Foto: Alexander Davydov

In der Schule der Waldmenschen

Von ALEXANDER DAVYDOV
Foto: Alexander Davydov

04.06.2018 · Die Zukunft des Orang-Utans auf Sumatra ist ungewiss. Illegaler Wildhandel und Zerstörung des natürlichen Lebensraums haben den Menschenaffen an den Rand der Ausrottung gebracht. Doch ein deutscher Biologe gibt sich nicht geschlagen.

N eugierig und aufmerksam mustern Upins tiefbraune Augen die dichte Baumkrone im Bukit Tigapuluh Nationalpark. Über dem kleinen Kopf des Viereinhalbjährigen bündeln lange Blätter an der Spitze des indonesischen Regenwaldes die Sonnenstrahlen zu glitzernden Lichtkegeln. Nun sind sie zum Greifen nahe. Etwas unsicher langt das Kind mit seinen knochigen Fingern nach dem nächsten Ast. Die noch untrainierte Muskulatur spannt sich kurz an. Mit einem kräftigen Stoßhangelt er sich einige Meter weiter nach oben. Dort angekommen, lässt Upin einen freudigen Laut von sich mit einer Mimik, die beinahe menschlich erscheint.

In einer Auswilderungsstation der Frankfurter Zoologischen Gesellschaft im Herzen Sumatras bekommt der junge Orang-Utan die Gelegenheit, artgerecht aufzuwachsen. Denn erst vor wenigen Wochen konnte Upin aus der Hand von Wilderern gerettet werden, die den Affen auf dem Schwarzmarkt ins Ausland verkaufen wollten. Der Besitz des hochgefährdeten Primaten gilt trotzt Verbots in vielen Teilen Südostasiens als begehrtes Statussymbol für reiche Geschäftsleute, Politiker und Militärs. Besonders junge Orang-Utans sind wegen ihres kindlichen Aussehens sehr begehrt. Viele von Upins Artgenossen enden als Haustiere. Ein bitteres Schicksal wie der Leiter der Auswilderungsstation, Peter Pratje, berichtet: „Orang-Utans kommen nur auf den Markt, wenn die Mutter getötet wird. Es gibt keine andere Möglichkeit, an ein Orang-Utan-Kleinkind ranzukommen.“ Niemand hätte ein Interesse daran, einen ausgewachsenen Menschenaffen zu halten. Zu groß sei das zerstörerische Potential ausgereifter Tiere, so der deutsche Biologe.

In Gefangenschaft werden die Primaten häufig Opfer von Fehlernährung und Misshandlung. Sobald zur voller Größe gereift, vegetieren viele in schmutzigen Hinterhöfen oder kleinen Käfigen dahin. Auch Upins vernarbtes Gesicht, vermutlich das Ergebnis eines Schlags durch eine Machete, zeugt von einer qualvollen Zeit. Der Zugriff der Forstpolizei bewahrte den jungen Orang-Utan vor Schlimmeren. Nach der Befreiung und medizinischer Versorgung wurde die traumatisierte und hilflose Waise in den 1400 Quadratkilometer großen Nationalpark gebracht.

Video: Alexander Davydov

Von hier aus beginnen Peter Pratje und sein Team aus einheimischen Mitarbeitern mit dem Training – ein langwieriger und mühsamer Prozess. „Normalerweise bleiben Orang-Utans sieben bis neun Jahre bei ihrer Mutter. Das ist die längste Phase, die nichtmenschliche Primaten mit dem Muttertier verbringen,“ erklärt der 56-Jährige. Grund dafür sei das enorme und komplexe Wissen, das sich die Affen für ein Überleben im Urwald aneignen müssen. Und dieses findet fast überwiegend im Baum statt. Nicht umsonst bedeutet der Name Orang-Utan in der Sprache der Einheimischen in Indonesien Waldmensch. Mit Pratjes Hilfe sollen die jungen Affen daher den Umgang in ihrem natürlichen Habitat richtig erlernen: Welche Nahrung kann man essen? Wo und wann wächst diese und, vor allem, welche Äste sind stabil genug, damit man sicher dahin kommt?

Schon bei der morgendlichen Fütterung wird der Umgang mit genießbaren und ungenießbaren Früchten trainiert. Vom Sonnenaufgang an müssen die Primaten alle zwei Stunden gefüttert werden. Anschließend werden die Orang-Utans aus dem Spezialgehege von den Mitarbeitern herausgelockt, um den Regenwald besser kennenzulernen. Die Mitarbeiter tragen Schutzmasken, um die Gefahr einer Infektion der Affen über die Atemwege zu vermeiden. Die nächsten Stunden verbringen Upin und seine Artgenossen damit, sich in der sogenannten „Dschungelschule“ auszutoben, ihre Kletterfähigkeiten zu verbessern und Nestbau zu üben. Dabei versuchen die menschlichen Aufpasser auf dem Waldboden mit ihren akrobatischen Schützlingen Schritt zu halten.

Abwechslungsreicher Stundenplan: In der „Dschungelschule“ nutzen Pratjes Mitarbeiter die Neugierde und den Spieltrieb der jungen Affen, um sie auf ein Leben in der freien Wildbahn vorzubereiten. Dabei kommen unterschiedliche Hilfsmittel zum Einsatz wie dieser hängende Spezialkäfig. Foto: Alexander Davydov

Pratjes Team beobachtet und dokumentiert akribisch das Verhalten der Jungtiere. Darüber hinaus bekommen die neugierigen Schüler immer wieder zusätzliche Aufgaben gestellt. Die heutige Prüfung besteht darin, aus einem Käfig, der an einem hohen Ast befestigt ist, verschiedene Obst- und Gemüsesorten rauszuziehen. Dabei sind die Abstände der Metallstäbe unterschiedlich weit, so dass die Menschenaffen Geschicklichkeit und Fassungsvermögen unter Beweis stellen müssen, um an die schmackhafte Belohnung ranzukommen.


„Wir müssen versuchen, den Orang-Utans dieses essentielle Wissen anzutrainieren, damit sie all das beherrschen, was ihre wilden Brüder auch können“
PETER PRATJE

„Und wenn das dann da ist, wissen wir, dass sie eine gute Chance haben, in der Wildnis zu überleben.“, erklärt Pratje. Seit der Entstehung des Programms vor zwanzig Jahren konnte das Team der Frankfurter Zoologischen Gesellschaft über hundertsiebzig Orang-Utans in die Natur entlassen. Dies sei bereits die Hälfte, die für eine überlebensfähige Population notwendig sei, so Pratje. Trotz des Erfolgs zeigt sich der Biologe besorgt, denn mit der Rettung einzelner Individuen ist die Bedrohung für den Primatenart noch lange nicht gebannt. Pratje schätzt die gesamte Wildpopulation der Orang-Utans auf weniger als Zehntausend Exemplare. Deren einmaliger Lebensraum gilt als Weltnaturerbe und schwindet doch beinah täglich. Lediglich zwanzig Prozent des ursprünglichen Waldbestands sind auf Sumatra noch vorhanden. Auch das Gebiet, auf dem Pratje und sein Team operieren, ist seit Beginn des Projekts auf über die Hälfte geschrumpft. Hauptursache dafür ist die Konvertierung des fruchtbaren Tieflandes in industrielle Nutzflächen. Nachdem das Holz abgeerntet wurde, entstehen auf dem neu geschaffenen Freiraum häufig Palmplantagen.

  • Das Verhalten und die Fortschritte der Affen werden täglich protokolliert. Foto: Alexander Davydov
  • Manchmal müssen die neugierigen Affenkinder auch mit einer Belohnung zurück ins Gehege angelockt werden. Foto: Alexander Davydov
  • In den angrenzden Dörfern setzt sich Dr. Peter Pratje für mehr Aufklärung in den Schulen ein. Die Kinder sollen mehr Verantwortung für den Schutz ihrer Umwelt entwickeln. Foto: Alexander Davydov
  • Trotz ihrer prinzipiell friedlichen Natur, des sympathischen Aussehens und enge Vernwandschaft zum Menschen bleiben Orang Utans wilde Tiere. Der Biss eines ausgewachsenen Männchens kann reißende Wunden hinterlassen. Foto: Alexander Davydov

Denn das ertragreiche Öl der Pflanze ist ein weltweit gefragter Inhaltsstoff, in zahlreichen Konsumgütern wie Schokolade oder Shampoos. Die Umweltorganisation „World Wildlife Fund (WWF) geht davon aus, dass knapp die Hälfte aller Produkte im Supermarkt Palmöl enthalten. Dabei gilt Indonesien als der größte Exporteur auf dem internationalen Markt. Laut „GAPKI“, einer Vereinigung von Palmölproduzenten, will der Inselstaat bis 2020 die Produktion auf 42 Millionen Tonnen pro Jahr steigern. Umweltschützer sind alarmiert, denn die Zerstörung des Regenwaldes soll auch den Klimawandel beschleunigen.

