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Melania Trump

Auf High-Heels in die Katastrophe

Von Alfons Kaiser
 - 10:33
Auf dem Weg zur Air Force One: Die Präsidentengattin Melania in Stilettos Bild: AFP, F.A.Z.

Sind ihr die Menschen egal? Wusste sie nicht, wohin die Air Force One sie trug? Hatte sie einfach nichts anderes anzuziehen?

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Solche Fragen machen seit Dienstag die Runde, als die große amerikanische Katastrophe von einer kleinen Kleiderkatastrophe Melania Trumps noch schlimmer gemacht wurde. Es begann mit den paar Schritten des Präsidenten und seiner Frau vom Weißen Haus zum Hubschrauber, der sie zur Präsidentenmaschine an der Andrews Air Force Base in Maryland bringen sollte. Donald Trump war in schwarzer Regenjacke, khakifarbenen Chinos und festen Schuhen wetterfest und anlassgerecht gekleidet. Aber Melania Trump schritt doch wirklich mit Designer-Sonnenbrille, trendiger Bomberjacke und Zwölf-Zentimeter-Schlangenleder-Stilettos über den Rasen: auf High-Heels in die Katastrophe!

Das war wörtlich zu nehmen. Denn noch während das Präsidentenpaar in der „Air Force One“ in Richtung Texas saß, wo der verheerende Sturm „Harvey“ ganze Landstriche in Not gestürzt hatte, entlud sich ein Unwetter in den sozialen Medien. „Hilfe ist unterwegs, Texas“, schrieb der Autor Brad Wollack auf Twitter. „Keine Sorge, Melania trägt ihre speziellen Sturm-Stilettos.“ Und die Komikerin Jessica Kirson twitterte: „Super Idee, First Lady. Mit deinen Absätzen kannst du die Trümmer aufsammeln.“

Wenn es nur der übliche Sturm im Netz gewesen wäre! Auch einigen der wichtigsten Modekritikerinnen zog es die Schuhe aus. Vanessa Friedman sieht den Look in der „New York Times“ als Symbol dafür, „wie die Regierung Trump von der Wirklichkeit abgekoppelt ist“. Und Lynn Jaeger fragt in der sonst politisch sehr verhaltenen amerikanischen „Vogue“ empört: „Was für eine Botschaft sendet eine schnell einfliegende First Lady in himmelhohen Stilettos an die aus, die so viel Elend ertragen müssen, all die Verwüstungen durch diese Naturkatastrophe? Und warum, warum nur, bekommt diese Regierung einfach nichts hin, nicht einmal ein Paar Schuhe?“

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Alltagskleidung ist gefährlich für Menschen, die in vielen Formen feststecken. Aber es gibt Vorbilder: George W. Bush trug eine windschiefe graue Windjacke, als er am 14. September 2001 auf dem Schutthaufen an Ground Zero stand; Michelle Obama trug olle Sweatshirts, wenn sie mit Kindern im Gemüsegarten buddelte; und Barack Obama krempelte wenigstens die Ärmel seiner weißen Hemden hoch, wenn er Kontakt aufnahm zum wirklichen Leben. Anlasskleidung, sozusagen.

Einen Versuch, sich angemessen zu geben, machte Melania Trump dann im Flugzeug: Sie zog sich um. Der Maschine entstieg sie in Corpus Christi in einfachen weißen Turnschuhen. Aber auch hier, wo die Katastrophe schon nahe sehr war, konnte sie ihren Drang nach stilistischer Selbstüberhöhung nicht zurückhalten: Den Kragen der schneeweißen Bluse, die sie nun trug, hatte sie stylish hochgestellt. Der steife Kragen hielt auch dann noch, als sie mit ihrem Mann in einer Feuerwache in Corpus Christi und im Emergency Operations Center in Austin auftrat.

Besuch in Texas
Trump im Krisenmodus

Dort zeigte sich, dass Donald Trump auf dem Boden blieb – er sparte mit Selbstlob, dankte den Helfern und machte den Opfern Mut. Allein: Auch diese Botschaft wollte nicht rüberkommen. Dass der Präsident eine weiße Kappe mit den aufgestickten Buchstaben „USA“ trug, war noch als patriotische Geste in einer nationalen Katastrophe zu verstehen. Aber Melania hatte eine schwarze Baseball-Kappe mit der weißen Aufschrift „Flotus“ („First Lady of the United States“) tief ins Gesicht gezogen. Die Abkürzung verstehen viele inzwischen als offiziellen Titel. Aber bei einem solchen Auftritt wirkt die prominent herausgestellte informelle Dienstbezeichnung, eine ironische Ableitung von „Potus“ („President of the United States“), doch arg sorglos und spielerisch.

So seltsam es also klingt: Der wirklich nicht modeaffine Präsident wusste, was die Stunde geschlagen hatte. Melania dagegen verwechselte das Modische mit dem Menschlichen. Zum guten Stil gehört eben nicht nur, dass man gut gekleidet ist wie bei einem Cocktailempfang oder auf dem Laufsteg. Modischer Ausdruck ergibt sich immer nur in der Wahrnehmung der anderen. Und wer den Erwartungshorizont des Publikums krass falsch einschätzt – der ist einfach nicht passend gekleidet.

Quelle: F.A.Z.
Alfons Kaiser
Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.
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