Hindus in Bremen

„Die Kuh hat dem Tempelbau zugestimmt“

Von Sebastian Eder
 - 15:21
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Herr Pathmanathan, Sie haben mit Ihrer Hindu-Gemeinde in Bremen am Mittwoch den Bauplatz für einen neuen Tempel von einer Kuh prüfen lassen. Woher kam das Tier?

Das war eine Milchkuh von einem Bauernhof aus der Gegend. Kühe sind in unserer Religion heilig, in jeder Kuh steckt eine ganze Gottheit. Deswegen ist es in Sri Lanka und Indien Tradition, dass man ein neues Grundstück von einer Kuh überprüfen lässt, das haben unsere Vorfahren schon so gemacht. Das habe ich dem Bauer vor einer Weile am Telefon erklärt und ihn gefragt, ob wir seine Kuh dafür einen Tag lang ausleihen könnten. Er hat gesagt: Klar, warum nicht.

Wie hat die Kuh das Grundstück geprüft?

Wir haben zuerst in unserem Tempel dafür gebetet, dass alles gut läuft. Dann wurde die Kuh gebracht, unser Priester hat noch mal vor dem Grundstück eine Zeremonie mit ihr abgehalten, für sie gebetet und sie mit einem Tuch, Blüten und Farbe geschmückt. Der Bauer hat sie dann auf das Grundstück geführt. Die Regel ist: Bleibt die Kuh dort, ist es ein guter Ort, um ein Haus oder einen Tempel zu errichten. Sie war zuerst etwas aufgeregt, hat sich dann aber beruhigt und ist 45 Minuten lang ganz ruhig auf dem Grundstück geblieben. Sie hat ein bisschen Gras gefressen und nicht versucht, wegzulaufen, ist nicht durchgedreht. Das heißt für uns: Die Kuh hat dem Tempelbau zugestimmt.

Wer analysiert das Verhalten der Kuh?

Unser Priester.

Und hätte die Kuh nicht zugestimmt, hätten Sie auf dem Grundstück nicht gebaut?

Nein. Wir haben für unsere 300 hinduistischen Familien in und um Bremen bereits gemietete Gemeinderäume. Jetzt bauen wir einen eigenen Tempel und ein Nebengebäude für Unterricht und Fortbildungen. Es gibt noch einige organisatorische Dinge zu klären, die Baugenehmigung steht noch aus. Aber wir sind jetzt entschlossen und die Bremer Heimstiftung, der das Grundstück gehört, will es gerne an uns verpachten. Die Kuh soll dann noch mal kommen, wenn der Tempel fertig ist. Auch das ist Tradition, da gibt es eine weitere Zeremonie.

Gibt es in Ihrer Kultur noch andere Dinge, die eine Kuh überprüft?

Ich bin 1989 aus Sri Lanka nach Deutschland gekommen. Dort haben Kühe früher auch dabei geholfen, nach Stellen zu suchen, an denen man einen Brunnen bohrt. Wenn man ein neues Grundstück hatte, hat man die Kuh dort hingeführt, sie einen Tag lang alleine gelassen und beobachtet. Irgendwann hat sie sich an eine kühle Stelle gesetzt – dort war es oft kühl, weil darunter Wasser zu finden war. Heute macht man das aber mit modernerer Technik.

Ist es für Sie schwierig, in einem Land zu leben, in dem Kühe geschlachtet werden?

Nein, daran können wir nichts ändern, wir müssen uns die Augen zuhalten. Es geht nicht, dass wir sagen: Hört auf Kühe zu essen. Wir sind in einer anderen Kultur, das muss man respektieren. Die Muslime müssen ja auch damit leben, dass hier Schweine gegessen werden. Für uns ist das kein Problem, wir halten uns die Augen zu.

Quelle: FAZ.NET
Sebastian Eder
Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.
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