Vogel des Jahres

Der gefallene Star

Von Carl-Albrecht von Treuenfels
 - 06:41

An diesem Freitag geben der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) und der Landesbund für Vogelschutz in Bayern (LBV) bekannt, dass sie den Star (Sturnus vulgaris) zum „Vogel des Jahres 2018“ gewählt haben. Darüber freuen sich die Mitarbeiter der Naturschutzstation Dümmer in der Nähe von Hude (Niedersachsen) und der pensionierte Lehrer Bernd Averbeck besonders. Seit Jahren kümmern sie sich um die dunklen Singvögel mit dem metallisch schillernden Gefieder.

Am Rand des rund 1000 Hektar großen Naturschutzgebiets Ochsenmoor, 50 Kilometer nördlich von Osnabrück im Landkreis Diepholz gelegen, haben sie die Voraussetzungen für eine Brutkolonie der sangesfreudigen Vögel geschaffen. Gut 60 Nistkästen hängen an den Außenwänden der Stationsgebäude und an den Bäumen. Bernd Averbeck zimmerte 50 Starenkästen und brachte sie auf seinem benachbarten Grundstück an Bäumen und Wänden an. Teilweise hängen sie in drei Etagen übereinander, manche haben zwei Ein- und Ausfluglöcher.

„Mindestens 40 Kästen waren in diesem Jahr belegt. In 10 bis 15 Nisthilfen brüteten die Stare zweimal erfolgreich nacheinander“, sagt Averbeck über seine Kolonie, an der er sich auch Mitte Oktober noch erfreuen kann. Denn im Gegensatz zu den Abertausenden von Staren, die jetzt in dichten Schwärmen über das Land ziehen und abends in dunklen Wolken an gemeinsamen Schlafplätzen im Schilf oder auf Bäumen einfallen, halten viele der heimischen Stare im Bereich des Naturschutzgebiets Dümmer ihren Brutplätzen auch nachts die Treue.

Abends oder auch zwischendurch am Mittag landen sie auf den Ästen ihrer Brutbäume oder auf den Dächern der Häuser. Manche übernachten auch in den Kästen. Dabei zwitschern und schwatzen sie zeitweilig fast so intensiv wie zur Balzzeit im Frühling. Beim Zuhören langweilt man sich nie, da sie über ein reichhaltiges Repertoire an vielfältigen Lautfolgen und nachgeahmten Tönen verfügen.

Vogeljäger schlagen zu

Die Vögel erscheinen in unterschiedlichem Gefieder: Die Jungen sind graubraun, die erwachsenen Vögel tragen als Perlstare noch ihre weißen Federspitzen, die sich weiter abnutzen, und mehr oder weniger glänzenden Schillereffekt. Zur Balzzeit erstrahlt das Gefieder in vollem Glanz. Die meisten Stare werden nicht älter als zwei bis drei Jahre, aber es gibt auch Berichte über beringte Vögel, die es im Freiland auf 20 Jahre brachten.

Früher gab es viele Jungstare, die das Ausfliegen aus den Brutkästen gar nicht erlebten. Denn etliche Nistkästen wurden nicht von Vogelfreunden aufgehängt, sondern von Vogeljägern. Kurz vor dem Ausfliegen der Jungen öffneten sie die Nistkästen, nahmen die Vögel heraus und töteten, rupften, brieten oder verkauften sie. Heute sind die Stare nach deutschem und EU-Recht geschützt, aber in Südeuropa verfangen sie sich noch oft in illegal aufgehängten Singvogelnetzen und auf Leimruten.

Vogelbeobachter begeistert

Am Dümmer, einem 13 Quadratkilometer großen Flachsee mit einer durchschnittlichen Wassertiefe von einem Meter, landen vom Spätsommer bis in den Herbst in zunehmender Zahl Stare, die sich zu Zugverbänden zusammengeschlossen haben. Sie kommen großteils aus Skandinavien, dem Baltikum und Westrussland. Die Schwärme, die teils mehr als 100000 Vögel ausmachen, machen mitunter längere Zwischenstopps in nahrungsreichen Gebieten mit geeigneten Übernachtungsmöglichkeiten.

Einige dieser Orte sind jeden Herbst zu Pilgerstätten von Vogelbeobachtern geworden. So etwa stehen an der deutsch-dänischen Grenze bei Aventoft an Wochenenden im Herbst Dutzende von Bussen und Hunderte Autos von Vogelfreunden. Die Schilfflächen in den Kögen nahe der Nordseeküste bieten ausreichend Sitzplätze und Schutz vor Greifvögeln, Füchsen und anderen Beutegreifern für die Stare. Solche Schlafstätten sehen nach längerem Gebrauch aus wie von einem Tornado heimgesucht. Die Wasserflächen werden durch den nachts ausgeschiedenen Kot reichlich gedüngt, wenn nicht belastet.

