Schlafloser Nachbar

Münchner Gericht weist Klage gegen Kuhglocken-Lärm ab

Von Albert Schäffer, München
 - 16:46

Was dem Berliner seine Klangschalen sind, sind dem Bayern seine Kuhglocken. Fast allen Bayern: Manch Feinhörige, die es auf das Land verschlägt, hadern mit der Klangkulisse auf weiß-blauen Weiden. Ihnen geht der Glauben ab, dass die Glocken nicht nur eine Orientierungshilfe auf der Suche nach verirrten Vierbeinern sind, sondern auch gute Geister für den Menschen herbeirufen.

Ein Hauseigentümer im oberbayerischen Holzkirchen schilderte in einem Rechtsstreit, den das Landgericht München II am Donnerstag entschied, welche Pein ihm das Kuhgeläut auf dem Nachbargrundstück bereite – von Schlaflosigkeit bis zu Depressionen. Eine Frage ließ sich schnell klären: Wer früher da war – die bimmelnden Kühe oder der geräuschempfindliche Nachbar. Als er das Haus kaufte, war die Umgebung noch eine glockenfreie Zone: erst später wurde das Nachbargrundstück an eine Landwirtin verpachtet, die ihre Kühe dort weiden lässt, ausgerüstet, wie es alpenländischer Brauch ist, mit Glocken.

Ein erster gerichtlicher Vergleich, der 2015 in einem Verfahren vor dem Amtsgericht Miesbach geschlossen wurde – die Kühe wurden auf einen vom Haus des Klägers weiter entfernten Teil der Weide verbannt – brachte keinen Frieden. Nach dem Amtsgericht musste sich das Landgericht mit der Frage befassen, ob von den Tierglocken ein „unbeschreibliches Wohlbehagen“ ausgeht, wie es Sven Hedin beschrieb – bei ihm waren die Glockenträger allerdings keine Kühe, sondern Kamele.

Oder ob es Relikte aus einer Zeit sind, die noch nicht lärmgeschädigt war. Ein Vorschlag, den Streit durch eine Digitalisierungsoffensive beizulegen – die Kühe sollten statt mit Glocken mit GPS-Sendern ausgestattet werden – fruchtete nicht. Das Landgericht zog sich in seinem Urteil schließlich auf den Grundsatz „Pacta sunt servanda“ zurück: Der Kläger müsse sich an den von ihm geschlossenen Vergleich halten, sprich das Glockenreservat auf einem Teil des Nachbargrundstücks dulden.

Quelle: F.A.Z.
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