Slumdog Millionaire

Eine Nation steht Kopf

Von Jochen Buchsteiner, Delhi
 - 16:41
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Acht Oscars – und eine Nation steht Kopf. Als das Filmteam von „Slumdog Millionaire“ am Donnerstag in Indien landete, wurde es wie ein siegreiches Heer empfangen. Menschenmassen hatten vor den Flughäfen in Bombay und Madras ausgeharrt, es regnete Blumen, es spritzte Champagner.

Seit Tagen dominiert der Erfolg von Hollywood das öffentliche Leben. Die Zeitungen füllen ganze Seiten mit der Nacht in Los Angeles und ihren Folgen, die Fernsehkanäle strahlen Sondersendungen aus, mit Teds, Spezial-Trailern und Expertenrunden. Kaum ein Prominenter, der derzeit nicht nach seiner Meinung gefragt wird, und erst recht keiner, der eine Antwort verweigern würde. Selbst die Auslandsinder äußern sich zum Thema - wenn auch nicht immer positiv. „Slumdog Millionaire stapelt Unmöglichkeit auf Unmöglichkeit“, sagte der Schriftsteller Salman Rushdie am Mittwoch und nannte die Handlung „wenig überzeugend“.

Die Armut „wie im Supermarkt“ ausgestellt

Überhaupt halten sich die Kritiker wacker in all der Euphorie. Beileibe nicht alle haben sich vom internationalen Erfolg des Filmes umstimmen lassen. Manche brauchten wohl erst die überwältigende Medienaufmerksamkeit, um ihre Edelfedern zu wetzen. Die Armut Indiens werde „wie in einem Supermarkt“ ausgestellt, giftete die Star-Autorin Arundhati Roy am Donnerstag in der hindi-sprachigen Zeitung „Nai Dunia“. Weil die wahren „Kinder des Hungers“ nicht glamourös genug seien, hätte der englische Regisseur die Rollen an „ein indisches Modell und einen britischen Jungen“ vergeben.

Umstritten bleibt nicht nur, ob „Slumdog Millionaire“ (inzwischen nur noch „SM“) das Leid der Armen kultiviert oder, wie andere einwenden, das Ansehen Indiens beschmutzt - diskutiert wird die mindestens ebenso grundsätzliche Frage, ob Indien überhaupt das Recht hat, sich derart mit dem Film auseinanderzusetzen. „Dürfen die Inder die Oscars für sich beanspruchen, oder nicht?“, fragte CNN/IBN aus Delhi seine Zuschauer. Erstaunliche 70 Prozent antworteten mit „nein“, was den Sender gleich zu der Nachhilfe veranlasste, dass doch höchstens zwei der acht Oskars von Ausländern reklamiert werden dürften.

Journalisten belagern das Heim im Slum

Eingemischt hat sich inzwischen auch die Politik. In sieben Wochen wird in Indien ein neues Parlament gewählt, da soll der meistdiskutierte Film im Wahlkampf nicht ausgespart bleiben. Der Bundesstaat Chhattisgarh erließ eine „Lex SM“ und befreite den Film mit sofortiger Wirkung für ein Jahr von der Unterhaltungssteuer. Die Regierung des Bundesstaates Maharashtra wiederum versprach den beiden Slumkindern, die die Herzen des Publikums gerührt haben, noch vor ihrer Rückkehr eine Wohnung. Rubina und Azharrudin, die bisher auf einer Müllhalde und in einer Wellblechhütte wohnen mussten, hätten „unserem Land Ehre gemacht“, erklärte der Leiter der Baubehörde, die für Bombay zuständig ist. Es sei daher „angemessen, etwas für sie zu tun.“ Azharrudins Vater, der an Tuberkolose leidet und sich gelegentlich über das spärliche Honorar für seinen Sohn beklagt hatte, sprach gegenüber den Journalisten, die sein Slum-Heim seit Wochen belagern, sogleich von einer „guten Nachricht“.

Aber „SM“ wird von der Politik auch diskursiv ausgeschlachtet. Dass eine derart außergewöhnliche künstlerische Leistung entstehen konnte, sei dem „förderlichen Klima“ zuzuschreiben, das die Regierung während der vergangenen fünf Jahre geschaffen habe, erklärte ein Sprecher der Kongress-Partei. Hier habe sich nicht weniger ausgezahlt als die harte Arbeit an „einer Demokratie, die alle einschließt“.

Den Ehemann in die Wüste geschickt

Da konnte die Opposition nur spotten. „Wenig klug“ nannte die Indische Volkspartei den Versuch der Regierung, die Begeisterung über einen Slum-Film auf ihre Mühlen zu lenken. Schließlich zeige das Werk auf anschauliche Weise, dass es der Kongresspartei in ihrer Regierungszeit nicht gelungen sei, etwas am Schicksal der Ärmsten zu ändern.

Nun stehen die Wähler vor einer schweren Entscheidung. Mehr als Politik scheint sie aber derzeit der Klatsch zu interessieren, der seit Tagen auf sie niederprasselt. Um Verlierer geht es, wie den Sänger Sukhwinder Singh, der dem Filmsong „Jai Ho“ seine Stimme geliehen hatte - er musste in Los Angeles fehlen, weil sein Visum nicht rechtzeitig ausgestellt war. Oder Gulzar, der Lyriker, der den siegreichen Song geschrieben hatte - er war wegen einer Tennisverletzung zuhause geblieben und, schlimmer noch, weil er nicht wirklich an einen Erfolg geglaubt hatte. Das werde er „ewig bedauern“, vertraute er der Regenbogenpresse an.

Das gößte Thema aber ist Freida Pinto, die Glücksfee des Filmhelden Dev Patel. Ihr Debut zahlte sich für sie gleich doppelt aus: Nicht nur wird sie auf dem März-Titelbild von „Vanity Fair“ erscheinen (wenn auch nur in der Indien-Ausgabe) - angeblich hat sie einen Vertrag für den nächsten Film von Woody Allen in der Tasche. Sorgen bereitet der indischen „Yellow Press“ nur, ob die Karriere auch ihrer Charakterbildung dient. Angeblich schickte sie ihren indischen Ehemann gleich nach den ersten Erfolgen in die Wüste. Nun flirtet sie mit Dev Patel, der im echten Leben nicht nur fünf Jahre jünger ist, sondern auch noch in London lebt.

Quelle: F.A.Z.
Jochen Buchsteiner - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Jochen Buchsteiner
Politischer Korrespondent in London.
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