbinsel gusseiserne Kanonen, ringsumher mehr als nur ein Hauch Monte Carlo.

Eine Geschichte aus „Frankfurter Allgemeine Quarterly“, dem neuen Magazin der F.A.Z.

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Topmoderne Investorenarchitektur überwuchert längst die restsozialistischen Brutalismusklötze. In der Großanlage „Splendid“ logiert die Russenelite. In der Superdisko „Top Hill“ mit ihrer 5000er-Kapazität wird Ibiza locker weggebrettert. Electro-Größen wie Fat Boy Slim und DJ Fedde Le Grand wissen längst, wo Budva liegt. Internationaler Dancefloorzirkus, Mädels und Jungs im knapp bemessenen Ost- Outfit. Die luxuriöse Hotelresidenz „Dukley“ mit ihren Panoramalofts kriecht wie ein fetter Drache das Küstengebirge hoch. Wenn Monaco „ein sonniger Ort für schattige Typen“ ist, entsteht hier und um die berühmte Bucht von Kotor ein neuer Widerpart zur Côte d’Azur. Zwischen Mega-Bling-Bling und einem Kioskbierchen für 90 Cent an einer einbetonierten Strandanlage liegt nur ein kurzer Bustrip. Willkommen zu einem der letzten Reiseabenteuer Europas.

Am Strand von Budva: Hotel „Tre Canne“
Luštica Bay: Eine „alte“ Gemeinde vom Reißbrett fürs neue Geld
Die Währung der wirklich Reichen: dicke Schiffe

„Die Entwicklung begann nach den Balkankriegen, von denen Montenegro weitgehend verschont blieb“, sagt Slavicia Milić, die für eine große Entwicklungsgesellschaft arbeitet. Sie hat die fiebrige Dynamik miterlebt, befeuert von milliardenschweren Oligarchen, die das Potential des Küstenstreifens frühzeitig erkannten. Global Player, die den Kick spezieller Destinationen jenseits des üblichen Pauschaltourismus suchen. Russen, Chinesen, Araber – im Luxustourismus vermitteln sich die neuen Ströme des internationalen großen Geldes.

Nach der Unabhängigkeit von Serbien 2006 suchte die neue Regierung den Anschluss an weltweite Kapitalbewegungen. Aufbruch um jeden Preis. Auch die Korruption boomte. Halbseiden, aber solide. Überall trifft man nette Menschen, die ihr geliebtes Land schnell als Bananenrepublik bezeichnen – und dann herzlich lachen. Der Euro als Währung wirkt ebenso stabilisierend wie der investorenfreundliche Kurs von Premierminister Dusko Marković. Seit Juni 2017 gehört Montenegro, kaum größer als Schleswig-Holstein und etwas mehr Einwohner als Stuttgart (650.000), zur Nato. Marković wurde zur Youtube- Berühmtheit, als ihn US-Präsident Donald Trump vergangenes Jahr beim Gipfeltreffen in Brüssel rüde aus dem Rampenlicht schubste.

Postkartenidylle: Zitadelle und Strand von Budva

Managerin Slavicia Milić hat vor zehn Jahren in der historischen Zone ihres Heimatortes Kotor mit einigen Kumpels den „Bandiera Pub“ eröffnet. Ein früher Treffpunkt für Einheimische und ausländische Hipster, gleich neben dem Venezianischen Krankenhaus von 1749. Die Kneipe bildete einen Nukleus für die spätere Boom Zone. Denn allen Großstrategen war nach den Verwerfungen in Ex-Jugoslawien klar: Tourismus wird wieder das große Ding. Das Retro-Potential ist groß: Auf der Postkarteninsel Sveti Stefan regierte früher blockfreier Sixties- und Seventies-Chic mit Willy Brandt und Tito, Sophia Loren oder Prinzessin Margaret. Hier hat die Resortkette Aman aus Singapur die rotbraunen Häuschen zum Luxus-Hideaway ausgebaut. Dort heiratete Tennis-Superstar Novak Đoković nach seinem zweiten Wimbledon-Sieg 2014 seine Model- Freundin. Seitdem boomt nicht nur das Geschäft mit Traumevents ganz in Weiß. Remmidemmi im größeren Maßstab wie in Spanien ist allerdings nur im nahen Kessel von Budva möglich, allein von der beschränkten Verkehrsinfrastruktur des kleinen Landes her. Architektonische Exzesse für Massentourismus haben keine Chance: Wegen der latenten Erdbebengefahr muss hier eher solide und flach gebaut werden.

