Vor der Küste Brasiliens

„Kokain hemmt die Fortpflanzung der Miesmuschel“

Von David Klaubert
 - 16:46
zur Bildergalerie

Herr Seabra, Sie haben mit einem Team von Wissenschaftlern das Meerwasser in der Bucht von Santos untersucht. Was haben Sie gefunden?

Wir haben pharmazeutische Stoffe gefunden: Ibuprofen, Diclofenac, Paracetamol, Losartan. Wir haben Kokain gefunden und sein Stoffwechselprodukt, also das was im Urin des Konsumenten ist: Benzoylecgonin.

Wie viel Kokain haben Sie gefunden?

500 Nanogramm in einem Liter Wasser.

Ist das viel?

Diese Konzentration hat uns überrascht. Es ist die höchste, die auf der Welt in Küstenregionen gemessen worden ist. In Bächen oder Flüssen kommt das schon mal vor, aber fürs Meer ist die Konzentration sehr hoch.

So hoch, dass sie Meerestiere in den Drogenrausch stürzt?

Unsere Untersuchungen zeigen, dass diese Konzentrationen Auswirkungen auf Meerestiere haben können. Wir haben Miesmuscheln untersucht. Das sind Organismen, die das Wasser filtern und sich nicht fortbewegen. Sie sind also gute Indikatoren.

Und welche Effekte hatte das Kokain auf die Miesmuscheln?

Es hat die Fortpflanzung gehemmt, hat zu physiologischem Stress geführt und sich zum Beispiel negativ auf das Wachstum der Tiere ausgewirkt. Es hat auch genetische Schäden hinterlassen, Schäden in der DNA.

Wie haben Sie das untersucht?

Wir haben im Labor die natürliche Umgebung simuliert. Wir haben die Muscheln in verschiedene Aquarien getan, mit sauberem Wasser und mit Wasser, dem wir Proben der Substanzen in derselben Konzentration wie im Meer zugesetzt haben. Nach vier bis sieben Tagen haben wir die Organismen dann untersucht.

Woher hatten Sie das Kokain für die Versuche?

Wir arbeiten mit beschlagnahmten Drogen. Dafür haben wir die Genehmigung durch einen Strafrichter.

Und wie kommt das Kokain ins Meer?

Das kommt aus dem Abwasser. Wir haben unsere Proben in einer Region genommen, in der das Abwasser der Stadt ins Meer fließt. Und dieses Abwasser wird nicht entsprechend geklärt. Um Kokain und Medikamente aus dem Wasser zu filtern, sind fortschrittlichere Behandlungsmethoden notwendig, als wir sie in den brasilianischen Küstenstädten derzeit haben.

Warum ist in Santos so viel Kokain im Abwasser?

Das Ausmaß des Kokain- und Crackkonsums gilt in der Metropolregion von Santos als epidemisch. Gerade Crack, das ja auch eine Form von Kokain ist, aber deutlich günstiger, ist bei der Bevölkerung hier weit verbreitet. Wir vermuten, dass beim Transport und beim Konsum immer wieder etwas in der Kanalisation landet.

War die Konzentration des Kokains bei Ihren Messungen konstant hoch oder schwankte sie?

Die höchsten Konzentrationen, also die 500 Nanogramm pro Liter, haben wir während der Karnevalswoche gemessen. Den Rest des Jahres sind die Konzentrationen etwas niedriger, aber auf konstantem Niveau.

Wissen Sie auch, wie sich das Kokain auf andere Meerestiere auswirkt, auf Krebse, Fische, Delfine?

Wir arbeiten gerade mit Krebsen, und die Effekte scheinen die selben zu sein.

Und auf den Menschen?

Im kommenden Jahr werden wir Meeresorganismen untersuchen, die von der Bevölkerung hier gegessen werden. Dann können wir das Risiko einschätzen.

Wenn man viel Meeresgetier aus der Bucht von Santos isst – könnte es dann sein, dass man selbst positiv auf Kokain getestet wird?

Diese Tiere nehmen solche Substanzen auf und speichern sie in ihren Körpern. Sie haben viel Fett, in dem sich die Substanzen anreichern. Und wenn ein Mensch einen kontaminierten Fisch isst, dann hat er die Substanzen auch in seinem Körper.

Genug, um beim Drogentest durchzufallen?

Das kann ich nicht sagen. Dafür müssen wir noch länger forschen.

Quelle: F.A.Z.
David Klaubert
Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
TwitterGoogle+
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenKokainBrasilienIbuprofen