Hunde und Halter

Der Untertan auf vier Beinen

Von Antje Schmelcher
 - 10:33

Wenn es um Hunde geht, kennt die Solidarität der Deutschen keine Grenzen. Innerhalb kürzester Zeit unterschrieben fast 300.000 Menschen eine Petition für den Kampfhund Chico, der zwei Menschen zerfleischt hatte. Auch in Berlin, Hundehauptstadt der Deutschen, wenn nicht gar der Welt, war die Anteilnahme groß. Denn in Berlin ist die Hundeliebe preußische Tradition, sie ist das Band, das die Stadt zwischen Wedding und Hohenschönhausen zusammenhält. Mehr als hunderttausend Hunde sind hier gemeldet, ihre wahre Zahl wird auf 250.000 geschätzt.

Ein Hundehasser hatte vor einiger Zeit das Logo des Senats gefälscht. Auf dem Brandenburger Tor thronte statt der Quadriga ein großer Hundehaufen. Die Stadt ist wenig bemüht, dem Wunsch nach Sauberkeit nachzukommen. Nur in Berlin kann man sogar im Supermarkt versehentlich in Hundekacke treten. Macht ja nüscht! Vergebens warben einige Freunde sauberer Gehwege vor ein paar Jahren um Zustimmung für das Volksbegehren „Berlin häufchenfrei“. Von „Häufchen“ kann allerdings keine Rede sein. Vielmehr geht es um 55 Tonnen Hundekot, die täglich auf den Straßen liegen bleiben. Zu einem Volksentscheid kam es nicht, dafür wären 20.000 Stimmen nötig gewesen. Eigentlich nicht viel in einer Dreieinhalb-Millionen-Stadt.

Aber in Berlin ist der Hund ein Statussymbol. Sein Herrchen ist ein Herrscher, und ein Herrscher bückt sich nicht. Die Berliner sind stolz auf ihre Kacktürme, schließlich verfügt die Berliner Stadtreinigung über eine der größten motorisierten Kotsaugerflotten der Welt. Und die kreist in Berlin um den Hund.

Wer in der Hauptstadt auf ein freundliches Miteinander hofft, kann lange warten. Hat er aber einen Vierbeiner als Begleitung, ist ihm die Anteilnahme seiner Mitmenschen sicher. Vor kurzem stürzte in Pankow eine alte Dame. Als die Sanitäter Namen und Familienstatus der Verunglückten abfragten, sagten die Nachbarn: Das ist die Frau Soundso, die hatte mal einen Retriever.

Die Berliner Verkehrsbetriebe werben um Hundebesitzer mit dem Satz „Du musst Deine Möpse nicht verstecken“. Tut auch niemand. Meistens sitzen sie brav auf den Polstern von S- und U-Bahnen. Sie gelten als Kleintiere und fahren gratis. Die Mitfahrenden fangen an, mit den Hunden zu reden. Manche von ihnen sollen schon sprechen können.

Bis heute verspricht das Tier sozialen Halt

Die Bedürfnisse der Hunde werden mit einer Offenheit verhandelt, die einem die Schamesröte ins Gesicht treibt: von „rollig“, „läufig“ und „blutet se“ ist da die Rede, ebenso von roten, schwarzen oder halben Hoden. Das hat Auswirkungen auf die Hunde, die sich in Berlin vollkommen ungeniert bespringen. Während Wölfe monogam leben, ist der Berliner Hund notorisch untreu bis unersättlich und braucht trotzdem noch menschliche Unterstützung bei der Fortpflanzung. Die Kieler Verhaltensforscherin Dorit Urd Feddersen-Petersen findet deshalb, dass unter den Kaniden Hunde die Hippies sind. Auch die kamen ja bekanntlich aus Berlin.

