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Handy-Nutzung am Steuer

40 Meter Blindflug in drei Sekunden

Von Jörn Wenge
 - 21:50

Der 7. Juli 2017 war ein Freitag. Für Özge C. fing er nicht gut an. Die 25 Jahre alte Zahnarzthelferin aus Langenhagen bei Hannover war mit ihrem schwarzen Mercedes SLK, einem neun Jahre alten Sportwagen, auf dem Weg zur Arbeit. So wie immer. An diesem Morgen, bald war es sieben Uhr, hatte sie allerdings ihren Freund am Telefon. Es war kein gutes Gespräch, sondern eines von der Sorte, die einer Trennung vorausgehen. Die beiden stritten sich heftig. Heute, fast ein Dreivierteljahr später, ist Özge C. nicht mehr mit ihrem damaligen Freund zusammen. Das ist jedoch nicht der Grund, wieso sie bis heute täglich an diese Fahrt zurückdenken muss. Özge C. hat an diesem Morgen einen Menschen totgefahren, mit Kopfhörern und der Stimme ihres damaligen Freundes im Ohr.

Das Opfer war Uwe W., ein 67 Jahre alter Rentner. Er fuhr mit seinem Fahrrad gerade auf eine große, mehrspurige Straße im Zentrum von Langenhagen, als Özge C. sich in ihrem Mercedes der Kreuzung näherte. Sie fuhr 50, vielleicht 60 Kilometer pro Stunde schnell. Die Ampel stand für W. auf Grün. Er machte nichts falsch, als er auf die Straße fuhr. Für Özge C. dagegen war die Ampel rot. Sie bremste jedoch erst, als es schon zu spät war, offenbar abgelenkt durch das Telefonat. W. wurde auf der Kreuzung von ihrem Wagen erfasst und auf die Motorhaube des SLK geschleudert. Sein Kopf prallte gegen die Dachkante. W. erlitt ein schweres Schädel-Hirn-Trauma, ein Halswirbel brach. Zwei Tage noch lag er auf der Intensivstation, dann starb er.

Es ist Donnerstag der vergangenen Woche, als sich Özge C., die bis dahin eine unbescholtene Bürgerin war, vor dem Amtsgericht Hannover wegen fahrlässiger Tötung verantworten muss. Ihr Fall wirft die Frage auf, was der Triumphzug der Smartphones in allen Lebenslagen für den Straßenverkehr bedeutet – und er zeigt, wie verheerend sich dieser auswirken kann. Da sind zunächst die Angehörigen des aus dem Leben gerissenen Uwe W. Er hinterlässt zwei erwachsene Kinder und seine Lebensgefährtin: Sein Sohn Mirko W., der 39 Jahre alt ist, tritt als Nebenkläger auf. Er steht noch immer stark unter dem Eindruck des Geschehens. Eigentlich, zitiert ihn seine Rechtsanwältin in einer Erklärung, habe er gedacht, der frühe Tod seiner Mutter wäre das Schlimmste in seinem Leben. Dann erfuhr er von dem Unfall seines Vater und sah ihn erst auf der Intensivstation wieder, ehe er starb. Mit Blick auf die Angeklagte sei es ihm „völlig unerklärlich, wie man sich so fahrlässig verhalten kann“. Weitere Angehörige von Uwe W. verfolgen die Verhandlung mit glasigen Augen, ein Mann mit grauem Haar weint still.

Sie dachte, sie hätte alles unter Kontrolle

Nach dem Unfall war Özge C. auf der Straße zitternd zusammengebrochen. Vor Gericht wird deutlich, wie schwer die verhängnisvolle Fahrt auf ihr lastet. C., eine junge Frau mit schwarzem Haar und dunklen Augen, unter denen ein Schatten liegt, erklärt sich schluchzend und unter Tränen. „Es steht mir nicht zu“, sagt sie zu Mirko W., „um Vergebung zu bitten.“ Doch es sei kein Tag und keine Nacht seit dem Unfall vergangen, ohne dass sie an den verstorbenen Uwe W. gedacht habe. Heute, sagt C., sei ihr bewusst, dass sie damals das Telefongespräch hätte abbrechen oder ihr Auto anhalten müssen. Stattdessen dachte sie, sie hätte alles unter Kontrolle.

Das ist eine Überzeugung, die viele Autofahrer auf Deutschlands Straßen teilen, wie eine Studie des Braunschweiger Verkehrspsychologen Mark Vollrath zeigt. Vollrath schickte seine Studenten in Braunschweig, Hannover und Berlin an den Rand großer Verkehrsachsen und ließ sie die Autofahrer beobachten. Rund 12 000 wurden erfasst. Das beunruhigende Ergebnis der Untersuchung: Fast jeder zehnte Fahrer nutzte sein Telefon, während er das Auto steuerte. 2,2 Prozent telefonierten mit dem Gerät am Kopf, 1,7 Prozent mit einer Freisprechanlage. Und 4,5 Prozent hielten ihr Handy sogar in der Hand, wohl um im Internet zu surfen, um Nachrichten zu lesen oder zu verfassen. In Studien anderer Forscher, sagt Vollrath, sei der Anteil der Handynutzer sogar noch deutlich größer gewesen. Früher wäre wohl kaum jemand auf die Idee gekommen, während der Fahrt einen Brief zu schreiben oder Zeitung zu lesen. In der Frühphase des mobilen Telefonierens legte mancher sein Handy vor der Fahrt sogar in den Kofferraum. Mittlerweile aber hat das Smartphone eine der letzten Festen analoger Besinnung geschleift. „So wie es sich im Alltag ausgebreitet hat, so verbreitet ist es auch im Auto“, sagt Vollrath.

