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Lady Gaga

Eine Begegnung mit der schönsten Kuh Deutschlands

Von Alfons Kaiser, Essen
 - 07:03
Sieh, oh Herr, auf uns herab: Lady Gaga und Henrik Wille Bild: Alfons Kaiser, F.A.Z.

Der erste Eindruck: Sie ist groß, Schulterhöhe 1,67 Meter. Der zweite: Das Euter ist so fest, als hätte sie in ihrem Leben erst zwei oder drei Kälber geboren. Der dritte: Sie wirkt sanft. Wenn das Feuer der Jugend langsam erlischt, wird man abgeklärt. Lady Gaga, die gerade gemächlich ihr Frühstück wiederkäut, ist also die Ruhe in Person.

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Kein Wunder, sie hat alles erreicht. Siegerin bei unzähligen Tierschauen. Zweimal schönste Kuh Deutschlands, im Juni 2015 und im Juni 2017, das hat in der Geschichte des „Deutschen Holstein-Verbands“ zuvor nur eine geschafft. 97 Punkte in der Exterieurbewertung – das ist in Deutschland einzigartig und auch sehr selten in den Vereinigten Staaten und in Kanada, den gelobten Ländern der Zucht von Holstein-Kühen. Größe, Körperbau, Euter, Beine: Besser geht’s kaum. Wenn man die Schwarzbunten für die Krone der Schöpfung hält, was Rinderrassen angeht, dann ist Lady Gaga bis zur nächsten Holstein-Schau im Jahr 2019 die schönste Kuh in ganz Deutschland.

Sie hat sich also ein ruhiges Leben verdient. Drüben im Boxenlaufstall von Henrik Wille in Essen bei Cloppenburg bespringen gerade ein paar brünstige Kühe friedvolle Nachbarinnen und stoßen gegen das Fressgitter. Hier, schräg gegenüber, im alten Gebäude des Bauernhofs, liegt Lady Gaga in ihrem Einzelstall, der größer ist als eine Drei-Zimmer-Wohnung in Oldenburg oder Bremen.

Die Mahlzeiten sind stets angerichtet

Alle paar Tage wird sie gewaschen. Die Mahlzeiten sind stets angerichtet: Silo, Mais, Heu, Kraftfutter – die normale TMR (Totale Mischration) zum freien Verzehr. „Sie soll ja gesund bleiben und nicht zu mager werden“, sagt Henrik Wille, der seinem schönsten Tier liebevoll auf den Hals haut. „Man muss die Kühe mit Verstand schlank halten.“ Oder anders gesagt: „Je zufriedener die Kuh, desto mehr Milch gibt sie.“

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Lady Gaga ist zehn Jahre alt und hat sieben Kälber zur Welt gebracht. Sie ist der lebende Beweis, dass man Kühe nicht mit vier oder fünf Jahren, nach gerade einmal zwei oder drei Kälbern, zum Schlachter bringen muss, wie es Bauern heute so oft tun. „Ich habe noch nicht viele Kühe gesehen“, sagt Wille, „die nach sieben Kälbern noch einen so hohen Euterboden haben.“ Und wirklich: Das Euter, hinten hoch angesetzt, hängt nur bis hinab auf die Höhe des Sprunggelenks. Die Milchadern sind schön ausgeprägt. Schmal ist sie nicht, in der Brust ist viel Platz für ein großes Herz. Die Rippen sind offen und reichen tief hinab. Ideale Voraussetzungen für eine „Hochleistungsmaschine“, wie Wille in einer Metapher sagt, die nicht gerade schmeichelhaft klingt.

Schon im nächsten Satz fällt ihm eine bessere Anrede ein: „Die ist nicht faul, die Dame.“ 90.000 Liter Milch hat Lady Gaga in ihrem Leben schon gegeben. In die wachsende Schar der Hochleistungskühe mit mehr als 100.000 Kilogramm Lebensleistung wird sie es schon schaffen. Allein in diesem Milchjahr sollen es um die 17.000 Liter werden. Es sei denn, Wille mag es sich nicht ausmalen: „Gebrochenes Bein, ausgerutscht, Darmverschlingung.“ Alles schon vorgekommen.

„Sie wird ein bisschen betüddelt“

„Komm mal, Mäuschen“, sagt Wille und schiebt ein bisschen Futter nach. Lady Gaga kommt wirklich und frisst. Zwei Liegestellen mit Sägespänen hat sie in ihrem Privatstall, und über beiden Schlafstätten hängen Ventilatoren. Sie kann sich hier frei bewegen, und wenn die Sonne nicht so brennt, kommt sie auch viel nach draußen. „Sie wird ein bisschen betüddelt“, sagt Wille, als wolle er sich entschuldigen. Im Herbst des Lebens muss sie jedenfalls nicht mehr viele Veränderungen befürchten. In diesem Alter wird wirklich keine Kuh mehr verkauft.

