Wie erkläre ich’s meinem Kind?

Warum es in Deutschland immer noch Wildpferde gibt

Von Katharina Belihart
 - 10:37
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In Dülmen in Nordrhein-Westfalen wird am Wochenende richtig was los sein. Wie jedes Jahr um diese Zeit werden zahlreiche Besucher aus ganz Deutschland und der Welt erwartet. Der Grund dafür hat vier Beine, mausgraues bis braunes Fell und wird am Samstag verkauft: In Dülmen findet die alljährliche Wildpferde-Auktion statt. Die Stadt im Münsterland ist nämlich der einzige Standort in Europa, an dem es noch eine sogenannte Wildpferde-Bahn gibt.

Im Naturschutzgebiet Merfelder Bruch, nur wenige Kilometer westlich der Stadt, grast eine der letzten Wildpferde-Herden Europas. Sie leben dort schon seit mehreren hundert Jahren, die ersten Aufzeichnungen über Wildpferde nahe Dülmen stammen aus dem 14. Jahrhundert. Damals umfasste ihr Lebensraum eine Fläche von mehreren tausend Hektar, schrumpfte aber zunehmend. Landwirte begannen, die Wiesen als Ackerfläche zu nutzen, und Moore und Auen wurden trockengelegt, was es für die wilden Pferde immer schwieriger machte zu überleben. Vermutlich hätte es auch die Dülmener Wildpferde den Lebensraum gekostet – wenn da nicht ein Aachener Herzog mit einer Schwäche für Tiere gewesen wäre. Im Jahr 1847 ließ Alfred von Croÿ zwanzig wildlebende Pferde einfangen und errichtete auf dem heutigen Gelände der Dülmener Wildpferde-Bahn ein Reservat für sie, in dem sie seitdem ungestört leben können. Heute gibt es dort etwa vierhundert Pferde auf rund 350 Hektar, also einer Fläche von ungefähr fünfhundert Fußballfeldern. Sie leben dort weitgehend unbehelligt von Menschen, ernähren sich von dem Gras auf dem Gelände und können sich innerhalb des eingezäunten Gebiets frei bewegen.

Nur einmal im Jahr werden sie von Menschen gestört, nämlich dann, wenn im Frühjahr die jungen Hengste eingefangen und verkauft werden. Das wird bereits seit 1907 immer am letzten Samstag im Mai gemacht und hat nicht nur finanzielle Gründe. Ohne den alljährlichen Verkauf würde auf dem Gelände nämlich irgendwann Platzmangel herrschen. Außerdem würde es zwangsläufig zu Unruhe zwischen den jungen Hengsten kommen, es gäbe Rangkämpfe, und sie würden sich um die Stuten streiten. Dabei würden sich die Tiere gegenseitig verletzen, und um das zu verhindern, werden sie getrennt und verkauft, bevor es soweit kommen kann.

Der Verkauf wird jedes Jahr als großes Spektakel aufgezogen. Wie früher im alten Rom werden die Pferde in eine große Arena getrieben, wo die sogenannten Treiber schon warten, um die Tiere möglichst schonend einzufangen. Ein bisschen erinnert das an die Cowboys im Wilden Westen, nur ohne Rinder – und vor allem ohne Lassos. Denn Hilfsmittel sind den Treibern, wie sich die „Pferdefänger“ nennen, nicht gestattet. Bis vor einigen Jahren durften sie den Tieren noch kurzzeitig die Nüstern zuhalten, um sie ein wenig abzulenken und das Fangen so einfacher zu machen. Aber seit das vom Tierschutz verboten wurde, sind Tricks nicht mehr erlaubt.

Seit 1907 Tradition
Pferdefang in Dülmen
© reuters, reuters

Besonders begeistert davon, dass sie nach einem Jahr auf der Weide plötzlich eingefangen und verkauft werden sollen, sind die Junghengste natürlich nicht. Dementsprechend ungehalten reagieren sie auf die ganze Situation und buckeln und schlagen aus, was das Zeug hält. Für die Zuschauer ist das spannend anzusehen, für die Treiber wird das Einfangen dadurch aber zu einem ziemlichen Kraftakt: Zwei bis drei Männer braucht es, um ein Tier einzufangen und dann festzuhalten, bis es müde wird, irgendwann von selbst aufgibt und sich vom Platz führen lässt.

Was viele nicht wissen: Die Dülmener Pferde werden zwar als „Wildpferde“ vermarktet, genau genommen sind sie aber gar keine. Zumindest nicht aus biologischer Sicht. Als Wildpferd werden in der Biologie nämlich nur jene Rassen bezeichnet, die komplett ohne Einwirkung des Menschen in freier Natur leben – das trifft auf die Dülmener Ponys nicht zu, da sie in einem eingezäunten Gebiet zuhause sind und im Winter zusätzlich von Menschen gefüttert werden, sobald das Gras knapp wird. Sie gelten daher als halbwilde Pferde.

Der Bezeichnung „Wildpferde“ entspricht nur noch eine einzige Rasse auf der ganzen Welt: Das Mongolische Wildpferd, besser bekannt unter dem nahezu unaussprechlichen Namen Przewalksi-Pferd. Sie bewohnten einst einen großen Teil von Osteuropa, heute kommen sie aber kaum noch in der freien Natur vor. In Deutschland sind sie bislang hauptsächlich in Zoos zu sehen. Ein reicher Herzog mit dem notwendigen Kleingeld für ein Reservat hat sich für sie zwar noch nicht gefunden, aber Zuchtverbände und Zoos bemühen sich dennoch, die Rasse vor dem Aussterben zu bewahren. Und das mit Erfolg: Seit ein paar Jahren gibt es erstmals wieder wildlebende Przewalskis in der mongolischen Steppe.

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Quelle: FAZ.NET
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