Unstrittig ist, dass vor allem das Lesen und das Verfassen von Textnachrichten während der Fahrt verheerende Folgen haben können. Der Fahrer muss dafür den Blick von der Straße abwenden. Schon bei einer Geschwindigkeit von 50 Kilometer pro Stunde fährt man so in drei Sekunden mehr als 40 Meter im „Blindflug“. Wer im Auto Nachrichten tippt, sei in diesem Moment etwa so eingeschränkt wie ein Autofahrer, der 1,1 Promille Alkohol im Blut hat, sagt Vollrath. Ein Kind, das auf die Straße rennt, oder ein Auto, das plötzlich bremst, übersieht man leicht.

Für besonders problematisch hält Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer, in diesem Zusammenhang das Kommunikationsverhalten derer, die mit dem Smartphone aufgewachsen sind und jetzt als Fahranfänger unterwegs sind. Insbesondere junge Menschen seien daran gewöhnt, unmittelbar auf die Nachrichten einer Vielzahl von Kontakten zu antworten. Eine Praxis, die mitunter Züge einer Abhängigkeit trage und im Auto auf eine harte Probe gestellt werde. Je jünger die Autofahrer heute seien, sagt Brockmann, desto unwahrscheinlicher sei es, dass sie sich bis zum Ende einer Autofahrt gedulden können, ehe sie sich wieder dem Handy widmen. Dabei seien junge Autofahrer sowieso eine Risikogruppe – auch ohne Handy.

Doch es ist nicht allein ein Phänomen der Jugend. Die Studie Vollraths ergab, dass mittelalte Fahrer ihnen in der Nutzung am Steuer kaum nachstehen. Nur die Gruppe der Fahrer, die älter als 65 sind, ist deutlich zurückhaltender.

Manche Autofahrer belassen es nicht bei Textnachrichten. Am vergangenen Dienstag fiel Polizisten in Kassel ein 21 Jahre alter Autofahrer auf, der ohne Licht unterwegs war. Als sie an einer Ampel ins Fahrzeuginnere sahen, steckte der Mann eilig sein Handy weg. Bei der anschließenden Kontrolle stellte sich heraus, dass er während der Fahrt mit einer Streaming-App Fernsehen geguckt hatte. Hier ist solch ein hochriskantes Fahr-, besser Konsumverhalten noch einmal glimpflich ausgegangen. Dass solche Fälle auch anders enden können, hat 2013 besonders eindrücklich der Regisseur Werner Herzog in Amerika dokumentiert. In seinem Dokumentarfilm „From one second to the next“ tritt unter anderem ein Mann auf, der seiner Frau noch „Ich liebe dich“ schrieb, bevor er eine Kutsche rammte und drei Jungen tötete.

„Diese Gefahr des Blindflugs wird total unterschätzt“, sagt auch Thomas Kliewer, Verkehrssicherheitsberater der Polizeidirektion Hannover. „Bei den jungen Menschen ist noch nicht angekommen, wie gefährlich das ist.“ Er fürchte angesichts der grassierenden Handynutzung am Steuer, „dass Ablenkung zur Unfallursache Nr. 1 wird“. Kliewer schickt deshalb Notfallseelsorger, Rettungskräfte und Angehörige von Unfallopfern, denen der Handykonsum zum Verhängnis wurde, an die Schulen. Das Motto: „Abgelenkt . . . ist neben der Spur“.

Unachtsamkeit und Ablenkung häufigste Ursache für Unfälle

Ideen, um die Handysünder zu läutern, gibt es aber noch mehr. Der ADAC wünscht sich mehr Aufklärung in den Fahrschulen, Verkehrspsychologe Vollrath hält strenge Strafen in der Probezeit für sinnvoll. Unfallforscher Brockmann kann sich sogar vorstellen, den HandyEmpfang in Autos mit Hilfe technischer Vorrichtungen allgemein zu blockieren.

Noch aber liegt im Dunkeln, für wie viele Unfälle die Handynutzung tatsächlich ursächlich ist. Zwar gibt es neben eindeutigen Fällen, wie dem von Özge C., auch immer wieder Unfälle, bei denen Autofahrer auf freier Strecke ohne jeden ersichtlichen Grund verunglücken – und Rettungskräfte mitunter im Fußraum ein Handy finden. In einer eigenen Kategorie der Unfallstatistik werden solche Fälle aber nicht dokumentiert. Anders ist es etwa in Österreich. Dort gelten Unachtsamkeit und Ablenkung mittlerweile als häufigste Ursache für Unfälle mit Personenschaden. Problematisch ist jedoch, dass der Handykonsum am Steuer nur schwer nachweisbar ist. Meist leugnen die Fahrer, ihr Handy genutzt zu haben. Und in der Regel darf die Polizei nur bei besonders schweren Fällen wie der tödlichen Fahrt von Özge C. nach dem Unfall die Daten des Geräts auslesen.

