Seehunde an der Nordsee

Auf der Sandbank wird es eng

Von Carl-Albrecht von Treuenfels
 - 14:44
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In den nächsten zwei Monaten müssen die Seehunde auf den Sandbänken im Wattenmeer der Nordseeküste zusammenrücken. Zwischen Anfang Juni und Mitte Juli gebären die Weibchen während der Ebbe auf den dann trockenen Flächen innerhalb weniger Stunden ihr Junges, gelegentlich sind es auch zwei. Zum Ausruhen bleiben den Robbenmüttern und ihrem Nachwuchs aber nur wenige Stunden Zeit. Denn mit der Flut verschwinden die Sandbänke zwischen den Inseln und Halligen unter Wasser, und die Tiere müssen schwimmen.

Die Seehund-Säuglinge sind dafür gut ausgerüstet: Sie kommen schon mit Fell zur Welt, das ihren etwa 80 Zentimeter langen und sieben bis zwölf Kilogramm leichten Körper vor Kälte schützt. Im engen Kontakt zur Mutter verbringen sie die Zeit des Hochwassers in der Nähe der überfluteten Sandbänke, auf die sie schnell zurückkehren, sobald sie bei ablaufendem Küstenwasser wieder sichtbar werden.

Menschenscheu abgelegt

Je näher die Sandbank der Küste ist, umso länger dauert die Liegezeit. Noch wichtiger als zum Ausruhen ist der feste Untergrund fürs Säugen. Dreimal pro Ruhepause stillt das Junge seinen Hunger mit der Muttermilch. Dank einem Fettgehalt von 45 Prozent wächst das Junge im Vergleich zu anderen Wildtieren schnell: Im ersten Lebensmonat verdreifacht sich sein Gewicht. Wenn die Säugezeit nach vier bis sechs Wochen endet, wiegt ein junger Seehund schon zwischen 25 und 40Kilogramm. Doch es dauert mehr als ein Jahr, bis er ausgewachsen ist. Weibchen werden 120 bis 170 Zentimeter lang und wiegen zwischen 45 und 80 Kilogramm, Bullen bringen es auf eine Körperlänge von knapp zwei Metern und auf ein Gewicht von mehr als 100 Kilogramm.

Eine Fahrt zu den Seehundbänken mit einem Ausflugschiff oder einem Krabbenkutter gehört zu den Höhepunkten des Nordseeurlaubs. Seitdem im Jahr 1971 in Niedersachsen und 1974 in Schleswig-Holstein die Bejagung der Seehunde eingestellt wurde und es die drei Wattenmeer-Nationalparks als Unesco-Welterbe mit vielen Schutzzonen gibt, ist die Scheu der Seehunde vor Menschen geringer geworden. So können die Schiffe nah an den Liegeplätzen vorbeigleiten – die Tiere wissen mittlerweile, dass ihnen keine Gefahr droht. Zur Zeit der Jungenaufzucht aber muss man viel Abstand zu den ruhenden Seehunden halten, denn die Mütter reagieren dann empfindlicher auf Störungen.

Anwachsende Population

In jedem Jahr werden in den beiden Seehundaufzuchtstationen an der deutschen Küste (im niedersächsischen Norden-Norddeich und im schleswig-holsteinischen Friedrichskoog) viele Heuler eingeliefert – also Seehundjunge im Alter bis zu zwei Wochen, die von den Weibchen nach einer von Menschen verursachten Störung verlassen werden und am Strand oder auf der Sandbank mit heulenden Tönen nach ihrer Mutter rufen. Mancher Junghund allerdings wird zu früh eingesammelt – ohne dass die Mutter eine Chance bekommt, ihn wieder in ihre Obhut zu nehmen.

In den Stationen werden die Heuler gefüttert und versorgt, bis sie im Herbst ausgewildert werden. Die von der Jägerschaft mitfinanzierten Aufzuchtstationen haben in mehr als 40 Jahren und mit 3000 ausgewilderten Seehunden dazu beigetragen, den Bestand von „Phoca vitulina“ an der Nordseeküste zu stabilisieren. Schon sind die ersten Heuler dieses Jahres in Friedrichskoog und Norddeich von den amtlich anerkannten Seehundjägern eingeliefert worden. Nur die lizenzierten Jäger sind auch berechtigt, kranke und nicht überlebensfähige Tiere im Watt zu erschießen. Bleiben die Seehunde gesund und können sie sich mit Fischen, Krabben und Krebsen ernähren, können sie 40 Jahre alt werden.

