Auferstanden aus Ruinen

Downtown Los Angeles war früher „No-go-Area“. Jetzt verbreiten neue Shops, Restaurants, Hotels, Galerien und Cafés Aufbruchstimmung. Lohnt sich der Weg ins Zentrum?

06.02.2018
Text: JULIA STELZNER
Fotos: THORSTEN KONRAD

Es ist noch nicht allzu lange her, dass in den internationalen Los-Angeles-Guides Hollywood und Venice Beach die angesagtesten Restaurants, Boutiquen und Bars zugeschrieben bekamen. Doch das glauben heute nur noch Touristen, die in Hollywood inzwischen sogar im berüchtigten „Hotel Chateau Marmont“ überwiegen, wo die Celebrity-Spottings so rar geworden sind wie intakte Sanitäranlagen. Und in Venice Beach sind nicht mehr nur coole Surfer und Hippies zu Hause, sondern auch große Internetfirmen wie Snapchat. Richtig spannend ist das alles nicht mehr. Dafür muss man heute schon nach Downtown gehen. Downtown? Ja, genau, der Stadtteil, vor dem sie einen in den Achtzigern und Neunzigern warnten. Weil jeder, der etwas auf sich hielt, in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts raus aus dem Zentrum in eigene, kleine Bungalows gezogen war. Und in Downtown allmählich Kriminelle und Drogendealer dominierten. Das Viertel wurde zur „No-go-Area“ und verfiel zusehends.

Eine Geschichte aus „Frankfurter Allgemeine Quarterly“, dem neuen Magazin der F.A.Z.

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Seit drei Jahren jedoch erlebt ausgerechnet Downtown einen großen Bauboom. Überall werden Gebäude hochgezogen oder renoviert. Zwischen den alten Wolkenkratzern, die wie ein Stalagmitenfeld das Zentrum der Stadt markieren, entstehen zahlreiche neue. Auf dem Broadway geht es geschäftig zu wie in Manhattan – weil hier nicht nur Taxis und Uber-Autos zirkulieren, sondern auch Passanten shoppen. Zu Fuß. Und das in Los Angeles. Dass man sich an der Westküste und nicht mitten in New York befindet, sagen wir in SoHo, wird nur durch das andere, kalifornische Licht deutlich: golden, satt – verheißungsvoll. Und so ist auch die aktuelle Stimmung hier.

Die großen Marken sind da: Acne Studios am Broadway

Ein Punkt, an dem internationale L.-A.-Liebhaber mit großer Wahrscheinlichkeit Gleichgesinnte treffen können, ist die Kreuzung South Broadway und West 9th Street, wo sich seit drei Jahren nach und nach ein Best-of jener Marken angesiedelt hat, die Medien- und Modeschaffende aus aller Welt lieben: Acne, A.P.C. und Aesop. Zu den Zugezogenen am Broadway gehört auch die Berliner PR-Agentur Bold. Im Februar 2014 bezog Svenja Altan die Zweigstelle ihrer Berliner Agentur, in der sie Kunden wie Eastpak, Kenzo und Reebok vertritt. Wenn sie von ihrem Büro am Broadway erzählt, gerät sie ins Schwärmen: „Vom Flair her fühlt es sich ein bisschen wie New York in den Achtzigern an. Es ist ein Nährboden für Kreativität. Die Firmen, die hier ihre Businesses eröffnen, haben eine gewisse internationale Ästhetik und Modernität. Als Lifestyle-Kommunikationsagentur lieben wir das Unperfekte.“ Bold ist nicht das einzige Unternehmen, das in Los Angeles Downtown sucht, was in Berlin-Mitte verlorengegangen ist. Der Designerbrillenhersteller Mykita hat vor zwei Jahren in unmittelbarer Nachbarschaft, im alten Eastern Columbia Building, ebenfalls einen Laden eröffnet und beteiligt sich von dort aus an der Entwicklung des Viertels.

Hipster-Café „G & B Coffee“ im alten Grand Central Market
Hier gibt es große Räume und Platz für Business-Ideen
Nostalgisch: Alte Neonreklame am Los Angeles Theatre