Doch wie reagieren Politiker? Während die frühere französische Umweltministerin Ségolène Royal schon 2015 zu einem Boykott von Nutella aufrief, plant die Europäische Union als drittgrößter Importeur mittlerweile eine Einschränkung des Rohstoffes im Biodiesel. Indonesiens Außenministerin Retno Marsudi bezeichnet dieses Vorgehen als diskriminierend und warnt vor den Folgen für die Wirtschaft ihres Landes. Denn der Industriezweig versorgt fast 8 Millionen Haushalte.

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Auch Pratje hegt Zweifel an den Maßnahmen: „Dieser Boykott kommt viel zu spät. Das wird dem Orang-Utan nichts mehr bringen und führt im schlimmsten Falle nur dazu, dass auf der Nutzfläche einfach ein anderes Agrarprodukt angebaut wird.“ Viel wichtiger sei es hingegen den noch vorhandenen Urwald so gut es geht vor weiterer Zerstörung zu bewahren. Dies ginge beispielsweise über Zertifizierungen, die nachweislich garantieren könnten, dass die Produkte der großen Ölproduzenten nicht auf Kosten von zusätzlichen Waldflächen entstanden sind. Deswegen plädiert der Biologe dafür, die Kontrollmechanismen des Staates stärker zu unterstützen. Eine weitere Herausforderung besteht in der rasant wachsenden Bevölkerung Indonesiens mit ihren über 250 Millionen Einwohnern. Pratje gibt zu bedenken:


„In einer Gesellschaft, in der es weder Sozial- noch Rentenversicherung gibt, wo ab der Grundschule Bildung Geld kostet, ist den Menschen mit einem Einkommen von etwa 100 Euro erst einmal nicht der Regenwald wichtig.“
PETER PRATJE

Einen wegweisenden Schritt in die richtige Richtung sieht der Biologe deshalb in der sogenannten „Ecosystem Restoration Concession.“ In Zusammenarbeit mit dem WWF und der Kreditanstalt für Wiederaufbau konnte im südlichen Teil des Bukit Tigapuluh 2013 eine Pufferzone für Privatnutzung durch Kleinbauern errichtet werden, die am Rande des Nationalparks leben. Die etwa 40.000 Hektar große Fläche soll unter Aufsicht ökologisch verträglich genutzt werden, damit sich der Druck auf die geschützten Gebiete durch illegale Abholzung oder nicht nachhaltige Bewirtschaftung verringert. Es ist ein Kompromiss aus Schutz des Regenwalds bei gleichzeitiger sozialer Versorgung der umliegenden Bevölkerung.

Waisenkinder: Die jungen Orang-Utans sind durch den traumatischen Verlust der Mutter auf ein Leben in der Wildnis nicht vorbereitet. Pratjes Team soll das durch tägliche Übungen ändern. Foto: Alexander Davydov

Im Park selbst ruft die Trainerin Siti mittlerweile Upin zurück. Es ist Nachmittag geworden und der Orang-Utan klammert sich mit einem dünnen hilfesuchenden Laut sanft an den Schultern seiner menschlichen Ersatzmutter fest. Bereitwillig lässt sich der ermüdete junge Affe ins Gehege bringen. Dort inspiziert Peter Pratje seinen rotgelockten Schützlingen, der dem Biologen zutraulich entgegenblickt. Fast 97 Prozent genetische Verwandtschaft weisen die Menschenaffen mit uns auf. Trotz dieser tragen die restlichen drei Prozent dazu bei, dass der Primat letztlich ein wildes Tier ist. Für sein weiteres Überleben hat der Orang-Utan heute wichtige Lektionen gelernt. Ob das für die Menschen auch gilt, bleibt abzuwarten.

Quelle: F.A.Z.