Tiere
Wanderfalken

Der „Vogel der Vögel“ kehrt zurück

Von Carl-Albrecht von Treuenfels
© Carl-Albrecht von Treuenfels, F.A.Z.

Um ein Nest mit so schön gefärbten Eiern am Erdboden zwischen Grashalmen zu entdecken, bedarf es aus Mitteleuropa einer langen Reise und einer gehörigen Portion Glücks. Dieses Gelege eines Wanderfalkenpaares liegt in den Weiten der sibirischen Tundra Jakutiens nördlich des Polarkreises, wo wegen des harschen Klimas keine Bäume wachsen. Der von den in 19 Unterarten auf der Erde am weitesten verbreitete Falco peregrinus begnügt sich damit, seine Brutstatt im offenen Gelände anzulegen. Den Wanderfalken reicht eine flache Mulde im spärlichen Bodenbewuchs, um darin die bis zu vier dunkelbraunen Eier gut vier Wochen lang zu wärmen. Mögliche Angreifer wie Raubmöwen aus der Luft und Polarfüchse am Boden werden wie mit halsbrecherischen Flugmanövern und lauten keckernden Rufen in die Flucht geschlagen. So verteidigen die „Vögel der Vögel“, wie der Nobelpreisträger Konrad Lorenz die Wanderfalken genannt hat, auch ihre Jungen, die im Abstand von ein bis zwei Tagen als winzige mit weißen Dunen befiederte Küken schlüpfen und fünf bis sechs Wochen im oder am Nest von den Altvögeln gefüttert werden, bevor sie flügge sind. Die Wanderfalken des Nordens sind wie ihre Beutevögel und ihrem Namen entsprechend „Fernzieher“, die den Winter in Südeuropa, Afrika und Südostasien oder, sofern sie im Norden Kanadas oder in Alaska brüten, in Mittel- und Südamerika verbringen.

So weite Entfernungen brauchen die in Mitteleuropa lebenden Vertreter der „Nominatform“ Peregrinus peregrinus nicht zurückzulegen, wenngleich auch sie großenteils im Lauf des Jahres ihr Brutrevier verlassen. Dass es in Deutschland überhaupt wieder gut 1200 Brutpaare gibt, grenzt an ein Wunder und ist eine Erfolgsgeschichte des Naturschutzes. Vor 50Jahren sah es nämlich so aus, als ob die schneidigen, krähengroßen Vögel mit dem schiefergrauen Rückengefieder, der hellen Brust und der dunklen Kopfzeichnung als Brutvögel aus Mitteleuropa verschwinden würden; ausgerottet vom Menschen.

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Auch in Deutschland nahm der Bestand seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts dramatisch ab. Von geschätzt mindestens 800 Brutpaaren waren innerhalb eines guten Jahrzehnts nurmehr weniger als 50 Paare vorhanden. In vielen Bundesländern gab es keine Revierpaare mehr, die letzten Standorte wiesen Baden-Württemberg und Bayern mit einigen Bruten überwiegend an unzugänglichen Felsen auf. Und auch aus den Vereinigten Staaten und aus Großbritannien kamen alarmierende Nachrichten. Dort wurden in Nestern von Falken und Adlern zunehmend Eier mit zerbrochenen Schalen oder nicht lebensfähigen Küken gefunden. Untersuchungsergebnisse und das Buch „Silent Spring“ („Der stumme Frühling“) der Biologin Rachel Carson machten auf die zunehmende Vergiftung von Tieren, insbesondere von Vögeln, aufmerksam, die auch den Menschen drohten: Chlorierte Kohlenwasserstoffe, insbesondere das Insektenvertilgungsmittel DDT, machten die Lebewesen unfruchtbar. Besonders betroffen waren die Falken, die von Vögeln lebten, die sich ausschließlich oder teilweise von Insekten ernährten. Es dauerte einige Jahre, bis die Politik reagierte und einige der gefährlichsten Pestizide in den meisten Staaten verboten wurden.