Flächen stehen unter Naturschutz

Unter solchen Invasionen leiden auch verschiedene Städte, in denen sich Starenschwärme zur Nacht einrichten. So etwa in München am Stachus oder in Frankfurt im Westend in von Efeu bewachsenen Wänden. In Rom fallen am Tiber jeden Abend im Herbst und Winter mehrere Millionen Stare ein, um in den Bäumen des Ufers zu übernachten. Vorher sorgen sie am Himmel für eindrucksvolle Formationsflüge. Seit langem beschäftigen sich Wissenschaftler mit der Frage, wie präzise die Stare (und auch andere Zugvögel) bei den rasend schnellen Flugbewegungen ihre Abstände untereinander einhalten, Kollisionen vermeiden und eine perfekte Schwarmkoordination zur Verwirrung von Greifvögeln erreichen.

Das Ochsenmoor und die weiteren fünf Naturschutzgebiete im Naturpark Dümmer sind wegen der weiträumigen Wiesenlandschaft so anziehend für Vögel. Wären die Flächen nicht seit 1972 nach und nach unter Schutz gestellt worden, sähen die Flächen heute wie große Bereiche rundherum aus: im Herbst und Winter umgepflügte, mit Gülle belastete Flächen von schwarzer Moorerde, vom Frühjahr bis Herbst überwiegend mit Mais bestellt und damit für freilebende Tiere, insbesondere Vögel, ungeeignet. Die zeitweise unbewirtschafteten Flächen hingegen sind ein Dorado für Watvögel auf dem Zug und zur Brutzeit.

Weidetiere und Stare profitieren voneinander

Das Ochsenmoor, das an Bernd Averbecks Grundstück und die Naturschutzstation Dümmer grenzt, ist für die im März und April brütenden Stare wie ein Schlaraffenland. Sie brauchen nur wenige hundert Meter zu fliegen, um in dem meist feuchten Gras nach Nahrung zu suchen. Dabei gehen sie mit ihrem leicht schwankenden Gang nach einer besonderen Methode vor, dem Zirkeln. Mit ihrem spitzen Schnabel, der je nach Geschlecht, Alter und Jahreszeit unterschiedlich grau, gelb und rosa gefärbt ist, stochern sie kreisförmig Löcher in den Boden und suchen so nach Regenwürmern und Insektenlarven, die sie dann aus dem Erdreich ziehen.

Auf dem Weideland und in den Wiesen sorgen Rinder, Schafe, Ziegen und ausgesetzte Wildpferde für kurzes Gras und natürliche Düngung, die viele Insekten gedeihen lassen. Nicht selten landen auf den Rücken der Weidetiere mehrere Stare gleichzeitig, starten von ihnen ihre Nahrungsflüge und hinterlassen weiße Streifen und Kleckse auf Fell und Wolle. Da sie ihre Träger auch von Zecken, Fliegen und anderen Plagegeistern befreien, lassen die Weidetiere die Landeplätze zu. Mit der Abnahme der Weidehaltung zugunsten der Stallhaltung mit Silofütterung von Rindern gibt es auch immer weniger der vom Dung lebenden Insekten. Die findet der Star auch nicht in dicht geschlossenen Nadelbaumwäldern.

In Niedersachsen auf der Vorwarnliste

So kommt es, dass Männchen und Weibchen eines Starenpaares nur kurze Nahrungsflüge zurücklegen müssen und die vier oder fünf Jungen mehr als 50 Mal am Tag füttern können. Bis sie nach einer Nestlingszeit von 16 bis 24 Tagen ausfliegen, leben die Jungstare fast nur von tierischer Nahrung. Gelegentlich betätigen sich Stare auch als Nesträuber. Mit ihrer Vorliebe für Kirschen, Weintrauben, Oliven, Maulbeeren und andere Früchte gelten erwachsene Stare manchem Gartenbesitzer und Landwirt als „Teufelsvögel“, die zuweilen mit Netzen, Böllerschüssen, über Lautsprecher abgespielten Angstrufen, Gift und Abschüssen vertrieben werden.

Laut Nabu gibt es in Deutschland eine Million Brutpaare weniger als vor zwei Jahrzehnten. Diese Zahl ist vage, ebenso wie die geschätzten drei bis 4,5 Millionen deutschen und 23 bis 56 Millionen Paare in Europa. Noch gilt der 19 bis 22 Zentimeter große Star als Allerweltsvogel. Doch in Niedersachsen steht er nun auf der Vorwarnliste der gefährdeten Vogelarten – wegen der Veränderungen in der Landwirtschaft mit hohem Pestizideinsatz und Monokulturen, der abnehmenden Grünland-Anteile, der Vernichtung von natürlichen Nistplätzen durch das Fällen von Bäumen mit Höhlen und wegen der Verschließung von Dächern und Nischen an Häusern.

Manches lässt sich mit Nistkästen mit Einflugloch ausgleichen, sofern in der Nähe geeignete Nahrungsflächen vorhanden sind. Friedhöfe und Parkanlagen werden auch gerne vom Star genutzt. Manche Tiere nehmen zur Futtersuche sogar Flüge von einigen Kilometern in Kauf.

Quelle: F.A.Z.
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