Die einzige soziale Schicht, die früher auf Hunde verzichten musste, war die Arbeiterklasse. Ihre Lebensbedingungen waren zu elend, die Quartiere zu eng und das Essen zu knapp. Beamte und Soldaten aber hielten ihre Hunde mit großer Selbstverständlichkeit. Die Tiere verpflichteten sich ebenso der Obrigkeit wie ihre Herren. Uniform, Dienstgrad oder Gebell zeigten, wer man war. An den Hund konnte der Herr die täglichen Demütigungen in Amtsstuben und auf Exerzierplätzen weitergeben. Wie sein Hund kennt der Kleinbürger nur oben und unten, buckelt und beißt gleichzeitig, ein geborener Untertan. Bis heute verspricht das Tier sozialen Halt.

Schon Kleinkinder werden in Berlin durch Hunde sozialisiert. Sie bellen, bevor sie sprechen können, und ihre ersten Schritte werden durch Kackwürste ausgebremst. Das war schon vor hundert Jahren so. Zu Heinrich Zilles Zeiten sah der ganze Tiergarten aus wie heute der Kollwitzplatz. Alle Bänke waren belegt durch Kindermädchen und Mütter, die Wege versperrt von Kinderwagen, und im Sand krabbelten halbnackte Kleinkinder und ebenso viele Hunde. Hier lernten die Kinder die wichtigste Lektion des Berliner Zusammenlebens: Groß frisst Klein. Deshalb sind in Berlin die kleinen Hunde angeleint und die großen nicht.

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„War ja nich böse jemeint“

Auch die „Berliner Schnauze“ ist die Verinnerlichung dieser Lektion. In Berlin kläffen die Menschen einander an, meist ganz harmlos, aber mit unangenehmer Frequenz. Wenn man etwas lauter zurückbellt, kommt in der Regel der Satz: „War ja nich böse jemeint.“ Beleidigtes Gewinsel.

Untertanengeist und Hundeliebe gehen direkt auf Friedrich den Großen zurück. Das eine hängt mit dem anderen zusammen, denn der König war ein gebrochener Mann. Ein berühmtes Gemälde zeigt den kleinen Fritze in Mädchenkleidern neben seiner Lieblingsschwester Wilhelmine. Vor ihm springt ein kleiner Hund. Da Friedrich Frauen nun einmal nicht lieben wollte und Männer nicht lieben durfte, schenkte er seine ganze Zuneigung den Hunden. Wem soll man auch sonst trauen, wenn der Vater den engsten Freund vor den Augen des eigenen Sohnes köpfen lässt? Und so befand Friedrich II. bitter, Hunde hätten alle guten Eigenschaften des Menschen, ohne ihre Fehler zu besitzen. Da gab es allerdings noch keine Staffordshire-Terrier-Mischlinge und auch keine Online-Petitionen. Der König ließ die treuen Begleiter zum Trost in seinem Bett schlafen – eine Unsitte, die in Deutschland bis heute als normal gilt. Und er ließ sich mit ihnen beerdigen. Seitdem ist die Begräbniskultur in Berlin auf den Hund gekommen, auch das ein preußischer Missstand. In manchen Berliner Wohnungen steht die Urne mit Hundchens Asche auf der Fensterbank.

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Die Ausweitung der Berliner Hundezone erfasst heute auch die eher kleinbürgerlich gewordene Sozialdemokratie. Vor kurzem durfte dort ein Hund über die Groko abstimmen. Nur im genuin türkisch-arabischen Berliner Milieu gilt der Hund als das, was er isst: Dreck. Wobei das für viele Berliner Hunde nicht mehr zutrifft. Denn sie sind mit der Zeit äußerst wählerisch geworden. So gibt es in der Hauptstadt Restaurants mit Speisekarten für Hunde, Stadtführungen mit Schatzsuchen für Hunde und „Hundefuttermanufaktur“ genannte Bioläden mit CO2-gerechter Mischkost aus Ziege, Roter Beete, Hirse, Schwarzkümmel, Flohsamen, Topinambur. Auch das Angebot an veganem Futter steigt, ebenso die Zahl der Hundeboutiquen und Hundehotels. Für Hunde mit Asthma gibt es in Berlin spezielle Atemtherapien und für Hunde mit Rückenbeschwerden ein Unterwasserlaufband. Darauf üben sie den Gang auf zwei Beinen.

Quelle: F.A.S.
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