Ex-Kneipenfrau Slavicia Milić arbeitet heute für das milliardenschwere Projekt Luštica Bay, das mit dem Bilderbuchszenario des Mittelmeerfjords wuchern kann – Teile der vier Meeresbecken werden heute als Unesco-Weltkultur- und Weltnaturerbe geschützt. Wer mit dem Linienbus für drei Euro die enge Küstenstraße entlanggondelt, erhascht immer wieder spektakuläre Perspektiven. In der schimmernden Bucht etwa die Insel-Klosterkirche Gospa od Škrpjela mit ihrem hellblauen Kuppeldach.


Wir wollen kein ‚Gated Resort‘, das die umliegenden Dörfer ausschließt. Das würde hier nicht funktionieren.
SLAVICA MILIĆ

Die Zukunft liegt hier ganz in der Vergangenheit: In Luštica Bay wird bis hinein in die kommenden zwanziger Jahre auf ehemaligem Militärgebiet ein bis ins kleinste Detail „original“ gestaltetes Retortenstädtchen für 3000 Einwohner errichtet, eine „alte“ Gemeinde vom Reißbrett, samt Schule, Sportplatz und Feuerwehr. Die erste Ausbaustufe hat Terrassen, Gassen mit Buckelpflaster und regionaler Pflanzenwelt. Runde Dorfplätze, umsäumt von steinernen Bänken, nach guter alter Tradition. Heimeligkeit für Start-up-Gewinner oder die internationale Silver Ager Community, die sich nicht in Marbella mit den Briten um die Plätze an der Sonne streiten will.

Eingangshalle des Hotels „The Regent“ in Porto Montenegro
Viele der Gäste mögen Shopping: Schuhe von Dolce & Gabbana.

Der Großinvestor heißt Orascom, gegründet vom koptischen Ägypter Onsi Sawiris, der bereits auf der Halbinsel Sinai eine komplette Stadtanlage errichtet hat. In diesem Sommer eröffnet er hier gemeinsam mit der in Europa bislang nur im schweizerischen Andermatt vertretenen Hotelkette Chedi ein illustres Fünf-Sterne-Plus-Haus. Gleichzeitig kommen ein 18-Loch-Golfplatz und die eigens angelegte Marina.

„Wir wollen kein ‚Gated Resort‘, das die umliegenden Dörfer ausschließt. Das würde hier nicht funktionieren“, sagt Slavica Milić. Man gibt sich offen und betont das Engagement lokaler Baufirmen und Handwerker. Hübsch gemachte Enklaven in Sandfarben mit dem diskreten Charme des großen Geldes.

An der Autofähre zwischen Kamenari und Lepetane, der engsten Stelle der Bucht von Kotor, ist das alte Montenegro zu besichtigen. „Doo Pomorksi saobraćaj“ steht in vordigitalen Lettern der Betreibername auf dem Kassenhäuschen. Staubige Bauarbeiter von der Mega-Marina-Baustelle Portonovi auf dem Heimweg. Für Fußgänger ist die Überfahrt kostenlos. Über Außenlautsprecher läuft „Californication“ von den Red Hot Chili Peppers. Konsequent scheppernde Rockpop-Beschallung; wie an den meisten öffentlichen Orten des Landes. Portonovi, Lustica Bay und all die anderen neuen Edeltreffpunkte werden künftig für einen neuen Rhythmus und ein neues Gefühl an der Adriaküste sorgen.

Golfcarts sehen am Hafen auch ohne Golfplatz gut aus.

