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Maikäfer

Das große Krabbeln

 - 18:15

Früher wurden sie von Bischöfen sogar exkommuniziert. Allerdings, so wird berichtet, mit nicht allzu großem Erfolg. Auch die mittelalterlichen Versuche, Maikäfern vorzuschreiben, sie hätten innerhalb von drei Tagen ein mit hölzernen Tafeln gekennzeichnetes Feld zu verlassen, blieben offenbar wirkungslos. Immerhin galten die Blätter verzehrenden Brummer am vierten Tag als vogelfrei und konnten an Hühner, Schweine und Fische verfüttert werden. Dank ihres Eiweißreichtums wanderten Maikäfer aber auch millionenfach in deutsche Suppentöpfe, oder sie wurden kandiert und zum Nachtisch serviert - und das noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein.

Die eigentliche Plage jedoch waren noch nie die Maikäfer, die nach vier bis sechs Wochen schon wieder eingehen, sondern die Larven, die Engerlinge genannt werden. Diese vertilgen entweder drei (Feldmaikäfer, "Melolontha melolontha") oder vier Jahre lang (Waldmaikäfer, "Melolontha hippocastani") unter der Erde sämtliche Pflanzenwurzeln. Der Engerlin-Fraß in fünf bis 50 Zentimeter Tiefe vollzieht sich dabei fast unbemerkt. Das ändert sich erst, wenn die Maikäfer in den letzten April- und den ersten Maitagen plötzlich zu Abertausenden aus ihren Erdlöchern schlüpfen, auf Bäume und sogar Balkone steigen und schwerfällig gegen Fensterscheiben klatschen. "Ein paar Millionen werden auch in diesem Jahr wieder unterwegs sein", ist sich Gisbert Zimmermann vom Institut für biologischen Pflanzenschutz in Darmstadt sicher. "Und sie werden sicherlich auch in einigen Regionen gehörigen Schaden anrichten."

Reinhard Meys Abgesang kam zu früh

Das periodische Massenauftreten der Maikäfer („Flugjahre“) ist ein auffälliges Phänomen. Ihr Zyklus bringt es mit sich, daß in Abständen von drei bis vier Jahren besonders viele Maikäfer ausfliegen. Darüber hinaus gibt es auch alle 30 bis 45Jahre eine massenhafte Vermehrung. "Eine solche beobachten wir schon seit einigen Jahren", sagt Zimmermann. Zwischen 1950 und 1970 habe es sehr viele Maikäfer in Deutschland gegeben. Gegen die damalige Plage wurden verschiedene Gifte eingesetzt - vor allem DDT. In den siebziger Jahren galt das etwa 25 bis 30 Millimeter lange Insekt nahezu als ausgerottet, und es wurden schon wehmütige Lieder angestimmt, die an eine vermeintlich bessere Zeit erinnern sollten. So sang Reinhard Mey sein berühmtes "Es gibt keine Maikäfer mehr".

Es gibt sie aber doch noch, und jedes Jahr werden es nicht nur mehr, sie erobern sich auch immer neue Gebiete: Südhessen ist schon stark vom Waldmaikäfer befallen, die Oberrheinebene vom Wald- und Feldmaikäfer. Auch in Sachsen-Anhalt und im Bayerischen Wald sowie bei Aschaffenburg fühlen sich Engerlinge und Käfer besonders wohl. Und in Mecklenburg-Vorpommern wüten vor allem die Larven unter einigen Obstbaumbeständen. Rund fünf Milliarden Käfer sind nach Angaben des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu) im vergangenen Frühjahr allein in den Wäldern zwischen Darmstadt und Mannheim aus dem Boden gekrabbelt. "Das Schadensband ist viele Kilometer lang und mehr als einen Kilometer breit", bestätigt das Darmstädter Forstamt. Einige Kilometer rheinaufwärts im Hardtwald bei Karlsruhe saßen 2003 die Engerlinge dicht an dicht im Boden. Sie werden wohl in diesen ersten warmen Tagen in die Lüfte steigen. Fachleute rechnen bei einer weiterhin ungehinderten Vermehrung mit einer Ausweitung der befallenen Flächen in den baden-württembergischen Hardtwäldern von 15.500 bis 26.000 Hektar.

Wärme fördert Entwicklung

Warum Maikäfer so unterschiedlich stark in einzelnen Regionen auftreten, ist noch nicht genau geklärt. Sicher ist nur: Maikäfer lieben die Wärme. So nimmt Christoph Heinrich vom Naturschutzbund an, daß der Kahlschlag in den Altbaumbeständen etwas mit dem massenhaften Auftreten des Ungeziefers zu tun hat. Durch das fehlende Baumkronendach erwärme sich der Waldboden stärker, was wiederum das Wachsen der Larven begünstige, sagt Heinrich. Auch der Jahrhundertsommer 2003 könne sich günstig auf die Entwicklung der Maikäfer ausgewirkt haben. Obwohl die Hitze sicherlich noch verheerender auf die Ausbreitung eines anderen Schädlings gewirkt hat, wenn auch nur indirekt. "An vielen Orten in Deutschland sind die Fichtenbestände aufgrund der Wärme im vergangenen Jahr stark geschädigt worden", erzählt Zimmermann. "Diese Bäume sind besonders bruttauglich für den Borkenkäfer." Auch bei diesem Insekt seien die Prognosen der Fachleute "auf Alarm gestellt". Zum Glück habe es keine schweren Sturmschäden im Wald gegeben wie etwa 1999 nach dem Orkantief "Lothar". Im toten Gehölz fühle sich der Käfer aus der Familie Scolytidae besonders wohl und werde dann auch schnell lebensbedrohend für gesunde Bäume.

Mai- wie Borkenkäfer können Forstleute heute nicht mehr so einfach mit der berühmten "chemischen Keule" beikommen. Allerdings werden durchaus noch Pflanzenschutzmittel eingesetzt. Der Massenfang von Borkenkäfern mit Pheromon-Fallen wird zum Teil schon mit großem Erfolg praktiziert. Auch bei der Jagd auf Maikäfer versuchen Biologen neuerdings, die Sexuallockstoffe der Weibchen einzusetzen. Sie sollen dabei die begattungsbereiten Männchen zu Fallen führen, die mit dem in der Natur vorkommenden tödlichen Pilz "Beauveria brongniartii" geimpft sind.

Quelle: pps. / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.04.2004, Nr. 100 / Seite 9
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