Erst mal ein Frühstück bei „L. A. Chapter“ im „Ace Hotel“ ein paar Meter weiter. Die Hotelkette aus Portland, die mit einer Mischung aus Heritage und Hipness ein junges, international vernetztes Publikum anspricht, hat sich nach aufwendigen Restaurierungsmaßnahmen im United Artists Theatre von 1927 niedergelassen, dem damals höchsten Gebäude der Stadt. Die 13 Dollar für Joghurt mit Obst und Knuspermüsli und fünf für einen Cappuccino sind happig, aber der Laden ist am Samstagmorgen gerappelt voll. Nebenan, im Konzertsaal des Theaters, werden Vorbereitungen für die Veranstaltung am Abend getroffen. Ein Comedian tritt auf. Die ornamentalen Säulen und Geländer im spanisch-gotischen Stil sehen so sauber aus, als wären sie eben erst zugesägt worden. Die 1600 roten Samtsessel sind hochgeklappt. Auf ihnen saßen vor neunzig Jahren die Premierengäste von „My Best Girl“. Damals, als die Ford-A-Modelle den Broadway runterröhrten und sich in ihrem Chrom das Licht der Neonschilder spiegelte, die auf einen Auftritt von Charlie Chaplin hinwiesen. Damals, als Downtown schon mal up to date war. Ein paar Jahrzehnte später schloss das United Artists Theatre. Downtown war totgeschrieben. Dass 2014 mit dem „Ace Hotel“ neues Leben einkehren sollte, war da noch unvorstellbar.

Prost: Craft Bier im Arts District bei der Brewing Company

Verantwortlich für die Renaissance ist auch die Initiative „Bringing Broadway Back“, die der Flaniermeile in einem ambitionierten Zehnjahresplan zu neuem, altem Glanz verhelfen will. Zwischen West 7th und West 9th Street sind die Renovierungsarbeiten bereits abgeschlossen. Im ehemaligen Rialto-Filmpalast verkauft Urban Outfitters Kapuzenpullover und Krimskrams. Die prunkvolle Lobby des Los Angeles Theatre ist häufig Kulisse für TV-Produktionen wie „Germany’s Next Topmodel“. Im Orpheum laufen Musicals. Und direkt neben Mykita wird derweil das Broadway Trade Center, ein Art-déco-Schmuckstück von 1908, renoviert. Für das Erdgeschoss ist ein Shop- und Gastrobereich geplant. Darüber sollen Studios für Kreative entstehen. Noch zwei Jahre dauern die Bauarbeiten an. Fünf Blocks weiter wurde hingegen kürzlich das „Wilshire Grand“ eröffnet. Mit 380 Metern Höhe und 73 Etagen plus Observationsdeck für ein Interconti- Hotel und Büros übertrifft es alle anderen Wolkenkratzer.

Nördlich der 7th Street überwiegt noch das alte Downtown mit seinen schrammeligen Juwelier- und Audio-Läden. Die Fenster der alten Theater und Bürogebäude darüber sind entweder von den Abgasen schwarz gefärbt oder eingeschlagen. Davor verkaufen ärmlich aussehende Menschen, was sie entbehren können oder ihnen untergekommen ist: gebrauchte Pullis für einen Dollar, eine Tüte Granatäpfel, eine Packung Unterhosen. Es riecht nach Churros. Und nach Urin – von den Parkplätzen, auf denen sich Obdachlose erleichtern. Öffentliche Toiletten gibt es nicht. Von Bauboom und Aufbruchstimmung keine Spur.

Obdachlose in der Skid Row: Nicht alle profitieren vom Wandel.

Denn ab der 7. Straße beginnt Skid Row, das kranke Herzstück des Zentrums. Der Sorgenpatient. Hier interessiert sich im Gegensatz zu den neuen Third Wave Coffeeshops niemand, ob die Milch im Kaffee aus Kuh-, Soja- oder Mandelmilch ist. Für die rund 6000 Menschen, die östlich des Broadways auf der Straße leben, ist Downtown kein verheißungsvoller Ort. Eine derartige Konzentration an Wohnungslosen gibt es nirgends sonst in den Vereinigten Staaten – Tendenz steigend. Die Seitenstraßen, vor allem die San Pedro Street, stehen voller Zelte. Wer keins hat, schläft in einem Einkaufswagen oder auf Kartons. Überall liegt Müll, manchmal Kotze oder Blut, hier und da sieht man Wohnutensilien wie einen kleinen Tisch oder Topfpflanzen. Diejenigen, die hier hausen, haben alles verloren: ihren Job, wenn sie mal einen hatten, ihr Zuhause, manche ihren Verstand. Das Elend ist abgeschirmt und fällt niemandem weiter auf. Drum herum stehen nur leerstehende Lagerhallen und Industriebauten. Es gibt keinen Supermarkt, bloß ein paar Läden, die Bongs oder Kruzifixe verkaufen. Wobei Hasch die beliebtere Religion ist. Allerdings wird sich auch in Skid Row etwas tun.

2016 wurde beschlossen, dass hier 10.000 günstige Wohneinheiten entstehen sollen. Rund 1,2 Milliarden Dollar wird das Vorhaben kosten, finanziert durch höhere Eigentumssteuern. Die Bevölkerung unterstützt das Vorhaben: 76 Prozent der Bewohner stimmten zu. Wie lange die Stadt, Entwickler und Investoren aber brauchen werden, um wirklich mit konkreten Bauvorhaben zu starten, ist noch ungewiss.

Straßenkunst im Zentrum

Skid Row ist nicht bloß jener Teil von Downtown, der immer noch sich selbst überlassen ist, er ist auch das Bindeglied vom historischen Kern rund um den Broadway im Westen und dem neuen Arts District im Osten – einem weiteren Downtown-Distrikt im Wandel.

Während der Broadway in den zwanziger Jahren ein reines Vergnügungszentrum war, wurde im heutigen Arts District geschuftet. Backwaren, Frauenoberbekleidung, Möbel, Automobilausstattung, Gummi: Es gab nichts, was nicht in riesigen Fabrik- und Speicherhallen produziert oder gelagert wurde. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wichen die Fabriken jedoch auf größere Anlagen außerhalb der Stadt aus. Sie hinterließen jede Menge Leerstand. Der zog in den Siebzigern und Achtzigern die ersten Künstler an, welche sich in den alten, brachliegenden Industriegebäuden Lofts und Ateliers einrichteten. Die Parabel, die folgt, ist vom Meat-packing District in New York bekannt: Erst die Künstler, dann die Galerien, dann die anderen Kreativen. Jetzt sind sie alle da, wenigstens für ein paar Stunden. Entlang der Achsen East Third, East Fourth und Alameda Street geht es an jedem Wochenende beinahe zu wie bei der Art Basel Miami Beach.

Der Broadway ist fast so geschäftig wie Manhattan – und mit Fußgängern! In L. A.!

Etwa in der neuen Galerie von Hauser, Wirth & Schimmel. Wobei der Begriff „Galerie“ den Komplex verniedlicht. Der Ableger der Schweizer Kunsthändler Hauser & Wirth wirkt eher wie ein Museum; nicht nur wegen der Größe, auch wegen der Offenheit. Es gibt einen Kunstbuchladen sowie das neue Restaurant „Manuela“, in dem mittags Margaritas gemixt werden, und einen kleinen Garten, wo jeder ein Buch lesen, ein Sandwich essen oder den Köchen vom „Manuela“ zuschauen kann, wie sie Eier aus dem Hühnerstall fischen. In direkter Nachbarschaft gibt es Papeteriekram, fair produzierte Canvastaschen und lokal gebrautes Craft Beer in der Arts District Brewing Company.

Weiter südlich sind die Anlaufstellen im Arts District hingegen so verteilt, dass man erst zehn Minuten durch industrielle Brachfläche spazieren muss, bevor man eine Welt betritt, die trendbewusste Großstädter lieben. Im lässigen Yogastudio „The Springs“ auf der Mateo Street kann man nach dem Vinaysa-Flow einen Matcha Latte trinken. Im „Base Coat Nail Salon“ gibt es hängende Gärten und frischen Lack auf die Fingernägel. In derselben Straße wird bald „At Mateo“ mit Kreativbüros, Restaurants und Boutiquen eröffnen. Nur abends, sobald die Sonne untergegangen ist und die Shops geschlossen haben, wird es leer im Arts District. Hier und da bringt immer noch ein Truck eine Lieferung oder ein Taxi Gäste in eines der Restaurants. Zu Fuß ist hier dann fast niemand mehr unterwegs. Das überrascht nicht. Zum einen hat die Gegend am Abend das Zwielichtige noch nicht ganz abgelegt, zum anderen sind Hotels rar im Kunstquartier. Noch. Das elitäre SoHo House hat sich bereits im Arts District an der South Santa Fe eingekauft.

Morbide Fassaden mag man auch hier: Der „Base Coat Nail Salon“ für perfekte Finger

Zurück am South Broadway. Es ist 20 Uhr. In praktisch jedem Hauseingang liegt inzwischen ein Obdachloser. Vor dem „Ace Hotel“ fahren pausenlos Taxis vor und lassen Frauen mit hohen Hacken und Männer in den neuesten Trendturnschuhen aussteigen, mit denen sie die letzte Zigarette austreten, bevor sie in ihr 250-Dollar-Zimmer gehen. Das beobachtet ein Passant, er heißt Elijah und will auch eine Zigarette rauchen. Er lebt auf der Straße, früher war er ein „Bad Boy“, mehr im Knast als draußen. Elijah trägt Brille, dunkelblaues Cap, Markenturnschuhe und ein Fläschchen gesundes Vitamin Water in der Hand. Dass er 64 ist, sieht man ihm trotz des Lebens auf der Straße nicht an. „94 Prozent der Leute sind okay, sechs Prozent sind schlechte Menschen“, beschreibt er die Obdachlosenszene, „man hat keine Freunde auf der Straße.“ Sagt er und verschwindet mit Gottes Segen in der Nacht – während an der Fassade des „Ace Hotel“ immer noch die roten „Jesus Saves“-Lettern leuchten – von damals, als das United Artist Theatre kurzzeitig auch mal eine Kirche war. „Bringing Broadway Back“ hat in Downtown noch eine Menge Arbeit vor sich. 

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Quelle: F.A.Q.