Taucher am Seeufer

Ab in die Balz

Von Carl-Albrecht von Treuenfels
 - 18:14

An schilfgesäumten Seeufern, auf Fisch- und Klärteichen, an nahrungsreichen Altarmen von Flüssen und auf manchem Stausee gerät das Wasser im April und Mai häufig in Bewegung. Unter den vielen Schwimmvögeln wie Enten, Gänse, Schwäne und Rallen sorgen vor allem die Taucher mit Balzritualen und Revierkämpfen für Wellen und Spritzer.

In Deutschland kommen alle fünf der in Europa brütenden Arten der Lappentaucher (Familie Podicipedidae) vor. Ihren eigentümlichen Namen verdankt die Vogelfamilie den Hautlappen entlang ihrer Zehen, die – statt Schwimmhäuten – den Antrieb auf und unter dem Wasser fördern. Früher hießen die Taucher wegen ihrer am Körper weit hinten angesetzten Beine „Steißfüße“. Dieser Name findet sich bis heute in älteren vogelkundlichen Büchern, auch für die Gruppe der größeren Seetaucher (Familie Gaviidae), die mit Schwimmhäuten ausgestattet sind. Eistaucher, Gelbschnabel-Eistaucher, Prachttaucher und Sterntaucher brüten weiter nördlich in Skandinavien und rund um die Arktis, überwintern aber zum Teil in der Nord- und Ostsee und gelegentlich im europäischen Binnenland auf großen Seen.

Die größten Lappentaucher sind der Haubentaucher (Podiceps cristatus) mit gut einem halben Meter Körperlänge und der etwa zehn Zentimeter kleinere Rothalstaucher (Podiceps griseigena). Sie geben paarweise während der Balz zirkusreife Vorführungen auf den Gewässern. Der Zwergtaucher (Podiceps ruficollis), mit knapp 30 Zentimetern das kleinste Familienmitglied, macht sich eher mit seinen Trillerlauten aus dem Uferbewuchs als mit Schwimmspielen auf offener Wasserfläche bemerkbar. Zwei weitere Arten indes zeichnen sich durch einen auffälligen Kopfschmuck aus, der nicht selten zu Verwechslungen der beiden führt: der Schwarzhalstaucher (Podiceps nigricollis) und der Ohrentaucher (Podiceps auritus). Beide tragen goldgelbe bis rotgelbe Federn am Kopf, die beim Schwarzhalstaucher etwas üppiger und gefächerter wachsen als beim etwas größeren Ohrentaucher. Dieser trägt seinen Federschmuck als leuchtende Zierbänder höher und geschlossener hinter seinen roten Augen zur Schau und kann ihn aufstellen. Die gelben Büschel am Kopf des Schwarzhalstauchers richten sich im Erregungszustand eher nach unten aus.

Die Schnabelform kann beim Erkennen helfen

Auch im Brutgefieder sind sie sich nicht unähnlich: Der Schwarzhalstaucher trägt vom Kopf über den Hals bis über den Rücken schwarze Federn, an den Flanken sind sie rotbraun wie die äußeren und mittleren Handschwingen. Die untere Seite des Körpers ist wie bei allen Verwandten hell bis weiß, um vor Raubfischen besseren Sichtschutz zu haben. Beim Ohrentaucher ist der Kopf bis auf die Federohren auch schwarz, doch hinter dem Halsansatz wird das Körpergefieder seitlich rotbraun und auf dem Rücken grau. Im Ruhe- oder Schlichtkleid, während des Winters, sind die „Ohren“ nicht sichtbar, und im dann schwarzweißen Gefieder sind beide Arten schwer voneinander zu unterscheiden. Die Schnabelform, beim Schwarzhalstaucher leicht aufgeworfen und etwas länger als beim Ohrentaucher, kann beim richtigen Erkennen helfen. Denn in ihren Überwinterungsgebieten, die von Nordsee (bevorzugt bei Helgoland) und Ostsee bis in den Mittelmeerraum reichen, sind beide Arten durchaus gemeinschaftlich zu beobachten.

Zur Brutzeit ist das seltener möglich. Zwar haben Ohrentaucher wiederholt vereinzelt in Norddeutschland gebrütet, doch meist leben sie vom Frühjahr bis zum Herbst in nördlicheren Gefilden, von Südskandinavien nordwärts bis nach Island und ostwärts bis Kamtschatka. Sie brüten nicht in Kolonien, wie es die Schwarzhalstaucher mitunter tun, doch sie suchen für ihr Nest den Schutz durch andere Koloniebrüter wie Lachmöwen und Seeschwalben, von deren lautstarker Feindabwehr sie profitieren.

