Tod trotz Ökosiegel

Warum Delfine beim Fischfang sterben müssen

Von Stefan Tomik
 - 13:00
© Wilfried Huismann, afp

Das blau-weiße Siegel des Marine Stewardship Council (MSC) ist in Deutschland besonders beliebt. Es soll nachhaltige Fischprodukte auszeichnen. Das Logo prangt unter anderem auf Thunfisch-Pizza von Dr. Oetker, auf Fischstäbchen von „Käpt‘n Iglu“ und Katzenfutter von Whiskas. MSC gilt als größtes Ökosiegel für Wildfisch weltweit, und viele Kunden vertrauen darauf, wenn sie im Supermarkt ins Tiefkühlregal greifen. Aber hält es, was es verspricht?

Der Filmemacher Wilfried Huismann hat sich auf eine Spurensuche begeben. Sie führte ihn bis in den Pazifik vor Mexiko, wo er der Frage nachging, ob die mexikanische Thunfisch-Fischerei tatsächlich so nachhaltig ist, dass sie seit Kurzem ein MSC-Siegel verdient hat. Denn mit der Zertifizierung hat sich der MSC über die Bedenken vieler Meeresschutzorganisationen hinweggesetzt. Huismann kehrte ernüchtert von seiner Recherchereise zurück. „Der MSC ist eine Art Besserungsanstalt für die Fischindustrie“, sagt er. „Auch fragwürdige Praktiken werden zertifiziert, wenn die Unternehmen bloß Besserung geloben.“

Offiziell fast 500 tote Delfine jedes Jahr

Weltweit tragen schon mehr als 28.000 Produkte das MSC-Siegel, allein in Deutschland sind es 6300. Um für fünf Jahre zertifiziert zu werden, müssen Unternehmen nachweisen, dass sie die Fischbestände schützen, ihre Tätigkeit sich nur „minimal“ auf das Ökosystem auswirkt und ihr Fischerei-Management „wirkungsvoll“ ist. Ob diese Kriterien erfüllt sind, entscheiden externe Gutachter im Einzelfall.

Der MSC sucht eine Balance zwischen Fischerei und Naturschutz. Nach eigenem Bekunden gelingt ihm das hervorragend. Seit dem Jahr 2000 hätten 94 Prozent der zertifizierten Fischereien „mindestens einen Aspekt ihres Fischereibetriebs verbessert“, jubelt die Organisation. Von „1238 vielversprechenden Ergebnissen“ ist die Rede. Als „Verbesserung“ gilt es allerdings schon, wenn lediglich mehr Daten erhoben werden oder auf den Fangschiffen ein Beobachter mitfährt.

Viele Umwelt- und Meeresschutzorganisationen halten die Anforderungen des MSC für zu niedrig und zu unbestimmt. So zertifiziert der MSC grundsätzlich jede legale Fangmethode, also etwa auch die ökologisch fragwürdige Fischerei mit Grundschleppnetzen. Greenpeace beklagt: „Bei dieser aggressiven Fischereimethode werden riesige, schwere Netze über den Meeresboden geschleift. (…) Dabei zerquetschen und begraben sie alles unter sich, was ihnen in den Weg kommt.“ Der MSC verdammt Grundschleppnetze nicht. Schließlich sei der Meeresboden nicht überall gleich.

Umstritten ist auch die Methode der mexikanischen Thunfisch-Jagd. Dabei macht man sich eine Besonderheit im Ostpazifischen Ozean zunutze, wo die begehrten Gelbflossen-Thunfische oft mit Delfinen vergesellschaftet sind: Während die Delfine an der Oberfläche schwimmen, halten sich die Thunfischschwärme bis zu 150 Meter darunter auf. Um an den Thunfisch zu kommen, ortet man also die Delfine und treibt sie mit Schnellbooten in sogenannte Ringwadennetze. Der MSC betont, alle Netze seien mit einem „Sicherheitsschutz“ versehen, durch den sich Delfine befreien könnten. Und wenn ihnen das nicht gelänge, würden sie durch Taucher ins Freie „geleitet“. Trotzdem werden bei dieser aggressiven Fangmethode immer wieder Delfine verletzt oder getötet. Auf den 36 zertifizierten mexikanischen Schiffen sollen es weniger als 500 Todesfälle im Jahr sein, behauptet der MSC. Filmemacher Huismann findet jedoch Hinweise darauf, dass es in Wirklichkeit viele Tausend sind und die „rigorosen Kontrollmechanismen“ (MSC) versagen.

„Grobe Verbrauchertäuschung“

Der MSC betont, an Bord der mexikanischen Fangschiffe müssten immer „unabhängige Beobachter mitfahren“. Huismann zeigt in seiner Dokumentation, die heute Abend in der ARD ausgestrahlt wird, dass die Beobachter tatsächlich von eben jener Fischindustrie mitbezahlt werden, die sie kontrollieren sollen. Mit Journalisten dürfen die Männer offiziell gar nicht reden. Einer, der es dennoch tut, erzählt, wie Beobachter eingeschüchtert und bestochen würden. Der MSC gesteht ein, dass es Bestechungsversuche gibt. Es sei aber nicht erwiesen, dass Bestechungsgeld auch angenommen wurde.

Es gibt Methoden, Thunfisch zu fangen, ohne dass dafür Delfine sterben müssen: Mit der Angel etwa. Aber gegen die gigantischen Fangflotten der Fischindustrie können viele dieser Kleinfischereien kaum noch bestehen. Und dass die industriellen Produkte ebenso das MSC-Siegel tragen dürfen und die Fangmethode gar nicht ersichtlich ist, macht es ihnen noch schwerer. Die Deutsche Stiftung Meeresschutz spricht sogar von „grober Verbrauchertäuschung“ und warnt: „Die mit Abstand gefährlichste Bedrohung für das gesamte Leben in den Meeren ist heutzutage die industrielle Fischerei.“ Doch der MSC hat grundsätzlich nichts gegen schwimmende Fischfabriken. Einem Fischbestand sei es „im Grunde egal“, ob er von kleinen oder großen Schiffen befischt werde, heißt es lapidar.

„K.-o.-Kriterien sind (...) wenig zielführend“

Auch eine hohe Beifangrate steht einer Zertifizierung nicht automatisch im Wege. Wenn vor der kanadischen Ostküste Schwertfisch mit Langleinen gefangen wird, verenden dabei – als „Beifang“ – Tausende Haie und Hunderte Meeresschildkröten. Auf der MSC-Website heißt es, die Höhe des akzeptablen Beifangs sei „von Fischerei zu Fischerei unterschiedlich“. Und: „K.-o.-Kriterien sind bei der Beurteilung des Beifangs wenig zielführend.“

Keine Ausschlusskriterien, keine Fangquoten – Dutzende Meeresschutzorganisationen und Wissenschaftler fordern die Organisation dazu auf, ihre Standards der Zertifizierung nachzubessern. Sogar die Umweltstiftung WWF, die den MSC 1997 mitgründete, sieht inzwischen „deutliche Mängel“, reicht immer öfter Beanstandungen ein und fordert „rasche Reformen“. Der in Kanada lebende Meeresforscher Daniel Pauly, einstiger Mitbegründer des Ökosiegels, formuliert seine heutige Ablehnung so: „Die MSC-Leute sind auf die dunkle Seite gewechselt, ganz und gar.“

„Das Geschäft mit dem Fischsiegel – Die dunkle Seite des MSC“ läuft an diesem Montagabend um 22.45 Uhr in der ARD.

Quelle: FAZ.NET
Stefan Tomik
Redakteur in der Politik.
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