Nach „Xavier“ in Berlin

Vor Wäldern wird gewarnt

Von Mechthild Küpper, Berlin
 - 14:57

Kassel liegt in der Mitte. Daher endeten noch am Freitag viele ICE-Züge aus Basel und München dort – und fuhren wieder zurück. Weil die Bahn schon früh am Donnerstag Strecken gesperrt hatte, blieben keine Züge mit Passagieren auf freier Strecke liegen. Der Freitag war für die Bahn und andere Betroffene des Sturmtiefs Xavier der Tag des Aufräumens. Die Strecken Berlin–Hannover, Berlin–Hamburg, Berlin–Leipzig, Hamburg–Hannover und Hamburg–Osnabrück waren am Freitag noch gesperrt, bis mithilfe von Hubschrauberflügen geklärt werden konnte, ob Xavier Hindernisse auf die Schienen geweht oder Oberleitungen beschädigt hatte. Tausend Reisende blieben über Nacht in Bahnhöfen in Kassel und schliefen in Übernachtungszügen. Auch in Minden und vielen anderen Städten endete die Reise für Hunderte Bahnfahrer mit einer Nacht in Zügen.

Sieben Personen kamen am Donnerstag im Sturm um, der mit Geschwindigkeiten von um die 120 Kilometer in der Stunde durch Deutschland fegte. Vier Tote meldete Brandenburg, eine Frau starb in Berlin, als ein Baum auf sie stürzte. Aus Polen, wohin der Sturm daraufhin zog, wurden zwei Tote gemeldet. Auch in der Tschechischen Republik sorgte Xavier für abgedeckte Dächer und umgestürzte Bäume. Polizei und Feuerwehr wurden zu Unfällen und Notfällen gerufen. Das Technische Hilfswerk meldete den Einsatz von 600 Hilfskräften in Norddeutschland.

Der brandenburgische Ministerpräsident Dietmar Woidke kondolierte von London, der Berliner Regierender Bürgermeister Michael Müller von Los Angeles aus den Angehörigen der Todesopfer. Sie dankten den Hilfskräften für ihren „starken und unermüdlichen Einsatz“. Die brandenburgische Verkehrsministerin Kathrin Schneider warnte, dass Verkehrsteilnehmer weiterhin mit Sturmschäden auf den Straßen rechnen müssten. Die Beseitigung der Schäden werde „längere Zeit dauern“, sagte sie am Freitag. Auch Berlins Innensenator Andreas Geisel dankte den 1000 Rettungskräften, die innerhalb von 17 Stunden 2000 sturmbedingte Einsätze absolviert hätten und auch am Freitag noch gut beschäftigt blieben.

„Aufenthalt im Wald kann lebensgefährlich sein“

In Berlin und Hamburg war am Donnerstag der Flugverkehr eingestellt worden. In Berlin fuhr etliche Stunden lang nur die unterirdisch verlaufende U-Bahn. Alles, was im Freien unterwegs ist, wurde am Spätnachmittag eingestellt: U-Bahnen, S-Bahnen, Busse, Straßenbahnen. Doch blieb die Stimmung der vielen Menschen, die auf den Straßen im Sturm gestrandet waren, offenbar gut. Zum Alexanderplatz hin und von ihm in Richtung Prenzlauer Berg gingen Tausende zu Fuß, und in den überfüllten U-Bahnen ging man ungewöhnlich freundlich miteinander um.

Sturmtief
„Xavier“ wütet in Berlin
© dpa, reuters

Die staatliche sächsische Forstverwaltung warnte am Freitag davor, die Wälder zu betreten: „Der Aufenthalt kann lebensgefährlich sein.“ Noch machten sich Mitarbeiter ein Bild von den Schäden. Weil die Bäume noch ihr Laub trügen, hätten sie dem heftigen Wind große Angriffsflächen geboten. Auch der Brandenburger Forstbetrieb – der 40 Prozent der Waldflächen des Landes verwaltet, 60 Prozent sind im Privatbesitz – forderte dazu auf, die Wälder zu meiden. Der Boden sei vom vielen Regen aufgeweicht, so dass weitere Bäume umstürzen könnten. Die Internationale Gartenschau (IGA) in Berlin hielt ihre Tore am Donnerstag geschlossen und legte die Seilbahn still, mit der Besucher den Park überqueren können. Sie öffnete die 100-Hektar-Anlage am Freitag wieder, hielt jedoch einige Teile des Parks gesperrt. Die Preußischen Gärten und etliche Schlösser bleiben einige Tage lang geschlossen. Der Berliner Zoo und der Tierpark schlossen am Donnerstagnachmittag ihre Tore und brachten Tiere in die Gehege.

Nicht zum Rückzug in ihre Ställe bewegen ließen sich 80 Flamingos im Zoo. 18 von ihnen verendeten im Sturm, der Äste von den Bäumen riss, die auf die Vögel stürzten. Tierpark und Zoo blieben am Freitag geschlossen, damit aufgeräumt werden konnte. Das Deutsche Technikmuseum bleibt bis mindestens Dienstag geschlossen, weil es starke Schäden im Museumspark gab. Ein Seehund rettete sich am Donnerstag bei Hamburg an Land. Das fünf bis sechs Monate alte Tier robbte aus der Dove-Elbe auf den Moorfleeter Deich. „Stormy“, wie er getauft wurde, wird nun einige Tage in der Seehundstation Friedrichskoog verbringen.

Bis es eine Bilanz von „Xavier“ geben kann, wird noch einige Zeit vergehen. Denn noch hat niemand einen Überblick, was alles passiert ist – und wie teuer es ist, alles wieder herzustellen.

Quelle: F.A.Z.
Mechthild Küpper - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Mechthild Küpper
Politische Korrespondentin in Berlin.
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