Schwarzhalstaucher sind in Deutschland als regelmäßige Brutvögel bekannt. Ihr Bestand ist allerdings verstreut. Der Atlas Deutscher Brutvogelarten von 2014, herausgegeben von der Stiftung Vogelmonitoring Deutschland und dem Dachverband Deutscher Avifaunisten, gibt die Zahl der Paare mit 1700 bis 2700 an – wobei diese Zahlen durch die jährlichen großen Schwankungen eher zu hoch seien. Schwerpunkte in Deutschland gibt es im Norden, Osten und Süden. Auch der Schwarzhalstaucher hat von Nordamerika über weite Bereiche Russlands bis nach Nordchina ein großes Verbreitungsgebiet. Der deutsche Brutbestand umfasst drei Prozent des europäischen Gesamtbestands.

Auch beim Nestbau und der Balz gibt es Ähnlichkeiten

In der Balz machen sich die Paare beider Arten in ähnlicher Form gegenseitig den Hof: Brust an Brust richten sie sich voreinander auf, das Männchen überreicht dem Weibchen mit dem Schnabel Pflanzenteile, sie tauchen gleichzeitig für bis zu einer halben Minute ab oder schwimmen einige Meter eng nebeneinander her. Auch beim Nestbau gibt es viele Ähnlichkeiten. Innerhalb oft nur weniger Stunden tragen beide Partner Schlick und Pflanzenteile schwimmend zusammen und häufen sie zu ihrer Brutstätte im verkrauteten Uferbewuchs oder auf dümpelnden Pflanzenteppichen knapp über dem Wasserspiegel auf. Das Nest wird während der gut dreiwöchigen Brutdauer immer wieder mit Material ergänzt, bleibt aber für das menschliche Auge kaum sichtbar.

Beide Partner brüten abwechselnd, das Weibchen mehr als das Männchen. Verlässt der brütende Vogel sein feuchtes Nest, ohne dass er unmittelbar abgelöst wird, bedeckt er die drei bis sechs Eier mit einigen angefaulten Pflanzenteilen zur Tarnung und zum Warmhalten.

Sind die Jungen Ende Mai oder im Juni geschlüpft, kriechen sie in den ersten Lebenstagen nach Schwimmtaucherart unter die Flügel und ins Rückengefieder der Eltern und lassen sich von diesen herumtragen. Sie werden mit Insekten, deren Larven, kleinen Wasserkäfern und -schnecken, jungen Fischen, gelegentlich mit zarten Pflanzenteilen und zwischendurch regelmäßig mit kleinen Federn aus dem Brustgefieder der Altvögel gefüttert. Nach etwa zehn Tagen beginnen sie, auf dem Wasser nach Nahrung zu suchen, doch es dauert Wochen, bis sie selbständig werden. Noch länger müssen sie warten, bis sie mit ihren kurzen Flügeln fliegen können. Zu Langstreckenfliegern werden sie sich nie entwickeln. Dennoch erreichen manche in vielen Etappen Winterquartiere in Oberitalien und in Spanien.

Viele junge Schwarzhalstaucher wachsen in großer verwandtschaftlicher Gesellschaft auf. Denn die Vögel schließen sich dort, wo es die Nistumstände und die Ernährungslage zulassen, bisweilen zu Brutkolonien von mehr als 100 Paaren auf engem Raum zusammen. Dabei nutzen auch sie gern die Nachbarschaft von Lachmöwen, die es ebenfalls bevorzugen, ihre Nester dicht an dicht zu bauen. Der Brut- und Aufzuchterfolg in solchen Kolonien ist in der Regel größer als bei Einzelbruten, die häufiger mit nur einem oder keinem Jungvogel enden.

Da die Taucher schon im zweiten Lebensjahr geschlechtsreif sind, können sie früh zur Arterhaltung beitragen. Sie werden mit bisher nachgewiesenen sechs Lebensjahren nicht sehr alt. Früher wurden viele wegen ihres schmucken Aussehens geschossen und ausgestopft oder trotz ihres Schutzstatus zu Unrecht von Fischern bekämpft. Auch im Namen der Wissenschaft wurden viele Taucher getötet. In beklemmenden Einzelheiten ist das heute noch nachzulesen in Johann Friedrich Naumanns „Naturgeschichte der Vögel Mitteleuropas“.

Quelle: F.A.Z.
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