„Irma“ über Florida

Wie unsere Familie den Hurrikan überstand

Von Isabelle Chaumas, Sarasota
 - 17:01
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Es ist Sonntagmittag, es regnet, und Wind kommt auf. Wir sind im einzigen Café von Sarasota, das geöffnet ist, gleich neben unserer Notunterkunft. Unser eigenes Café auf St. Armand’s, der Insel vor Sarasota, und unser Haus an Land mussten wir schon am Freitag verlassen. Alle wurden in Sicherheit gebracht, die in Hochrisiko-Überschwemmungsgebieten am Wasser und in Mobile Homes leben. Es fiel uns unglaublich schwer, unser Café zu schließen. Wir hatten nie geschlossen, nicht einen einzigen Tag – bis Irma kam.

Ein erstes Vorzeichen des Unheils: Hier in Downtown Sarasota geht der Strom aus. Der Wind wird stärker. Jetzt können wir nur noch beten.

Hurrikan „Irma“ in Florida
Wenn Flamingos fliehen
© dpa, F.A.Z., Kathrin Jakob

Ich bin Französin. Zwölf Jahre habe ich in Frankfurt gelebt. Dort habe ich meinen Mann kennengelernt, Roger Schuhmacher, er ist Ingenieur. Im November 2012 kamen wir im Urlaub nach Sarasota und haben uns gleich in den Ort verliebt. Mit Business-Visa sind wir im April 2013 hierhergezogen. Unsere Tochter Juliette ist jetzt 14 Jahre alt und ein richtiges amerikanisches Mädchen, sie rudert im Klub Saratoga Crew. Unser Sohn Mathéo ist zehn Jahre alt und spielt neben der Schule Theater.

Das Wetter ist immer schön. Naja, fast immer.

Die ersten beiden Jahre hier waren wirklich schwer. Aber wir haben durchgehalten und sind geblieben. Die Leute sind toll hier, die Stadt bietet eine super Atmosphäre, und das Wetter ist immer schön. Naja, fast immer.

Unser „Madison Avenue Cafe and Deli“ liegt auf St. Armand’s zwischen Bird Key and Longboat Key. Hier in unserer Notunterkunft wissen wir jetzt nicht, ob wir vielleicht alles verlieren, was wir uns so mühsam aufgebaut haben. Viele unserer Freunde haben das County verlassen oder sind in anderen Notunterkünften. Über Facebook bleiben wir in Kontakt. In unserer Schule sind ungefähr 3000 Menschen, plus Tiere.

Tropensturm „Irma“: Zur Ansicht der Prognose starten Sie das Video unten links, oder klicken Sie unten auf die Zeitleiste. Per Klick auf die Karte sehen Sie die örtliche Windstärke.

Wir sind aber noch besser gesichert: im Tresorraum des Art & Antique Center in Sarasota, eines Geschäfts für Antiquitäten. Besser geht’s nicht. Überall sind auch Polizisten. Ein Frühstück haben wir noch bekommen. Dann fiel der Strom aus. Und jetzt zieht sich das Wasser aus der Sarasota Bay zurück. Das heißt, dass bald alles überflutet wird. Die Spannung vor dem großen Schlag wächst. Heute Nacht werden wir wohl alle nicht schlafen. Wir werden das auf amerikanische Art durchstehen: Man muss positiv denken und darf darauf vertrauen, dass Nachbarn und Freunde einander helfen.

Die wichtigsten Dokumente und Fotos auf einem Stick haben wir dabei. Unsere beiden Meerschweinchen Pancake und Muffin sind bei uns. Alles andere haben wir verstaut, einiges im Geschirrspüler und im Trockner. Wir beten und hoffen, dass der Albtraum vorbeizieht.

Was ist mit unserem Café?

Zum Glück kommt jetzt gerade am frühen Sonntagabend die Nachricht, dass der Sturm mehr in Richtung Inland geht und sich abschwächt. Am späten Abend dann die Gewissheit: Es regnet zwar stark, und es stürmt draußen, aber Irma verliert an Wucht. Nichts im Vergleich zu Stärke 4 oder 5, wenn solch ein Hurrikan wirklich desaströs wird.

Aber was ist mit unserem Café? Ich habe große Angst, dass wir alles verlieren, unser Zuhause, unser Geschäft, unsere Autos. Man kommt nicht auf die Insel, und niemand ist dort geblieben. Wir haben die Fenster mit Brettern vernagelt und den Van direkt hinters Garagentor gestellt, so dass es gesichert ist. Aber wer weiß. Wir sind nicht geflüchtet aus Sarasota, weil wir gleich nach dem Sturm ins Café wollen. So halten es hier alle Inhaber von Geschäften. Zum ersten Mal ist fast ganz Sarasota verwaist, und das ist natürlich eine Einladung für Plünderer.

Neun Uhr am Abend. Kein Strom. Das Internet geht noch, daher kann ich diese Zeilen schicken. Überhaupt: Dass ich das hier schreibe, erhält meine Stimmung aufrecht. So habe ich wenigstens etwas zu tun bei der ganzen Warterei. Auch unsere Kinder halten gut durch. Wir sind mit ein paar Freunden hier, das hilft. Und jetzt, um halb elf, kommt gerade die Nachricht, dass der Sturm wirklich weiter östlich entlangzieht, also quasi kurz vor Sarasota abbiegt. Als ob uns irgendetwas beschützen würde!

Es regnet und stürmt immer noch. An Nachtruhe ist natürlich nicht zu denken. Erst ganz spät schlafen wir ein. Als wir schließlich aufwachen an diesem grauen Montag, die erlösende Nachricht von Nachbarn: Unser Haus steht noch! Super Neuigkeiten! Wir gehen raus. Auf den Straßen liegen Trümmer. Straßenlampen und Ampeln wurden umgerissen. Wir können nicht über die Brücke zu unserem Café gehen. Aber Polizisten sagen, dass es nicht überflutet ist. Wir setzen uns ins Auto und fahren nach Hause. Die Sonne scheint – unglaublich.

Quelle: F.A.Z.
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