Lady Gaga ist ein Kind der Globalisierung. Am 17. September 2006 wurde sie in Frankreich geboren, als Tochter von Regancrest-LH Modest aus Iowa. Der Vater ihrer Mutter, Comestar Lheros, stammte aus Québec in Kanada. Seit einem halben Jahrhundert wird viel Amerikanisches in europäische Kuhherden eingekreuzt. Aber was heißt „amerikanisch“? Holstein-Rinder stammen aus Norddeutschland, wie der Name schon sagt. Deutsche Auswanderer nahmen die Tiere im 17. Jahrhundert mit nach Nordamerika, wo sie zur leistungsstärksten Milchviehrasse gezüchtet wurden. Nun setzen sich die zumeist schwarzbunten HF-Kühe (Holstein-Friesian) in ihrer alten Heimat durch – dank der Besamungstechnik, die das Sperma herausragender Bullen in großen Mengen für viele Kühe in aller Welt bereithält.

„Als ich klein war, gab es hier in Südoldenburg noch vor allem Rotbunte“, sagt Wille. Aber die schwarzbunten HF-Kühe geben mehr Milch. Deswegen sieht man auf den Weiden bis hinunter nach Westfalen nur noch wenige braunrote Flecken zwischen all den Schwarzbunten. Von 100 Kühen in Henrik Willes Stall sind immerhin noch ein Drittel rotbunt.

Im ersten Jahr hatte er nur Ärger mit ihr

Lady Gaga, die amerikanische Französin, wurde von einem Schweizer erworben. Als sie schon ihr erstes Kalb hatte, schlug ein Züchtersyndikat bei Cuxhaven zu. Und erst als sie tragend war mit dem vierten Kalb, hat Wille sie gekauft, gemeinsam mit Friedrich Köster aus Steinfurt, dem sie zur Hälfte gehört.

Eine Selbstläuferin war sie nicht. Im ersten Jahr hatte er nur Ärger mit ihr: „Da war sie nicht fit. Vielleicht hatte sie sich auf der Europa-Schau in Fribourg was eingefangen. Das ganze Jahr über war das Euter nicht gesund.“

Mit dem fünften Kalb wurde alles besser. Seither gab sie in jeder Laktation mehr als 15.000 Liter. Lady Gaga, tröstliche Botschaft in Zeiten der alternden Gesellschaft, ist erst spät aus sich herausgekommen und noch später über sich hinausgewachsen.

„Komm mal“, sagt Wille, nimmt das Halfter und legt es ihr an, ohne dass sie auch nur einmal den Kopf abwendet oder unwillig wirkt. „Die ist so gutmütig, mit der kann jedes Kind am Halfter spazieren gehen.“ Aber man muss warten, bevor man mit ihr rausgeht. Wenn man zu schnell draußen ist, entleert sie sich auf den Hof. Wille wartet also eine halbe Minute, so dass sie dem Bedürfnis noch im Stall nachkommt, aber es tut sich nichts. Er wartet noch eine halbe Minute, noch immer nichts. Also raus. Auf dem Hof, beim kleinen Fototermin, macht sie auch nichts. Lady Gaga scheint sich einen Spaß zu machen aus dem Spiel von Erwartungen und Erwartungserwartungen. „Sie weiß schon“, sagt Wille, „dass ich ihr nicht böse sein kann.“

Mehr als 97 Punkte sind von ihr nicht mehr zu holen

Allüren hat sie nicht, trotz ihres Namens, den ihr ein Vorbesitzer verpasst hat. Sie wird ganz normal gemolken, im Fischgrätenmelkstand, wie alle anderen auch. Und das Alter schüttelt natürlich auch sie nicht ab. Der Vorbesitzer hat sie auf Stroh gehalten. Das war gut gemeint, aber schlecht für die Klauen, die dann zu weich werden; ihr Klauensaum ist deshalb leicht angeschwollen. Mehr als 97 Punkte sind in diesem Leben von ihr nicht mehr zu holen. Und dennoch: Wenn alles gutgeht, fährt sie im Januar wieder zur Europa-Schau nach Lausanne, da hat sie schon zwei Mal in ihrer Klasse gewonnen. In zwei Jahren in Oldenburg wird sie aber wohl nicht mehr antreten.

Bisher hat Lady Gaga nur eine Tochter hier auf dem Hof: Lady in Black. Also plant Wille einen Embryotransfer. Andere Kühe tragen dann ihre Embryonen aus. So hofft der Züchter auf mehr Nachkommen von dieser Qualität.

Was bleibt von ihr? Das steht vielleicht auf der Inschrift über dem Eingang zu ihrem Stall, der in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs abgebrannt war und dann von Henrik Willes Großvater wieder aufgebaut wurde. „Dieses Haus steht in Gottes Hand, kein Mensch erzwingt sich das Glück“, heißt es auf dem Fachwerk-Balken über dem Tor. „Nur Gott verleiht es jedem Haus, wenn’s nützt, und teilt die Gaben aus. Und sieh, oh Herr, auf uns herab, bis einst zur Wohnung wird das Grab.“

Wo wir schon am Ende sind, ist ein bisschen Wehmut angebracht. Auch Henrik Wille wird nicht ewig weitermachen. Keiner seiner beiden Söhne soll den Hof übernehmen. „Nach mir ist Schluss“, sagt er. Es lohnt sich schon heute kaum noch. Das Auf und Ab der Milchpreise macht den Milchbauern zu schaffen. „Definitiv“, sagt Wille nochmal. „Nach mir ist Schluss.“ Nicht einmal Lady Gaga kann ihn von dieser Idee abhalten.

Quelle: F.A.Z.
Alfons Kaiser
Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.
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