Die Wildbiologen der „Internationalen Seehundexpertengruppe“ (Trilateral Seal Expert Group), die beim „Gemeinsamen Wattenmeersekretariat“ in Wilhelmshaven angesiedelt ist, sieht die Seehunde in den Nordseewatten zwischen Esbjerg in Dänemark und Den Helder in den Niederlanden als eine Gesamtpopulation an. In den vergangenen Jahren hat sie sich gut entwickelt. Seit 1975 werden die Tiere auf Zählflügen mehrfach im Sommer, nachdem alle Jungen geboren sind, an ihren Liegeplätzen aus der Luft gezählt. Im vergangenen Jahr wurde eine Rekordzahl von 26788 Seehunden ermittelt – vier Jahre zuvor waren es 21600, 1978 nur 3800 gewesen. Heute wird die Gesamtpopulation im dänischen, deutschen und niederländischen Wattenmeer auf 39400 Tiere geschätzt, denn auf den Flügen werden die Robben, die sich zur Zeit des Überflugs im Wasser aufhalten, nicht erfasst. Mit 8342 hielten sich 2013 an der schleswig-holsteinischen Küste die meisten Hundsrobben auf (darunter 3600 Jungtiere), gefolgt von Niedersachsen und Hamburg mit 8082 (1373 Junge), den Niederlanden mit 7605 (1403) und Dänemark mit 2759 (613).

Äußere Faktoren behindern Fortpflanzung

Sie alle unterstehen dem Seehundschutzabkommen, das als erste internationale Vereinbarung der Bonner Konvention zum Schutz der wandernden Arten 1990 von Dänemark, Deutschland und den Niederlanden unterzeichnet wurde. Die hohen Seehundzahlen veranlassten 2012 Jagdfunktionäre und Küstenfischer in Schleswig-Holstein zu der Forderung, die Bejagung der Seehunde wieder zuzulassen. Naturschutz- und Tourismusverbände empörten sich sogleich, auch die für den Naturschutz zuständigen Politiker. So verschwand das Ansinnen schnell wieder aus der Debatte. Die Tiere mit den dunklen Kulleraugen sind heute Publikumsmagneten, keine Jagdbeute mehr.

Wegen natürlicher Faktoren wachsen die Bestände von Seehunden und Kegelrobben, der zweiten mit mehr als 3000 Tieren zunehmend an der deutschen Nordseeküste lebenden Robbenart, nicht ungehemmt. Parasiten wie Lungenwürmer und Leberegel sind verbreitet. 1988 und 2002 raffte ein hoch ansteckender Staupevirus Tausende Seehunde dahin. Störungen durch Tourismus, Schiffsverkehr, Minensprengungen, Stromkabelverlegung und Erdölbohrungen im Wattenmeer sind die Ursachen dafür, dass manchem Seehund nicht genügend Zeit zum Ruhen oder zur Nahrungssuche bleibt. Die Folge ist Unterernährung – so werden die Tiere anfällig für Kälte und Krankheiten. Das wiederum wirkt sich auf die Fortpflanzung aus.

Die Weibchen werden zwei Wochen nach dem Ende der Säugezeit paarungsbereit. Dann kümmern sie sich nicht mehr um ihre Jungen, die sich selbständig ihre Nahrung im flachen Küstengewässer suchen, anfangs meistens Garnelen, was in den ersten Tagen zu einem Gewichtsverlust von bis zu einem Drittel führen kann. Bleibt dann zu wenig Zeit für Ruhepausen auf den Sandbänken, überlebt ein Junghund die ersten Lebenswochen ohne den Schutz der Mutter nicht. Mehr als die Hälfte der Jungtiere stirbt vor dem Ende des ersten Lebensjahrs. Auch wegen dieser Zahl sollte man nicht allzu optimistisch in die Zukunft der Seehunde blicken.

Quelle: F.A.Z.
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