Der Hund von Seite 1

Von RICHARD WAGNER
Foto: Daniel Pilar

24.09.2017 · Tiere treten in dieser Zeitung zur Wahl an, ohne ihre Stimme abgeben zu müssen.

H ochamt der Demokratie! Viele mögen es für übertrieben halten, Bundestags- und Landtagswahlen beinahe sakral zu überhöhen. Aber es ist nun einmal der für unser freiheitliches politisches System konstitutive Akt und als solcher gar nicht hoch genug zu achten. Trotz allem Gerede von Politikverdrossenheit und populistischer Kritik an den politischen Eliten, die auch vor übelsten Schmähungen nicht mehr Halt macht, hat die Politikredaktion dieser Zeitung ihren Glauben an die Würde des einzigartigen freiheitlichen Akts stets behalten.

Es gehört darum zur guten Tradition, bei großen Wahlanlässen auf Seite 1 vierspaltig statt dreispaltig mit einem aktuellen Bild aufzumachen. Weil wir aber den ersten Redaktionsschluss weit vor den üblichen Jubel- und Zerknirschungsbildern eines Wahlabends haben, liegt da auch der Hund begraben.

  • Im Osten Berlins: Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus am 22. Oktober 1995 Foto: Ines Baier
  • In Saarbrücken: Landtagswahl im Saarland am 25. März 2012 Foto: Marcus Kaufhold
  • In Mülheim an der Ruhr: Landtagswahl in NRW, 13. Mai 2012 Foto: Edgar Schoepal
  • In Wörthsee: Bundestagswahl am 22. September 2013 Foto: Jan Roeder
  • In München-Untergiesing: Europawahl am 25. Mai 2014 Jan Roeder
  • In Leipzig: Landtagswahl in Sachsen am 31. August 2014 Foto: Christoph Busse

Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus, heißt es in Artikel 20 des Grundgesetzes. Sie wird in Wahlen und Abstimmungen und durch besondere Organe der Gesetzgebung, der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung ausgeübt. Der hohe Ton dieses Staatsverständnisses findet freilich nur ganz selten eine Entsprechung in den Räumlichkeiten, in denen das Volk seine Staatsgewalt ausübt. Glanzloser als in Wahllokalen geht es nicht einmal in den glanzlosesten protestantischen Kirchen zu.

Das ist aber auch des Pudels Kern. Denn Demokratie braucht kein äußerliches Gepränge, um ihren inneren Glanz zu entfalten. Ihr ist die Prosawelt von Schulklassen, Bürgerhäusern und Turnhallen die beste Bühne. Und wenn hinter Sichtschutzwänden, die wie von Handwerkern mit zwei linken Händen gezimmert sind, die Kreuzchen gemacht werden, ist das nur von außen betrachtet nicht so heldenhaft wie Siegfrieds Todesstoß gegen den Drachen Fafnir – öde sieht es aber trotzdem aus.

  • In Hamburg: Bürgerschaftswahl am 15. Februar 2015 Foto: Henning Bode
  • In Bremen: Bürgerschaftswahl am 10. Mai 2015 Foto: Daniel Pilar
  • In Berlin-Neukölln: Wahl zum Abgeordnetenhaus, 18. September 2016 Foto: Daniel Pilar
  • In Schwerin: Wahl in Mecklenburg-Vorpommern am 4. September 2016 Foto: Matthias Lüdecke
  • In Kiel: Landtagswahl in Schleswig-Holstein am 7. Mai 2017 Foto: Daniel Pilar

Wir haben dieses Problem der eigentlich unzumutbar öden Anmutung eines glanzvollen Aktes auf leise ironische Weise gelöst, indem wir die erste Seite mit Fotos aus Wahllokalen schmücken, auf denen Hunde zu sehen sind. Und Hunde gehen, anders als treulose Katzen, eigentlich immer, nicht zuletzt, weil man bei Hunden Zuflucht vor „der endlosen Verstellung, der Falschheit und dem Verrat des Menschen“ findet, wie Schopenhauer wusste. Dass nur die Leser im Ausland in den Genuss der freundlichen Hundebilder kommen, weil die Aktualisierung der Wahlausgaben unaufhaltsam ist und der Hund so schnell von der Seite 1 verschwindet wie sein Fressen aus dem Napf, erzeugt immerhin einen zarten Hauch von Vergänglichkeit, der auch Wahlverlierer mit ihrem Schicksal versöhnen könnte.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin