Afrikanische Schweinepest

„Der Ruf nach Jagd ist purer Aktionismus“

 - 15:44

Bauern- und Jagdverband möchten 70 Prozent der Wildschweine in Deutschland abschießen, um ein Übergreifen der Afrikanischen Schweinepest auf Deutschland zu verhindern. Auch die Tötung von Muttertieren und Frischlingen müsse erlaubt werden. Experten warnen allerdings vor möglichen Konsequenzen einer intensiven Bejagung.

Bei einer Pressekonferenz in Berlin haben Bauern- und Jagdverband ihr Konzept vorgelegt. „Bund und Länder müssen zeitnah handeln, um den Jägern eine konsequente Reduktion zu vereinfachen“, sagte Werner Schwarz, Vizepräsident des Deutschen Bauernverbandes (DBV). Es müsse Aufwandsentschädigungen für Jäger für erlegtes Schwarzwild geben. Zudem sollten die Regelungen in den Staats- und Bundesforsten geändert werden, in denen es teilweise monatelange Jagdruhen gebe.

Der Deutsche Jagdverband (DJV) appellierte an Jäger, vor allem junge Wildschweine zu erlegen, die maßgeblich zur Fortpflanzung beitrügen. „Noch ist das Virus nicht in Deutschland, doch je weniger Wildschweine pro Fläche leben, desto geringer ist im Ernstfall zumindest über Wildtiere die Ausbreitungsgefahr“, erklärte DJV-Präsidiumsmitglied Wolfgang Bethe. Der Bauernverband hält zudem für wesentlich, eine Verbreitung über kontaminierte Lebensmitteln zu verhindern.

Vor allem Nahrung, die beispielsweise auf Rastplätzen von Touristen und Fernfahrern weggeworfen würde, stelle ein Risiko dar, sagte Christian Rehmer, Leiter der Agrarpolitik beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), im Interview mit FAZ.NET.

Würden Wildschweine an kontaminierte Lebensmittel gelangen, könnte die Seuche leicht übertragen werden. Aus diesem Grund wiesen Schilder auf Rastplätzen an deutschen Grenzen bereits seit Jahren darauf hin, seinen Müll so zu entsorgen, sodass Wildtiere keinen Zugang zu den Lebensmitteln hätten, sagte Rehmer.

Die Afrikanische Schweinepest grassiert in Osteuropa. „Das von Deutschland am geringsten entfernte infizierte Tier ist 300 Kilometer weit von der Grenze weg“, sagte Rehmer. Das Virus ist für Menschen ungefährlich, bei Haus- und Wildschweinen aber verläuft die Erkrankung fast immer tödlich. Einen vorbeugenden Impfstoff gibt es nicht.

Deutschland hat eine der höchsten Wildschweindichten

Der Bauernverband betrachte die Ausbreitung nach Westen mit „größter Sorge“, hieß es vom DBV. „Deutschland gehört weltweit zu den Ländern mit der höchsten Wildschweindichte.“ Eine Einschleppung würde demnach bedeuten, dass Deutschland kein Schweinefleisch aus der Tiermast mehr in Länder außerhalb der EU exportieren könne. Zudem drohe ein dramatischer Preisverfall für Schweinefleisch.

Bereits jetzt sei der Preis für Schweinefleisch in den Keller gegangen, sagte Rehmer. Besonders litten die Betriebe darunter, die aufgrund des Überangebots auf dem deutschen Markt bereits Probleme haben.

Außer dem wirtschaftlichen Faktor sehe Rehmer auch eine emotionale Angst bei den schweinehaltenden Landwirten. Bei Entdeckung eines infizierten Schweines würde im Radius von drei Kilometern eine Sperrzone errichtet werden, in der alle befindlichen Schweine getötet werden müssten. Ob infiziert oder nicht, spiele dabei keine Rolle. Rehmer erinnerte an die Bilder von brennenden Tierkadavern, die sich infolge der Rinderseuche vor mehr als 15 Jahren tief ins Gedächtnis der Landwirte gegraben hatten.

Rehmer sieht bei der Forderung des Bauernverbands, 70 Prozent der Wildschweine in Deutschland abzuschießen, auch Gefahren: „Wenn besonders viel geschossen werden soll, kann es auch zu handwerklichen Fehlern kommen“, sagte er. Würde ein Muttertier geschossen und die Frischlinge fälschlicherweise laufen gelassen, blieben diese orientierungslos zurück.

Zur Erleichterung der Jagd forderte DJV-Sprecher Reinwand mehr Schneisen vor allem in Maisfeldern. Schon bei der bevorstehenden Aussaat im Frühjahr sollten Landwirte gezielt Jagdschneisen anlegen. „Die Wildschweine gehen Ende Juli in den Mais, dann helfen die kahlen, hellen Streifen beim Abschuss“, erklärte Reinwald. Die Streifen gälten aber nicht mehr als ökologische Vorrangflächen, wenn sie abgeerntet würden. Zudem müssten Landwirte die Gesamtfläche der Schneisen oft exakt angeben, was viel Rechnerei bedeute. „Die Politik muss da Lösungen präsentieren.“

Fallen müsse auch eine weitere bürokratische Hürde, forderte Reinwald: das Jagdverbot in vielen Naturschutzgebieten. „Gerade in Schilfflächen stapeln sich Wildschweine förmlich und vermehren sich.“ Die Umweltschutzorganisation WWF hält das nicht für sinnvoll. „Der Ruf nach Jagd in Naturschutzgebieten ist purer Aktionismus und lenkt von den Ursachen der großen Bestandsdichte von Wildschweinen ab“, sagte Moritz Klose, Wildtierexperte beim WWF Deutschland. Die Zahlen gingen durch die Decke, seit der großflächige Anbau von Mais und Raps stark zugenommen habe. „Jagd allein wird den Bestand weder kurzfristig noch dauerhaft ausreichend senken“, betonte Klose. „Wir brauchen wieder mehr Vielfalt in den Anbauflächen und deutlich weniger Mais- und Rapswüsten.“

Auch Christian Rehmer vom BUND sieht im Wandel der Landwirtschaft eine Hauptursache für die historisch hohen Bestände. „Es werden 2,5 Millionen Hektar Mais in Deutschland angebaut“, sagte er. „Dabei handelt es sich schon fast um ein Schweinemastprogramm der Bauern. Das ist die ideale Nahrungs- und Deckungsgrundlage für Wildschweine.“

Quelle: sale./dpa
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