Herzblatt-Geschichten

Zwei Chihuahuas wirken tussig

Von Jörg Thomann
 - 11:42
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Es läuft ja grad ohnehin nicht so glänzend für Martin Schulz. Zu allem Überfluss ist nun auch noch sein Vorgänger als Kanzlerkandidat wieder im Gespräch, und zwar dank Lothar Matthäus. Mit „Hätte, hätte, Fahrradkette“ hatte Peer Steinbrück ja einst eine moderne Variante des Spruchs von der Oma geliefert, die, wenn sie Räder hätte, ein Bus wäre, aber eben keine hat und daher nur eine Oma ist. Ebendiese Worte hatte Matthäus, jedenfalls teilweise, im Sinn, als er in einem Sportsender eine Schiedsrichterentscheidung auf eine Weise kommentierte, die Bunte jetzt zum „Spruch der Woche“ krönte: „Wäre, wäre, Fahrradkette, so ungefähr. Oder wie auch immer.“ Ja, so ungefähr. Lieber Lothar Matthäus: Der Spruch bezog seine Wirkung doch daraus, dass es sich reimte. Richtig also hätte es heißen müssen: Wäre, wäre, Stachelbeere. Oder wie auch immer.

Voll im Bilde ist auch Jan Ullrich. Ausgehend von der These, dass ein jeder noch genau wisse, wo er war, als vor zwanzig Jahren Lady Di starb, lässt die Bild-Zeitung auch ihn zu Wort kommen, und Ullrich erzählt: „Ich war irgendwo unterwegs. Wo genau, weiß ich nicht mehr.“ Das ist ja ein Ding, ebendort waren wir an jenem Tag damals auch, sofern wir uns nicht täuschen. Doch Moment, ein paar Bruchstücke an Erinnerung klebt Ullrich dann doch noch zusammen: „Aber ich kann mich genau erinnern, wie sich die Nachricht im Hotel wie ein Lauffeuer verbreitete.“ Aha, in einem Hotel war er also. Er weiß nur leider nicht mehr, auf welchem Kontinent und ob er dort als Gast war oder, beispielsweise, als Zimmermädchen oder Page.

Ein Chihuahua namens Yoda

Ein besseres Gedächtnis hat Gisela Schneeberger, zumindest was ihre Jugendjahre betrifft. „Was fällt Ihnen als Erstes beim Stichwort ,Pubertät‘ ein?“, fragt Das goldene Blatt, und Schneeberger antwortet: „Pickel.“ Nächste Frage: „Was ist aus Ihrer eigenen Pubertät am lebhaftesten in Erinnerung geblieben?“ Antwort Schneeberger: „Pickel.“ Leider zieht sie das nicht über die vollen vier Fragen des Interviews durch, obwohl die Antwort „Pickel“ durchaus auch zur letzten Frage – „Was war Ihre größte Modesünde in der Zeit?“ – gepasst hätte. Stattdessen erzählt sie ausführlich von einem selbstgehäkelten Haarnetz. Dabei hat doch schon Lothar Matthäus gewusst: In der Kürze liegt die Schärfe.

Von einer anderen Modesünde berichtet Til Schweigers Tochter Luna, die sich soeben einen Dackel zugelegt hat und der Frau im Spiegel erzählt: „Ich habe noch einen zweiten Hund, einen Chihuahua namens Yoda, und wollte noch einen Spielgefährten für ihn. Einen zweiten Chihuahua wollte ich aber nicht, denn das kommt immer ein bisschen tussig rüber.“ All unsere Leserinnen (und Leser!), die zwei Chihuahuas ihr Eigen nennen, werden sich von einem nun traurigen Herzens verabschieden müssen. Oder wirken womöglich drei Chihuahuas wieder nicht mehr tussig oder vier oder fünf?

„Natürlich ist Amerika keine Gefängniszelle“

Um Tiere geht es auch in dem Interview, das Frau im Spiegel mit dem Sängerpaar Anna Netrebko und Yusif Eyvazov führt – und zwar ausnehmend investigativ: „Kürzlich sagten Sie beide, Ihr Leben ähnelt am meisten dem Märchen von den Bremer Stadtmusikanten. Das sind vier – Sie und Tiago sind aber nur drei. Gibt es etwas, von dem wir noch nicht wissen?“ Statt das Blatt nun auflaufen zu lassen mit dem Satz „Ja, wir haben uns einen Hahn gekauft“, antwortet Eyvazov: „Nein, es ist kein Baby unterwegs, falls Sie darauf anspielen.“ Und Netrebko ergänzt: „Wir sind immer als Gruppe unterwegs, Thiagos Nannys, unsere Familien, in Wirklichkeit sind wir viel mehr als vier...“. Also dann eher Schneewittchen und die sieben Zwerge? Oder Ali Baba und die vierzig Räuber?

Apropos Zahlen. Das neue Blatt zitiert Hannelore Hoger mit den Worten: „Ich könnte stundenlang mit einem schönen Glas Gin an der Elbe den großen Frachtern folgen.“ Ja, wie langsam trinkt denn die Frau? Wir selbst würden sicher einige Gläser mehr schaffen, wenn wir stundenlang den Frachtern folgten, auch wenn wir dann ziemlich ins Schlingern gerieten. Doch wie sagte schon der Seefahrtsexperte Lothar Matthäus: „Keine Panik auf der Gorch Fock.“

Schiere Hysterie wiederum herrscht auf dem Boulevard, seit der beliebteste Leichtmatrose der deutschen Politik wieder aufgetaucht ist: „Die Rückkehr der Guttenbergs“, brüllt Bild auf ihrer Titelseite und schwärmt davon, wie Guttenberg die Menschen „mit einer umjubelten Wahlkampf-Rede begeisterte“. Die ganze Dimension der Geschichte erfasst jedoch einzig der Bild-Kolumnist Franz Josef Wagner. „Natürlich ist Amerika keine Gefängniszelle“, schreibt er in seinem Brief an Guttenberg. „Seelisch aber im Prinzip schon. Sie waren abgeschnitten von der Heimat, Ihren Wurzeln. Es war ein seelischer Knast. Isolation, Heimweh.“ Hm, viele Knastbrüder wären dankbar für so eine Isolationshaft im Kreis der Familie und regelmäßigen Flügen in die abgeschnittene Heimat, aber egal.

Sollte der Fluchtversuch des Barons aus der amerikanischen Haft von Erfolg gekrönt sein, dann scheint ihm hierzulande jedenfalls alles möglich: Bild zumindest fragt schon wieder, ob Guttenberg zum Kanzler tauge. Wir sind uns da nicht sicher, haben aber die Worte von Lothar Matthäus im Ohr: Unverhofft kommt häufig.

Quelle: F.A.S.
Jörg Thomann - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Jörg Thomann
Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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