Das ist ein bisschen Los-Angeles-Style, hier per Bus, ein relaxtes Herumdümpeln zwischen den Extremen. Beverly-Hills-Zonen folgen auf krass zersiedelte Valleys. Der zentrale Busbahnhof in Budva ist ein Epizentrum dieses Wechselspiels. Ein bizarrer Flachbau, bestehend aus einer Pizzeria, Megakiosk, Touri-Office und Ticketschalter. Im Außenbereich ein Minizoo mit Wasserkaskaden. Traveller, Hausfrauen und Heimkehrer Richtung Albanien treffen aufeinander. Auf dem schrabbeligen Möbelhaus-Billboard entlang der Landstraße zum internationalen Flughafen steht „Germany, Germany“. Peripherie, die zu einem wildgewachsenen Gewerbegebiet geworden ist.

Im Küstenstädtchen Tivat das Kontrastprogramm: Von der beschaulichen Strandpromenade kommt man übergangslos auf das Gelände des in maritimen Kreisen vielfach preisgekrönten Porto Montenegro („The Glamorous and Unforgettable Getaway“). Hier lässt sich besichtigen, was anderswo noch schillernde Zukunft ist. Etwas unvermittelt steht der Reisende vor der „Clubhouse Bar,“ mitgegründet von Al Hales aus Sydney, der über einen Matrosenjob auf der „Golden Eagle“, der Yacht des südafrikanischen Goldminen-Tycoon Peter Munk, an der montenegrinischen Küste strandete.

DJ in der „Clubhouse Bar“: australische Lässigkeit
Angesagte Bars: Etwa das „Berlin“ in Podgorica
Schick: „Tarantino Culture Club“ in Podgorica

„Eigentlich wollten wir hier 2010/2011 nur überwintern. Doch mir gefielen Leute und Wetter, also habe ich meine ursprünglichen Barpläne für New York nach Tivat verlegt.“ Seine mit bunten Fensterläden und allerlei Surfer-Shack-Nippes ausgestattete Clubbar und regelmäßige Party-Events ziehen Bootscrews und Exilanten an. Auch die Ortsjugend spielt hier Elektro-Darts. „Wir wollten ein australisches Gefühl rüberbringen, und ich bin stolz darauf, dass wir nicht allzu große Kompromisse machen mussten“, sagt Hales. Das Halbliterbier der regionalen Brauerei Lav kostet 2,20 Euro. Ein Streamingkanal spielt New-Wave-Retrorock: „Roxanne“ von Police, Stranglers oder „Psycho Killer“ von den Talking Heads. Einst war hier ein Werftgelände, das nach seiner Abwicklung für hohe Arbeitslosigkeit sorgte. Heute reparieren einige der ehemaligen Facharbeiter die schwimmenden Reichenspielzeuge mit maltesischen oder griechischen Flaggen. „Unser Ziel war stets, zum Heimathafen internationaler Jachtbesitzer zu werden, die sich hier zu Hause fühlen und denen wir stets einen Liegeplatz frei halten. Nach drei Jahren sind wir auf dem besten Weg dorthin“, sagt die Marina-Beauftragte Milena Bojanić im todschicken Sales Office. „Für die Crews bieten wir zum Überwintern sogar ein kostenloses Ski-Chalet in den Bergen an.“

Unbeeindruckt vom Hype spielen Einheimische Schach am Strand.

Die ehemalige Schiffsbauhalle wird für Konzerte und Firmenevents genutzt, vor dem Meeresmuseum steht ein restauriertes U-Boot der jugoslawischen Marine. Bang & Olufsen, das Fünf-Sterne-Hotel „The Regent“ oder die imposante Sisha-Lounge „Byblos“ verbreiten ein mildes Millionärsflair. Im Sommer bummeln Zigtausende Gäste an den Edelboutiquen mit Tom Ford, Givenchi oder Stella-McCartney- Klamotten vorbei. Nicht alle können sich die Auslagen leisten, aber für eine handgebackene Waffel bei der ökologisch korrekten Gelati-Bude „Moritz Eis“ reicht es bei den meisten allemal.

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Quelle: F.A.Q.