Der einzige amtliche Indikator hierzulande ist derzeit daher die Anzahl der Verstöße gegen das Handyverbot am Steuer. Die Bestimmungen wurden 2017 verschärft und ausgeweitet. In Paragraph 23 der Straßenverkehrsordnung ist festgehalten, dass elektronische Geräte im Auto nur genutzt werden dürfen, wenn sie „weder aufgenommen noch gehalten“ werden müssen und für ihre Bedienung „nur eine kurze, den Straßen-, Verkehrs-, Sicht- und Wetterverhältnissen angepasste Blickzuwendung“ nötig ist. In den vorherigen Jahren ging die Anzahl der Verstöße in der Tendenz zurück. 2016 protokollierte die Polizei bundesweit in knapp 400.000 Fällen Verstöße gegen die Regeln. Das sind etwa 40.000 weniger als 2011. In diesem Zeitraum hat generell die Handynutzung aber weiter zugenommen. Daher ist anzunehmen, dass der Rückgang eher einer verringerten Kontrollintensität durch die auf vielen Feldern stark geforderte Polizei oder den Nachweisproblemen geschuldet ist als einem größeren Verantwortungsgefühl der Autofahrer.

„Wir brauchten dringend weitere Zahlen“, sagt deshalb Verkehrspsychologe Vollrath. In Niedersachsen untersuchen die Verkehrswissenschaftler der TU Braunschweig seit kurzem das Unfallgeschehen in einer großangelegten Studie. Über Unfälle, bei denen die Polizei Ablenkung durch ein Handy als Ursache vermutet, werden die Forscher um Vollrath informiert. Wenn die Trümmer beseitigt sind und der Verkehr wieder fließt, analysieren sie vor Ort das Fahrverhalten der Autofahrer. Zusätzlich befragen Mitarbeiter der Verkehrsunfallforschung der Medizinischen Hochschule Hannover die Unfallbeteiligten in einem anonymisierten Verfahren.

Sie telefonierte legal

Für die Angehörigen von Uwe W. ändern diese Bemühungen nichts. Besonders tragisch ist, dass die Unfallfahrerin Özge C. vor dem Zusammenstoß mit W. gegen keine Regel verstieß. Ihr Handy lag wohl auf dem Beifahrersitz oder der Mittelkonsole; das Kabel der Kopfhörer, die sie in den Ohren hatte, war mit Knöpfen versehen, die es erlaubten, ein Telefonat während der Fahrt anzunehmen. Özge C. telefonierte legal.

Tatsächlich ist es in der Forschung umstritten, inwieweit das Telefonieren an sich das Unfallrisiko generell überhaupt erhöht. Womöglich könnte es die Wahrscheinlichkeit eines Auffahrunfalls mitunter sogar verringern, sagt Vollrath, weil ein Autofahrer, der telefoniert, dabei oft relativ stur nach vorne schaut. Dagegen sei in komplexen Situationen, die den Fahrer kognitiv stark fordern, „anzunehmen, dass es negativ wirkt“.

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Fest steht, dass es besonders dann gefährlich wird, wenn der Fahrer durch das Gespräch aufgewühlt und abgelenkt wird – so wie Özge C. Der Streit mit ihrem damaligen Freund nahm sie offenbar derart in Beschlag, dass sie die Ampel in Langenhagen überhaupt nicht wahrnahm – und mindestens vier, womöglich sogar schon knapp sechs Sekunden nach dem Ende der Gelbphase und bei Rot in die Kreuzung einfuhr, wie ein Gutachter herausfand.

Ein Fehler, der Uwe W. das Leben kostete – und der im Strafprozess von Richterin Monika Pinski bewertet werden muss. In ihrer Urteilsbegründung hält sie Özge C. zugute, dass diese ihr fatales Versäumnis zugegeben hat. Nach der Tat hatte sie zunächst noch die entsprechenden Daten auf ihrem Handy zu löschen versucht. „Das Geständnis ist die Grundlage der Verurteilung“, sagt die Richterin.

Özge C. bekommt schließlich eine 14-monatige Freiheitsstrafe, die zur Bewährung ausgesetzt wird. Auto fahren darf C. in einem Jahr wieder, so lange bleibt ihr Führerschein einbehalten. Außerdem muss sie 3.600 Euro, für Özge C. sind das etwas weniger als drei Monatsgehälter, an die Johanniter-Unfallhilfe spenden. Eigentlich aber, sagt die Richterin, habe Özge C. „lebenslänglich“ bekommen.

Quelle: F.A.S.
Jörn Wenge
Volontär
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