Vom Menschen bedroht

Doch es waren nicht nur die Umweltgifte, die den Wanderfalken an den Rand seiner Existenz brachten. Die letzten Wanderfalkennester wurden auch von Menschen geplündert. Taubenhalter zerstörten die Gelege und töteten die Jungen vor dem Ausfliegen und die Altvögel mit vergifteten Ködern, weil Brief- und Haustauben zu ihrer Lieblingsbeute gehören. Unseriöse Falkner, die mit abgerichteten Vögeln die sogenannte Beizjagd betrieben, bedienten sich illegal an wildem Nachwuchs des „Königs der Beizvögel“. Selbst Jäger hatten manchen Falken auf ihrer Beuteliste, bevor die Vögel unter gesetzlichen Schutz gestellt wurden. Auch der zunehmende Klettersport entwickelte sich zur Bedrohung, denn in den zum Erklimmen reizvollen Felswänden brüteten mit Vorliebe die scheu gewordenen Vögel. Ein weiteres Problem hatten Vogelschützer den Falken eingehandelt: Indem sie auch dem vom Aussterben bedrohten Uhu, der größten europäischen Eule, durch Aufzucht und Auswilderung zu einem Comeback verhalfen, förderten sie einen natürlichen Feind des Wanderfalken.

Kein Osternest: Weil in der sibirischen Tundra keine Bäume wachsen, brüten die Wanderfalken dort ihr Gelege am Boden aus.
© Carl-Albrecht von Treuenfels, F.A.Z.

Doch zu der jahrzehntelangen Arbeit der Wanderfalkenschützer gehörten neben der politischen Lobbyarbeit und der Einflussnahme auf strafrechtliche Verfolgungen auch viele wetterharte Einsätze an gefährdeten Nistorten der Vögel in der Brutsaison, die von März bis in den Juni dauert: Dauerbeobachtung, Schaffung und Sicherung von Nestplattformen zum Teil in abenteuerlichen Abseilaktionen mit Hilfe von Bergwacht und Bundeswehr, Beringung von Jungvögeln, Ablesen der Farb-, Buchstaben- und Zahlenkombinationen an den Ringen von Altvögeln, Buchführung und Austausch der Daten zu Ansiedlungen, Neuverpaarungen und Ausbreitungsmuster der im zweiten Lebensjahr geschlechtsreifen Jungvögel, Zeckenbekämpfung und Mardervergrämung. Mitunter ging es auch kontrovers über die Schutzarbeit zu. So unterstützte zeitweilig der Deutsche Falkenorden die Freilandbruten in manchen Gegenden mit in Gefangenschaft ausgebrüteten Jungfalken. Von den einen Vogelschützern wurde diese Methode gutgeheißen, von vielen anderen abgelehnt. Sie hat aber schließlich dazu geführt, dass es vor allem in den östlichen Bundesländern wieder Wanderfalken gibt, die auf Bäumen in alten Krähen- oder Kolkrabenhorsten brüten. Die sogenannte Baumbrüterpopulation war in den siebziger Jahren vollständig erloschen, mittlerweile soll es wieder mehr als 50 Horste in Baumkronen geben. In Nordrhein-Westfalen brüten die meisten Wandervögel inzwischen an, auf oder in Gebäuden. Und auch im „Wanderfalkenland“ Baden-Württemberg, wo sich viele der zeitweilig knapp 300 Horste an Felswänden befinden, gibt es kaum eine Großstadt mehr, in der nicht mindestens ein Wanderfalkenpaar zu Hause ist.

Unfälle in der Großstadt

In beleuchteten Straßen und auf Plätzen jagen die Greifvögel mitunter auch nachts Tauben, Amseln oder Stare. Ihr Beutespektrum reicht vom Zaunkönig bis zum Graureiher. Die bis zu 1300 Gramm schweren Weibchen mit einer Flügelspanne von annähernd 120 Zentimetern wiegen fast die Hälfte mehr als die Männchen. Auf ihren rasanten Verfolgungsflügen, bei denen sie Geschwindigkeiten von über 300 Stundenkilometern erreichen, verunglücken sie in den Städten allerdings nicht selten an Fenstern und Glaswänden. Auch die unmittelbare Verfolgung durch Menschen, vor allem durch Vergiftungen, hält an und somit die Vogelschützer besorgt und beschäftigt. Der beängstigende Rückgang vieler Singvogelarten macht den Wanderfalken Probleme bei der Nahrungsbeschaffung.

Und so ist der Wanderfalke, auch wenn er von der Roten Liste verschwunden ist, nach wie vor streng geschützt. Gesetze, Richtlinien und internationale Konventionen sollen dafür sorgen, dass der fliegende Kosmopolit nicht wieder in eine Existenzkrise gerät. Die vier Eier in der sibirischen Taiga tragen hoffentlich dazu bei.

Quelle: F.A.Z.
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