Ein Jahr nach dem Erdbeben

Notstand als Normalität in Amatrice

Von Jörg Bremer, Amatrice
 - 09:24
3.38 Uhr: Zum Zeitpunkt des Erdbebens blieb die Turmuhr stehen. (Archivfoto) Bild: dpa, F.A.Z.

Trümmerberge rechts und links auf jeder Straße. Im alten Kern der Stadt Amatrice zu Füßen des 2400 Meter hohen Monte Gorzano im Norden von Latium stehen nur noch der mittelalterliche Turm Torre Civica und ein weiteres Haus – lädiert, die Fassaden voller Risse. Alle anderen Gebäude, Wohnhäuser, Rathaus, Restaurants, Kirchen, bilden, ohne dass man sie voneinander unterscheiden könnte, ein einziges Trümmermeer. Die Feuerwehr fährt zwei Reporter durch die „rote Zone“, die sonst für jedermann verboten ist. Selbst frühere Anwohner brauchen einen Passierschein, um die eigenen Trümmer zu besuchen.

Der Jeep der Feuerwehr kommt in jede der freigeräumten alten Straßen gut hinein. Der große Lastwagen, der an diesem Tag wieder Geröll aus der Stadt herausholen soll, hat es hingegen schwerer; die Ortsstraßen sind nur knapp zweispurig. Der Lastwagen kann es allerdings behutsam angehen lassen. Es tut sich sonst nichts in Amatrice: keine weiteren Aufräumarbeiten, keine Baumaßnahmen. Selbst Hund und Katze scheinen der Stadt Adieu gesagt zu haben.

Immer wieder kommen „Touristen“ nach Amatrice

Metallschranken und Trassierband trennen die toten Trümmer von dem Leben drum herum. Soldaten bewachen das Areal, als lauere in den Trümmern der Drache vom Berg. Dabei liegt auf diesem 1000 Meter hohen Bergrücken unter glühend heißer Sonne nur der Rest einer 1000 Jahre alten Siedlung brach.

Immer wieder kommen „Touristen“, heute sind es Pfadfinder aus Apulien, die sich mit Bürgern der Stadt unterhalten wollen. Meist sind nur noch sie Abnehmer der so oft schon gehörten Geschichten. Zum Beispiel der von dem Hund, der ein Leben rettete. Der alte Hundebesitzer erzählte sie vor einem Jahr zum ersten Mal. Damals stand der schwarze Terrier noch schwanzwedelnd neben ihm, und der Mann berichtete, wie das Tier in vorgerückter Nacht so jämmerlich gejault habe, dass er das Haus verlassen habe und in den Vorgarten gegangen sei. Dort habe er vergeblich versucht, das Tier zu beruhigen. Dann habe sich auch für ihn spürbar die Erde bewegt. Erst seien die Wände des Nachbarhauses zusammengebrochen, dann das Dach seines eigenen Hauses; und während sich der Lärm der grollenden Erde und der einstürzenden Gebäude langsam gelegt habe, habe er schon die ersten Schreie nach Hilfe gehört. Er habe gesund überlebt.

Viele sind in Apathie und Hoffnungslosigkeit gefallen

Das Beben habe um 3.38 Uhr begonnen, berichtete der ältere Mann am Morgen jenes 24. Augusts vor einem Jahr. Genau zu dieser Uhrzeit blieb damals auch die Turmuhr des Torre Civica stehen, die so zum Mahnmal der Katastrophe wurde. Es waren in jener Nacht die ersten von vielen Zehntausend Erdstößen, die seither das alte Amatrice vernichteten. Mittlerweile sind die 298 Toten längst beerdigt, es verwelken schon die Rosen auf ihren Gräbern, und jüngst ist auch der altersschwache Terrier verendet.

Heute herrscht ein Notstand, der zu einer Normalität geworden ist, die sich als schwere Last aufs Gemüt legt. Die ältere Frau, deren Sohn in einem Wohnwagen nicht weit vom Behelfsrathaus wohnt, scheint nach einem Jahr die Einzige im Ort zu sein, die bei allem Schmerz nicht in Apathie oder Hoffnungslosigkeit gefallen ist. Ihr Sohn arbeite in der Gemeinde und habe so einen guten Arbeitsplatz, sie wohne mal im Wohnwagen, mal bei Verwandten vor der Stadt. Ja, es seien viele Familienmitglieder umgekommen, erzählt sie und gießt die Blümchen, die aus den Töpfen vor dem Wohnwagen gucken. „Jammern würde doch nicht weiter helfen.“ Im September noch bekämen die letzten verbliebenen Obdachlosen von Amatrice ihr Behelfshaus, „und darauf freuen wir uns“.

„Alles stagniert“: Der Süden kann sich nicht selbst helfen

Gut 100 von diesen Häusern aus dunklem Holz und ockerfarben bemaltem Kunststoff stehen schon. Familien mit Kindern, Bedürftige im Rollstuhl bekamen die ersten 40, 60 oder 80 Quadratmeter großen Häuschen, die in Reih und Glied mit kleinen Gärten vor der Stadt stehen. 500 sollen es im Herbst sein. Das Einzige, was besser funktioniert als mutmaßlich sonst irgendwo in Italiens Bergen, ist das Internet. Aber das kann Bruno Di Ianni nicht versöhnen, der seit dem Erdbeben nicht mehr in Amatrice, sondern irgendwo bei Rieti wohnt. Es gebe in der Stadt immer noch mehr Ordnungskräfte und Feuerwehrleute als Bauarbeiter. Noch immer sei die Staatsanwaltschaft vor allem mit jenen Häusern befasst, wo Menschen umkamen, sagt der ältere Mann. „Alles stagniert.“ Italiens reicher Norden habe sich wie die Emilia-Romagna beim Erdbeben 2012 selbst helfen können. Im Süden sei das anders. Dort müsse die Hilfe vom Staat kommen, und der damalige Ministerpräsident Silvio Berlusconi habe nach dem Beben 2009 in L’Aquila in den Abruzzen „bestens vorgeführt, wie man das macht“. Er habe ordentliche Häuser auf festen Grund gesetzt. Dass damals die Mafia kräftig mitverdiente, und dass so fest der Grund nicht war, sondern viele Balkons mittlerweile in die Tiefe stürzten, ist bei Di Ianni nicht angekommen.

Die Lage in Italiens jüngstem Erdbebengebiet zwischen Apennin und Abruzzen kann auch deswegen kaum mit anderen Katastrophenorten verglichen werden, weil den Seismographen zufolge die Erde noch immer keine Ruhe gibt. Etwa 70 000 Beben sind seit jenem Augustmorgen vor einem Jahr gezählt worden. Der Klosterhof, in dem in der ersten Nacht sechs Nonnen in ihren Zellen verschüttet wurden, stürzte im Oktober endgültig ein. Das Krankenhaus vor der Stadt hatte zunächst noch völlig intakte Flügel. Heute ist das gesamte Gebäude eine Ruine, und die Bundesregierung in Berlin, die Amatrice ein neues Krankenhaus stiften will, wird es an anderer Stelle errichten. Auch das Rathaus soll einen neuen Platz bekommen. Bürgermeister Sergio Pirozzi arbeitet in einem größeren Containerhaus. Vor seinem Büro hängen Bilder, die Kinder aus aller Welt aus Solidarität mit Amatrice malten. Sie sind mittlerweile vergilbt oder wirken wie abgerissen. „L’Amatrice non molla mai“, steht auf einem Poster: Amatrice gibt niemals auf.

Der Bauschutt blockiert den Wiederaufbau

Im Büro des 1965 in der Nähe geborenen Sergio Pirozzi erinnert eine Glasvitrine mit Trikots und Pokalen an seine frühere Karriere als Fußballtrainer. Als Mitglied der postfaschistischen Alleanza Nazionale (AN) kam Pirozzi später zur Politik und wurde im Juni 2009 für eine Bürgerliste „sindaco“ von Amatrice. Das kernige Auftreten des Manns mit der Glatze, der stets den Chef gibt, bewahrt ihm das Vertrauen seiner Bürger. Jüngst bot Berlusconi Bürgermeister Pirozzi eine Führungsrolle in seiner Forza Italia (FI) an. „Diese Bilder vom Müll verbreiten einfach Übelkeit; sie zeigen, was ich schon seit Monaten wiederhole: dass wir konkrete Antworten von oben brauchen.“ Seine Forderung richtet sich an den gleichaltrigen Chef der Region, Nicola Zingaretti von der Gegenpartei, der sozialdemokratischen Regierungspartei Partito Democratico (PD).

Mit militärischem Gruß hatte Zingaretti Minuten zuvor das Büro des Bürgermeisters betreten und sich selbst einen Stuhl reingetragen. „Wir müssen endlich den Bauschutt wegbekommen, damit gebaut werden kann“, fordert der Bürgermeister, der Anfang Juli den Rücktritt des regionalen Spitzenvertreters für Baufragen verlangte. „Und das gilt nicht nur für Amatrice, sondern auch für die vielen Dörfchen, in denen das Leben seit dem Beben wie verschüttet stehen bleibt.“ Zingaretti und Pirozzi gehören sich befehdenden Parteien an, aber sie können pragmatisch miteinander umgehen. Beide müssen gemeinsam gegen eine Bürokratie ankämpfen, die sich vor jeder Entscheidung scheut. Sie müssen den Staatsanwälten Druck machen, die noch immer mit der rechtlichen Verantwortung für die Toten und die enormen Schäden befasst sind: Gab es Pfusch am Bau, grob fahrlässige Arbeiten mit Todesfolge? Schließlich müssen sie nach Baupartnern suchen, die nicht wie im nahen L’Aquila mit der Mafia verbündet sind.

Ein neues Konzept für die Dörfer muss her

Doch trägt überhaupt das Konzept, dass dereinst wieder alles so aufgebaut werden soll, wie es vor jener Augustnacht stand? Der Bischof von Rieti, der 54Jahre alte Domenico Pompili, ist nicht davon überzeugt. „Natürlich gibt es die Sehnsucht nach Heimkehr und den Traum, alles könne wieder so sein, wie es war“, sagt der Bischof, der auch an dem Treffen von Bürgermeister Pirozzi und Regionalpräsident Zingaretti teilnimmt. „Aber diese Orte hier in den Bergen, so schön sie auch waren, steckten schon vor den Beben in der Krise. Nur im Sommer waren alle Häuser bewohnt. Sonst lebten in manchen der kleinen Dörfer nur noch ein paar Alte.“ Der totale Wiederaufbau mache eigentlich keinen Sinn. Hier müsse erst ein neues Konzept entstehen. „Zunächst aber müssen wir einen Weg finden, der aus dem Stillstand herausführt, um jenen Menschen wieder Hoffnung zu geben, die jetzt unter der Lähmung so leiden.“ Ihm sei es wichtig, die Politik mit ihren Parteien außen vor zu lassen, sagt der für Amatrice verantwortliche Bischof. „Der Wiederaufbau kann nur gelingen, wenn sich der Staat als überparteiliche Kraft einsetzt.“

Bischof Domenico findet es falsch, dass ein Berlusconi aus dem Bürgermeister wieder einen Parteipolitiker machen will, und dass die Bürger offenbar mehrheitlich der Überzeugung sind, die Rechte würde den Wiederaufbau schneller schaffen als die Linke. „Parteien können doch nur reden. Wenn dann aber jemand Funktionsträger ist, vertritt er die Stadt, die Region oder das Land.“ Dass der Bischof ein gutes Verhältnis zu Papst Franziskus hat, ist bekannt. Der Papst empfing ihn und wollte hören, wie es in Amatrice weitergeht. Immer wieder erinnere er sich und seine Gemeinde daran, was vor dem Arbeitszimmer von Papst Franziskus im Gästehaus der Santa Marta als Aufforderung für seine Besucher steht: „Vietato lamentarsi!“ – Es ist verboten, sich zu beklagen. In den schlimmsten Tagen der Krise um Amatrice war der Ort nicht mehr erreichbar. In aller Eile wurde dann zum Staatsakt der Beerdigungen zumindest eine der Talbrücken nach Amatrice rekonstruiert. Sie gilt als Hoffnungsbrücke und heißt: „Ponte di rinascita“ – Brücke der Wiedergeburt.

Quelle: F.A.Z.
Jörg Bremer
Politischer Korrespondent für Italien und den Vatikan mit Sitz in Rom.
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