Neue Tierarten im Mekong

Schneckenfresser und Krokodilschwanz

Von Peter-Philipp Schmitt
 - 22:33
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Die Schildkröte hatte noch nicht einmal einen Namen, als der Wissenschaftler Montri Sumontha sie entdeckte. Nicht etwa an einem abgelegenen Flusslauf, sondern auf einem Markt in der Stadt Udon Thani im Nordosten Thailands. Der Biologe stutzte, weil ihm dieses Reptil noch nie untergekommen war. Zumindest schien es essbar zu sein, die Schildkröte selbst ernährte sich von Schnecken. Der Verkäufer erzählte dem neugierig gewordenen Forscher, dass er das Kriechtier in einem nahe gelegenen Kanal gefunden hatte. Zum Glück für die Wissenschaft: Denn die Schildkröte, die am Dienstag als Schneckenfresser-Schildkröte (Malayemys isan) vorgestellt wurde, unterscheidet sich von allen bisher bekannten Arten. Form und Farbe sowie Zeichnung des Panzers sind genauso einzigartig wie die Schuppen und der Kopf des Reptils.

Die Schneckenfresser-Schildkröte aus Thailand ist nur ein Beispiel für den noch immer viel zu wenig erforschten Artenreichtum am Mekong. An dem Fluss, der „Lebensader“ des kontinentalen Südostasiens, der sechs Länder durchfließt, China, Burma, Thailand, Laos, Kambodscha und Vietnam, werden im Schnitt zwei neue Tier- oder Pflanzenarten pro Woche entdeckt. Zwischen 1997 und 2016 waren es 2524 Arten. Allein im Jahr 2016 kamen 115 bisher unbekannte Lebewesen hinzu, drei Säugetiere, zwei Fische, elf Reptilien, elf Amphibien und 88 Pflanzen.

„Strange Species“

Ein Teil der bizarren Wesen wurde nun von der Naturschutzorganisation WWF vorgestellt, darunter die Schneckenfresser-Schildkröte. Die Entdeckungen sind zum Teil schon einige Jahre alt, wie der Bericht „Stranger Species“ des World Wide Fund For Nature zeigt. Die Beschreibungen der Tiere aber und vor allem der wissenschaftliche Nachweis, dass es sich tatsächlich um eine neue Art handelt, kann Jahre dauern. Wie im Fall der vietnamesischen Krokodilschwanzechse (Shinisaurus crocodilurus vietnamensis). Über die mittelgroße Schuppenechse, die in den abgelegenen und immergrünen Wäldern von Südchina und Nordvietnam lebt, stolperte der deutsche Herpetologe Thomas Ziegler von der Universität zu Köln schon im Jahr 2003. Erst 2016 konnte er mit seinem Team zweifelsfrei nachweisen, dass es sich um eine neue Unterart handelt. Zugleich aber könnte die Krokodilschwanzechse, die unverzüglich auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Tierarten landete, bald schon ausgerottet sein. Ziegler schätzt, dass die Population in Vietnam höchstens noch 200 Echsen umfasst. Und der Lebensraum des kleinen Reptils wird weiter zerstört, besonders durch den Kohleabbau in der Region, aber auch durch die gezielte Jagd für den Lebend-Tierhandel.

Nicht ganz so düster sieht es mit der Zukunft der Berghufeisennase (Rhinolophus monticolus) aus. Die Fledermaus, die in den immergrünen Bergwäldern in Laos und Thailand lebt, trägt wie andere Hufeisennasen ihren Namen aufgrund der markanten Gesichtsform. Blattartige Hautbildungen umgeben die Nasenöffnungen, die aus einem hufeisenförmigen unteren Lappen bestehen, der in der Mitte eingesenkt ist und in dem sich die beiden Nasenlöcher befinden. Darüber ist ein Sattel, der die Nasenlöcher oben abschließt und an ein rückwärtig liegendes Beil erinnert. Hinzu kommt eine Lanzette, eine dreieckige, spitze Struktur auf der Stirn. Die Nase dient den Hufeisennasen zur Lautverstärkung. Entdeckt wurde die Berghufeisennase vor zehn Jahren von Pipat Soisook in den Bergen Thailands, und weil dort zunehmend größere Naturschutzgebiete entstehen, glaubt der thailändische Biologe, dass sich die Fledermaus-Bestände bald weiter erholen werden.

Die neuentdeckten Tierarten sind vom Menschen bedroht

Neben einer neuen Schmerlen-Art (Schistura kampucheensis), einem länglichen, auffällig gestreiften Fisch aus Kambodscha, wurde im Norden Vietnam auch noch ein grün-braun gefärbter Frosch (Odorrana mutschmanni) gefunden. Er ist einer von fünf neuen Arten, die seit 2012 allein in den Karstwäldern in Nordvietnam entdeckt wurden – einer Landschaft steiler Kalkstein-Klippen ähnlich der Halong-Bucht im Golf von Tonkin, allerdings bewaldet. Allen fünf Arten ist gemein, dass sie vom übermäßigen Sandabbau für den Zement- und Straßenbau bedroht sind, weshalb ihr Lebensraum nach Angaben des WWF dringend unter Schutz gestellt werden müsste.

Mehr Glück dagegen haben zwei bislang unbekannte Maulwurfarten. Die kleinen Säugetiere mit ihren langen rosafarbenen Nasen, die zu den Südostasiatischen Maulwürfen gehören, tragen die neuen wissenschaftlichen Namen Euroscaptor orlovi und Euroscaptor kuznetsovi. Entdeckt und beschrieben wurden sie von dem russischen Wissenschaftler Alexeij Abramow. Er weiß auch, warum sie bessere Überlebenschancen haben als viele der anderen neuen Arten: Weil sie unter der Erde leben, bekommt der Mensch sie kaum zu Gesicht. Auf einem Markt und in einem Kochtopf landen sie darum auch eher selten.

Quelle: F.A.Z.
Peter-Philipp Schmitt
Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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