Waschbären

Süß, pelzig, mörderisch

Von Henrik Pomeranz
 - 17:28
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Mit ihm kommt Ruhe in den Wald. Aber es ist die Ruhe, die kommt, wenn Leben geht. Möwen, Enten und Singvögel: Alle verstummen sie in seiner Nachbarschaft. Der Waschbär frisst, was er finden kann. Er klettert, er schwimmt, und er findet viel. Natürliche Feinde hat er in Deutschland nicht. Hier im Wald bei Moritzburg, knapp 15 Kilometer nördlich von Dresden, sind die Fallen von Markus Handschuh das Gefährlichste für ihn. „Es gibt Gebiete, in denen haben die Waschbären den Singvogelbestand fast gänzlich vernichtet“, sagt er. Handschuh ist Förster und Jäger in der Umgebung von Dresden. Anders als viele seiner Kollegen hat er sich die Jagd von Waschbären zur Aufgabe gemacht, weil diese sich immer weiter ausbreiten und andere Arten bedrohen.

Eine der schlimmsten invasiven Tierarten

Waschbären siedeln sich oft zuerst in der Nähe von Wasser, in Schilfgürteln und in alten Baumbeständen an. Dort fühlen sie sich besonders wohl. Von dort breiten sie sich in den Bergen aus und könnten auch in die Städte vorstoßen. Im Wald frisst ein Waschbär Vogeleier, in der Innenstadt durchwühlt er den Müll.

Fast in ganz Deutschland ist er schon zu finden. Laut dem Deutschen Jagdverband hat sich die Zahl der erlegten Waschbären in Deutschland in den vergangenen 15 Jahren etwa verfünffacht. Im Jagdjahr 2014/15 wurden in Deutschland mehr als 116 000 erlegte Tiere gezählt. Dabei dürften die tatsächlichen Zahlen noch weit höher sein, weil längst nicht jedes Tier auch vom Jäger registriert wird. In Sachsen ist die Zahl der Jagdreviere, die Waschbären gemeldet haben, zwischen 2006 und 2013 um 35 Prozent gestiegen. Das ist neben Sachsen-Anhalt und Brandenburg bundesweit die stärkste Ausbreitung. Eine von der Europäischen Union initiierte Datenbank zählt den Waschbären heute zu den 100 schlimmsten invasiven Tierarten des Kontinents.

Hierzulande begann der Eroberungszug der Waschbären 1934 am Edersee bei Kassel. Angesiedelt wurden die aus Nordamerika stammenden Kleinbären dort auf Wunsch eines Pelztierzüchters und nicht, wie immer wieder zu lesen ist, im Auftrag des nationalsozialistischen Reichsmarschalls Hermann Göring, der Waschbären als Flintenfutter für die Steigerung des Jagdvergnügens herbeordert haben soll. Fast alle in Deutschland lebenden Tiere sollen von den zwei Waschbär-Paaren abstammen, die vor mehr als 80 Jahren in Nordhessen ausgesetzt wurden.

Zerkratzte Wände, geöffnete Schränke

Seitdem mischen sie nicht nur die deutsche Tierwelt auf. „Katzenklappen hat hier keiner mehr“, sagt Handschuh. Er habe schon Wohnungen gesehen, die von Waschbären verwüstet wurden. „Zuerst sagen die Leute: ,Oh, wie süß‘ und füttern sie. Aber wenn sie die Tiere dann nicht mehr loswerden, ist das Geschrei groß.“

Waschbären kommen nicht nur durch Katzenklappen, sie könnten mit ihren Pfoten auch Türen bewegen und Schränke öffnen, sagt Torsten Reinwald vom Deutschen Jagdverband. In den Häusern zerkratzten sie oft die Wände und verteilten den Schrankinhalt im Haus. „Wenn sie es sich erst im Schuppen oder in der Garage gemütlich gemacht haben, kommt man nicht mehr so schnell an den Rasenmäher.“

Der Waschbär läuft nicht davon

Waschbären können auch für Menschen gefährlich werden. In einer Untersuchung des Landesamtes für Verbraucherschutz Sachsen-Anhalt enthielt jeder dritte Waschbär den auf den Menschen übertragbaren Waschbärspulwurm. Der Schädling kann zu Organausfall, Erblindung oder sogar zum Tod führen. Auch gleicht das Gebiss der Waschbären etwa dem eines Terriers. Waschbären fliehen nicht, wenn es hart auf hart kommt. Ob Mensch, Wildschwein oder Hirsch: Der Waschbär läuft nicht davon - er geht zum Gegenangriff über. Wer einem Waschbären begegnet, sollte sich deshalb groß machen, laut sein und schnell weggehen. Danach sollte das Ordnungsamt oder die Jagdbehörde informiert werden, die einen Jäger auf das Tier ansetzen.

Handschuh sieht die Bilder einer Fotofalle durch, die er an einem Baum angebracht hat. Sie zeigen viel Betrieb in den vergangenen drei Tagen. Einige Waschbären sind darauf zu sehen. Durchschnittlich zwei bis vier Welpen bringen Fähen, die Waschbären-Mütter, im Jahr zur Welt. Im Umkreis der nächsten 100 Meter des Moritzburger Waldes schätzt Handschuh den Bestand an Waschbären auf 20 Tiere. Im gleichen Gebiet hätten vor kurzem noch drei Rehkitze gelebt. Zwei davon hätten die Bären schon gefressen, sagt er.

„Den werden wir nicht mehr los“

In einer Woche erlegt Handschuh derzeit etwa zehn bis 15 Waschbären. Auch heute kauert in einer der eisernen Lebendfallen des Jägers ein etwa drei Monate altes Tier. Im Sommer werden meist nur die Jungen gefangen, die gerade erst beginnen, allein im Wald herumzulaufen. Die erlegten Tiere bringt der Jäger in ein Heim für versehrte Vögel, die etwa nach einem Zusammenprall mit Windrädern nicht mehr allein lebensfähig sind. Im Trog dieser Tiere verschwinden die Waschbären schnell. Als das Tier in der Falle erlegt ist, wirkt Handschuh mitgenommen. Das Jungtier hatte sich nach Kräften gewehrt. So was mache ihm wirklich keinen Spaß, sagt er, besonders nicht bei den Jungtieren. Aber einer müsse den Job machen. Außerdem habe der Mensch das Tier eingeschleppt, und darum müsse er auch dafür sorgen, dass seine Zahl begrenzt wird. Von dem Gedanken, den Waschbären ganz auszurotten, sind die Jäger inzwischen abgerückt. „Der Waschbär hat sich etabliert“, sagt Torsten Reinwald vom Jagdverband. „Den werden wir nicht mehr los.“

Handschuh sagt, zumindest in seinem Wald habe er es mittlerweile geschafft, den Bestand der Waschbären zu dezimieren. Einige Möwen und Enten sind schon wieder zu sehen. Auch die Singvögel kommen zurück. Und der Wald ist jetzt nicht mehr ganz so still.

Quelle: F.A.Z.
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