Riesenschildkröte Abuh

140 Meter in die Freiheit

Von Jörg Thomann
 - 17:33
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Erinnert sich noch jemand an Sammy? Sammy ist in Deutschland mal sehr bekannt gewesen, jedenfalls einen Sommer lang. 1994 war das, als Sammy, der Brillenkaiman, mit seinem Besitzer einen Baggersee in Dormagen besuchte und beim Plantschen von der Hundeleine schlüpfte. Ein paar Tage lang war das Land im kollektiven Kaiman-Wahn, aus Sorge wegen und aus Sorge um Sammy, bis das damals gerade achtzig Zentimeter kurze Reptil aus dem Straberg-Nievenheimer See gefischt wurde, der den in jenem Sommer erlangten Ruhm längst wieder an Loch Ness hat abtreten müssen. Oder kennt noch einer die Kuh Yvonne? Die wurde im Sommer 2011, nachdem sie ihrem Bauern entwischt war, sogar drei Monate lang in Bayerns Wäldern gesucht, unter reger Anteilnahme inner- und außerbayerischer Medien. Am Ende war Yvonne zwar wieder eingefangen, durfte sich aber über mehrere ihr gewidmete Lieder freuen, über einen Einsatz als Bayern 3-Orakel für die EM 2012 und über einen eigenen Wikipedia-Eintrag.

Geschichten über Tiere werden von Journalisten immer gern erzählt, jedenfalls dann, wenn die Ausreißer auf halbwegs zivile Art wieder eingefangen werden und nicht etwa vor eine Flinte oder ein Auto laufen. Vor allem im Sommer ist das Genre traditionell sehr beliebt, weil da Politiker, Fußballspieler und andere verlässliche Nachrichtenlieferanten im Urlaub sind und größere oder kleinere Sommerlöcher gern mit Pelzigem gestopft werden. In diesem Sommer des Jahres 2017 freilich scheinen die Tollereien der Kuh Yvonne Ewigkeiten her: Psychokrieg um Nordkorea, Terror in Barcelona, Nazi-Paraden in Amerika und ein Trump, der auch aus dem Urlaub twittert. Wie glücklich muss das Land gewesen sein, das keine größeren Sorgen kannte als eine entlaufene Kuh!

Ein Sedativum. Was fürs Herz.

Obwohl oder gerade weil also im Moment nicht das kleinste Sommerloch zu sichten ist, habe ich beschlossen: Ich will die Geschichte eines Tiers erzählen. Als Sedativum. Was fürs Herz. Um zu zeigen: Selbst wenn morgen die Welt untergeht, wird heute doch irgendwo ein Tierchen ausreißen. Es fehlt mir nur noch der passende Protagonist, und um den zu finden, sondiere ich die Nachrichtenlage. In einem Gewerbegebiet in Weimar ist ein zwei Meter langer Tigerpython gefunden worden; eine Würgeschlange, sehr sympathisch klingt das nicht. In Berlin wurden Exemplare des Roten Amerikanischen Sumpfkrebses erspäht, ein Tier, welches das Ökosystem gefährdet; auch keine hübsche Story, ein Trump ist wahrlich genug. In Brasilien hat man menschliche Knochen im Bauch eines Kaimans entdeckt; Sammys Story in der Splatter-Variante, schönen Dank auch.

Dann endlich stoße ich auf eine Geschichte, die es wert scheint, unseren Lesern erzählt zu werden. Die Geschichte von Abuh.

Bei Abuh, das berichtet in einem knappen Text die Agentur AFP, handelt es sich um eine weibliche, 35 Jahre alte und 55 Kilo schwere Aldabra-Riesenschildkröte, die im Zoo der japanischen Stadt Shibukawa anzutreffen ist. Beziehungsweise es plötzlich nicht mehr war, denn die Schildkröte, die während der Öffnungszeiten des Zoos frei umherkriechen durfte, hatte sich vom Acker gemacht. Zwei Wochen dauerte es dann, bis Abuh wiedergefunden wurde – in einem 140 Meter vom Zoo entfernten Gebüsch. Die Überschrift des Textes weist einen kritischen, ja hämischen Unterton auf: „In zwei Wochen 140 Meter weit geflohen.“

Wollen wir nicht alle einmal ausbrechen?

Anders als offenbar die AFP-Kollegen erkenne ich sofort die Symbolkraft dieser Geschichte. Wollen wir nicht alle einmal ausbrechen und bleiben auf halber Strecke stecken? Und muss man Abuh nicht Respekt erweisen, weil ihr die Flucht gelang? Tag für Tag entwischen irgendwo Tiere, Hunde, Katzen, Kängurus, auch mal eine Raubkatze – aber eine Schildkröte, und dann noch so eine große? Wie konnte ihre Flucht unbemerkt bleiben? Wieso hat man sie zwei Wochen gesucht, obwohl sie ganz in der Nähe war? Wie viele Menschen waren an der Suche beteiligt – einer? Was Abuhs Finder angeht, so widersprechen sich die englischsprachigen japanischen Medien: Einmal soll es eine Familie gewesen sein, einmal ein örtlicher bounty hunter, was sich mit dem düsteren „Kopfgeldjäger“ übersetzen ließe. Ein Kopfgeldjäger für Schildkröten, das klingt nach einem unfairen Duell.

All die Fragen, die ich habe, will ich mir nun vom Zoo in Shibukawa beantworten lassen. Problem: Auf der Website stehen nur japanische Schriftzeichen, die englische Flagge zum Umschalten der Sprache suche ich vergeblich. Über die Seite verteilt sind Fotos von Hunden, Kaninchen, Ziegen und Pferden. Ist der Zoo von Shibukawa womöglich nur ein Bauernhof? Ich wähle die Nummer.

„Moshi moshi“, meldet sich eine Frauenstimme. Auf meine Frage, ob sie Englisch spreche, verbindet sie mich sofort mit einer Männerstimme, die immerhin einen Satz auf Englisch spricht: „I’m sorry.“ Der Rest ist, wenn auch flüssiges, Japanisch. Nachdem ich gefragt habe, ob es irgendeinen anderen Menschen in Griffweite gebe, mit dem ich Englisch reden könnte, kommen noch einmal zwei Wörter, die ich verstehe: „Not here.“

War es jugendlicher Übermut?

Im Netz ist Abuhs Geschichte, ganz anders als die betuliche Schildkröte selbst, längst um die Welt gegangen. „Tartaruga gigante que fugiu do zoo foi encontrada a 140 metros do local“, „Sköldpadda rymde från Zoo – kom 140 meter på två veckor“, „Želva strávila na úteku dva týdny. Našli ji 140 metru od zoo.“ Nähere Informationen zum Fall scheint, soweit ich mir das zusammenreimen kann, niemand zu haben, auch wenn ein Foto Reporter zeigt, die Abuh ihre Mikrofone hinhalten. Ein amerikanisches Blatt hat sich ein Interview mit Abuh ausgedacht, bei dem der Journalist drei Stunden warten muss, bis die Schildkröte das Telefon erreicht hat.

In meiner Not maile ich einem Kollegen, der einst in Tokio arbeitete, des Japanischen mächtig ist und hochseriösen Wirtschaftsjournalismus betreibt. Er habe nicht viel Zeit, mailt er zurück, nahe Deadlines, was denn anliege? Ich schreibe ihm, ob er beim Zoo von Shibukawa anrufen könne, wegen einer entlaufenen Schildkröte. Darauf kommt vom Kollegen seltsamerweise keine Antwort mehr.

Ich beginne, mir im Internet ein paar Infos zusammenzusuchen. Die Aldabra-Riesenschildkröte stammt vom Aldabra-Atoll im Indischen Ozean, hat einen eher kleinen Kopf und kann durch die Nasenlöcher trinken. In Gefangenschaft soll ein Exemplar mal 256 Jahre alt geworden sein. Vielleicht ist Abuh, 35, dann aus jugendlichem Übermut entflohen.

„Die Schildkröte kennt den Begriff Gehege nicht“

Unverhofft meldet sich jetzt doch der Wirtschaftskollege, der tatsächlich beim Zoo angerufen hat. Selbst mit seinen Japanischkenntnissen hat er den beiden Zoomitarbeitern einzig entlocken können, „dass es ein Problem mit der Schildkröte gab“. Für die große Erzählung, die ich im Kopf habe, reicht das leider nicht.

Wenn uns schon der ferne Osten nicht weiterhilft, dann vielleicht der nahe: Ich rufe an in Dresden. Dort im Zoo gibt es gleich vier Aldabra-Riesenschildkröten, die der Einfachheit halber alle Hugo genannt werden und jedes Jahr die hundert Meter zwischen ihrem Sommer- und ihrem Winterquartier allein zurücklegen; laut Wolfgang Ludwig, dem Zoologischen Leiter, schaffen sie das in einer Stunde. Das Revier einer Riesenschildkröte in freier Wildbahn betrage mehrere Kilometer, sagt Ludwig: „Die Schildkröte kennt den Begriff Gehege nicht. Wenn sie in 140 Metern Entfernung wieder aufgegriffen wurde, bedeutet das ja, dass sie gar nicht weg war. Sie ist quasi dageblieben. Das ist relativ unspektakulär, die ganze Sache.“ Demnach hätte Abuh, die vermeintlich von Fernweh gepackte Schildkröte, im Grunde nur einen kurzen Heimaturlaub gemacht.

War es so? Ich kann es in diesem Moment leider nicht klären. Irgendwann aber, das habe ich mir fest vorgenommen, werde ich Abuhs Geschichte doch noch erzählen. Vielleicht im nächsten Sommer.

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Riesenschildkröte Abuh: 140 Meter in die Freiheit
Quelle: F.A.S.
Jörg Thomann - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Jörg Thomann
Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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